Titel: Wilh. Shand's Verbesserungen in dem Baue künstlicher Beine und Füße etc.
Autor: Shand, William
Fundstelle: 1821, Band 4, Nr. XXXVIII. (S. 274–279)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj004/ar004038

XXXVIII. Erklärung des dem Wilh. Shand, in Villiers-Straße am Strande, Middlesex, Kunstfußmacher, ertheilten Patentes auf gewisse Verbesserungen in dem Baue künstlicher Beine und Füße von Leder und Holz, welche mittelst eines Hebels und einer Spiralfeder wirken. Dd. 1. Junius 1816.

Aus dem Repertory of Arts, Manufactures et Agriculture. II. Series. N. 224. Januar 1821. S. 75.

Mit Abbildungen auf Tab. III.

Meine Erfindung beruht vorzüglich auf dem Gelenke, wodurch der Fuß sich mit dem Beine verbindet, so daß sie demnach das natürliche Fußgelenk vertritt. An der Stelle dieses |275| Gelenkes bringe ich einen Hebel und eine Spiralfeder an, um den Fuß in jener Lage zu halten, welche für denjenigen, der das künstliche Bein trägt, am vortheilhaftesten und bequemsten ist, wenn er auf ebenem Boden still steht, und einen Theil der Schwere seines Körpers gleichförmig zwischen dem Zehen- und Fersentheile der Sohle des künstlichen Fußes vertheilt trägt. Da aber bei dem Gehen, während der Körper vorwärts schreitet, und die Schwere desselben immer noch auf dem Fuße ruht, diese von dem Fersentheile der Sohle auf den Zehentheil hingeworfen wird, muß der Fuß an dem Fußgelenke sich beugen. Die besprochene Spiralfeder wird dieses Beugen am Gelenke während der Zeit, als die Schwere des Körpers auf dem Zehentheile des Fußes ruht, gestatten, und das Gewicht des Körpers mit jener Elasticität tragen, welche der Wirkung des natürlichen Fußes, wenn dieser durch die willkürliche Zusammenziehung der Fersenmuskel bewegt wird, so nahe als möglich kommt. Ich muß jedoch bemerken, daß ich die Anwendung einer Feder im Fußgelenke des künstlichen Fußes nicht als meine Erfindung in Anspruch nehme, da dieß auf verschiedene Weise schon öfters geschehen ist; sondern daß meine Erfindung in der besonderen Anwendungsart des Hebels und der Feder besteht, wie die Zeichnung darthut, und ferner in der Anwendung einer Feder an einem zweiten Gelenke, welches ich in der Nähe der Zehen quer an der Sohle anbringe.

Nach meiner neuen Methode die Spiralfeder in dem Fußgelenke anzuwenden, ist diese in dem künstlichen Beine enthalten, und ganz in demselben verborgen. Sie wirkt auf den Fuß mittelst eines kurzen Hebels, und nahe an dem Mittelpunkte der Bewegung des Fußgelenkes, wodurch eine kleine Bewegung oder eine geringe Zusammenziehung der Feder hinreichend wird. Auf diese Weise wird der Tritt mehr elastisch gemacht, und nähert sich mehr der Wirkung |276| der Natur, als wenn die Feder in einer größeren Entfernung von dem Mittelpunkte der Bewegung einwirkt. Nach meiner Methode muß die Feder stark gemacht werden; da sie aber nahe an dem Mittelpunkte wirkt, äußert sie keine größere Kraft um den Fuß in seine vorige Lage zurückzubringen, als die bisher gebräuchliche Feder; sie wirkt aber mit größerer Elasticität, d.h. sie kehrt mit größerer Schnelligkeit zurück.

Die hier beigefügten Abbildungen sind Durchschnitte durch den Mittelpunkt meines künstlichen Fußes und Beines, um den inneren Bau derselben zu zeigen.

Fig. 22. Tab. III. zeigt den Fuß, wenn er steht, die Sohle flach an dem Boden angedrückt.

