Titel: Lowe Vergleichung der Vortheile der Gasbeleuchtung mittelst Oel oder Thran, und mittelst Steinkohlen.
Autor: Lowe, George
Fundstelle: 1821, Band 5, Nr. LVI. (S. 311–327)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj005/ar005056

LVI. Beobachtungen über Hr. Ricardo's 117) und anderer „Vergleichung der Vortheile der Gasbeleuchtung mittelst Oeles oder Thranes, und mittelst Steinkohlen.“ Von Hrn. Gg. Lowe.

Aus Tilloch's Philosophical Magazine et Journal. April 1821. S. 241.

Das Interesse, welches man an den Eigenschaften des Oeles oder Thranes, während dasselbe erhizt, gekocht, oder in Gas verwandelt wird, gegenwärtig nehmen sieht, ist so groß, daß kaum ein Heft irgend eines wissentschaftlichen |312| Journales erscheint, in welchem dieser Gegenstand nicht auf irgend eine oder die andere Weise zur Sprache käme. Könnten wir alle chemischen Laboratorien unseres Königreiches untersuchen, so würden wir ohne Zweifel, in nicht wenigen derselben durch unsere Nase dahin geführt werden, einzusehen, daß das Oel oder der Thran ein Gegenstand der in denselben angestellten Untersuchungen ist oder war. Insofern indessen die neuesten denkwürdigen Untersuchungen (die man gegenwärtig nur zu wahr „die Erniedrigung der Wissenschaft“ nennt) zu einem ruhigen Verfolge der Experimental-Chemie führen, mögen sie, ehe man seine Meinung hierüber öffentlich aussprechen darf, das Interesse der Wissenschaft selbst fördern.

Die Erweiterung unserer Kenntnisse über die gasartigen Verbindungen, welche durch die zerstörende Distillation des Thranes und der Kohle entstanden, verdanken wir sicherlich den neuesten prüfenden Untersuchungen, aus welchen zahlreiche Versuche und Schriften hervorgingen, deren jede zu genauerer Entwikelung dieses Gegenstandes sowohl als unserer ächt nationalen Erfindung, der Gasbeleuchtung, einlud.

Die Frage, welche aus diesen weiteren Entwikelungen hervorgeht, und auf welche ich für jezt die Aufmerksamkeit meiner Leser insbesondere lenken will, ist die: ob es vortheilhafter ist mit Gas, welches aus Thran bereitet wurde, oder mit Steinkohlengas zu beleuchten. Dieß ist ungefähr die Aufschrift eines Aufsazes des Hrn. Ricardo, welcher so eben im 3 Hefte der Annals of Philosophy erschienen ist.

Dieser Versuch, das Kohlengas gänzlich auszumerzen, ist den Beweisgründen des Verfassers eines Versuches über denselben Gegenstand, welcher sich im 14 Hefte des Quarterly Journal befindet, und welchen ich in dem 261 Hefte des Philosophical Magazine widerlegte, so ähnlich, daß selbst |313| die Worte an mehreren Stellen dieselben sind: die Schlüsse müssen daher nothwendig auch dieselben seyn. Ob derselben Hand, die in dem ersteren Aufsaze die Feder führte, auch derjenige angehört, welchen ich hier der kritischen Prüfung unterziehe, daran ist wenig gelegen, indem ich mir und meinen Lesern die Mühe ersparen werde wiederholte Behauptungen anzuhören, die nicht durch neue Gründe unterstüzt werden: ich verweise sie hierüber auf meine frühere Widerlegung. Ich nehme, mit einem Worte, keinen Anstand zu behaupten, daß bei weiten der größte Theil von Herrn Ricardo's Schlüssen gegen den Gebrauch des Kohlengases und für das Oel- oder Thrangas aus verdrehten und irrigen Thaten hervorging.

