Titel: Braconnot über die Verwandlung der Holzfaser in Gummi, Zucker und Ulmine.
Autor: Braconnot, Henry
Fundstelle: 1820, Band 1, Nr. XXVIII. (S. 312–335)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj001/ar001028

XXVIII. Ueber die Verwandlung der holzigen Körper in Gummi, in Zucker, und in eine eigenthümliche Säure, mittelst der Schwefelsäure, und Verwandlung der nämlichen Holzsubstanz in Ulmine durch Kali.

Von Heinrich Braconnot 106).

(Abgelesen in der königlichen akademischen Societät der Wissenschaften etc. von Nancy, am 4. November 1819.)

Die alten Chemiker haben sich mit der Behauptung begnügt, daß die Wirkung der concentrirten Schwefelsäure auf Pflanzen-Körper sich dahin beschränke, diese zu verkohlen; unter den Neuern war Herr Berthollet der Meinung, daß der Wasserstoff der Pflanzensubstanz sich mit dem Sauerstoffe der Schwefelsäure verbinde, daß daher bei dieser Bildung des Wassers und der schwefelartigen Säure der Kohlenstoff sich trenne und niederschlage. Die Herren Fourcroy und Vauquelin bemühten sich nachher, diese Erscheinung noch mehr aufzuklären107) ). Sie nahmen an |313| daß sich keine schwefelige Säure entwickle, und stellten eine sinnreiche Theorie auf, welche sich jedoch auf keinen strenggen Beweis zu stüzen scheint.

Bei Untersuchung der merkwürdigen Veränderungen, welche organische Körper durch die Einwirkung der Schwefelsäure erleiden, bin ich auf Resultate gekommen, welche von jenen dieser berühmten Chemiker durchaus verschieden sind; auch habe ich die Ueberzeugung, daß die vorzüglichen Thatsachen, welche ich nun darstellen will, über mehrere Erscheinungen der Vegetation viel Licht geben dürften, und eine nüzliche Anwendung auf Künste finden könnten.

Wirkung der Schwefelsaure auf Sägspäne von Hagenbuchen-Holz.

Zwanzig Gramm von gut ausgetrockneten Hagenbuch-Sägspänen wurden kalt mit gewöhnlicher108)Schwefelsäure begossen, und in einer Glasröhre damit gut gemengt; es erfolgte eine starke Erhizung, und das schweflichtsaure Gas entwickelte sich mit Ungestümm, was mit der Theorie des Hrn. Berthollet überein stimmte. Die Sägspäne wurden schwarz, und schienen verkohlt zu seyn; allein dies war nur scheinbar. Ich schüttete auf das Ganze eine gewisse Quantität Wasser, und sonderte das schwarze Pulver ab, welches nach der Austrocknung in das Feuer geworfen mit einer hellen Flamme aufbrannte. Dieses Pulver färbte kaltes Wasser nicht merklich; dagegen theilte es dem siedenden Wasser und den kalischen Auflösungen eine dunkelbraune Farbe mit. Die Sägspäne waren ungefähr in demjenigen Zustande, welcher denn eintritt, wenn dieselben mehrere Jahre hindurch der Luft und Feuchtigkeit ausgesezt werden. Die saure Flüssigkeit |314| welche beinahe farbenlos wie Wasser war, erzeugte, nach Sättigung mit kohlensaurem Kalk, durch Verdünstung eine gummiartige Materie von gelber Farbe, in deren Auflösung das basische essigsaure Blei einen ziemlich häufigen Niederschlag hervorbrachte. Diese gummige Materie mit verdünnter schwacher Schwefelsäure behandelt, lieferte Essigsäure, und präzipitirte schwefelsauren Kalk.

Ich habe diesen Versuch mit 16 Gramm Sägspänen wiederholt; anstatt die Schwefelsäure über diese ganze Masse zu schütten, rieb ich sie in kleinen Portionen ab, indem ich die Säure nach und nach zugoß; ungeachtet dieser Vorsicht, entwickelte sich noch schwefelige Säure; ich bekam aber einen sehr dicken, zähen Schleim, den ich in einer gewissen Quantität Wasser verrührte, und dann durch Leinwand seihte; es blieb eine unauflösbare schwärzliche Materie 5 Gramm im Gewichte, jener ähnlich, welche der vorhergehende Versuch gegeben hatte, zurück. Die saure Flüssigkeit, mit Kreide gesättiget und dann abgedampft, lieferte fast 10 Gramm Gummi von röthlicht brauner Farbe. Da Herr Fourcroy und Vauquelin in ihrer Abhandlung sagen, daß Pflanzenstoffe die Schwefelsäure in der Kälte nicht zersezen, so meinte ich, daß Entwicklung von schwefeliger Säure wenigstens sehr selten seyn müsse; deswegen verließ ich auch bald die Sägspäne von Hagenbuchen.

Um die Resultate besser würdigen zu können, wollte ich nun reine Holzsubstanz darstellen; allein die Schwierigkeit, dieselbe in den Zustand vollkommener Reinheit zu versezen, bestimmte mich, Lumpen von hänfener Leinwand, die man überall haben kann, zu wählen, und dieses um so mehr, da man diese als eine reine Holzsubstanz ansehen kann; übrigens würde jede andere Art von holzigen Körpern analoge Resultate gegeben haben.

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Wirkung per Schwefelsäure auf gebrauchte hänfene Leinwand.