Fig. 23. stellt das Bein vorwärts geneigt mit aufgehobener Ferse dar, in dem Augenblicke, wo es alle Schwere des Körpers auf den Zehentheil vorwirft, und wo dann dieselbe von den Federn A und B getragen wird. Die erstere, A, die Spiralfeder, ist von starkem Stahldrahte gedreht, wie die Zeichnung weiset, und paßt in eine eiserne Röhre C, welche in das feste Holz des Beines D eingelassen, und in demselben durch einen Flügel EE an dem oberen Ende fest gehalten wird.

Das Hebelende dieser Röhre hat einen eingesezten Boden mit einem kleinen Loche in seinem Mittelpunkte, durch welches der runde Stift F läuft, und in der ganzen Höhlung der Spiralfeder hinaufsteigt bis G, wo er ein Niet aufgeschraubt hat, welches die Röhre beinahe ausfüllt, jedoch mit Leichtigkeit in derselben auf und nieder gleitet.

Wenn der Stift F niedergezogen wird, so muß das Niet in der Röhre herabsteigen, und die Feder zusammendrücken, und diese wird, sobald sie ihre Kraft, in die vorige Lage zurückzukehren, äußert, den Stift wieder hinaufziehen.

Der Fuß HI ist mit dem Beine durch einen Ausschnitt an der Vorderseite des Ristes verbunden, in welchem ein |277| Hälter oder zugeschnittener Theil H aufgenommen wird. Ein runder Stift K, welcher durch beide läuft, ist der Gelenkstift oder der Mittelpunkt der Bewegung.

LN ist der Hebel aus Eisen, welcher an dem Zapfentheile des Fußes mittelst einer Schraube M gehörig befestigt ist. Bei N ist er mit dem Ende des Stiftes F der Feder verbunden, welcher hier unter einem rechten Winkel gekrümmt ist, damit er sich mit N in dem Augenblike verbinde, wo die Röhre in dem Mittelpunkte des Beines eingesezt wird. Dieß ist aber nicht wesentlich; denn die Röhre kann auch unmittelbar über N befestigt werden, und F kann dann ein gerader Stift seyn.

N ist bedeutend über dem Gelenkstifte K erhaben, und dadurch wird die Wirkung der Feder auf den Hebel NL gleich derjenigen, welche auf einen weit kürzeren Hebel als die Entfernung NK statt haben würde, wenn N in einer und derselben horizontalen Linie mit dem Mittelpunkte K läge.

Die Wirkung der Feder, wenn sie N aufwärts zieht, ist diese, daß der Fuß dadurch in der Lage von Fig. 22. erhalten wird, wo der hintere Theil desselben auf einem Stücke Korkes O an der Ferse ruht, welches innerhalb des Ausschnittes in dem Beine eingesezt ist, in welchem der zugeschnittene Theil des Fußes H spielt.

Dieß hält nun den Fuß in der Lage Fig. 22. Wenn aber auf demselben aufgetreten und das Bein nach vorwärts geneigt wird, wie in Fig. 23., dann bewegt sich der Fuß auf dem Gelenkstifte K und dem Hebel N, zieht den Stift F und das Niet G nieder, und drückt die Feder in der Röhre C zusammen, welche, bei ihrem Zurücklaufen, dem Tritte des Fußes jene Elasticität gewährt, welche so sehr wünschenswerth ist.

Die Stärke, mit welcher die Feder wirkt, kann nach Belieben desjenigen, welcher das künstliche Bein trägt, |278| vermehrt oder vermindert werden, je nachdem das Niet auf oder nieder geschraubt wird, bis er endlich findet, daß die Stärke der Feder dem Gewichte seines Körpers angemessen ist, und er seinen Tritt mit Leichtigkeit und beinahe so, wie mit einem natürlichen Fuße, macht. Das obere Ende der Röhre C ist innenwendig, oben an dem künstlichen Beine, wo der Stumpf des noch übrigen natürlichen Beines aufgenommen wird, offen gelassen, so daß man, wenn der Stumpf weggehoben wird, frei zu dem Niete G gelangen kann, um die Feder nach Bedarf zu stellen. Eben so ist es mit dem Zehengelenke an dem künstlichen Fuße, welches gleichzeitig den Zehentheil P des Fußes beugt. Dieser Theil ist in einen Hälter bei Q zugeschnitten, welcher in einem Ausschnitte des Fußes bei I aufgenommen wird, so daß dann der Stift R das Gelenk bildet.