Wir wollen zuvörderst untersuchen, wie Hr. Ricardo zu der Einsicht kam, daß »ein Fuß Thrangas in seiner Leuchtkraft vier Fuß Kohlengas gleich ist.« Dieß ist der große Magnet, den man dem Publicum vorhält, und mit welchem man die Aufmerksamkeit desselben auf sich ziehen will, der aber eben so schlecht zieht als jener, der neulich die denkwürdigen Verhandlungen in dem Gerichtshofe (Court of Common-Pleas) auszeichnete. Während Hr. Deville am Strande

Thrangas gegen Kohlengas im Verhältnisse wie 9 : 5 zu vergleichen beliebt, und Hr. Brande in seinem Manual of Chemistry S. 156. sagt, daß „zwei bis drei Kubikfuß Thrangas als Aequivalent von fünf bis sechs Fuß Kohlengas betrachtet werden können,“ hätten wir also jedes andere Mittel-Verhältniß eben so gut als Hrn. Ricardo's vier zu eins. Hr. Ricardo sagt: „ich fand, daß eine Argand'sche Lampe, deren Licht 6 Kerzen-Lichtern gleich war, wovon 6 auf ein Pfund gehen, in einer Stunde einen Kubikfuß verbraucht“; er sagt uns aber nicht: welche specifische Schwere das von ihm angewendete Gas hatte? Ob er Wachs oder Talglichter verstand? Wieviel Faden in jedem Dochte waren oder |314| wie schwer jeder derselben gewesen ist? wir wissen bloß, daß Professor Brande sagt: „Eine Argand'sche Lampe für Oelgas, welche eben so viel Licht gibt als acht Wachskerzen, wovon vier auf das Pfund gehen, verzehrt in einer Stunde 3900 Kubikzoll, oder etwas mehr als 2 1/4 Kubikfuß.“

Vergleichen wir nun Hrn. Ricardo's Angaben mit einigen Resultaten des Hrn. Accum, welcher in seinem Werke über Gasbeleuchtung (on Gas lights S. 276.) behauptet, daß eine Argand'sche Lampe, welche Kohlengas brennt, und deren Licht gleich ist dem Lichte dreier Kerzen, wovon 8 auf das Pfund gehen, zwei Kubikfuß in einer Stunde verbraucht. „So sehen die Thatsachen aus, aus welchen Hr. Ricardo seine entscheidenden Schlüsse zieht. Er that sehr gut, daß er uns auf S. 276. des Werkes des Hrn. Accum verwies, denn auf anderen Blättern dieses leibhaftigen Bücherfabrikanten (genuine bookmaker) könnte ich noch andere Verhältnisse finden, die zu jeder Theorie passen. Soviel zur Vergleichung eines Widerspruches mit einem anderen. Wenn aber ein Theil Thrangas nicht vier Theilen Kohlengas gleich ist, wie Hr. Ricardo selbst zu argwöhnen scheint, da er zulezt auf vierthalb herab kommt, und auf dieses Verhältniß seine Angaben gegen das Kohlengas stüzt, so kann man wahrlich noch mit mehr Grunde behaupten, das ein Theil Thrangas drei Theilen Kohlengas gleich ist! Denn er sagt selbst: „die Menge Lichtes, welche eine gegebene Menge Thrangas erzeugt, hat ein ausgezeichneter Chemiker dem Lichte einer drei mal so großen Menge Kohlengases gleich gesezt.“

Wer dieser ausgezeichnete Chemiker ist, ließ er uns selbst errathen: Dr. Henry 118) ist es gewiß nicht; denn dieser |315| hat über diesen Gegenstand höchst umständlich, und zwekmäßiger als irgend ein anderer, geschrieben. Vielleicht ist es Hr. Professor Brande, weil dieser in der Bakerschen Vorlesung sagte: „Man kann, glaube ich, mit hinlänglicher Genauigkeit für praktische Anwendung annehmen, daß ein Gasometer von 1000 Kubikfuß Thran- oder Oelgas dieselbe Menge Lichtes zu geben vermag, welche ein Gasometer von 3000 Kubikfuß Kohlengas zu liefern im Stande ist, vorausgesezt, daß man auf den Bau der Lampen und auf die gehörige Vertheilung der Lichter die nothwendige Aufmerksamkeit richtet.“ Wie der Hr. Professor dieß sich, möglich denken konnte, da selbst seine eigenen Rechnungen (deren Unrichtigkeit wir mit leichter Mühe erweisen können) bei 20 per Cent. nicht zusammen passen, weiß ich nicht. Der Titel des Aufsazes, aus welchem dieser Auszug gemacht wurde, ist: on the composition et analysis of the inflammable gaseous compounds resulting from the destructive distillation of coal et oil, with some remarks on their relative heating et illuminating powers, by Will. Thom. Brande, Esq. S. R. S. Prof. of Chemistry R. I. in den Philosoph. Transactions for 1820. P. I. und in dem Philos. Magaz. des lezten Septembers119).

