Titel: v. Kurrer und Dingler über das Bleichen vegetabilischer Stoffe mittelst Chlorine.
Autor: Kurrer, Wilhelm Heinrich
Eschenbach, Christian Gotthold
Goettling, I. F. A.
Gehlen, Adolph Ferdinand
Fundstelle: 1820, Band 3, Nr. LV. (S. 394–407)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj003/ar003055

LV. Ueber das Bleichen vegetabilischer Stoffe mittelst der liquiden oxydirten Salzsäure (Chlorine) von W. H. v. Kurrer, nebst Beschreibung eines hiezu erforderlichen Apparats zur Entwickelung der Chlorine vom Herausgeber.

Mit Abbildungen auf Tab. XVII.

Einleitung.

Unter Bleichen versteht man die Kunst, vegetabilische Gewebe und andere Stoffe, welche aus dem Schoße der Erde kommen, zu entfärben, und ihnen ihre eigenthümliche Farbe |395| zu nehmen, so daß sie dem Auge völlig weiß erscheinen, und das Licht der Sonne unentmischt (Farbenlos) reflektiren.

Die Bleichkunst, welche schon von den ältesten Nationen mit alkalischen Salzen und Thonverbindungen; und durch Auslegen auf den Rasen betrieben wurde, blieb bis zur Entdeckung und Anwendung der Chlorine ein empyrisch-mechanisches, und fast ganz wissenschaftslosen Menschen überlassenes Geschäft. Es ist Berthollet' s folgenreiche Entdeckung, mit der oxydirten Salzsäure vegetabilische Substanzen jeder Gattung schnell und schön weiß zu bleichen; wodurch jene Operation zu einem Zweige technischer Wissenschaft emporgehoben wurde; indem sie scharfsinnige Chemiker und forschende Künstler veranlaßte, sich mit rastlosem Eifer dem Bleichgeschäfte zu unterziehen.

Bald verbreitete sich Berthollet's Entdeckung durch alle Theile von Europa, und es entstanden nun, vorzüglich in Frankreich und Großbrittanien, Bleichetablissements nach dieser neuen Methode, mit mehr oder weniger glücklichem Erfolg. Wo unterrichtete Männer die Sache leiteten, da ließen die Resultate nichts zu wünschen übrig. Auch in Deutschland säumte man nicht das Berthollet'sche Verfahren sogleich nach desselben Bekanntwerdung einzuführen, und man suchte es möglichst zu vervollkommnen.

Da man einmal mit der bleichenden Wirkung der liquiden Chlorine vertraut war, so war auch die Bahn zu andern Versuchen gebrochen, und es gelang dem Bestreben sachkundiger Männer die Verbindungen der Chlorine mit andern Substraten als brauchbar für jenes Geschäft zu substituiren. So entstand die Tennantsche Bleichmethode mittelst Chlorinkalk, und das Verfahren der Bleicher zu Javelle durch Chlorinkali; nicht zu gedenken der Verbindungen mit andern Erden und Kalien, welche allesammt mehr oder weniger bleichende Kraft besizen. Von Born und Westrumb |396| bewiesen die Möglichkeit, mittelst der Chlorindämpfe zu bleichen; es wird jedoch dieses Verfahren seiner Unzulänglichkeit und der Gefahr für die Gesundheit wegen, wohl nie Aufnahme finden125).

Einige Jahre nach Berthollet's Entdeckung machte Chaptal eine andere, mit verjährten Vorurtheilen streitende, nämlich die in verschlossenen Räumen mit äzend-alkalischen Wasserdämpfen alle Pflanzenfasern mit erstaunender Schnelligkeit und einem auffallend guten Erfolge zu bleichen.

Nicht lange darauf lehrte der Irländer Higgins die geschwefelte Kalkerde, statt der Pottasche oder des Natrons, beim Bleichen vegetabilischer Gewebe benuzen.