25 Gramm hänfene Leinwand, in kleine Stücke zerschnitten, verloren in der Wärme ein Gramm hygrometrische Feuchtigkeit. Ich brachte diese Leinwand in einen Glas-Mörser, und benezte sie auf mehreremale mit 34 Gramm Schwefelsäure, wobei ich dafür sorgte, daß die Mischung unaufhörlich mit einem starken Glasstabe in Bewegung gesezt wurde, damit die Säure so gleichförmig als nur immer möglich alle Theilchen der Leinwand durchdränge; nicht minder ließ ich zwischen jedem neuen Zuguß eine hinlängliche Zeit verstreichen, damit sich die Wärme, welche sich entwickelte, gänzlich vertheilen könnte; es war nicht die mindeste Anzeige von schwefelartiger Saure wahrzunehmen. Eine Viertelstunde nach geschehener Mischung bearbeitete ich dieselbe mit einem gläsernen Stößel; das ganze Leinwandgewebe verschwand; es stellte sich eine schleimige, äußerst zähe, pechigte, gleichartige, wenig gefärbte Masse dar, die ich 24 Stunden lang stehen ließ. Ich erwähne dieser Vorsichtsregeln, damit man desto schönere Produkte gewinne; denn bei keiner gewählten Verfahrungsweise entwickelt sich schwefelige Saure; auch zeigte sich keine Spur von einer kohlenartigen Materie. Die schleimige Masse löste sich in Wasser ganz auf, mit Ausnahme einer stärkmehlartigen Materie, welche nach der Austrocknung 2, 5 Gramm wog, und nichts anders war, als eine Portion Leinwand, die von Seite der Schwefelsäure keine bedeutende Aenderung erlitten hatte. Die mit Wasser verdünnte schleimige Masse wurde mit Kreide gesättiget, und durch Leinwand getrieben; sie war nun ganz helle, und hatte nur eine sehr schwache Farbe. Nachdem das Seihtuch gut gewaschen, und der schwefelsaure Kalk tüchtig ausgedrückt worden, sammelte ich das Flüssige, und ließ es bis zur Syrupdicke abdampfen; es war minder gefärbt, als der |316| Frauenhaarsyrup. Durch das Abkühlen sonderte sich noch etwas wenig schwefelsaurer Kalk ab. Ich sezte das Abdampfen mit Behutsamkeit bis zur Trockniß fort, und erlangte ein Gummi, welches durchsichtig und wenig gefärbt war; es hatte dieses ein Gewicht von 26,2 Gramm, welche von 21,5 Gramm Leinwand, nach Abzug eines Gramms Feuchtigkeit, und von 2,5 Gramm holzigter, starkmehlartiger Materie erhalten wurden. Ich muß hiebei bemerken, daß der schwefelsaure Kalk, welcher aus der Sättigung hervor kam, auch nach starkem Waschen noch immer Pflanzenstoff beibehielt; denn als derselbe dem Feuer ausgesezt wurde, nahm er eine bräunliche Farbe an, und verbreitete einen Geruch schwefeliger Säure. Da vorauszusezen war, daß diese bedeutende Gewichtsvermehrung nur von einer Fixirung der Grundtheile des Wassers oder der Schwefelsäure herrühren könne, so habe ich, zur Ausmittlung der Richtigkeit dieser Vermuthung, 5 Gramm dieses künstlichen Gummi in Wasser aufgelöst; dazu fügte ich Kleesäure, um den Kalk niederzuschlagen, welchen derselbe bei der Verbindung zurückbehalten hatte, und welcher auch durch Schwefelsaure präcipitirt werden kann. Der Niederschlag von kleesauren Kalk gesammelt und stark erwärmt, ließ 0,28 Gramm zurück.

Die auf solche Art präzipitirte gummige Auflösung wurde bis zur Trockenheit abgedampft, und der Rückstand mit siedender Salpetersäure behandelt, hierauf aber mit Wasser verdünnt, und mit salpetersauren Baryt versezt. Es bildete sich ein Niederschlag von schwefelsaurem Baryt; getrocknet und bis zur Glühhize erwärmt, wog derselbe 1,6 Gramm, welche 0,54 Gramm Schwefelsäure enthielten. Da sich während des Einwirkens der Schwefelsaure auf die Leinwand keine luftartige Flüssigkeit entwickelte, so kann man annehmen, daß die 26,2 Gramm gummiartiger Materie, die wir erhalten haben, gebildet sind von

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holziger Materie 21, 50 Gramm
Grundtheile von Schwefelsäure, die auf eine unbekannte Art fixirt wurden 2,83 –
Grundtheile von Wasser, auf gleiche Art fixirt 0,40 –
Verbundener Kalk 1,47 –
––––––––
Im Ganzen 26,20 Gramm

Man sieht, daß die Art, wie wir die Wirkung der concentrirten Schwefelsäure auf die Leinwand betrachten, ganz und gar verschieden von jener der Herren Fourcroy und Vauquelin ist, indem diese Chemiker annehmen, daß der Pflanzenstoff sich zerseze in Kohle und Wasser, welches bei der Verbindung mit der Säure die Wärme hervorbringe, die sich hiebei entwickelt; es scheint aber diese Wärme vielmehr von der wirklichen Fixirung der Grundtheile der Schwefelsäure und des Wassers in der nicht dekomponirten Pflanzensubstanz herzukommen.

Um nun zu erfahren, ob die mit der Hälfte ihres Gewichts Wasser verdünnte Schwefelsäure die holzige Materie in Gummi verwandeln könne, habe ich Leinwand mit einer so verdünnten Säure befeuchtet; ich erlangte jedoch keine gummige Masse. Ich sezte jezt dieselbe unter beständigem Umrühren einer gelinden Wärme aus; sie verwandelte sich in einen sehr gleichartigen Teig, der nach gehörigem Abrühren mit Wasser einen weißen, wie Stärke aussehenden, Brei gab. Nach weiterer Verdünnung mit Wasser glich diese Flüssigkeit einer Emulsion. Wenn man sie an der Sonne betrachtete, so bemerkte man deutlich, daß die darin schwebende weiße Materie aus glänzenden Flimmern von äußerster Feinheit, ähnlich den in der Seifen-Auflösung wahrzunehmenden, gebildet sey. Diese Art von Emulsion lieferte, obgleich |318| sehr langsam, eine Materie, welche man beim ersten Anblicke für Kraftmehl halten konnte, ob sie gleich keine der Eigenschaften von diesem besaß. Sie stellte fast die Totalität der verwendeten Leinwand dar. Das von dieser Materie getrennte Flüssige gab, nach Sättigung mit Kreide, eine etwas wenig gummigte Materie, die fast farbenlos war, und nach meinem Urtheile kaum Spuren von Schwefelsaure enthielt.

