Titel: Romershausen über die Kraft des Schießpulvers.
Autor: Romershausen, Elard
Fundstelle: 1820, Band 3, Nr. XI. (S. 61–87)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj003/ar003011

XI. Ueber die Kraft des Schießpulvers, nebst einigen neuen Ideen zur Benuzung derselben im Kriege und Frieden. Ein chemisch-technischer Versuch von Dr. Elard Romershausen 11).

Mit Abbildungen Tab. XVIII.

Obgleich in unsern Tagen der militärische Gebrauch des Schießpulvers einen hohen Grad von Vollkommenheit erreicht hat, so scheinen doch die Bestimmungen der chemischen Analyse des Pulvers und vorzüglich die physische Theorie seiner Kräfte noch immer viel Schwankendes und Unsicheres zu haben. Es beschäftigten sich zwar von jeher viele berühmte und gelehrte Naturforscher mit diesen Untersuchungen, worunter ich vorzüglich Musschenbroek, Lavoisier, Ingenhouß, Rumford, Achard, Meinecke u. m. a. auszeichne, sie haben zum Theil durch höchst merkwürdige Versuche den Weg gebahnt; allein man darf die Resultate ihrer Forschungen nur sorglicher vergleichen, so wird man eine so große Verschiedenheit darin finden, daß sie für die Wahrheit immer noch wenig Hoffnung geben.

Vorzüglich ist es zu bewundern, wie man ungeachtet der allgemeinen Ueberzeugung, daß die Pulverkraft die mächtigste ist, welche dem Menschen zu Gebote steht, ihre Anwendung auf das Maschinenwesen noch völlig unberücksichtigt ließ. In dieser Hinsicht scheint noch ein weites unbekanntes Feld vor uns zu liegen, wo sich noch manche höchst interessante |62| Entdeckung errathen läßt, ob wir gleich nur langsame Fortschritte erwarten dürfen, da die dazu nöthigen Versuche für den Privatmann theils zu kostbar, theils zu gefahrvoll sind.

Es wird daher auch kein Versuch, das Schießpulver näher zu prüfen und für das praktische Leben anwendbar zu machen, ganz uninteressant seyn, denn man sieht leicht ein, welchen hohen Werth es haben würde, wenn es uns gelänge, seine feindlich zerstörende, bei dem schnellen Vorüberflug ihrer Wirkung weder ruhige Beobachtung, noch sichere Leitung gestattende Kraft so beherrschen zu lernen, daß sie auch zu friedlich erbauenden Zwecken des Lebens hülfreiche Dienste leisten müßte. Von diesem Gesichtspunkte aus wünsche ich, daß man die folgende Abhandlung und die darin enthaltenen vielleicht noch unvollkommnern Andeutungen betrachten möge. Die Neuheit des Gegenstandes und der Mangel an den zu solchen Versuchen nöthigsten Erfordernissen werden von selbst die etwa noch unvollendetere Ausführung mehrerer Ideen entschuldigen. Mir aber genügt einstweilen der Beweis, daß die Pulverkraft der mannichfachsten Modifikationen fähig ist, und die Ueberzeugung, daß die Erweiterung und der Verfolg dieser Erfahrung sowohl für die Artillerie als für die Gewerbe, – also sowohl für den Schuz als für den Erwerb des Staates, – zu höchst wichtigen Resultaten führen müsse. Es wird mir daher die höchste Freude seyn, wenn ich in der Zukunft Kräfte und Gelegenheit finde, auf dem angedeuteten Wege weitere und sichere Fortschritte zu machen.

Grundverhältnisse der Kraft des explodirenden Pulvers.

Das Schießpulver wirkt:

  • 1) durch den Druck, der sich beim Abbrennen desselben aus seinen Bestandtheilen entwickelnden elastischen Flüssigkeiten (Gasarten);
  • 2) durch die mit diesem Abbrennen verbundene Wärme, welche sowohl das Gas als auch die vorhandenen Wasserdämpfe ausdehnt und dadurch ihre Elasticität erhöht.

Der bei der Explosien des Pulvers vorhandene hohe Wärmegrad entsteht nach meinen Erfahrungen vorzüglich durch die plözliche heftige Compression des Sauerstoffgases; die bestätigenden Versuche werde ich bei einer andern Gelegenheit näher darlegen.

Das Maaß der nach dem Abbrennen vorhandenen und bleibenden elastischen Flüssigkeiten bestimmt also die eigentliche Grundkraft des Pulvers.

Mehrere mit einem unten näher beschriebenen Compressionsinstrumente angestellte Versuche ergaben nun, daß ein bekannter Pulversaz von:

76 Gr. Salpeter,

15 Gr. Kohlen.

9 Gr. Schwefel,

als feines Mehlpulver bereitet, im Mittel 100 rheinl. Cubikzoll bleibendes Pulvergas nach dem Abbrennen lieferte.

Da die Gränzen dieses Auszugs die nähere Darstellung dieser Versuche nicht gestatten, so bemerke ich nur, daß ich etwas mehr Pulvergas als andere Chemiker erhielt; ich muß dieses dem Umstande zuschreiben, daß bei meiner Vorrichtung das Gas sogleich völlig vom Pulverrückstande getrennt wurde, welcher nach sichern Erfahrungen einen großen Theil desselben verschluckt und zu andern chemischen Verbindungen verwendet.

Obiges einfaches Verhältniß: 100 Gr. Pulver: 100 Cubikzoll Gas, liegt daher in der Folge stets zum Grunde, obgleich auch dieses Verhältniß keine allgemeine Gültigkeit haben kann, da sowohl das Maaß des Gases als auch vorzüglich die bei der Explosion vorhandene Wärme und die dadurch erhöhete Elasticität des Gases sehr von dem Maaß des explodirenden |64| Pulvers abhängt. Ueberhaupt erzeugt die Verschiedenheit der Pulvermengen auch große Verschiedenheiten in den bleibenden Rückständen, und eine allgemeinere, gültigere Formel für alle diese Verhältnisse kann nur durch viele sorgfältige und nur im Großen anzustellende Versuche aufgefunden werden. Das angenommene Verhältniß wird indessen für meine jezigen Zwecke hinreichend seyn, da die durch die Wärme erhöhete Elasticität des Pulvergases im Folgenden weniger in Betracht kommt, indem sie bei der langsamern Zersezung größtentheils verloren geht.

Um indeß diesen Verlust in Rechnung bringen zu können, bemerke ich noch, daß bei dem angenommenen Maaße des Pulvers die Ausdehnung durch die Wärme ungefähr das Vier- bis Fünffache des Gasvolums betrug.