Diese schnell sich an einander reihenden Entdeckungen hatten die Folge, daß Männer von Talent sich mit der Vereinfachung der verschiedenen Verfahrungsarten, so wie mit der Construktion der hiezu nöthigen zweckmäsigen Apparate beschäftigten. Pajor de Charmes, Fourcroy, Decroizilles, Tennant, Tenner, Rupp, O'Neilly, v. Born, Westrumb, Hermbstädt, und in neuerer Zeit mehrere technische Chemiker, haben sich ausgezeichnete Verdienste um die Bleichkunst erworben, und sie zu dem Grade der Höhe gebracht, auf welchem wir sie gegenwärtig erblicken.

So viel auch gegen das Bleichen mittelst liquider Chlorine geschrieben und gesagt worden ist, so haben doch zahlreiche |397| Versuche im Großen bewiesen, daß dieses Verfahren, verbunden mit gehöriger Kenntniß und streng beobachteter Ordnung in Leitung desselben, immer einen großen Werth behaupte.

Wir wollen nun den geehrten Lesern dieses Journals die Bedingungen angeben, unter welchen dieses Verfahren allemal von einem günstigen Resultat begleitet wird.

Um aber die Sache in ein Helles Licht zu sezen, ist es nöthig den ganzen Bleichprozeß von der ersten Operation bis zu der lezten in ihrer Stufenfolge zu beschreiben.

A. Fermentations-Prozeß.

Wie bei allen Methoden zu bleichen, so ist auch bei dem Bleichen mittelst der liquiden Chlorine die gehörige Fermentation sehr wichtig für die Förderung des Bleichprozesses; wovon man den Grund im 3ten Bande dieses Journals S. 203 etc. findet. Die mittelst Chlorine zu bleichende vegetabilische Gespinnste oder Gewebe werden mit lauem Wasser eingesezt, und bleiben bei einer angemessenen Temperatur so lange stehen, bis der Prozeß der sauren Gährung eingetreten jst, welchen man durch Uebung leicht erkennt, oder auch durch Lakmuspapier auf die Bildung freier Säure prüfen kann.

Ist diese Gährung regelmäsig erfolgt, so wird die Flüssigkeit durch das an dem Einweichgefäße angebrachte Spundloch abgelassen, dieses sodann wieder geschlossen, und nun das Gefäß mit frischen lauem Wasser angefüllt, so daß die Flüssigkeit einige Zoll über der Waare steht. So vorgerichtet, läßt man das Ganze ruhig stehen, bis die zweite Gährung den Grad der vorhergegangenen erreicht hat.

Jezt wird nach dem Ablassen der sauern Flüssigkeit die Waare herausgenommen, am Fluße oder Bache gut ausgewaschen, zweimal gewalkt, noch einmal ausgewaschen, und hierauf zur ersten alkalischen Lauge vorgerichtet.

|398|

In vielen Bleichanstalten herrscht immer noch der üble, auch von Westrumb in seiner neuesten Schrift nicht gerügte Gebrauch, beim Einweichen der Waare alte, schon gebrauchte, kalische Lauge, statt reinen Wassers, anzuwenden; ein höchst zweckwidriges und schädliches Verfahren, welches nicht nur den Fermentationsprozeß verhindert, sondern auch die darauf folgende Bleichgänge erschwert, und das Bleichen in die Länge zieht. Der Zweck des Einweichens besteht in der Auflösung des vegetabilischen Gluten oder Eiweißstoffs, welcher anders nicht als durch essigartige Säure bewirkt werden kann, dagegen kalische Salze gar keine auflösende Wirkung äußern. Bei dem Bleichen mit der oxydirten Salzsäure können wir diese Bedingung nicht genug empfehlen.