Tränkt man die Leinwand mit Salpetersäure, so kann man dieselbe auch in eine weiße stärkmehlähnliche Materie umwandeln. Es ergiebt sich bei der gewöhnlichen Temperatur keine auffallende Aenderung; wird jedoch diese Mischung in einem Marienbade kochendem Wasser ausgesezt, bis sie anfängt Salpeter-Gas zu erzeugen, dann verwandelt sich dieselbe in einen sehr weißen einförmigen Brei, durchaus dem durch die Schwefelsäure erzeugten ähnlich. Ist diese Materie recht gewaschen und ausgetrocknet, so erscheint sie etwas atlaßartig, besonders wenn sie pulverisirt wird; bei Befeuchtung läßt sie ein sonderbares Brausen hören, und verwandelt sich in einen sehr verteilten Brei. Diese Materie hat sich in einer Kali-Auflösung nicht merklich aufgelöst; sie zeigte sich nur als eine unbedeutende Aenderung der holzigen Materie der Leinwand, ungefähr so, wie jene, die durch die Fäulung der Leinwand-Lumpen für die Papier-Bereitung entstehet. Es wäre wirklich interessant, nachzuforschen, ob während dieser Art von Gährung sich nicht Gummi und etwas Zucker bilde, wie dies hinsichtlich der in Fäulniß gebrachten Stärke der Fall ist, wie erst vor Kurzem Herr von Saussure beobachtet hat109).

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Untersuchung des künstlichen, durch die Wirkung der Schwefelsäure auf Leinwand hervorgebrachten Gummi.

Wir haben gesehen, daß das Gummi, welches man bekommt, wenn Schwefelsäure mit Kreide gesättigt wird, in der Verbindung Kalk enthält, den man in der That durch Kleesäure davon sondern kann. Dieses Gummi läßt sich auch dadurch reinigen, daß man in die Auflösung Bleiessig (sous acetaté de plomb) schüttet, worauf sich ein ansehnlicher weißer Niederschlag bildet; welchen man durch Ueberschuß von Schwefelsäure zersezen kann; man dampft auf angemessene Weise die vom schwefelsauren Blei getrennte Flüssigkeit ab, und schlägt dann das Gummi durch Alcohol nieder; ich gebe übrigens der Sättigung der Schwefelsäure mit Bleioxyd in der Wärme den Vorzug vor der mir Kreide – daraus entspringt eine Flüssigkeit mit einem Zuckergeschmacke, welcher jedoch herbe ist, und von dem in der Auflösung zurückgebliebenen Blei herrührt. Dieses selbst scheidet sich, wenn Schwefelwasserstoff-Gas hinzugebracht wird, und wirklich erlangt man durch die Evaporation der filtrirten Flüssigkeit das künstliche Gummi so rein, als es nur seyn kann. Man könnte sich auch, statt des Bleioxydes des Baryts bedienen, da aber dieses Gummi in der Zusammensezung immer etwas von dem Baryt zurückbehält, so müßte diese Sonderung durch Schwefelsäure bewirkt werden.

Diese gummige Substanz gleicht, so wie ich sie erhalten habe, dem arabischen Gummi. Sie ist durchsichtig, von einer schwach gelblichen Farbe, geruchlos, fade und unschmackhaft, wiewohl sie das Lackmus roth macht, und sich nach Art der Säuren äußert. Ihr Bruch ist glasartig. Sie hängt sich, wenn sie anders sorgfältig bereitet wird, an dem Gefäße, auf welchem man sie getrocknet hat, stark an, und bildet auf der Oberfläche der Körper einen sehr glänzenden |320| Firniß. Uebrigens giebt dieselbe einen minderzähen Schleim als das arabische Gummi; auch ist dieser Schleim minder klebrig, was jedoch dessen Nüzlichkeit für mehrere Künste durchaus nicht hindert. Bringt man diese Materie ins Feuer, so brennt sie, und verbreitet einen durchdringenden Geruch von schwefeliger Säure, was von der Zersezung der Schwefelsäure kommt, die in dieser Materie sich in einem besondern Zustande befindet, welchen die Reagenzien anzuzeigen nicht vermögen. Es bleibt eine Kohle zurück, welche nach der Verbrennung einige Merkmale von schwefelsaurem Kalk hinterläßt.

Sezt man dieses Gummi mit Kali dem Feuer aus, um es theilweise zu zersezen, so entwickelt sich keine schwefelige Saure. Wenn man den Rückstand im Wasser auflöset, und Salpetersäure beimischt, so schlägt sich eine flockige braune Materie nieder, die wir unter dem Namen künstliche Ulmine (ulmine artificielle) näher bekannt machen wollen. Giebt man der filtrirten Flüssigkeit salpetersauren Baryt, so bildet sich ein Niederschlag von schwefelsaurem Baryt.

Die Auflösung dieses Gummi im Wasser wird durch salpetersauren Baryt durchaus nicht getrübt, eben so wenig durch essigsaures Blei; dagegen bildet das basische essigsaure Blei einen sehr weißen und häufigen Niederschlag, welcher in verdünnte Essigsäure ganz aufgelöst werden kann. Schlägt man durch kohlensaures Ammonium den Ueberschuß von Blei, welches die über diesem Bodensaze befindliche Flüssigkeit enthält, nieder, und dampft man leztere bis zur Trockenheit ab, so gewinnt man als Residuum eine dreifache Mischung, von Gummi, von Essigsäure und Ammonium. Das salzsaure Zinnoxydul schlägt auch dieses Gummi aus der Auflösung nieder. Kalk- oder Barytwasser im Uebermaße erzeugt dabei leichte flockige Niederschläge, welche nur Zusammensezungen von Gummi mit Kalk oder Baryt, und rothes schwefelsaures |321| Eisen stört auf keine Art die Auflösung dieses Gummi, da es doch die vom arabischen Gummi gerinnen macht, wie ich dargethan habe. Mit Salpetersäure behandelt giebt dieses Gummi eine ansehnliche Menge Kleesäure in Krystallen, aber keine Schleimsaure.

Vom Zucker aus Leinwand – Lumpen.