Modificationen der Pulverkraft.

Die Kraft des explodirenden Schießpulvers kann in Hinsicht auf ihre Wirkung durch die bestimmbare Zeitdauer der Explosion und die Behandlung ihrer Producte in eine dreifache umgewandelt werden. Sie ist demnach: 1) momentan und schnell vorübereilend, 2) successiv oder stufenweise wirkend, 3) fortdauernd und bestehend.

Die momentane, in eine fast unmeßbare Zeitdauer zusammengedrängte Kraft des Pulvers finden wir in seiner gewöhnlich gekörnten Gestalt und Anwendung bei dem Schießgewehr, Geschüz u.s.w. Sie ist einleuchtend die größte, weil dabei das in der kleinsten Zeit zersezbare größtmöglichste Maaß Pulver im kleinsten Raume zusammengedrängt wirkt. Die gewöhnlich gekörnte Gestalt des Pulvers ist dazu erforderlich, da nur sie dem im Moment der Entzündung sich bildenden heißen Pulvergas gestattet, schnell die Zwischenräume der ganzen Masse zu durchdringen |65| und vermittelst der Kohle und des Schwefels sie auf einmal zu zersezen.

Die durch diese Art der Explosion erzeugte Kraft gestattet bei dem schnellen Vorüberflug ihres Wirkens weder ruhige Beobachtung noch sichere Leitung, daher sie auch in dieser furchtbaren Gestalt nur zu zerstörenden Wirkungen angewandt werden konnte, und hier hat ihre Anwendung wohl den höchsten Grad von Vollkommenheit erreicht.

So vortheilhaft es nun auch für die Wirkung des Geschüzes ist, wenn diese Zeitdauer des Verbrennens oder der Pulverexplosion so klein als möglich ist, damit eine desto größere Masse des entbundenen und im engen Raume zusammengedrängten Gases, erhöht durch die vorhandene Hize, einen raschen Stoß hervorbringe, und so der Kugel, ehe sie noch den Lauf verläßt, die größtmöglichste Geschwindigkeit mittheile: eben so nüzlich kann es zu andern Zwecken seyn, wo eine kraftvolle, aber doch langsamere Bewegung erfodert wird, die Pulverexplosion zu verzögern, die Entbindung des Gases also nach und nach zu bewirken und die ausdehnenden Kräfte desselben nach Erforderniß zu entwickeln und zu gebrauchen. Ich nenne daher diese Modification der Kraft des Schießpulvers, zur Unterscheidung von ersterer:

Die successiv oder stufenweise wirkende Pulverkraft.

Diese langsamere, aber leicht bis zu jedem Grade der Stärke zu steigernde Kraftentwickelung wird dadurch erzeugt, daß man einen ohnehin langsam brennenden, aber dennoch ein gleiches Maaß des Gases liefernden Pulversaz in einer Röhre dicht zusammendrängt. Zündet man eine solche Röhre an einem Ende an, so kann die brennende Oberfläche nur nach und nach zersezt werden, während die Entzündung dieselbe |66| Pulvermasse in lockerer Gestalt in einem Augenblicke durchdringen würde.

Geschieht die langsame Zersezung einer solchen Röhrenpatrone in einem pneumatisch verschlossenen Raume, so wird sich das Pulvergas nach und nach daselbst anhäufen, – comprimiren, – und nach dem Maaße des angewandten Pulvers einen immer heftigern Druck auf die Wände des Gefäßes äußern. Ist dieses Gefäß z.B. ein hohler Cylinder, dessen eines Ende bis dicht über der am andern Ende luftdicht eingesezten Röhrenpatrone mit dem Stiefel einer Pumpe verschlossen wäre, so wird das nach und nach sich entbindende Gas den Stiefel langsam, aber mit mächtiger Kraft heraustreiben, wenn er auch mit einem schweren, jedoch mit dem Maaße des Pulvers und der Stärke des Cylinders in Verhältniß stehenden Gewicht beschwert wäre.

Man hat, soviel ich weiß, diese so erzeugte langsamere, sich aber höchst mächtig steigernde Kraft noch nie zur Bewegung von Maschinen angewandt, ob man gleich solche sogenannte faule Pulversäze häufig zur bloßen Erhaltung oder langsamen Fortpflanzung des Feuers benuzt; Beispiele sind Raketen, Zündlichter u.s.w., welche indessen für obige Zwecke wegen ihrer weniges Gas liefernden und mehreres noch verzehrenden Bestandtheile untauglich seyn würden.

Ehe ich nun die vorteilhafteste Bildung und Anwendung dieser successiven Pulverkraft untersuche, will ich bei dieser Gelegenheit, wo ich die langsame Fortpflanzung des Feuers vermittelst eines Pulversazes berührte, eine darauf gegründete, durch mehrere Versuche bestätigte, und, wie ich glaube, nicht ganz unfruchtbare Angabe einer neuen Waffe darstellen. Ich nenne sie:

Die Feuerlanze.

Fig. 1. der beigefügten Zeichnung zeigt diese Lanze im Durchschnitt.

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Sie besteht aus einem 3 Fuß 4 Zoll langen, nicht allzu starken eisernen Laufe A. Bei b verschließt ihn eine Schwanzschraube, welche nach unten einen starken Hut zur Aufnahme des hölzernen Schaftes c bildet. An der Mündung wird endlich das Bajonet d befestigt.

Die Ladung dieses Laufes würde alsdann auf folgende Art eingerichtet: Zuerst wird ein schwacher Schuß gewöhnliches Schießpulver eingeschüttet, darauf eine nicht völlig passende Kugel geworfen, auf diese Kugel wird etwas zartes Mehlpulver gestreut, welches, indem es die Kugel umgiebt, die Communication mit dem darunter befindlichen Pulver sichert. Nun folgt ein 2 Zoll hoher sehr fauler, aber sicher brennender und reichlich Feuer sprühender Saz mit untermischten Stücken geschmolzenen Zeugs. – Dieser wird mit einem wohlpassenden Ladestock recht fest aufgesezt. Hierauf folgt wieder Kornpulver, die Kugel, dann der faule Saz, und sofort bis oben an. Da der Lauf 3 Fuß 4 Zoll Länge hat und jeder einzelne Saz ungefähr 4 Zoll einnimmt, so würden zehn solcher Säze denselben füllen; weil aber die beiden obersten Kugeln zu wenig Kraft haben, so kann an ihre Stelle bloß geschmolzenes Zeug geladen werden. Der oberste Saz bekommt endlich nach Art der Zündlichter einen kurzen Ludelfaden zum bequemen Anzünden.