B. Erste kalische Lauge.

Die erste kaustisch kalische Lauge für 300 Stück sogenannter Callicos 5/4 Breite und 37 brabanter Ellen Länge, muß von schwachem Kaligehalt seyn. Man bereite sich demnach eine kaustische Lauge aus 25 Pfund guter Pottasche und 5 Pfund guten, frisch gebrannten Kalk, zapfe die klare Lauge ab, und fülle die Laugenständer wieder mit frischem Flußwasser an. Nachdem sich der Kalkbrei gesezt hat, wird diese zweite Auslaugung zur ersteen abgelassen. Man schichtet nun die vorgerichtete und aufgefachte Waare in den Laugenapparat, welcher S. 1 u. f. in diesem Journale beschrieben, und auf Tab. XVII. abgebildet worden, bringt die Lauge mit hinreichendem Wasser hinzu, schließt den Deckel, giebt Feuer unter den Kessel, und läßt die Waare 12–14 Stunden hindurch kochen; worauf sie eben so lange nach aufgehörter Feuerung in der Kufe liegen bleibt, ehe die Flüssigkeit abgelassen wird. In Ermangelung eines solchen Laugenapparats, bedient man sich der gewöhnlichen Laugenkessel, nur daß in diesem Falle das Kochen einige Stunden länger |399| fortgesezt werden muß. Uebrigens ist der Vorzug des Laugenapparats von dem Gebrauche der Kessel, in Ansehung der Wirkung entschieden.

Nach genauer Erfüllung aller dieser Bedingungen wird die Waare herausgenommen, am Bach oder Fluß gewaschen, recht gut gewalkt, wieder gewaschen und zur zweiten Lauge vorgerichtet.

C. Zweite kalische Lauge.

Diese Lauge von stärkerm kalischen Gehalt als die vorige, bereitet man zu der angenommenen Stückzahl folgendergestalt.

40 Pfund gute Pottasche werden mit 10 Pfund frischgebrannten Kalk und mit einer verhältnißmäsigen Menge Wasser zur kaustisch kalischen Lauge gemacht; sodann wird die Waare in die Kufe eingesezt und 14 Stunden kochend darin erhalten; im übrigen verfährt man eben so, wie bei B gelehrt wurde. Nach diesem zweiten Kochen, Waschen und Walken, ist die Waare für das nachfolgende Chlorin-Bad disponibel.

D. Chlorin (oxydirte Salzsäure.)

Die Chlorine (oxydirte Salzsäure) zur Bleichflüssigkeit wird aus Braunstein und Kochsalz durch Schwefelsäure entwikelt, da, wo die Salzsäure als Nebenprodukt (wo man salzsaures Natron auf schwefelsaures Natron bearbeitet) gewonnen wird, bedient man sich auch der Salzsäure und des Braunsteins. Ueber die quantitative Zusammensezung dieser Substanzen sind die Meinungen verschieden, und fast jede Bleichanstalt beobachtet ein anderes Verhältniß.

Berthollet nimmt 10 Theile gepulverten Braunstein.
20 Schwefelsäure.
27 Kochsalz u. etwas Wasser.
|400|
Westrumb nimmt 2 Pfund Braunstein.
3 Schwefelsäure.
4 Kochsalz.
6 Wasser.
Tenner 1 Braunstein.
2 Schwefelsäure.
2 22 Loth Kochsalz.

In den französischen Bleichanstalten ist das Verhältnis dieses:

30 Theile Braunstein.
60 Schwefelsäure.
30 Kochsalz.
120 Wasser.

Die irländischen Bleichereien vermengen

60 Theile Braunstein.
60 Kochsalz.
50 Schwefelsäure.
50 Wasser

Mehrere deutsche Bleichereien hingegen

20 Theile Braunstein.
64 Kochsalz.
44 Schwefelsäure.
54 Wasser.

Es läßt sich indessen bei den verschiedenen Gattungen Braunstein nicht leicht ein, für alle Bleichinhaber gut geeignetes, quantitatives Entwikelungsverhältniß angeben, indeß haben wir bei Anwendung eines guten Braunstein nachstehendes Verhältniß als das beste und die meiste Chlorine hervorbringende gefunden:

21 Theile Kochsalz.
9 Braunstein.
14 Schwefelsäure.
15 Wasser.
|401|

Bei dieser Mischung verfahre man auf folgende Weise.