Die gummige Substanz, deren Eigenschaften wir eben dargestellt haben, erfährt, wenn sie einige Zeit mit wasserverdünnter Schwefelsäure in Wallung gesezt wird, eine solche Gleichgewichts-Aenderung in der Natur seiner Prinzipe, daß sich diese sondern, um zwei sehr merkenswerthe Substanzen zu bilden; die eine, welche fast die Totalität der Materie ausmacht, ist krystallisirbarer Zucker; die andere enthält die Elemente der Schwefelsäure, welche in der gummigen Substanz vertheilt waren, und stellt eine auffallend sonderbare Säure dar, die ich mit der Benennung Pflanzenstoff- Schwefelsäure (acide végéto – sulfurique) bezeichnen möchte.

Zufällig gerieth ich auf dieses Resultat, als ich die schleimige, saure, mit Wasser verdünnte, durch die Einwirkung der Schwefelsäure auf die Leinwand produzirte Masse mit Bleioxyd bei einer Warme von 100° (centige) längere Zeit in der Absicht behandelte, um hievon künstliches Gummi zu erhalten. Da ich um das in der Auflösung zurückgebliebene Blei niederzuschlagen, in die Flüssigkeit geschwefeltes Wasserstoffgas angewendet, und die Abdampfung besorgt hatte, sah ich mich sehr angenehm überrascht, durch die Wahrnehmung, daß die ganze gummige Materie in eine zuckerige, saure Masse umgewandelt war. Ich habe sie hierauf mit ganz concentrirten Alkohol digerirt, welcher auch die Pflanzenstoff-Schwefelsäuren auflöste, worüber unten mehr gesagt werden |322| wird; die zuckrige Materie blieb wenig gefärbt, und behielt einen sehr freien Geschmack.

24 Gramm gebrauchter und wohl ausgetrockneter Leinwand wurden mit 34 Gramm Schwefelsäure in Schleim verwandelt, ganz mit der oben angegebenen Vorsicht. Die saure Mischung, in einer gewissen Quantität Wasser aufgelöst, ließ wenig geänderte Holzsubstanz fallen; ausgetrocknet wog dieselbe 3,6 Gramm. Die so mit Wasser verdünnte saure Flüssigkeit wurde ungefähr zehen Stunden lang in Wallung gesezt, darauf aber mit kohlensaurem Kalk gesättiget. Diese Flüssigkeit präzipirte das basische essigsaure Blei nicht; sie behielt demnach kein Gummi mehr; man verdampfte und trocknete den Rückstand so viel nur möglich, so daß es bereits anfieng, einen Geruch von Gerstenzucker zu verbreiten.

In diesem Zustande war das Gewicht 23,3 Gramm, geliefert aus 20,4 Gramm Leinwand, jene noch abgerechnet, welche gar nicht angegriffen worden war; doch glaube ich, daß einiges zu Verlust gegangen sey; denn der schwefelsaure Kalk, obgleich wohl gewaschen, hatte einen leichten Farbenanstrich, den derjenige nicht hatte, welcher bei der Bereitung des künstlichen Gummi erhalten wurde; indessen ist er, so wie auch lezterer, statt im Feuer sich zu bräunen und schwefelige Säure zu entwickeln, weißer geworden, und hat keinen sonderlich auffallenden Geruch verbreitet. Ich versezte diese 23,3 Gramm zuckrigter Materie in die Consistenz von Syrup110), nach vier und zwanzig Stunden fieng dieser |323| zu krystallisiren an, und einige Tage später war das Ganze eine einzige fest gewordene Masse von krystallisirtem Zucker, welche zwischen mehreren Doppeltüchern von gebrauchter Leinwand stark gepreßt wurde. Bei der zweimaligen Krystallisation war dieser Zucker ziemlich rein; man hätte ihm eine blendende Weiße geben können, wenn man ihn mit thierischer Kohle behandelt hätte. Seine Krystalle bestehen in sphärischen Gruppen, welche durch eine Vereinigung auseinander laufender und ungleicher Plättchen gebildet zu seyn scheinen. Bei der Temperatur von siedendem Wasser sind sie schmelzbar. Dieser Zucker, der einen freien und angenehmen Geschmack hat, erregt im Munde eine leichte Empfindung von Frische. Er löst sich in warmem Alkohol auf, und krystallisirt sich durch das Wiederabkühlen. Im Wasser aufgelöst, und mit etwas Hefe vermischt, fieng derselbe zu fermentiren an; die weinartige Flüssigkeit, welche dadurch entstand, gab durch Destillation Alkohol. Mit Kali verbrannt, und die Kohle mit verdünnter Salpetersaure gewaschen, stellte derselbe eine Flüssigkeit dar, welche durch salpetersauren Baryt nicht getrübt wird. Es wäre zwecklos, sich noch weiter über die Eigenschaften dieses Zuckers zu verbreiten; es ist offenbar, daß er vollkommen dem Trauben- oder Stärke-Zucker gleiche.

Umwandlung des Holzes in Zucker wird ohne Zweifel für eine merkwürdige Erscheinung gelten, und wenn man |324| Personen, die mit den chemischen Spekulationen wenig vertraut sind, erzählt, was wirklich meine Erfahrung ist, daß man nämlich ein Pfund Leinwand-Lumpen in mehr als ein Pfund Zucker umgestalten kann, so werden sie eine solche Behauptung lächerlich finden, und sich darüber lustig machen; aber demungeachtet wird das Resultat nicht minder richtig bleiben.

Nach meinem Dafürhalten kann man aus der Umwandlung des Holzes in Gummi und Zucker einige wichtige Folgerungen ableiten, welche mehrere noch dunkle Punkte hinsichtlich der Vegetation aufzuhellen vermögen. Wir kommen in der That, da uns die Beobachtung anzudeuten scheint, daß das Holz aus Gummi oder Schleim bestehe, mit weniger Sauerstoff und Wasserstoff in der Proportion um Wasser zu bilden, beim Zurückgehen zum Ursprung der Gestaltung der Holzsubstanz die Mittel näher würdigen, welche die Natur in Thätigkeit sezt, um jene zu erschaffen. Untersuchen wir dieselbe etwas vor der Entstehung, so sehen wir, daß sie sich in Gestalt eines Schleims darstellt, in welchem man kleine weiße Körner wahrnimmt, die gleichsam als die erste Anlage des Holzes erscheinen. Dieser Schleim (mucosité) hat wegen der bedeutenden Rolle, die er bei der Vegetation spielt, bekanntlich die Benennung: bildende Substanz (substance organisatrice) oder cambium des Duhamel erhalten.

