Titel: Dampfbothe auf der Donau und andern Strömen anzuwenden.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1820, Band 3, Nr. VIII. (S. 37–44)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj003/ar003008

VIII. Beitrag zur Geschichte der Erfindung der Dampfbothe, nebst Aufriß eines neu zu erbauenden Dampfbothes, und Bemerkungen über die Weise, Dampfbothe auf der Donau und auf den kleinern in dieselbe sich ergießenden floßbaren Strömen, Isar, Lech etc. wirklich brauchbar zu machen.

Von einem alten Donaufahrer.

Mit einer Abbildung auf Tab. XVIII .

Ich las neulich in den Annals of Philosophy 4) einen Aufsaz über die Erfindung eines Dampfbothes, und die Beschreibung eines solchen nach Stevenson's und Miller's Dalswinton Erfindung.

Der ungenannte Hr. Verfasser, der sich blos als a civil-Engineer unterzeichnet, und durch die hier zur Unzeit beobachtete Anonymität weder der historischen Kritik, noch der Brauchbarkeit des Stevenson'schen Dalswinton-Bothes, das hier blos auf dem Papiere und in einem schönen Kupferstiche existirt, Gewähr leistet, sagt:

„Es ist etwas mehr als ein Jahrhundert, daß die Dampfmaschine zuerst von Savary und dem Marquis von Worcester erfunden wurde;“

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er sagt aber nicht, daß Savary ein den Engländern so sehr verhaßter Franzose war, der, verfolgt als Hugenotte, sein schönes Vaterland mit der Nebel-Insel vertauschen mußte, und daß der ehrenwerthe Marquis von Worcester nur das Geld zur Ausführung dieser Erfindung hergab. Savary erhielt später durch einen Engländer, Newcomen, mit welchem er sich verband, im Jahr 1705 ein Patent auf seine Erfindung. Es brauchte aber 15 Jahre, bis zum Jahr 1720, wo diese Maschine in so ziemlich allgemeinen Gebrauch in England gekommen ist. Zehn Jahre später, im Jahr 1725, ward die erste Dampfmaschine in Schottland zu Edmonstone erbaut.

Um zu beweisen, daß das Dampfboth eine englische Erfindung – a British invention – ist, sagt der Verfasser:

„daß im J. 1736 Jonathan Hulls, aus London, ein Patent auf eine Dampfboth-Maschine erhielt, welches man unter den Listen der englischen Patente von diesem Jahre finden wird. Im folgenden Jahre gab Hr. Hulls eine kleine Schrift über seine Erfindung unter dem Titel heraus: »Beschreibung und Abriß einer neu erfundenen Maschine, um Fahrzeuge oder Schiffe aus und in den Hafen oder in einen Fluß, gegen Wind und Fluth, und auch in einer Windstille zu treiben.« (A Description and Draught of a new invented Mashine for carrying Vessels or Ships out of or into any Harbour, Port, or River, against Wind and Tide or in a Calm; by J. Hulls. London. Printed for the Author, 1737. Price 6 d.)

Wenn aber Hr. Hulls niemals von seiner Erfindung, deren Beschreibung er um 6 Pfennige verkaufte, Gebrauch machte; wenn die ganze englische Nation durch beinahe ein volles Jahrhundert von Hulls Erfindung keinen Gebrauch machte; wie kann man sagen, wenn man nicht von englischem Egoismus und Stolze erfüllt ist, das Dampfboth sey eine |39| englische Erfindung? Wäre Hulls's Erfindung, so wie er sie bekannt gemacht hat, brauchbar gewesen, so wäre es nur eine desto größere Schande für England, daß man sie nicht benüzte. Auf alle Fälle hat weder Hulls, noch irgend ein Engländer, ein Dampfboth vom J. 1737 bis zum J. 1813 gebaut, in welchem Jahre das Erste dieser Fahrzeuge am Clyde von Hrn. Bell von Helensburgh in Dumbartonshire ausgerüstet wurde, nachdem die Amerikaner sich derselben schon lang vorher bedient hatten.

In Hulls's Broschüre findet sich eine merkwürdige Stelle, die der Hr. Verfasser des Aufsazes, welchen wir hier commentiren (der civil Engineer), aus derselben wörtlich anführt, ohne, wie es scheint, zu ahnden, daß es mit der Erfindung der Dampfbothe, wie mit jener der Druckerei, ergehen wird, und daß man, wie in der Buchdruckern auf Stereotypen und Lithographie, von welcher die Typographie ausging, so mit den Dampfbothen allmählich wieder auf die erste Idee zurückkommen wird, und zurückkommen muß, von welcher das Dampfboth zuerst ausgegangen ist. Hulls sagt klar und deutlich:

„An einer schicklichen Stelle des Zieh-Bothes (tow boat, des Bothes nämlich, welches das Schiff ziehen, bugsieren soll) befindet sich ein Gefäß, welches bis auf zwei Drittel mit Wasser angefüllt, und fest mit seinem Deckel geschlossen ist. Wenn man dieses Gefäß in Siedehize erhält, so verdünnt es das Wasser in Dampf; dieser Dampf, durch eine weite Röhre in ein cylindrisches Gefäß geleitet, wird in demselben verdichtet und bildet einen leeren Raum, welcher macht, daß das Gewicht der Atmosphäre auf dieses Gefäß drückt, und so den in demselben angebrachten Stempel niedertreibt wie in Newcomen's (eigentlich Savary's) Maschine.“