Man menge das Kochsalz mit dem gestoßenen Brauns stein gut unter einander, und lasse beides noch einmal stoßen, so daß es sich recht gut mit einander vermische. Nun bringe man diese Zusammensezung in einen Kolben oder Glasballon, worin gewöhnlich die französische Schwefelsäure verhandelt wird, und fülle denselben mit dem angegebenen Quantum an. Hierauf sezt man den Ballon in eine große Sandkapelle oder in einen eisernen Kessel, wie Tab. XVII. Fig. 1. zeigt, welche wir nun beschreiben wollen.

a. Fig. 1. ist ein von gebrannten Steinen verfertigter Ofen, in welchem ein eiserner Kessel d eingemauert sich befindet. b ist das Schürloch und c das Aschenloch. Die Feuerung hat einen Rost; die Feuerspielung wird durch die Zeichnung deutlich angegeben. f stellt einen Glaskolben oder Ballon vor, der mit trocknem Sand umschüttet ist. In der Mitte des Ballons senkt sich eine Glasröhre gg bis auf den Boden desselben. Mit dem Ballon verbindet die Glasröhre h die Mittelflasche in Fig. 2. Der kurze etwa 1 1/2 bis 2 Zoll lange Schenkel dieser Glasröhre wird in den Hals o des Ballons f gesteckt, mit Kitt umlegt, und mit naßgemachter Blase umbunden, und so das Ganze luftdicht verschlossen. Die mit dem Ballon verbundene Röhre h reicht beinahe bis auf den Boden der Mittelflasche Fig. 2. Diese Flasche steht auf einem hölzernen Teller, welcher mit seinem hölzernen Fuße auf einem hölzernen Gestelle ruhet, und höher oder niedriger mittelst der Schraube p gestellt werden kann. Von dieser Mittelflasche aus geht eine zweite doppelschenkliche Röhre k nach der Vorrichtung Fig. 3. Der kurze Theil dieser Röhre steckt in dem Halse der Mittelflasche. Eine perpendikulär sich erhebende Glasröhre i ragt mitten in der Mittelflasche hervor, und heißt „die Sicherheitsröhre; weil sie vor Unfällen sichert, wenn das Gas |402| in dem Ballon oder die Masse selbst schnell aufsteigen sollte. Die Mittelflasche ist zur Hälfte mit Wasser gefüllt.