Wird die auf diese Art geladene Lanze angezündet, so brennt die Oberfläche fort, sezt das geschmolzene Zeug in Glut, entzündet das die Kugel umgebende Mehlpulver, und der Schuß erfolgt, indem er sowohl die Kugel als auch das im oberen Raume glühende geschmolzene Zeug und die übrigen feurigen Rückstände fortschleudert und umherwirft. Nun beginnt der Prozeß aufs neue, bis sämmtliche acht Kugeln und der ganze Inhalt herausgeworfen sind.

Die Kugeln, ob sie gleich nur locker und ohne Vorschlag auf dem Pulver liegen, erhalten auf diese Weise, nach |68| meinen im Kleinen angestellten Versuchen, fast eine gleiche Gewalt, als bei gewöhnlicher Ladung; denn, indem sie sich sogleich durch die im obern Raum geschmolzenen Massen und Rückstände hindurchdrängen müssen, werden sie der vollen Wirkung des Pulvers ausgesezt.

Diese Feuerlanze würde also die Vortheile mehrerer Gewehre und der Lanze selbst auf eine sehr bequeme Art verbinden. Sie möchte, von Reiterei geführt, wohl vorzüglich dazu dienen, große Massen im entscheidenden Momente aus einander zu sprengen. Eine vorzügliche Wirkung wird sie auch auf die feindliche Reiterei machen, da das Feuer die Pferde zurückschreckt und das anklebende und heftig brennende geschmolzene Zeug sie in völlige Verwirrung bringen würde. Menschen und Thiere scheuen überhaupt nichts mehr, als das Feuer, welches so sichtbar verlezt, vorzüglich da hier die Kugel im Hinterhalte lauert. Eine wohlgeschlossene Linie solcher Feuer und Kugeln sprühenden Lanzen würde im Moment der Action unüberwindlich seyn, und vorzüglich bei nächtlichen Ueberfällen, plözlich hervorbrechend, einen furchtbaren Effect machen. Außerdem gewährt diese Waffe noch den großen Vortheil, daß sie auch bei der ungünstigsten Witterung ihre sichern Dienste leistet.

Vielleicht wäre es auch schon hinreichend, wenn bei den Uhlanen etwa nur der dritte Mann diese Feuerlanze führte, da die Nähe die Sicherheit des Schusses sehr begünstigt und die Uebrigen die dadurch erlangten Vortheile sogleich benuzen könnten. Vielleicht fände sie auch für das Fußvolk eine passende Anwendung, z.B. zur Abhaltung und Deckung gegen Cavallerie u.s.w. Im Nothfall, und um die Ueberraschung zu vermehren, könnte man alsdann auch den gewöhnlichen Musketen diese Ladung geben, nur müßte alsdann Jeder, welcher sie führt, wegen der bedeutenden Erhizung |69| des Laufs an der linken Hand einen starken Lederhandschuh tragen.

Um die Ladung dieser Feuerlanze zu beschleunigen, kann dieselbe wohl ganz, oder doch zum Theil, vermittelst wohlpassender Patronen geschehen; sie würden an beiden Enden durchgestochen oder geöffnet und mit der Vorsicht dicht auf einander geschoben, daß man zwischen jeden Saz etwas mit Oel getränktes und durch einen Zusaz von Kohle gedämpftes Mehlpulver einstampfte. Vorzüglich kann der obere mit dem Ludelfaden versehene Saz, nach Art der Zündlichter, vorräthig gehalten und oben fest eingesezt werden.

Die Lanze selbst würde bei der Reiterei wie gewöhnlich von einem am Sattel befestigten Schuh getragen und oben durch einen Riemen gehalten, und eine kleine lederne Kapsel deckte während des Marsches die Ladung. Da der Schwerpunct der Lanze zu weit nach vorn fällt, und die Führung dadurch ohne besondere Uebung erschwert werden möchte; so könnte man derselben entweder durch einen kurzen, mit einem zum Durchstecken oder Einhaken versehenen Ringe oder Haken, und rechts am Hintertheil des Sattels zu befestigenden Riemen einen passenden Stüzpunct geben, oder man müßte ihr Gleichgewicht durch einen stärkern Schaft, oder durch einen am untern Ende desselben befindlichen starken. Beschlag mit einem Bleieinguß herzustellen suchen. – Wie es mir scheint, so würde erstere Einrichtung nur bei geschlossenen Gliedern vortheilhaft seyn, wo die sichere Direction nach vorn die Hauptsache ist; bei der einzelnen Action wäre hingegen die leztere vorzuziehen. Doch hierüber, sowie über den Gebrauch und die Anwendung dieser Waffe überhaupt, können nur prüfende Versuche im Großen und höhere Kenntniß des Krieges und der Waffenübungen entscheiden, als ich mir anzumaßen wagen darf.

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Grundsäze zur Bereitung der Pulversäze für die successive Wirkung der Pulverkraft.

Es giebt sehr viele Substanzen, welche als Zusäze zum Schießpulver die Explosion desselben verzögern; z.B. Oel, thierischer Leim, Kohle, mehrere Salze, vorzüglich Alaun, u.s.w. Bei ihrer Wahl und Anwendung darf man aber folgende durch Versuche bestätigte Erfahrungen nicht unberücksichtigt lassen:

  • 1) Die Hauptgasart, welche die Wirkung des Pulvers begründet, ist das Sauerstoffgas. Da nun der Salpeter diese Gasart allein liefert, so muß sein Maaß in den anzuwendenden Pulversäzen das größtmögliche seyn, und kann nicht ohne Nachtheil verringert werden.
  • 2) Der Schwefel könnte in solchen Säzen vielleicht ganz wegbleiben, da mehrere Versuche bewiesen, daß er kein merkliches Maaß eines besondern Gases entbindet, und ohnehin in dieser Verbindung mit dem Salpeter jene Säure erzeugt, welche die Metalle zerstörend angreift. – Auf der andern Seite zeigte sich aber der Nachtheil, daß ein Pulver ohne allen Schwefel weniger Gas lieferte, wovon der Grund darin zu liegen scheint, daß sich der leicht schmelzende Schwefel im Moment der Entzündung mit dem Kali des Salpeters verbindet, und dadurch das Gas desselben schneller und vollkommener frei macht. Aber zu diesem Zweck wird schon 0,01 Schwefel hinreichend seyn.
  • 3) Fand ich, daß man alle solche Zusäze vermeiden muß, welche eine zu lebhafte Flamme bilden und deshalb schon wegen der langsamem Zersezung einen großen Theil des Sauerstoffgases verzehren.