Unterstüzt von der Lebens-Einwirkung scheint diese Substanz nach und nach einen Theil der Wasser-Elemente zu verlassen, um anfänglich den Bast, sodann die Rindenschichten, den Splint, das Fleisch, endlich das eigentlich sogenannte Holz zu bilden, welches im Verhältnisse seiner Grundtheile, je nachdem es von neuer oder alter Bildung ist, äußerst verschieden seyn muß. Diese Art, die „Umgestaltung des Cambium in Holz“ sich vorzustellen, wird um so wahrscheinlicher |325| gefunden werden, wenn man erwägt, daß man lezteres auf seinen ursprünglichen Schleim-Zustand zurückführen kann. Es ist nicht nöthig, daran zu erinnern, daß das Holz sich oft und häufig mitten in der schleimigen und zuckrigen Materie verdickt, wie man deutlich in den Stein-Früchten, in den holzigen Verhärtungen der Birnen etc, sehen kann. Bemerken wollen wir, daß der Tod im Pflanzenreiche (du vegetal) dieser Entziehung von Sauer- und Wasserstoff kein Ziel sezt, daß sie vielmehr fortwährt, und die holzige Materie in verschiedene Zustände übergeht, bis sie endlich ganz zerstört wird.

Von der pflanzenstoffhaltigen Schwefelsäure, (acide végéto-sulfurique.)

Wir haben oben gesagt, daß, nachdem mit Bleioxyd, nämlich mittelst einer lange fortgesezten Wärme, der saure mit Wasser verdünnte Schleim, der durch die Wirkung der Schwefelsäure auf die Leinwand hervorgebracht worden, gesättiget war, sich Zucker und eine eigentümliche Säure gebildet habe, welchen wir durch höchst rektifizirten Alkohol, der sie auflöst, getrennt haben; allein diese alkoholische Flüssigkeit behielt auch noch Zucker, ich ließ sie zu Syrup abdampfen, und bewegte sie mit Aether, der eine blaßgelbe Farbe annahm, und nach der Abdampfung eine Säure zurückließ, die fast farbenlos, sehr scharf, beinahe kaustisch war, und die Zähne sehr stumpf machte. Diese Säure zerfließt, krystallisirt sich nicht, und zieht die Feuchtigkeit der Luft an.

An der Luft wird sie nach und nach braun, wenn die Temperatur den Mittlern Stand übersteigt. Sezt man sie in einem Gefäße in das Marien-Bad, so zersezt sie sich, und wird schwarz, bevor das Wasser in Wallung geräth.

Wenn man sie nun in diesem Zustande mit etwas Wasser |326| verdünnt, so sondern sich Flocken zum Theil verkohlter Pflanzen – Materie ab. Bringt man sie in salpetersauren Baryt, so bildet sich ein ansehnlicher Niederschlag von schwefelsaurem Baryt. Wenn nun diese Saure einer höhern Temperatur als der des siedenden Wassers ausgesezt wird, so geht die Zersezung viel rascher vor sich, und es entwickeln sich erstickende Dämpfe von schwefeliger Säure. Diese Säure bringt in Metall-Auflösungen keine Aenderung hervor. Der salpetersaure Baryt und der Bleiessig werden dadurch auf keine Art getrübt. Mit kohlensauren Salzen macht sie ein heftiges Aufbrausen, und scheint alle Metalloxyde aufzulösen, mit denen sie unkrystallisirbare, zerfließende, in rektifizirten Alkohol unauflösbare Salze bildet. Diese neutralen salzigen Verbindungen an das Feuer gebracht, zersezen sich, entwickeln schwefelige Säure, und lassen schwefelsaures Salz und Kohle zurück.

Dieselbe Säure löst auch Eisen und Zink auf, wobei sich häufiges Wasserstoffgas entwickelt.

Mit Bleioxyd und Baryt bildet sie sehr leicht auflösbare Salze, welche das Ansehen von Gummi haben.

Sie scheint ein kräftiges Auflösungs-Vermögen zu haben; denn sie löst bis auf einen gewissen Grad selbst schwefelsaures Blei auf.

Diese Säure ist aus Schwefel, Kohlenstoff, Wasserstoff und Sauerstoff, oder aus einer Pflanzen-Materie und den Elementen der Schwefelsäure, aber in einem Verhältnisse und in einer Vertheilung, worüber ich keine nähere Kenntnisse besize, zusammengesezt.

Wirkung der Schwefelsaure auf Seide.

Bei Behandlung der Seide mit Schwefelsäure hatte ich mir Hoffnung gemacht, dieselbe zu dem ursprünglichen Zustande seidenartiger Flüssigkeit zurück zu bringen, so wie man |327| diese aus dem Körper gewisser Raupen ziehet, womit, nach Reaumur, die Mexikaner ihre wirklich bewundernswerthen Firnisse bereiten; ich hoffte, daß mittelst einer solchen künstlich aus Seiden-Lumpen bereiteten Flüssigkeit es leicht seyn müßte Stoffe zu fabriziren, die nicht gewoben wären. Doch habe ich bisher dieses Resultat nicht erringen können, ob ich gleich keineswegs die Hoffnung aufgebe, noch dahin zu gelangen. Wie dem aber auch sey, die Schwefelsäure kann die Seide in zwei schleimartige Substanzen verwandeln, die man deutlich unterscheiden kann.