Fig. 3. gibt das Bild eines von Weistannenholz verfertigten Faßes, an dessen einer Seite eine bleierne Röhre l befestigt ist, durch welche man das Faß mit Wasser füllte, und auch das Gas durchströmen laßt. Die Mitte des Faßes hat einen hölzernen Quirl xx, welcher in Fig. 4. deutlich gezeichnet zu sehen ist. Dieser Quirl wird oberhalb des Deckels mittelst der Kurbel n in Bewegung gesezt. In der Mitte des Faßes m befinden sich noch zwei, vielfach durchlöcherte Böden. An diesem zerplazen die Gasblasen und treten mit dem Wasser in Mischung, was durch das Umdrehen der Kurbel besonders befördert wird. Hat man das Faß mit Wasser gefüllt, so wird die zweite doppelschenkliche Röhre der Mittelflasche h mit der bleiernen Röhre bei l in Verbindung gesezt und mit Kitt und Blasen luftdicht verschlossen. Hierauf verdünne man die Schwefelsäure, deren man sich bedienen will, mit Wasser, lasse sie erkalten, und gieße sie sodann auf 3 mal, in sechsstündigen Zwischenräumen, durch die Glasröhre g Fig. 1. vermittelst eines gläsernen Trichters ein. Es werden sich sogleich Gasblasen entbinden, welche man in der Mittelflasche Fig. 2. aufsteigen sieht. Sobald die Gasblasen in das Faß Fig. 3. strömen, muß man den Quirl mittelst der Kurbel umdrehen, was im Anfange um so nöthiger ist, weil sich die Chlorine (das oxydirt salzsaure Gas) nicht sogleich gerne mit dem Wasser verbindet; ist hingegen das Wasser mit der Chlorine etwas geschwängert, so verbindet sich das Gas viel leichter damit, und dann ist es genug, wenn man den Quirl alle viertel Stunden einige mal umdreht. Nach 18 Stunden, vom Eingießen des ersten Drittels der Schwefelsäure an gerechnet, macht man unter den Kessel gelindes Kohlenfeuer, das man 24 bis 30 Stunden lang unterhält, und zulezt so steigert, daß |403| der Inhalt des Ballons nahe ans kochen kommt, worauf sich dann der Gasentwikelungsprozeß seinem Ende nähert. Nun öffnet man den Ballon, umbindet nach einigem Abkühlen den Hals desselben mit einem Stricke, und läßt den Ballon durch einen starken Arbeiter aus dem Kessel nehmen und in einen mit Heu gefüllten Schwefelsäureflaschen-Korb aus dem Arbeitsorte tragen und mit warmem Wasser sogleich reinigen. Es ist am besten, wenn der Ofen und die Mittelflasche unter einer gut ziehenden Kaminkutte zu stehen kommen; denn in diesem Falle hat man wenig mit dem der Lunge höchst nachtheiligen Chloringas zu kämpfen.

Zu 200 Stück oben benannter Waare ist das lezt angegebene Verhältniß von Kochsalz, Braunstein, franz. Schwefelsäure, Wasser hinreichend, um die nöthige Menge Bleichflüssigkeit zu liefern. Die mit Wasser verbundene Chlorine wird durch einen unten am Faße angebrachten hölzernen Hahnen abgelassen.

E. Bleichen der Waare in der Bleich-Flüssigkeit.

Das Bleichen wird in Wannen verrichtet, welche mit gut dazu passenden Deckeln versehen sind. Es wird nämlich eine Schicht von trocken aufgefachter Waare eingelegt, und so viel Bleichflüssigkeit zugegeben, daß leztere fast über der Waare steht; so macht man es denn mit einer zweiten Waare und Bleichflüssigkeit, und sofort, bis das Gefäß etwas über 3/4 angefüllt ist. Man gießt nun noch so viel Bleichflüssigkeit hinzu, daß die Waare ziemlich locker in derselben liegt, und die Flüssigkeit einige Zoll über der Waare steht. Da aber die Bleichflüssigkeit, so wie sie sich in der Tonne befindet, zu stark ist, so muß man sie vorhero mit der zweifachen Quantität Wasser verdünnen. Ist dieses geschehen, so befestigt man auf der Oberfläche den innwendig einpassenden |404| durchlöcherten Deckel; und schließt zur Verhinderung der Entweichung von Chlorine den äußern gut aufpassenden Deckel.

In solchem Zustande bleibt die Waare 20–22 Stunden ruhig liegen. Nach Verlauf dieser Zeit wird sie herausgenommen, recht gut gewaschen, gewalkt, und in einer ganz schwachen kalischen Lauge (1 Loth Pottasche auf 1 Stück Waare) 3/4 Stunden hindurch gekocht, um den Chloringeruch wegzuschaffen, und um zu hindern, daß die Waare auf dem Lager nicht gelblich anfalle. Die lezte Operation mit derselben besteht in dem Durchnehmen durch ein gewöhnliches schwefelsaures Bad, (aus 100 Theilen Wasser und anderthalb Theilen konzentrirter Schwefelsäure (Vitriolöl)) wobei nach bekannter Weise verfahren wird.

