Titel: Herrmann's Flachsspinntisch.
Autor: Dingler, Johann Gottfried
Fundstelle: 1820, Band 1, Nr. XLIII. (S. 423–428)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj001/ar001043

XLIII. Beschreibung des Herrmann'schen Flachsspinntisches, wie solcher in der von Schätzler'schen Armenbeschäftigungsanstalt zu Augsburg mit Vortheile bestehet.

Vom Herausgeber.

Mit Abbildungen Tab. X.

Es sind bereits zwei Jahre, daß der Königl. Professor in München, Dr. Herrmann bei seiner Anwesenheit in Augsburg den Behörden der Stadt eine seiner neuen Erfindungen, nämlich den Flachsspinntisch zum Besten der hiesigen Armenbeschäftigungsanstalt vorgezeigt hat.

Der Vortheil dieses neuen Spinntisches bestehet darin, daß 4, 6, 8 bis 10 Personen zu gleicher Zeit an einer gemeinschaftlichen Spinnscheibe, welche unter dem Tischblatte angebracht ist, jede Gattung von Faden, mit viel größerer |424| Ergiebigkeit, als an dem gemeinen Spinnrade, spinnen können, ohne dabei eine andere Verrichtung zu haben, als den Flachs vom Rocken in die Spule zu leiten.

Der von Herrn Professor Herrmann vorgewiesene Spinntisch hatte eine einfache mechanische Vorrichtung, wodurch sich alle Spulen von selbst vor- und rückwärts bewegen, um den Faden gehörig aufzuwickeln, weswegen man nicht mehr nöthig hat, mit einigem Zeitverlust den Faden zu stecken.

Die Spinnscheibe selbst wird durch ein Gewicht, welches an irgend einem hiezu tauglichen Orte über Rollen an einem Stricke, wie bei einem Bratenwender in der Küche, hängt, in Bewegung gesezt; und um dem Ablaufe des Gewichts neben der Benüzung der Rolle noch eine längere Dauer zu geben, ist an der Welle der Spinnscheibe ein Trilling mit einem Kammrädchen angebracht.

Um aber dieses neue Spinnwerkzeug noch einfacher, minder kostspielig, und eben dadurch gemeinnüziger zu machen, gab damals Hr. Prof. Herrmann zur Verfertigung solcher Spinntische für die Königl. Polizei-Direktion eine neue Vorrichtung an, bei welcher die Scheibe von einer einzigen Person, oder abwechselnd durch zwei Personen, für alle übrigen durch Treten mit dem Fuße, wie bei dem gemeinen Spinnrade, bewegt wird.

Der Vortheil hievon ist nicht nur dieser, daß zu solchem Spinnen schon Kinder von noch schwächlichem Alter, so wie bejahrte Leute mit gebrechlichen Füßen gebraucht werden können; sondern es hat auch seit der Einführung solcher Spinntische in der v. Schätzler'schen Armenbeschäftigungs-Anstalt die Erfahrung gezeigt, daß Kinder von 6 und 7 Jahren an einem Tage noch einmal so viel Gespinnst liefern, als an den gewöhnlichen Spinnrädern möglich ist; denn diese haben |425| insgemein den Fehler, daß ihre Scheiben zu klein sind, folglich zur Drehung der Spulen und Bildung des Fadens in gleicher Zeit weit weniger taugen.

Der Faden des von Armenkindern gelieferten Gespinnstes war zugleich so fein, haltbar und gleichförmig, daß solches, bei der öffentlichen Schul-Jahres-Prüfung zu Augsburg vorgelegt, mit allgemeinem Beifalle aufgenommen wurde.

Den Anfangs erwähnten künstlichern Spinntisch des Hrn. Prof. Herrmann mit Gewicht und Selbstverschiebung der Spulen nebst Beschreibung desselben wird man in dem früher angekündigten Werke des Herrn Verfassers von seinen neuen technisch-mechanischen Erfindungen finden.162)

Wir wollen hier nur den einfachen Spinntisch, wie solcher in Augsburg verfertiget und mit Vortheil benuzt wird, in Abbildung und Beschreibung mittheilen.

Tab. X. Fig. 1 giebt eine Ansicht des ganzen Spinntisches für 8 Personen. Der Tisch ist nicht rund, sondern besser ein Polygon von so vielen Seiten, als Spulen angebracht werden sollen.

Die Spulen werden hier nicht, wie sonst, mittelst gespannter |426| Schnüre von der gemeinschaftlichen Spinnscheibe aus in Bewegung gesezt, sondern durch unmittelbare Berührung der Scheibe selbst, auf der wie bei gg in Fig. 2 sehr deutlich zu ersehen ist, mittelst Scheibchen, welche am Ende der Spindeln befestiget sind; und folglich mit gehörigem Drucke liegen, bei Bewegung der Scheibe um ihre Achse mit umgedrehet werden.