Indem ich diese Resultate vielfacher Versuche mittheile, deren nähere Darstellung ich hier übergehen muß, bemerke ich noch, daß die im Folgenden vorkommenden verschiedenen |71| Zwecke auch eine verschiedene Wahl solcher Säze bestimmen, und daß über die Zweckmäßigkeit derselben nur Versuche im Großen entscheiden können, da die Verschiedenheit des Maaßes oft die größten Anomalien erzeugte.

Mechanische Behandlung solcher Pulversäze.

  • 1) Die einzelnen Bestandtheile werden mit bekannter Sorgfalt zu Staubmehl gerieben und, wohl gemischt, mit dem gewählten Bindungsmittel (sey es Oel oder eine wässerige Auflösung) hinlänglich befeuchtet und dann in starke papierne Hülfen nach Art der Zündlichter recht fest geschlagen. Das obere Ende erhält in manchen Fällen, wie die Zündlichter, einen Ludelfaden.
  • 2) Die Größe des Durchmessers einer solchen Röhrenpatrone bestimmt das Maaß des auf einmal zu entbindenden Gases, wie die Länge derselben die Zeitdauer der Wirkung.
  • 3) Soll die Entbindung des Gases unter Wasser geschehen, so würde der angezündete Ludelfaden verlöschen, oder man wäre genöthigt, die Patrone selbst anzuzünden, in welchem Falle man nicht allein viel Gas verlieren, sondern auch die Befestigung derselben oft vergeblich versuchen würde. Ich fand daher in folgender Vorrichtung einen trefflichen Zünder. Man nimmt einen kleinen Federkiel, (z.B. den einer Rabenfeder), füllt ihn mit einer Paste von Mehlpulver, welches wohl mit Oel getränkt und dicht verbunden ist, diesen sezt man an die Stelle des Ludelfadens. Man erhält auf diese Weise den Vortheil einer stets sichern Entzündung, welche jedoch, ehe sie die Patrone selbst ergreift, hinlängliche Zeit zur Befestigung gewährt.

Reinigung des Pulvergases zur Anwendung bei Maschinen.

Wenn Pulver in verschlossenen Gefäßen abgebrannt wird, so bleiben nach der Entbindung seines Gases ungefähr |72| zwei Drittel seiner Masse als Rückstand, welcher die Maschinen sehr verunreinigen und bald unbrauchbar machen würde. Diese Verunreinigung wird vermieden, wenn man obige Röhrenpatrone unter oder wenigstens über Wasser abbrennt, am vollkommensten, wenn das Gas selbst zuvor durch Wasser geleitet wird, ehe es in die Maschine tritt. Das rückständige äzende Kali u.s.w. verbindet sich in diesem Falle mit dem Wasser, und könnte beim Verbrauch großer Maschinen wieder daraus geschieden und zu andern chemischen Präparaten benuzt werden. Es läßt sich auch vermuthen, daß sich bei der wiederholten und fortdauernden Verbrennung im Großen durch den entstehenden hohen Wärmegrad Wasserdämpfe bilden werden, welche die Kraft des Gases selbst noch erhöhen.

Für solche Maschinen, welche leicht gereinigt werden können, und deren jedesmalige Wirksamkeit überhaupt nur für eine kurze Zeitdauer berechnet ist, würde indessen diese vollkommene Reinigung des Gases nicht nöthig, um so weniger rathsam seyn, da damit zugleich die ursprüngliche Erhöhung seiner Elasticität durch die vorhandene Wärme verloren geht. Zur Bildung jener successiven Wirkung ist daher in solchen Fällen die directe Anwendung der Röhrenpatronen vorzuziehen, nicht aber für die weiter unten darzustellende, Jahre lang dauernde Wirkung des abgebrannten Pulvers, wo diese Abkühlung und Reinigung ein Haupterforderniß ist.

Bemerkungen über die Darstellung der zur Benuzung der Pulverkraft nöthigen Maschinen.

Alle den elastischen Kräften des Pulvergases ausgesezte Röhren und Behälter müssen einen hohen Grad von Festigkeit haben; daher sind wir genöthigt, für alle bewegliche |73| Maschinen dieser Art, um sie leichter machen zu können, die zähern, aber auch kostbarern Metalle anzuwenden, während das wohlfeilere Gußeisen wegen seiner Sprödigkeit nur in sehr schweren Massen zu feststehenden Maschinen gebraucht werden kann. Es liegt hierin ein großes Hinderniß für den Gebrauch der Pulverkraft, und es wird mir daher erlaubt seyn, ehe ich zur Anwendung dieser Kraft selbst übergehe, eine Idee über die wohlfeilere und dennoch dauerhaftere Darstellung solcher Maschinen und selbst der Geschüze auszusprechen.

Die Engländer verwandeln bekanntlich ihre gußeisernen Nägel in stabeiserne von solcher Zähigkeit, daß man sie leicht zwischen den Zähnen hin und her biegen kann, ohne sie zu zerbrechen. Ihr Verfahren besteht darin, daß sie dieselben, in einem passenden und vor dem Zutritt der äußern Luft gehörig verwahrten Tiegel mit Blutstein (rothem Glaskopf) eingeschichtet, der Glühhize aussezen. Könnte man nun nicht einen Ofen erbauen, worin man auf ähnliche Art gegossene eiserne Röhren, Geschüze u.s.w. in stabeiserne umwandelte? Dieser Versuch wäre gewiß sehr der Mühe werth, indem für den Staat im Fall des Gelingens die bedeutendsten Vortheile daraus erwachsen würden. Denn

  • 1) würden für den Kostenbetrag eines gewöhnlichen metallenen Kanons fünf bis sechs eiserne geliefert werden können;
  • 2) könnten diese stabeisernen Geschüze bei weitem leichter als die metallenen gemacht werden, und würden dennoch viel dauerhafter seyn und beim Gebrauch nicht so leicht beschädigt werden.

Bemerkungen für die deshalb anzustellenden, gewiß nicht unwichtigen Versuche wären folgende:

  • 1) Würde man sich zu dieser Umwandlung vermuthlich ohne Nachtheil des dichten Rotheisensteins und faserigen Brauneisensteins bedienen können, etwa auch mit untermischtem |74| Sande und Asche. Der dazu angewandte Brauneisenstein würde recht gut wiederholt benuzt werden dürfen, wenn er mit destillirtem Wasser besprengt, an der Luft von Zeit zu Zeit umgerührt, vor dem Gebrauch vollkommen getrocknet und dann durch die Hize von allen Wassertheilen befreiet würde.
  • 2) In allen anzuwendenden Eisenoxiden dürfte kein Schwefelkies und überhaupt keine Spur von Schwefelsäure enthalten seyn.
  • 3) Die Oxyde würde fein gepulvert, die metallenen Röhren und Behälter vollkommen damit angefüllt und von außen genau umgeben; die Güsse selbst aber dürften von keiner zu großen Stärke seyn.