Wenn man Stücke von weißen Seidenstoff mit dieser Säure befeuchtet, und dieselbe einige Minuten einwirken gelassen hat, so rührt man das Ganze mit einer Quantität Wasser; daraus entsteht ein weißer, sehr dichter Schleim, welcher dem von Tragant gleicht. Fügt man ein größeres Quantum Wasser hinzu, so präzipitirt sich der ganze Schleim, und das darauf stehende Flüssige, welches farbenlos wie reines Wasser ist, behält nur eine sehr unbedeutende Quantität Seide im Auflösungs-Zustande zurück. Dieser Schleim, mit Wasser wohl gewaschen, ist geschmacklos. Er löst sich nicht merklich auf im kalten Wasser; aber eine sehr große Quantität siedendes Wasser vermag ihn aufzulösen; die Flüssigkeit selbst läßt nach der Abdampfung unauflösbare Häutchen zurück; eine Infusion von Galläpfeln erzeugt aber einen Niederschlag. Diese schleimigte Materie ist jedoch von der, welche sich in den Raupen von Bombix Mori findet, sehr verschieden, und zwar dadurch, daß sie nicht so schnell trocknet, und durch das Wasser wieder erweicht.

Läßt man eine größere Quantität Schwefelsäure länger auf die Seide wirken, so erhält man Resultate, die von den oben angezeigten ganz verschieden sind.

5 Gramm weißen Seidenstoffes, in kleine Stücke zerrissen, wurden in einem gläsernen Mörser bearbeitet, und |328| dabei allmählig Schwefelsäure zugegossen, bis das Ganze in einen gleichartigen Schleim versezt war; es entwickelte sich hiebei Wärme, durchaus aber keine schwefelige Säure. 24 Stunden später wurde die Mischung mit Wasser behandelt; dieses löst dieselbe gänzlich auf, ohne daß sich der mindeste Kohlentheil präzipitirte; nur trennte sich eine stockigte falbe Materie, welche nach der Abtrocknung 0,15 Gramm wog. Man sättigte die saure Flüssigkeit mit kohlensaurem Kalk, und ließ sie zum Theile abdampfen, um die Niederschlagung des schwefelsauren Kalkes zu begünstigen, welche dieselbe noch zurück behalten hatte. Es blieben noch 4,2 Gramm röthlichten Rückstandes, der durchsichtig war, und überhaupt dem Leim glich. Dieser Rückstand, in etwas Wasser aufgelöst, hat sich durch das Abkühlen nicht gesulzt. Mit Kali abgerieben, hat es auch kein Ammonium entwickelt. Destillirt gab es kohlensaures Ammonium, und ließ nach der Verbrennung schwefelsauren Kalk zurück. Mit Salpetersäure erwärmt, gab es, mit salpetersauren Baryt geprüft, nur wenig schwefelsauren Baryt. Endlich wurde von Galläpfel-Aufguß, und besonders von Bleiessig (sous acetaté de plomb) häufig seine Auflösung niedergeschlagen, welche durch essigsaures Blei nur wenig präzipitirt worden ist.

Wenn daher Schwefelsäure auf ein Kleid von Seide, Leinwand oder Baumwolle fällt, so verbrennt sie diese nicht, wie man sagt; sondern sie durchbohrt diese Stoffe und der berührte Theil wandelt sich in eine gummichte Materie um, welche im Wasser aufgelöst werden kann.

Wirkung der Schwefelsäure auf Gummi und auf Zucker.

Pulverisirtes arabisches Gummi wurde mit konzentrirter Schwefelsäure in einer zur Auflösung hinreichenden Quantität abgerieben; weit entfernt, daß sich Kohle erzeugte, wie |329| Fourcroy behauptet, hat sich die Mischung kaum gefärbt, doch hat sie nach 24 Stunden eine bräunliche Farbe angenommen; nach der Verdünnung mit Wasser hat sich nicht der mindeste Kohlentheil präzipitirt. Die Flüssigkeit lieferte, nach Sättigung mit Kreide, ein Gummi, welches genau die nämlichen Eigenschaften hatte, wie dasjenige, das wir durch die Wirkung der Schwefelsäure auf Holz gebildet haben. Am Feuer brannte es, und verbreitete zugleich einen Geruch nach schwefeliger Säure. Essigsaures Blei trübte die Auflösung nicht; aber Bleiessig (sous acetaté de plomb) produzirte daselbst ein ziemlich häufiges weißes Coagulum.

Beim Rohrzucker verhielt es sich mit der schwefelsaure etwas anders; er färbte sich fast auf der Stelle, und nahm eine Kastanienfarbe an, welche später noch mehr dunkel wurde; es bildete sich aber keine schwefelige Säure, und die ganze Materie löste sich vollständig im Wasser auf, ohne daß sich das Mindeste von Kohlenstoff absezte. Die Flüssigkeit gewährte, nach Sättigung mit Kreide, mittelst der Abdampfung einen dunkelbraunen Rückstand, von einem bittern Zuckergeschmack. Beim Verbrennen gab es Dünste von schwefeliger Säure von sich.

Verwandlung des holzigen Körpers in Ulmin (Ulmine) durch die Wirkung des Kali.

Es ist gezeigt worden, daß sich das Holz die Elements der Schwefelsäure und des Wassers aneigne, um in den Zustand von Gummi zu kommen, und daß dieses durch eins neue Vertheilung seiner Bestandtheile fast ganz in Zucker und etwas weniges von eigenthümlicher Säure umgebildet werden kann. Nun wollen wir darthun, daß, wenn man dem Holze Sauerstoff und Wasserstoff in den nothwendigen Verhältnissen, um Wasser hervorzubringen, entziehet, man das Holz in eine Substanz verwandeln könne, in welcher Kohlenstoff |330| vorherrscht, und welche eine große Aehnlichkeit mit Ulmin zu haben scheint. Nach meinem Dafürhalten ist Vauquelin der erste gewesen, welcher das natürliche Ulmin als besondere 111) Substanz bezeichnet hat. Er fand es in Verbindung mit Kali in den eiterigen Geschwüren alter Ulmbäume, deren Holzmasse zum Theil angefressen und durch Eiterung verdorben war. Erst sieben Jahre darnach that Klaproth davon Erwähnung. Es scheint, er habe die Erfahrungen des französischen Chemikers über diese Substanz übersehen; dies ist darum zu glauben, weil er ihr Eigenschaften zuschreibt, die sie nicht hat. Die Herren Berzelius, Smithson und Thomson beschäftigten sich in der Folge damit. Der erstere dieser Chemiker deutet dieselbe so an, daß sie einen Bestandtheil der Rinde von fast allen Bäumen ausmache; allein sie scheint mehrere Verschiedenheiten darzustellen. Ich traf sie häufig in der Buchen-Rinde, zum Theil verbunden mit Kali, und in Vereinigung mit Gummi, eine eigenthümliche rohe Materie, sehr wenig Garbestoff, und einen Bestandtheil, dessen Geruch vollkommen dem der Vanille ähnlich ist.