Sollte ein einmaliges Durchnehmen in der Bleichflüssigkeit nicht zureichen, so bringt man die Waare zwei- auch dreimal hinein, je nachdem sie schwächer oder gröber von Gespinnste ist, wie dieses besonders von leinenen Geweben gilt. Unter solchen Umständen kann die schon einmal gebrauchte Bleichflüssigkeit aufs neue verwendet werden, wenn man den an Chlorine verlorenen Theil der Stärke durch frische nicht mit Wasser verdünnte Bleichflüssigkeit ersezt.

Sehr zuträglich ist es für die Bleichwaare jeder Gattung, welche mittelst Chlorine gebleicht werden soll, wenn man sie nach der schwachen Laugung einige Tage auf den Bleichplan ausbreitet, und nun erst durch ein schwefelsaures Bad nimmt, welches bei Waare, die für den Druck bestimmt, besonders gute Wirkung hervorbringt.

Besondere Bemerkungen.

a) Die Bleichwerkstätte, wo mittelst der liquiden Chlorine gebleicht wird, darf nur möglichst wenig Licht haben, auch von der Sonne nicht beschienen werden, weil durch das Licht |405| die Chlorine zersezt und mit der Zeit in gewöhnliche Salzsäure umgeändert würde.

b) Bevor die Waare in die Bleichflüssigkeit kommt, muß man sie erst abtrocknen, weil die bleichende Wirkung sich dann auffallend besser, als bei naß eingebrachter Waare zeigt.

c) Die mit der Chlorine gebleichte Waare verliert bei zweckmäsigem und kenntnißvollem Verfahren, nicht nur nichts an ihrer Dauerhaftigkeit, sondern sie scheint im Gegentheil weniger, als durch die gewöhnliche ältere Bleichmethode zu verlieren. Die Ursache liegt darinn, daß man die Waare schneller aus den Händen bringt, und daß sie den Einflüssen der Witterung auf der Bleiche weniger ausgesezt ist.

d) Die Bleichflüssigkeit dient auch dazu, gedruckte aus der Mode gekommene oder fleckig gewordene baumwollen und leinene Gewebe wieder schnell weiß zu bleichen. Man verfahre hiebei folgendermaßen.

Die gedruckte oder gefärbte Waare koche man 3 Stunden hindurch in einer kaustisch kalischen Lauge; für jedes Stück Callico von oben angegebener Länge und Breite wird die kalische Flüssigkeit aus 5 Loth Pottasche und 2 Loth Kalk bereitet, und die abgeklärte kaustisch kalische Lauge verwendet. Nach dem Auskochen wascht und walkt man die Waare, und bringt sie in solchem Zustande in eine verschwächte Bleichflüssigkeit, in der sie mit einem Haspel so lange hin und her gedreht wird, bis die Farbe verschwunden ist. War der Grund zur Farbe eine, Eisenbasis, so werden die gefärbte Stellen eisengelb erscheinen, welche leztere durch das schwefelsaure Bad hinweggenommen werden.

Nach dem Herausnehmen aus der Bleichflüssigkeit wird die Waare sorgfältig gewaschen, gewalkt, und 24 Stunden lang in ein schwefelsaures Bad so locker wie möglich eingelegt, sodann herausgenommen, gut gewaschen, gewalkt, einige Tage auf die Bleiche ausgebreitet, wieder durch ein |406| schwefelsaures Bad genommen., gut gereinigt und getrocknet, worauf sie vollkommen weiß erscheinen, und wieder zum drucken oder färben tauglich sind.

e) Auch in den Papierfabricken kann man sich dieser Bleichflüssigkeit zum Weißbleichen vegetabilischer Hadern mit großem Vortheil bedienen.

f) Die Wirkung der Bleichflüssigkeit auf thierische Stoffe, als Wolle, Seide, Haare, Federn, u.dgl. ist der vorigen entgegengesezt; sie nehmen dadurch sämmtlich mehr oder weniger eine gelbe Farbe an.

Literatur über das Bleichen mit der oxydirten Salzsäure.