Wenn denn auch die groben Geschüze diese Behandlung nicht gestatteten, so zweifle ich doch nicht, daß das leichtere Feldgeschüz dieser Umwandlung in Stabeisen fähig wäre, wie auch alle andere im Folgenden vorkommende Röhren u.s.w., vorzüglich auch die Flaschen der Wind- und der unten näher zu beschreibenden Gasbüchsen, welche vielleicht durch eine solche wiederholte Behandlung von vorzüglicher Güte und mit den wenigsten Kosten dargestellt werden könnten.

Ideen zur Anwendung der successiven Pulverkraft bei Maschinen.

Das Hebezeug.

Diese einfache und gewiß höchst kräftig wirkende Maschine wird sogleich die Anwendung dieser sich steigernden Pulverkraft in ein helleres Licht sezen.

Fig. 2. zeigt diese Vorrichtung im Durchschnitt.

In einer metallenen Röhre a bewegt sich der stark belederte Stiefel c wohlschließend auf und nieder.

Die starke eiserne Pumpenstange e ist viereckig, und |75| auf zwei entgegengesehen Seiten so gezähnt, daß die beiden Hemmungen dd, indem sie, mit Druckfedern versehen, in die Zähne derselben eingreifen, nur die Bewegung des Stiefels aufwärts, aber nicht herab gestatten.

Die Gabel k gewährt der Last einen sichern Stüzpunct.

Der angegossene Hals b dient dazu, um die für das Hebezeug berechnete Patrone aufzunehmen und das entbundene Gas durch den Kanal g unter den Stiefel zu leiten.

Die Röhrenpatrone wird vermittelst der starken Metallschraube g luftdicht eingebracht. Diese Schraube hat zu dem Ende entweder unten einen Stift, um die Patrone darauf zu stecken, oder ist nach dem Caliber derselben passend ausgehöhlt, um sie hinein zu befestigen. Der Kopf dieser Schraube bildet einen bequemen Handgriff, und ist an seinem untern Rande mit einer Lederscheibe versehen, damit er beim Einschrauben luftdicht schließt.

Nachdem nun beim Gebrauch der Stiefel c niedergedrückt, die Last nach Erforderniß in horizontaler oder senkrechter Richtung mit der Gabel k in Verbindung gebracht ist, wird die Patrone in der Höhlung der Kopfschraube befestigt, vermittelst des Federkielzünders angezündet, und sogleich in den Hals b fest eingeschraubt, wozu dieser Zünder hinlängliche Zeit gestattet, ehe die Patrone selbst anbrennt. So wie nun die Zersezung beginnt, häuft sich das Pulvergas in dem untern Raume, bis seine Elasticität der Last übermächtig wird; jezt hebt es den Stiefel mit einer stetigen und höchst mächtigen Kraft, bis seine untere Fläche die Oeffnung m des Rohres erreicht hat; hier entweicht das Gas nach außen und die Hemmungen dd sichern die Last vor dem Zurücksinken.

In den Kanal g kann zuvor etwas Wasser gegossen werden, so wird das Gas, indem es sich darüber entbindet, |76| seine gröbsten Unreinigkeiten darin absezen, und der geschmeidige Gang des Stiefels gesichert seyn.

Ein einziger Mensch wird also durch dieses Instrument in Stand gesezt, eine größere Last mit Sicherheit und Bequemlichkeit zu heben, als viele Menschenhände mit sehr zusammengesezten Maschinen vermögen, und zwei solcher Instrumente würden, in Verbindung abwechselnd, jede mögliche Anwendung gestatten.

Ueberhaupt kann dieses Instrument auch dazu dienen, um genauere Versuche über die Elasticität des Pulvergases zu veranstalten, und so für die Verhältnisse dieser Kraft sichere Resultate aufzufinden. Die bekannten und höchst denkwürdigen Versuche des Grafen Rumford, nach welchen er schon mit 18 Gr. Pulver 8081 Pfund hob, können hingegen hier keinen Maaßstab gewähren, indem sie, auf eine sowohl von dieser, als auch der gewöhnlichen Behandlung des Pulvers völlig verschiedene Weise veranstaltet wurden; schon die ungewöhnliche Art der Entzündung, wobei der kleine dazu benuzte Mörser beinahe bis zum Glühen erhizt wurde, mußte ganz ungewöhnliche Resultate liefern.

Sorgfältige im Großen mit diesem Instrumente angestellte Versuche werden aber wenigstens über die für die praktische Anwendung so wichtigen Grundkräfte des Pulvers sichere Bestimmungen geben.

Der Linienbrecher.

Ohne einstweilen die der Ausführung folgender Angabe etwa im Wege liegenden Hindernisse weiter zu berücksichtigen, benuze ich dieselbe nur, um die Möglichkeit einer Fortbewegung durch die successive Pulverkraft anschaulich zu machen, deren Anwendung in vielen Fällen höchst nüzlich werden könnte.

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In den gegenwärtigen Kriegen, wo fast alles darauf ankommt, mit unaufhaltsamer Macht große Massen zu durchbrechen, könnten Fälle eintreten, wo es vielleicht vortheilhaft wäre, statt der Kugel das Geschüz selbst gegen den Feind zu bewegen, und dadurch eine umfassendere Zerstörung zu bewirken. Die Bewegung müßte freilich durch eine innere unaufhaltsame und mit überraschender Schnelligkeit wirkende Kraft geschehen. Diese Kraft liefert nun die bei dem Hebezeug angegebene Vorrichtung, und Fig. 4. zeigt dieselbe im Durchschnitt von unten betrachtet.

Wenn man nämlich den Stiefel eines längeren horizontal liegenden Rohrs a oben mit einem Kreuzbalken versähe, dessen Enden sich längs des Rohrs herabneigten und zu beiden Seiten die gezähnten Stangen gg bildeten; wenn die Zähne dieser Stangen die starken Getriebe hh und somit ihre Räder ii und diese endlich vermittelst der Getriebe kk die an die äußersten viereckigen Zapfen ll anzusteckenden und zu diesem Zweck besonders eingerichteten Wagenräder in Bewegung sezten: so würde diese Idee realisirt seyn.

Diese beiden äußern Triebräder erhielten nämlich an ihrer Peripherie starke, keilförmige, eiserne Spizen zum Eingriff in den Boden, um daselbst gegen die innere Kreisbewegung einen hinreichenden Stüzpunct zu finden. Sie würden erst im Augenblick des Gebrauchs an die äußerste viereckige Achse l gesteckt und befestigt, während des Transportes würde aber die Maschine auf vier gewöhnlichen Rädern gefahren, wovon die beiden hintern auch beim Gebrauch beiblieben.