Durch das Studium über die Wirkung des Kali auf das Holz bin ich dahin gelangt, auf künstliche Weise das Ulmin hervorzubringen. Ich fieng damit an, mich, gegen die Meinung des Herrn Thomson, zu versichern, daß die reine holzige Materie im Kali nicht merklich auflösbar sey; allein es ist ganz anders, wenn man mit diesem gewöhnlichen, kaustisch gemachten Kali eine gleich schwere Masse von Holzsägespänen und etwas Wasser in einem silbernen oder eisernen Schmelztigel, um sie zu rösten, erwärmt, und dabei Sorge trägt, daß diese Mischung unaufhörlich umgerührt werde; es tritt ein Moment ein, wo die ganzen Sägespäne |331| sich erweichen, fast augenblicklich sich auflösen, und dabei heftig aufblähen. Nimmt man sogleich den Schmelztigel vom Feuer, und schüttet Wasser hinzu, so löset sich die ganze Materie mit großer Leichtigkeit auf, mit Ausnahme eines leichten Rückstandes von Kieselerde, kohlensaurem Kalk, phosphorsaurem Kalk, und einigen Spuren von Pflanzenstoff; man gewinnt eine dunkelbraune Flüssigkeit, welche in der Auflösung das Kali verbunden mit dem Ulmin zurückbehält; eine Säure trennt dieses leztere davon unter Gestalt eines braunen, sehr häufigen Niederschlages, welcher nur gut gewaschen zu werden braucht. Wenn man die saure, von diesem Niederschlage gesonderte Flüssigkeit mit Kreide sättiget, bis zur Trockenheit abdampft, und das Residuum mit Alkohol behandelt, so scheidet dieser hievon essigsaures Kali. Behandelt man die Holzsägespäne, wie so eben gesagt wurde, mit Kali, so können dieselben über ein Viertheil ihres Gewichtes künstliches ausgetrocknetes Ulmin liefern. Gebrauchte Leinwand giebt gleiche Resultate; es entwickelt sich blos Wasser und etwas gelbes brenzliches Oel. Das künstliche Ulmin ist glänzend schwarz, wie Pech, sehr zerbrechlich, und theilt sich leicht in eckigte Bruchstücke. Der Bruch selbst ist glasartig. Es hat wenig Geschmack, und ist fast geruchlos. In diesem Zustande der Trockenheit ist es im Wasser unauflösbar; wenn es aber niedergeschlagen wird, und noch feucht ist, löst es sich in kleiner Quantität auf, und theilt eine gelbbräunlichte Farbe mit. Diese Flüssigkeit enthält nicht 1/2500 von der Materie in der Auflösung; sie schäumt durch die Bewegung, wie die Auflösung des natürlichen Ulmin. Diese nämliche künstlich geschaffene Substanz giebt dem siedenden Wasser eine dunkelbraune Farbe, wie der Kaffee demselben zu geben pflegt. Fügt man salpetersaures Quecksilber, salpetersaures Blei hinzu, so bilden sich sogleich braune Niederschläge, und die Flüssigkeit ist gänzlich entfärbt. Auch durch salpetersaures |332| Silber, rothes schwefelsaures Eisen, salpetersauren Baryt, essigsaure Allaunerde, durch salzsauren Kalk und salzsaures Natron wird diese Präzipitation bewirkt; aber die Niederschläge zeigen sich erst einige Zeit nach der Mischung. Kalkwasser bringt darin keine Aenderung hervor; wenn man aber gestoßenen Kalk hinein wirst, so entfärbt sich die Flüssigkeit großentheils, und mit Bleiglätte entfärbt sie sich ganz.

Ich habe mich überzeugt, daß das Ulmin der Buchenrinde Resultate liefere, welche den oben angezeigten ähnlich sind. Ich ließ im Wasser ganz reine Galläpfelsäure mit etwas Gallerte auflösen; es erfolgte keine Aenderung; allein durch Auflösung des künstlichen Ulmin sezte sich eine pechige, braune, elastische, in einem Ueberschuß von Gallerte auflösbare Materie ab. Künstliches Ulmin, das nicht getrocknet und warm ist, färbt das mit Lackmus blau gemachte Papier roth.

Die nämliche Substanz verbindet sich außerordentlich leicht mit dem Kali, und sättiget gänzlich seine Eigenschaften. Diese Zusammensezung ist im Wasser sehr auflösbar; sie wird häufig präzipitirt durch die Säuren, durch die Erd- und Metallsalze, durch Kalkwasser; nach der Abdampfung bleibt ein schwärzlicher, leuchtender, an der Luft unveränderlicher Rückstand, welcher nach seiner Verbrennung Kalt zurückläßt. Diese Mischung könnte in der Malerei nüzlich werden.

Sie vereinigt sich auch sehr schnell mit dem im Wasser verdünnten Ammonium; nach der Abdampfung bis zum Grade der Trockenheit bleibt ein glänzender Rückstand, der im Wasser leicht aufzulösen ist, und das mit Lackmus blau gefärbte Papier ganz schwach röthet. Der Kalk scheidet davon das Ammonium, und die Säuren bilden dabei häufige gallertartige Niederschlage. Diese Verbindung theilt der |333| Wolle, der Seide und dem Kotton, nachdem man sie in Alaun getaucht hat, eine falbe Farbe mit.