B ist die Feder, welche in einer Hölung an der Unterseite des Fußes angebracht, und fest an derselben angeschraubt ist. An dem anderen Ende ruht sie unter dem Ende des Hälters oder zugeschnittenen Theiles Q, so daß sie denselben aufwärts hebt, und dadurch den Zehentheil auf gleiche Tiefe in eine und dieselbe horizontale Linie mit der übrigen Unterfläche des Fußes herabdrückt, während die obere Fläche von Q gegen das feste Holz des Fußes drückt, wie Fig. 22 zeigt. An dem Ende der Feder B ist eine kleine Walze befestigt, um die Reibung zu vermindern, wenn Q darüber geleitet: Q muß daher an dieser Stelle mit einer Eisenplatte beschlagen seyn, oder, statt dieser Platte kann eine andere Stahlfeder unten an dem Fuße angebracht werden, und die kleine Walze am Ende der Feder B wird dann gegen diese andere Feder drücken, und auf diese Weise wird, wo zwei Federn gegen einander wirken, die Bewegung um vieles erleichtert werden: doch dieß gehört nicht wesentlich zu meiner Erfindung.

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Fig. 24 und 25 zeigt eine andere Weise, nach welcher die Spiralfeder am Fußgelenke angebracht werden kann, und diese ist Folgende: statt daß die Feder A gewunden ist, um in eine Röhre zu passen, ist sie bloß in einen Halbzirkel gebogen, und das eine Ende T hat eine Walze, welche über den beweglichen Theil des Fußes nahe an dem Stifte des Mittelpunktes der Bewegung K hinläuft, wo die Oberfläche desselben mit einer eisernen Platte beschlagen ist. Die Feder ist in der Hölung des Beines mittelst einer Schraube, oder auf eine andere Weise befestigt. Die Wirkung dieser Feder zeigt die Fig. 25; alle übrigen Theile des Fußes, und die Feder B sind so, wie sie oben erklärt wurden.

Dieses künstliche Bein sammt dem Fuße kann aus Holz oder irgend einem anderen schiklichen Materials verfertigt, und mit Leder bedeckt werden; es läßt sich mittelst einer hölzernen oder ledernen Röhre zur Aufnahme des Stumpfes mit demselben verbinden, und übrigens mit leinernen ausgestopften Kissen und Riemen, wie die hölzernen Beine gewöhnlich angelegt werden, (denn dieß gehört nicht zu meiner Erfindung), befestigen. Es kann auch übrigens mit einem gewöhnlichen künstlichen Kniegelenke, wenn es die Umstände so erfodern, verbunden werden96). Urkunde dessen etc.

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Denjenigen unserer Landsleute, welche künstliche Füße bedürfen, können wir den Schuhmachermeister F. X. Braun in Augsburg als einen erprobten Künstler empfehlen, dessen Fußmaschinen sich durch Leichtigkeit und Solidität vorzüglich auszeichnen, und durch Nettigkeit in der Fußformung bei Stiefel- oder Schuhbekleidung kaum den Kunstfuß wahrnehmen lassen; auch kann man sie, der allenfallsigen Reparatur wegen, in mehrere Theile zerlegen. Wir werden in der Folge die Konstruktion dieser Kunstfüße naher beschreiben. Ausser diesen verfertigt Hr. Braun auch Fuß und andere Maschinen für solche Personen, welche von Natur oder durch Krankheiten geschwächt, oder durch unglückliches Kuriren verkrüppelt wurden. D.

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