Soll nun der Linienbrecher durch seine eigne innere Kraft in Bewegung gesezt werden, so würde, wie beim Hebezeug, die dafür berechnete Röhrenpatrone eingeschraubt. Das sich comprimirende Gas treibt sogleich den Stiefel c aufwärts, die gezähnten Stangen desselben greifen in ihre Getriebe und treiben sie mit den Rädern um, bis der Stiefel die |78| Oeffnung m des Rohrs frei macht und das Gas nach außen entweichen kann.

Zur erneuerten Bewegung würde die Stange durch eine Vorrichtung aus den Zähnen der Getriebe gehoben und dann zurückgewunden.

Der Weg, welchen die Maschine auf einmal, durch ihre innere Kraft getrieben, durch ihre innere Kraft getrieben, durchlaufen würde, wäre = dem Producte aus der Länge der Peripherie des äußern Triebrades in die Anzahl seiner Umläufe.

Gesezt also:

das Rohr sey 9 Fuß lang; jede Stange erhielte 108 Zähne (von 3 Zoll Breite und 1/2 Zoll Stärke); die Getriebe hh 12 Stöcke und ihre an derselben Axe befindlichen Räder ii 72 Zähne; die Getriebe kk der äußern Triebräder 12 Stöcke; und die Peripherie dieser äußern Wagenräder sey 20 Fuß: so würde die Maschine 1080 rheinl. Fuß durchlaufen.

Der Wagen selbst müßte eine dauerhafte und wohlgeschüzte Structur erhalten, seine übrige Einrichtung könnte dann ungefähr folgende seyn: Vorn erhielte er an jeder Seite etwa ein langes sensenförmiges Schwert. Die Vorderwand zeigte die breite Mündung eines nach Art der sogenannten Musquetons platt gedrückten und daher weit umherstreuenden leichten Mörsers, welcher mit vielen Gewehrkugeln geladen würde. Auf der obern Decke könnten dann mehrere, strahlförmig befestigte und nach Art der obigen Feuerlanzen eingerichtete Röhren angebracht werden, u.s.w.

Die Geschwindigkeit des Laufes müßte eine solche Berechnung erhalten, daß sie der der angreifenden Cavallerie gleich käme; so würde ihr der an ihrer Spize einbrechende Linienbrecher mit unaufhaltsamer Macht den Weg bahnen. Seine große Schnelligkeit sicherte ihn zugleich vor dem feindlichen groben Geschüz.

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Er könnte freilich nur in der Ebene, oder auf einer geneigten, oder doch nur wenig steigenden Fläche gebraucht werden; aber bei der Wahl des Terrains würde er vielleicht zur Deckung wichtiger Posten dienen können, worüber ich, wie überhaupt über die Möglichkeit seiner Anwendung, nichts zu bestimmen wage.

Ob ich nun gleich glaube, daß die Zwecke dieses Linienbrechers auf eine weit einfachere und bequemere Weise durch die oben angegebene Feuerlanze erreicht werden können, so habe ich ihn doch um so lieber hier anführen wollen, da er die Idee einer möglichen Fortbewegung durch Pulvergas einleuchtend macht. Diese kann aber in allen solchen Fällen sehr nüzlich werden, wo man augenblicklich und mit mächtiger Kraft ohne Menschenhände wirken will. So könnte man dadurch z.B. in den Schiffen die Pumpenwerke augenblicklich in Bewegung sezen; man könnte die Fähren nach Art der neuern Dampfböthe mit geringen Kosten und einem einzigen Aufseher durch eine für die Breite des Stromes berechnete Patrone führen lassen; u.s.w.

Um diese Bewegung auch für größere Entfernungen fortdauernd zu machen, dürfte der Gascylinder nur eine solche Einrichtung erhalten, daß abwechselnd über und unter dem Stiefel eine Patrone abgebrannt würde. Uebrigens läßt sich dieses Bewegungsmittel auch ganz nach Art der Dampfmaschinen einrichten, welches ich weiter unten nochmals erwähnen werde.

Die fortdauernde und bestehende Pulverkraft.

Wird Pulver in einem luftdicht verschlossenen Gefäße abgebrannt, und das entbundene Gas desselben kann auf keine Weise entweichen, so wirkt seine Elasticität fortdauernd aufs heftigste gegen die Wände des Gefäßes und die Zeit |80| vermindert diese Wirkung nicht. Diese, noch nach Jahren wirksame Kraft des abgebrannten Pulvers beruht also auf der Compression und dauernden Elasticität des Gases.

Compression des Pulvergases.

Wenn man eine Röhrenpatrone von 100 Gr. Schießpulver in einem verschlossenen festen Gefäß von 10 Cubikzoll Raum abbrennt, so wird das Gas darin ungefähr ums Zehnfache verdichtet seyn, indem die elastischen Flüssigkeiten dieses Pulvermaaßes im freien Zustande nach dem oben angenommenen Verhältniß 100 Cubikzoll Raum einnehmen würden. Bei gehöriger Behandlung gestattet das Pulvergas nun wirklich dieselbe Compression, wie das atmosphärische in der Flasche der Windbüchse; ja es kann, aus einleuchtenden Gründen, ohne Gefahr und auf eine weit bequemere Weise, selbst bis zu höhern Graden verdichtet werden. Man sieht aber leicht ein, daß es zu diesem Zweck gereinigt und vor der Compression durch Wasser geleitet und abgelöscht werden muß. Ersteres ist nöthig, weil der Pulverschleim die den Rücktritt verhindernden Ventile des Behälters sehr bald ungangbar machen würde; und lezteres, weil die im Moment der Explosion vorhandene Wärme das Gasvolum um das Vier- bis Fünffache vermehrt, welche Ausdehnung aber sogleich nach dem Verluste der Wärme wieder verloren geht, und daher keinen Nuzen, sondern nur Gefahr bringen würde. Wollte man z.B. in einer 20 Cubikzoll haltenden Windbüchsen-Flasche, welche vermöge ihrer Stärke nur eine zehnfache Gascompression gestattete, die zu dieser zehnfachen Compression bleibenden Gases nöthigen 200 Gr. Pulver direct abbrennen, so würde während der Explosion das Gas mit einem fünfzigfachen Drucke auf die Wände der Flasche wirken, und diese dadurch unstreitig zertrümmert werden, obgleich |81| nach wenig Augenblicken dieser fünfzigfache Druck in den bestehenden zehnfachen zurücksinken würde.