Eben diese künstliche Substanz ist in konzentrirter Essigsäure auflösbar, wie die Holzsubstanz, wird aber durch das Wasser häufig präzipitirt.

Sie löset sich leicht in Alkohol auf, und wacht eine dunkelbraune Flüssigkeit, welche durch Wasser präzipitirt wird. Läßt man diese Auflösung von selbst abdampfen, so gestalten sich auf der Oberfläche Häutchen, die ein krystallartiges, gekörntes Gefüge haben; geschieht die Abdampfung rascher, so erhält man einen Rückstand, welcher schwarz, schimmernd, einem Harze ähnlich ist.

An der Flamme eines Wachslichtes blähet er sich leicht auf, und brennt ohne heftige Flamme

20 Gramm künstliches Ulmin von gebrauchter Wäsche wurden in einer Retorte destillirt; man erhielt ein flüssiges Produkt im Gewichte von 7 Gramm, gebildet von 4 Gramm einer farblosen Flüssigkeit, und 3 Gramm Oel, das brenzlicht, braun, flüssig, im ganzen Verhältnisse auflöslich ist, im Alkohol und alkalischer Lauge.

Die farblose Flüssigkeit enthielt vollkommene Essigsäure und einige Spuren dlichter Materie. Es blieb noch eine Kohle, dem Ansehen nach wie Bronz, und regenbogenfarbig, im Gewicht 9,8 Gramm, welche nach der Verbrennung 0,75 Gramm graue Asche, großentheils aus kohlensaurem Kalk, aus phosphorsaurem und schwefelsaurem Kalk, aus Kieselerde und Eisenoxyd bestund, zurück ließ.

Das künstliche Ulmin wurde bei 38° Beaumé mit seinem sechsfachen Gewichte Salpetersaure behandelt; man suchte das Ganze zur Consistenz von Honig zu bringen, und verdünnte es mit etwas Wasser, welches eine dunkelbraune Farbe annahm, und ansehnlich viel Materie zurück ließ, die gut gewaschen und aufgetrocknet, die Farbe des spanischen |334| Tabackes hatte. Diese Materie, in einer Glasröhre erwärmt, brannte, ohne Licht zu verbreiten, und ohne zu zerfließen; sie erzeugte brenzlige Dünste, die etwas Salpeter mit sich zu führen schienen. Der Geschmack ist bitter, ohne dem Gaumen sauer zu seyn, obgleich das Lackmus geröthet wird. Sie löset sich zum Theil in siedendem Wasser auf, und giebt eine Flüssigkeit von dunkelbrauner Farbe, welche die Leim-Auflösung nicht trübt. Die braune saure Flüssigkeit aber, welche durch Wasser von dieser staubigen Materie geschieden worden, behielt noch von dieser leztern etwas zurück; sie präzipitirte den thierischen Leim, und gab durch die Verdünstung Krystalle von Kleesäure.

Dies sind die Eigenschaften, welche ich an der durch die Wirkung des Kali auf Holz hervorgebrachten Materie wahrgenommen, und die ich mit dem von den Baum-Geschwüren ausgeschwizten Ulmin verglichen habe. Bemerken will ich, daß sich dieses auch, unter analogen Umständen, im kranken Baum erzeugt, dessen Holz bei der Fäulung durch das Kali bloßgelegt wird, das zur Bildung des Ulmin konkurriret. Ich muß auch ins Gedächtniß zurückrufen, daß schon Herr Vauquelin diese Produktion von Kali durch die Fäulniß der Pflanzen mit derjenigen verglichen hat, welche durch Verbrennung eintritt.

Das Ulmin ist in mehreren alten Produkten des Pflanzenreiches vorhanden. Ich habe es auch vor langer Zeit bei einer Analyse der Dammerde entdeckt, welche ich aus den hohlen Wurzeln eines alten Baumes nahm112); ich werde daher nicht alle seine Eigenschaften weiter erforschen. Es scheint sogar, daß der auflösbare Theil gewisser Erden, den man mit dem Extraktivstoff verglichen hat, von Ulmin und |335| Ammonium gebildet sey. So habe ich das Ulmin auch in großem Ueberfluß im Torfe, auch in allerlei erdigen Braunkohlen (lignité) von bräunlichter Farbe, und ganz von kohlensaurem krystallisirten Kalk durchdrungen, die gegen das linke Moselufer, in einiger Entfernung von dem alten Scarpone, gegraben worden, gefunden. Es muß zuverläßig einen Bestandteil der Umbererde ausmachen; es war mir aber schlechterdings unmöglich das Ulmin auch mit Steinkohlen hervorzubringen.

Annales de Chimie et de Physique p.M.M. Gay-Lussac et Arago. Tom. XII. Octobre 1819. (Mémoire sur la Conversion du corps ligneux en gomme, en sucre, et en un acide d'une nature particulière, par le moyen de l'acide sulfurique, conversion de la même substance ligneuse en ulmine par la pottase.)

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Annales de Chimie. Tom. XXIII. p. 86

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Die nämliche, welche ich bei allen meinen Versuchen gebraucht habe; das spezifische Gewicht war 1,827.

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Vergleiche dieses Journal S. 198 Dingler.

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Dieser Syrup wurde durch Schwefelsäure nur wenig getrübt, während eine concentrirte Auflösung von künstlichen Gummi, welche durch Sättigung mit Kreide gewonnen worden, merkbar durch die nämliche Säure niedergeschlagen wurde, indem sich schwefelsaurer Kalk erzeugte. Dieses schien zu der Vermuthung |323| zu berichtigen, daß, wenn man dieses Gummi durch längeres Kochen mit verdünnter Schwefelsäure in Zucker umwandelt, die in demselben eingeschlossenen Elemente mit dieser Säure sich nicht vollständig vereinigen, um die pflanzenstoffhaltige Schwefelsäure zu bilden; sondern daß ein Theil sich als freie Schwefelsäure trenne, und mit der vermengt bleibe, welche gebraucht wurde, um die Zucker-Erzeugung zu bewirken.

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Annales de Chimie. Tom. XXI. p. 44.

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Annales de Chimie. Tom LXI. p. 191.

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