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Es wurde bereits erwiesen, daß auf ein Gefäß von 30 (engl.) Zollen im Durchmesser, was nur 2 1/2 Fuß ist, die Atmosphäre, wenn die Luft aus demselben ausgepumpt ist, mit einem Gewicht von 4 Tonnen 16 Zentnern und darüber drückt; wenn also die gehörigen Instrumente zur Arbeit an demselben angebracht sind, muß es ein Fahrzeug mit großer Gewalt treiben.“

Wenn der Hr. civil Engineer nach Anführung dieser Stelle fortfährt zu behaupten:

„Wir haben hier deutlich die Anwendung der Dampfmaschine im J. 1736 als Treibkraft auf ein flottendes Schiff, oder mit andern Worten, die Entdeckung des Dampfbothes“

so behauptet er offenbar zu viel: denn von der Idee bis zur Ausführung ist noch eine weite Kluft: man könnte eben so sagen, Amerika wäre Jahrhunderte vor Christoph Colomb entdeckt gewesen, indem Gelehrte die Nothwendigkeit einer Terra firma jenseits des Weltmeeres deutlich eingesehen und erkannt haben. Amerika war wohl in der Idee, nicht aber in der Wirklichkeit entdeckt. Und eben so ist es mit Hulls's Erfindung, die immer nur noch auf dem Papiere, nicht aber auf der Themse war. Immer wird die dankbare Nachwelt Hrn. Hulls's Namen ob der herrlichen Idee, die er hatte, mit Verehrung nennen: niemals wird sie ihn aber als den Erfinder der heutigen amerikanischen Dampfbothe betrachten, die ohne alles Bugsierboth sich durch sich selbst über den ganzen weiten Ocean bugsieren. Sie wird Hulls's Andenken um so mehr ehren, als er zuerst die Idee hatte, die Dampfmaschine bloß zur Schiffahrt auf Flüssen und zum Bugsieren im Hafen zu verwenden: eine Idee, die man nie hätte aufgeben, und deren Realisirung man mit aller Gewalt des menschlichen Geistes hätte durchsezen sollen. Es ist allerdings eine Schande für uns, daß wir auf unserer unteren Donau noch keine Dampfbothe besizen, während |41| in Nord-Amerika die Flüsse alle bereits davon bedeckt sind, und selbst die Elbe und die Newa schon Dampfbothe auf ihrem Rücken trägt! indessen haben wir vielleicht weniger darin gefehlt, daß wir für unsere stellenweise so sehr seichte Donau Dampfbothe erbauten, wie man sie für den Ocean baut, während wir vergaßen, Bugsierbothe vorzurichten, um unsere alten Kehlheimer stromaufwärts zu ziehen. Die Amerikaner sind jezt auf Hulls's Idee zurückgekommen, und bauen Dampfbothe als Zieh- oder Bugsierbothe; sie sind uns aber auch da noch vorgekommen, wo sie zurückgiengen, und dieß ist, wie es scheint, das Schmerzlichste, was uns begegnen konnte in den Augen der Nachwelt. Es bleibt uns also, wollen wir unsere Ehre retten, nichts anderes übrig, als Nachahmer, nicht Nachäffer zu werden, und wir erwarten es von den Baiern und Würtembergern, daß sie nicht eben so lang hinter den Amerikanern zurückbleiben werden, wo diese rückwärts gehen, als sie es geblieben sind, da jene so rasch den stolzen Britten vorangingen.

Wenn man die Müheseligkeiten des Stromaufwärtsfahrens auf der Donau (die Niemand mehr beachtet zu haben scheint, als Dr. Schultes in seinen Donaufahrten) nur mit einiger Aufmerksamkeit erwägt, wenn man den Verlust an Zeit und Kraft der Pferde und der Menschen, die hierbei gebraucht werden, und wohl auch des Lebens der Pferde und der Menschen, die hiebei zu Grunde gehen, nur in einigen Anschlag bringt; wenn man bedenkt, daß ein Schiff in der kleinen Entfernung von Wien bis Regensburg 4 bis 6 Wochen stromaufwärts braucht, und die Wasserfracht, für diesen Zeitverlust, unbedeutend geringer ist als die Landfracht; so wird ein Both, das mit der Gewalt von 40 Rossen zieht, und 20 Menschen erspart, wohl ein wahres Bedürfniß an der Donau, am Inn, an der Isar, am Loch, selbst noch an der Iller seyn, da selbst Flöße, so gut wie |42| Schiffe, stromaufwärts gezogen werden können. Demjenigen, der das erste brauchbare Dampfziehboth bauen wird, wird das baierische Volk auf den altrömischen Ruinen von Weltenburg ein Denkmal sezen, das seiner und seines Königes werth seyn soll, so lang die Donau ins schwarze Meer strömt.