Instrument zur Compression des Pulvergases.

Nach mehrfachen Versuchen gelang es mir, endlich eine Vorrichtung auszuführen, welche für diese Art der Gascompression alle nöthigen Erfordernisse mit Sicherheit und Bequemlichkeit verbindet.

Fig. 3. zeigt diese meine Vorrichtung im Durchschnitt. A ist ein flacher rings verschlossener Cylinder von 2 Zoll Höhe und 4 1/2 Zoll Durchmesser, von Stabeisen oder starkem Kupfer. Er hat an seinem Umfang bei h und d zwei Oeffnungen: die erstere h ist mit einer weiblichen Schraube versehen zur Aufnahme der eisernen Röhre B; die zweite Oeffnung d hat nach außen hin eine männliche Schraube, um den Gasbehälter, z.B. die Flasche einer Windbüchse, darauf luftdicht festschrauben zu können.

Wenn diese starke eiserne Röhre B bis an ihren mit einigen untergelegten Lederscheiben versehenen Ansaz h in den Compressionscylinder A eingeschraubt ist, so reicht sie beinahe bis zum entgegengesezten Ende desselben und öffnet sich daselbst am Boden bei c in der Entfernung von einem Viertelzoll; am obern Ende aber nimmt sie die Patronenschraube f auf, welche dieselbe Einrichtung wie bei dem Hebezeug hat.

Gebrauch dieses Compressionsinstrumentes.

Wollte man nun das Pulvergas in irgend einem Behälter, z.B. in der Flasche einer Windbüchse, comprimiren, so wäre das Verfahren folgendes:

  • 1) Man füllt den Cylinder A ungefähr bis nn mit Wasser und schraubt die Röhre B fest bis zum Ansaz h ein;
  • 2) schraubt man die Flasche E mit untergelegten Lederscheiben auf die hervorragende Schraube d, so daß sie völlig luftdicht schließt;
  • 3) befestigt man in der Patronenschraube f die für den verlangten Grad der Compression und die Stärke der Flasche berechnete Röhrenpatrone, zündet sie vermittelst des Federkielzünders an, und schraubt sie sogleich in die obere Oeffnung der Röhre B bei g fest ein.

Indem nun die Entzündung in der Patrone weiter greift und das Gas derselben entbindet, entweicht es durch das Wasser, und sammelt sich im Raum xx; hier findet es aber keinen andern Ausweg als durch die Oeffnung d. Seine elastische Kraft öffnet daher das Ventil der hier aufgeschraubten Flasche, und auf diese Weise wird es fortwährend darin zusammengedrängt, bis die Zersezung der Patrone vollendet ist. Am Ende des Prozesses, nach Verlöschung des Feuers, entsteht in der Röhre B ein luftleerer Raum, und das Wasser wird durch den kleinen Rest des Gases im Raum xx mit großer Gewalt dahin zurückgepreßt; man schraubt daher zuerst die Flasche ab, wodurch das Gleichgewicht hergestellt wird.

Das in der Flasche comprimirte Gas ist bei diesem Verfahren fast vollkommen gereinigt, indem das Wasser alle Pulverrückstände aufgenommen hat. Da es abgelöscht und kühl in die Flasche tritt und also späterhin durch die entschwindende Wärme keinen bedeutenden Verlust mehr erleidet, so kann es ohne Gefahr selbst bis zu den höchsten Graden comprimirt werden. Diese Compression des Pulvergases bietet zugleich den Vortheil dar, daß sie ohne alle körperliche Anstrengung innerhalb einiger Minuten geschieht, während die des atmosphärischen Gases sehr mühevoll und langsam von Statten geht. Es ist sogar zu erwarten, daß erstere gefahrloser bis zu höhern Graden gesteigert werden kann, indem |83| dabei jene gefährliche pneumatische Entzündung nicht zu befürchten ist, wodurch, nach meinen Versuchen und Erfahrungen, die so manches Unglück bereitende Zersprengung der Windbüchsen-Flaschen ohne Zweifel erzeugt wird. Wenn nämlich, wie so häufig der Fall ist, das Ventilgehäufe einer Flasche sehr verschleimt ist, daß es sich ohnehin schwer öffnet, so wird diese Oeffnung bei den höhern Graden der Compression so sehr erschwert, daß bei einem raschen Stoß der Compressionspumpe zwischen dem Stiefel der Pumpe und dem Ventil, nach Art der pneumatischen Feuerzeuge, eine Entzündung erfolgt, welche die durch das Pumpen erzeugten feinen Oeldämpfe ergreift, das Ventil mit Gewalt aufschlägt, sich in das Innere der Flasche verbreitet, und die comprimirte Luft plözlich in einem so hohen Grade ausdehnt, daß sie die Wände des Gefäßes mit furchtbarer Gewalt zerschmettert. Der nach meiner eignen Erfahrung bei einer solchen Explosion sehr merkliche brenzliche Geruch und mehrere von mir veranstaltete Versuche bestätigen dieses vollkommen und rathen die Reinhaltung der Ventilgehäuse als das erste Erforderniß zur Sicherheit beim Gebrauche der Windbüchse.

Anwendung des comprimirten Pulvergases zum Schießen.

Da das nach obiger Angabe comprimirte Pulvergas durch die Zeit nichts von seiner Wirkung verliert, so kann es vollkommen wie das atmosphärische zum Schießen gebraucht werden. Ich bediente mich häufig dieses Gases bei einer gewöhnlichen Windbüchse, und habe immer, ungeachtet einer schwachen Flasche, welcher ich kaum neunfache Compression zutrauen durfte, die beste Wirkung gefunden.

Vielleicht könnte man nun bei weiterer Ausbildung dieser Angabe das Schießen mit Pulvergas auch bei der Armee in |84| Anwendung bringen; denn ein sehr schnell wiederholtes, durch keine Witterung verhindertes Schießen ohne Knall muß in vielen Fällen höchst vortheilhaft seyn. Ein ähnliches Corps bildeten die allgemein gefürchteten Tyroler Windbüchsen-Schüzen; ich kenne indeß die Gründe nicht, warum ihr Beispiel keine weitern Nachfolger hatte, vermuthlich lagen sie aber darin, daß ihre Gewehre theils zu kostbar bei der Construction, theils zu mühevoll und gefährlich beim Gebrauch waren.

Ersteres Hinderniß würde sogleich wegfallen, wenn, (wie ich mit vieler Zuversicht erwarte), der oben angegebene Versuch sich bestätigte: gußeiserne Flaschen in stabeiserne von vorzüglicher Zähigkeit zu verwandeln, da dabei die gefährlichen und schwer zu befestigenden Löthungen wegfielen. Lezteres Hinderniß würde aber beim Gebrauch des Pulvergases von selbst beseitigt seyn.