Es sind deshalb an dem Tischblatte A Fig. 1 zur Bewegung der Spulen eben so viele Ein- oder vielmehr Ausschnitte gemacht. Die Spulengestelle selbst haben an dem Kranze K um den Tisch ihre Befestigung. Die Spinnrocken stecken auf beweglichen Aermen, damit man sie nach Belieben stellen könne.

Bei DD sind die Fußtritte bezeichnet, welche von zwei Personen, entweder wechselsweis oder zugleich, getreten werden, und welche mittelst einer Kurbel, die an der Achse angebrachte kleinere, eigentlich Drehscheibe C bewegen können.

Bei E läuft der stählerne Zapfen von der Welle der Spinnscheibe in einem, am besten, messingenen Pfännchen.

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Fig. 2 stellt den Spinntisch im Durchschnitte dar, und zeigt hinlänglich die ganze Bewegungsart desselben. – Man sieht bei

A das Tischblatt;

B die unter demselben befindliche Spinnscheibe;

gg die darauf liegenden Spulen-Scheibchen, die am besten mit Leder überzogen werden;

D den Fußtritt;

F die Kurbel;

C die an derselben befestigte kleinere Scheibe, wodurch eigentlich die auf ihr hinlänglich aufliegende, und sie dadurch berührende gemeinschaftliche Spinnscheibe in Bewegung gesezt wird;

An dem Spulengestelle bei hh sind eingekerbte Scheibchen, um welche, von den Spulen herab, eine weiche Schnur befestiget ist, um durch vermehrte oder verminderte Spannung derselben das mehr oder mindere Einziehen des Fadens, je nach der Fähigkeit oder Fertigkeit der Spinnenden, bewirken zu können.

Fig. 3 stellt die Ansicht des Spinntisches, nach aufgehobenem Tischblatte, von oben dar.

Die Scheibe B kann durchbrochen, und durch ein starkes Kreuz von festem Holze oder auch von Eisen zusammen gehalten seyn. – Da die Scheibe zu stets gleicher und richtiger Bewegung der Spulen genau horizontal laufen muß, also das Holz sich nicht werfen oder biegen darf; so wird sie wohl am besten aus dreifachen, abwechselnd über Hirn gelegten und von sehr gut ausgetrocknetem Holze zusammengeleimten Brettchen verfertiget, wie sachverständigen Arbeitern ohnehin bekannt ist.

Fig. 4 zeigt den untern Theil des Tischgestells mit einigen Theilen der Maschine.

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Da bei E, wo der untere Zapfen der Spinnscheibe im sogenannten Kirner (Pfännchen) läuft, nicht die geringste Schwankung oder Beugung statt haben darf; so ist hier demselben eine starke Befestigung gegeben durch mehrere Verbindungen der Tischschüsse über das Kreuz, deren immer so viele als Spulen an dem Tische sind; und so erhält zugleich das Ganze einen festen Halt.

Bei DD sieht man wieder die Fußtritte;

Bei F die doppelte Kurbel;

Bei C die daran befestigte Drehscheibe.

Da diesen Figuren der genaue Maaßstab des Originals beigesezt ist, so war es bei der Beschreibung dieses Spinntisches unnöthig, die Größe der einzelnen Theile anzugeben, indem solche nun gar leicht von Jedermann darnach bemessen werden können.

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Dieses Werk, welches nicht in den Buchhandel kommt, sondern allein bei dem Verfasser in München zu haben ist, wird folgende Gegenstände auf 10 großen Kupferplatten enthalten: 1) Eine Getreid-Mahlmühle ohne Zähne und Triebstäbe an den gewöhnlichen Rädern und Getrieben mit möglichster Verminderung der Friction. 2) Einen Wagen, um gleichfalls durch möglichst verminderte Reibung wesentlich an Zugkraft zu ersparen. 3) Einen Flachsspinntisch, wie so eben beschrieben. 4) Einen Löschbrunnen, nach welchem jeder gewöhnliche Haus-Pumpbrunnen bei Feuergefahr zugleich die Stelle einer Feuer- oder Löschsprize vertritt. 5) Eine Hopfentheilungs-Maschine zum Brauwesen, um theils an Hopfen zu ersparen, theils die besseren Bestandtheile aus demselben zu gewinnen. 6) Eine Abkühlungs-Maschine (durch ein Gewicht bewegt) zum Bierbrauen. 7) Eine sehr einfache Quetsch-Maschine zu weit vorteilhafterer Schrotung des Malzes zum Bierbrauen und Branntweinbrennen, – auch zur Schrotung des Getreidfutters für das Vieh. 8) Eine Maisch-Maschine, gleichfalls zum Brauwesen, um in geschlossenen Bottichen weit vollkommener und bei höherem Wärmegrad maischen zu können, als bisher. Der Preis des ganzen Werkes ist portofrei 4 Dukaten oder 22 fl. Rhein.

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