Der civil Engineer erzählt uns ferner S. 280, daß der gottselige Patrick Miller, Esq. of Dalswinton in Schottland bei seinen Untersuchungen über den besten Bau der Schiffe und des Tackelwerkes verschiedene Fahrzeuge mit doppeltem und dreifachem Kielraume bauen ließ, um sowohl mit Segeln als mit einer Dampfmaschine zu fahren. „Aus einem Briefe des Hrn. Miller an Hrn. Georg Salmond zu Glasgow dd. 12. Jän. 1815“ sagt er, „erhellt, daß Hr. Miller mit diesen Untersuchungen schon vor dem J. 1787 sich beschäftigte, in welchem er eine Abhandlung schrieb, wovon er folgenden erlauchten Personen Abschriften mittheilte: nämlich zuerst unserm Könige, und auch dem sel. Könige von Frankreich, dem Kaiser von Rußland, dem Erbstatthalter von Holland, den Königen von Schweden und Dänemark und anderen Souverainen; auch dem Präsidenten von Amerika, Washington, dem damaligen amerikanischen Gesandten an unserem Hofe und dem Dr. Franklin. Er gab auch Abschriften in die Bibliothek der Advokaten, an die Universität zu Edinburgh, Cambridge und Oxford und die k. Gesellschaft zu London. Hr. Miller machte auch zu derselben Zeit verschiedene Versuche auf dem Forth und Clyde Canal mit einem mit einer Dampfmaschine versehenen Bothe, und er versichert, daß diese Versuche gelangen. Auch der sel. Graf Stanhope war mehrere Jahre auf seinem Landsize Chevening mit einem Dampfbothe beschäftigt.“Miller's Versuche am Forth und Clyde Canal“ sagt der civil Engineer, „hat der sel. Fulton, wie ich hörte (we have been informed) entweder gesehen, oder sie wurden ihm mitgetheilt. Der sel. Fulton, Maschinist in Amerika, |43| ist, wie man glaubt (it is believed) ein geborner Engländer, oder hat wenigstens in diesem Theile von Schottland sich aufgehalten, ging aber später nach Amerika, wo er das Verdienst und die Ehre hatte, das Dampfboth in einem größeren Maaßstabe auf den großen Flüssen und Seen einzuführen; so daß wir diese Erfindung ganz unbezweifelt (mort indisputably) als brittischen Ursprunges aufstellen können.“ Ob in England ein Beweis, der bloß auf Hörensagen, auf Glauben beruht, als unbezweifelt angesehen wird, oder angesehen werden kann, wissen wir nicht: bei uns in Deutschland wenigstens gelten solche Beweise soviel wie nichts.

Der civil Engineer bemerkt zwar sehr richtig, daß, wie auch Hr. Stevenson früher schon angab, der Umstand, daß an den bisherigen Dampfbothen die Räder und Treibwerke außen an dem Bothe angebracht sind, manche Schwierigkeiten herbeigeführt. Er will daher die Räder innerhalb des Bothes, und der Länge desselben nach, angebracht wissen, und bedient sich zweier Dampfmaschinen statt einer. Indessen existiert diese neue Einrichtung des Dampfbothes, soviel wir wissen, bisher nur auf dem Papiere, und der hier entworfene Plan ist nur einstweilen gezeichnet und gestochen, ohne daß ein Dampfboth darnach erbaut worden und damit glücklich gefahren wäre. Es ist uns sogar wahrscheinlich, daß, wenn der civil Engineer des Gelingens seines Stevenson's Dalswinton Dampfbothes nur etwas sicher gewesen wäre, er sich nach englischer Sitte, nach welcher man sich jede auch noch so kleine Erfindung und Verbesserung eines alten Hosenträgers verpatentisieren läßt, auch alsogleich mit einem Patente versehen haben würde.

Da wir jedoch vermuthen, der civil Engineer habe irgend eine nähere Kunde von Millers ersten Versuchen, der, wie Hulls, anfänglich auch nur auf ein Ziehboth dachte, welches Schiffe ziehen (bugsieren) soll, und er sogar |44| diese Idee zu tadeln scheint, so wollen wir, hoffend, daß irgend ein Reichenbach sich der Schiffarth an der Donau einmahl erbarmen, und uns ein brauchbares Ziehboth mit einer Kraft von 6–40 Pferden bauen wird, den Grundriß des Stevenson's Dalswinton Dampfbothes hier nach der Lehre des Apostels vorlegen, der uns zuruft:

»prüfet alles, und das Gute behaltet.« 5)

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Annals of Philosophy, or Magazine of Chemistry, Mineralogy, Mechanics, Natural History, and the arts by Th. Thomson, April 1819. Nr. LXXVI. S. 279.– Origin of Steam-Boats, et description of Stevenson's Dalswinton Steam-Boat. By a Civil Engineer.

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Man vergleiche mit diesem Aufsaze unsere Nachricht über die von Samuel Morey erfundene sich umwälzende Dampfmaschine von Sullivan im VI. St. unseres Journales S. 129 und erbaue darnach ein Ziehboth. Was sich selbst in Bewegung sezen kann, kann auch andere ziehen.

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