Uebrigens ist die Einrichtung jener Tyroler Büchsen ganz vorzüglich, und müßte im Ganzen beibehalten werden. So viel ich weiß, trägt jeder Schüze zwei zu der Büchse gehörige Flaschen, nebst einer Compressionspumpe. Ein kleiner Nebenlauf enthält sechzehn Kugeln, und hat die Einrichtung, daß er vermittelst des Drucks einer Feder sogleich die abgeschossene durch eine neue Ladung ersezt.

Bei der Anwendung des Pulvergases zeigen sich nun folgende Vorzüge.

  • 1) Würde der Apparat vereinfacht, der Schüze trüge nur Eine Flasche und statt der zweiten und der Compressionspumpe jenes mit einem Träger zum Umhängen versehene Compressionsinstrument, wie mm Fig. 4. zeigt.
  • 2) Wäre er des mühevollen, viele Zeit erfordernden, und während der Action nicht wohl möglichen Anpumpens der Flaschen überhoben. Sind die im Nebenlauf befindlichen Kugeln verschossen, so schraubt er die Flasche auf das Compressionsinstrument, |85| sezt eine Patrone ein, und die neue Füllung der Flasche wäre innerhalb einer Minute geschehen. Er schraubt die Flasche sogleich wieder an die Büchse, läßt die, in einer Blechröhre befindlichen sechzehn Kugeln in den Nebenlauf laufen, und er ist zu sechzehn neuen Schüssen bereit. Es leuchtet ein, daß er auf diese Art in einer bei weitem kleinern Zeitdauer eine viel größere Anzahl von Schüssen thun kann, und dabei nie in die Verlegenheit kommt, ohne Ladung zu seyn, so lange er noch vorräthige Patronen hat.

Ich habe mehrmals die Zeitdauer bemerkt, worin ich mit einer Tyroler Windbüchse sechzehn Kugeln ziemlich sicher in ein Ziel schießen konnte; sie betrug 1 1/2 Minute. Da nun die neue Füllung der Flasche mit Pulvergas höchstens eben so viel Zeit wegnimmt, so läßt sich leicht die große Anzahl der Schüsse berechnen, welche dieses Gewehr möglich macht. Solltest daher der Anwendung im Großen nicht andere mir unbekannte Hindernisse im Wege liegen, so würde uns in dieser Vorrichtung eine der furchtbarsten Waffen gegeben seyn, die selbst beim stärksten Regen, ohne Geräusch zu machen, vorzüglich bei nächtlichen Ueberfällen, Aufhebung der Vorposten u.s.w., treffliche Dienste leisten würde.

Sollte es noch gelingen, (wozu ich jezt viel Hoffnung habe), wohlfeile und doch sehr gasreiche Zusäze aufzufinden, deren elastische Flüssigkeiten das langsam verbrennende Pulver entwickelte; so würde es wirklich höchst interessant seyn, das comprimirte Gas auch in Hinsicht seiner Anwendung auf das Geschüz durch Versuche zu prüfen. Zu diesem Zweck müßten die Geschüze ein längeres Rohr und kleineres Caliber haben. Das Rohr selbst könnte sehr leicht gearbeitet seyn. Unter demselben würde ein anderes starkes, rings verschlossenes Rohr als Gasbehälter mit dem Ventile liegen, und die Vorrichtung zur Compression des Gases durch ein zweites Ventilgehäuse |86| sogleich an den Gasbehälter befestigt. Ein Feuerwerker besorgte dann fortwährend die Compression des Gases, während der andere abfeuerte. Die Ladung könnte durch eine ähnliche Vorrichtung wie bei der Windbüchse geschehen, und würde auf diese Art vielfache Vortheile darbieten. Wenn dann auch solche Gasgeschüze nicht die volle Wirkung der mit gewöhnlicher Ladung gestatteten, so würden sie doch in vielen Fällen eben die ausgezeichneten Dienste leisten, welche ich bei den Gasbüchsen angeführt habe.

Anwendung der expandirenden Kräfte des comprimirten Pulvergases zur fortdauernden Bewegung von Maschinen.

Es leuchtet ein, daß die Pulverkraft bei dieser Behandlungsweise auch im Fabrikwesen u.s.w. zur Bewegung der mannichfaltigsten Maschinen hülfreiche Dienste leisten kann. Die dazu nöthige Vorrichtung wäre im Ganzen den Dampfmaschinen ähnlich, würde aber bei wohlvorbereiteter und passend geleiteter Compression des Gases bei weitem einfacher dargestellt werden können. Man würde dadurch vorzüglich an Orten, wo das ohnehin täglich kostbarere Feuermaterial mangelt, wohlfeiler und mit geringerer Bedienung alle Arten von Mühlen, Pumpenwerken u.s.w. von jedem Maaßstabe in eine höchst kräftige Bewegung sezen können; vorzüglich, wenn es unserm Streben gelingt, den Salpeter im Staate selbst, wohlfeiler und häufiger zu bereiten, welcher ja schon jezt, als unser erstes Vertheidigungsmittel, unsre größte Aufmerksamkeit verdienen sollte, geschweige, wenn er auch für den technischen Erwerb des Staates eine so treffliche Hülfsquelle darbietet. Das Maaß des Gases erhöhende wohlfeilere Zusäze, und selbst die, bei der hier fortdauernden Compression expandirten Wasserdämpfe werden die Ausführung |87| erleichtern, und die Rückstände selbst könnten dann zu andern chemischen Präparaten benuzt werden.

Es würde mich hier zu weit führen, wenn ich einige für diesen Zweck modellirte Verrichtungen, (worunter ich noch einen sehr leicht ausführbaren Apparat zum Wasserspringen, welcher vielleicht als Feuersprize höchst mächtig wirken möchte, bemerke), näher darstellen wollte, da ohnehin der Verfolg und die mögliche Erweiterung dieser gewiß nicht unfruchtbaren Idee kostbarere Versuche und höhere Kräfte erfordern, als mir zu Gebote stehen. Ich schließe daher diese Abhandlung mit dem innigen Wunsche, daß diese Darstellung der Resultate meiner vielfältigen, zum Theil gefahrvollen Versuche wenigstens hinreichen möge, ein höheres Interesse für diese wundervollen Kräfte zu erwecken, in deren dunkelm Schooße unser Unglück, aber vielleicht auch ein Theil unsers Glückes noch ruht.

Deutscher Gewerbsfreund. 4ter Band.

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