Kleine physikalisch-chemische Abhandlungen von Joh. Friedr. Westrumb. 6 B. 1tes Heft. Hanover bei den Gebrüdern Hahn 1800. – Ueber das Bleichen mit Säuren nach französisch und englischen Vorschriften, nebst Beschreibung des besten Bleichverfahrens etc. von Joh. Fried. Westrumb. Berlin und Stettin in der Nicolaischen Buchhandlung 1819. – Vollständige Bleichkunst; nebst des Bürger Chaptal Beschreibung einer neuen Methode durch Dämpfe zu bleichen etc. von R. O'Reilly, aus dem franz. übersezt von Dr. Christian Gotthold Eschenbach. Leipzig bei J. C. Hinrichs 1802, – Anleitung vermittelst der dephogistirirten Salzsäure zu jeder Jahreszeit vollkommen weiß, geschwind, sicher und wohlfeil zu bleichen etc. von Dr. Joh. Gottlob Tenner. Leipzig bei Voß und Leo 1793. – Allgemeine Grundsäze der Bleichkunst; oder theoretische und praktische Anleitung zum Bleichen des Flachses, der Baumwolle, Wolle und Seide etc. nach den neuesten Erfahrungen der Physik, Chemie und Technologie von Dr. Sigismund Friedrich Hermbstädt. Berlin in der Realschulbuchhandlung 1804. – Die Bleichkunst, oder Unterricht zur leichten und allgemeinen |407| Anwendung der oxydirten Salzsäure beim bleichen vegetabilischer Stoffe von Pajot des Charmes. Aus dem franz. übersezt. Herausgegeben von Alex. Nic. Scherer, Breslau, Hirschberg und Lissa 1800. – Bemerkungen und Vorschläge für Bleicher von Joh. Fried. Westrumb. Hanover bei Gebrüder Hahn 1800. – Die Kunst baumwollene Gewebe mit ächten und unächten Farben zu drucken etc. Aus dem franz. mit Anmerkungen und Zusäzen. Leipzig im Joachimschen literarischen Magazin 1802. – Eléments de l'art de la teinture, avec un description du blanchiment par l'acide muriatique oxygené. Second Edition, revue corrigée, avec deux planches; par C. L., et A. B. Berthollet. Tome I et II. 8. Paris chez Fermin Didot 1804. – Eléments de l'art de la teinture; par M. Berthollet, Docteur en Medecin. Tom. I et II. Paris 1791. Ins deutsche übersezt von I. F. A. Göttling. Jena bei Mauke 1792. – Anfangsgründe der Färbekunst; nebst einer Beschreibung deß Bleichens mit oxydirter Salzsäure. Zweite durchgesehene verbesserte Auflage; von C. L. und A. B. Berthollet. Aus dem französischen übersezt, von Adolph Ferdinand Gehlen, und mit Anmerkungen versehen von S. F. Hermbstädt. Berlin, im Verlage der Frölichschen Buchhandlung. 2 Bände. 1806. – Verbessertes Verfahren des Bleichens durch dampfförmige, vollkommene Salzsäure, und durch dampfförmige schweflichte Säure von Jak. Sieber in Dinglers neuem Journal der Färbekunst. 4ter Band. – Die böhmische Leinwandbleiche etc. von Christ. Polykarp Fried. Erxleben. Wien 1812. Bei Christian Kaulfuß und Karl Armbrester.

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Vor acht Jahren sahen wir in der Schweiz solche Dampfförmige Bleichvorrichtungen; ob aber das Bleichgeschäft auf diesem Wege mit glücklichem Erfolge betrieben wurde, können wir nicht behaupten. Eine zweckmäsigere Vorrichtung um mit gasförmiger Chlorine, welche durch Wasserdämpfe verbreitet wird, hat uns Hr. Sieber in Dinglers neuem Journal für Druck- Färbe- und Bleichkunst im 4 B. nebst den Abbildungen der erforderlichen Apparate mitgetheilt.

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