Der Hauptzwek dieses Aufsazes war, zu beweisen, daß keine andere gasförmige Verbindung von Kohlen- und Wasserstoff statt haben kann, als die einzige, die man gewöhnlich ölerzeugendes Gas (olefiant Gas) nennt; der zweite |316| Theil desselben stellt eine Vergleichung zwischen der leuchtenden und hizenden Kraft des ölerzeugenden Gases und des Thran- und Kohlengases dar. In wie fern ihm seine Untersuchungen gelangen, können unsere Leser zum Theile aus Herrn Professor Thomson's Revision dieses Aufsazes des Hrn. Brande in den Annals of Philosophy Nr. 95. und in dem 68 Hefte des Edinburgh-Review ersehen. Nur ein paar Stellen aus diesen beiden werden hinreichen, die wesentlichen Irrthümer, aus welchen Herrn Brande's Gründe gegen das Kohlengas geflossen sind, aufzudeken. Thomson bemerkt, daß die von Hrn. Brande angegebenen „specifischen Schweren und Atom-Gewichte ohne alle Ausnahme nicht genau sind; ich erstaune“ sagt er „über die niedrige specifische Schwere des Kohlengases, die er auf 0, 4430 sezt,“ und welche nothwendig hinreichen muß, das Kohlengas in allen seinen späteren Rechnungen vollkommen um allen Credit zu bringen.

Hr. Henry fand die specifische Schwere des Kohlengases von mittlerer Qualität = 0, 622, und jene des aus Kohlentheer erzeugten Kohlengases = 0, 780. Die lezten Portionen von Kohlengas, wenn dieses nach der alten Art in langen Ladungen bereitet wird, stehen zuweilen so niedrig, daß sie auf 0, 390 kommen; wo man aber, wie zu Derby, drei oder vierstündige Ladungen angenommen hat, oder wo Theer in Gas verwandelt wird, was ich in dem lezten Jahre sehr vorteilhaft fand, und wovon bald im Großen die Rede seyn wird, da wird man die Leuchtkraft des Gases so sehr erhöht finden, daß es im Durchschnitte immer 550 bis 600 wiegt.

Hieraus erhellt nun, daß Kohlengas verschieden ist, je nachdem es gut oder schlecht bereitet wurde, und daß alle Vergleichungs-Rechnungen, wie jene des Professor Brande und des Hrn. Ricardo, in dieser Hinsicht gleich fehlerhaft |317| seyn müssen. Das Edinburgh Review sagt: „wir müssen um Erlaubniß bitten bemerken zu dürfen, daß die Art, nach welcher Hr. Brande an einigen Stellen seiner Untersuchung Schlüsse zieht, etwas irrig ist,“ und was seine Arithmetik betrifft, so gesteht das Review, so wie ich, daß es durchaus nicht im Stande ist, dasselbe zu begreifen. Indessen sind die Punkte, woran wir uns stossen, nicht durchaus dieselben, da das Review selbst offenbar irrig daran ist, wenn es glaubt, daß die Zahl der Kubikzolle des ölerzeugenden Gases (olefiant Gas), nämlich 640, und des Thrangases, nämlich 800, welche dem Lichte einer Wachskerze während einer Stunde gleich sind, jede mit demselben Factor, nämlich mit 14,0625, zu multiplicieren ist, wenn man dieses Licht um das Zehnfältige vergrößern will, indem dieß bei dem ölerzeugenden Gase so geschehen müsse. Ich finde wenig Grund zu zweifeln, daß die Vergrößerung des Multiplicators in verkehrtem Verhältnisse zur Abnahme des Kohlenstoffes steht, welchen diese Gase enthalten, indem ich Grafen Rumford's Entdekung für wahr halte: „daß die Menge des Lichtes, welche ein gegebener Theil eines brennbaren Körpers während des Verbrennens ausstrahlt, in einem hohen Verhältnisse zur Erhöhung der Temperatur steht.“

Wie stimmt aber dieß mit Hrn. Brande's Verhältnissen für das Kohlengas? Es scheint er vergaß zu bestimmen, wieviel Kohlengas dem Lichte Einer Wachskerze gleich ist, und begnügt sich bloß jene Menge Lichtes festzusezen, welche die größte Argand'sche Lampe bei dem Verbrennen von bloß 6560 Kubik-Zollen (ungefähr 33/4 Kubikfuß) während einer Stunde ausströmt, und fand diese nur fünf Wachskerzen gleich. Um also durch Rechnung zu finden, wieviel Kohlengas zehen Wachskerzen gleich seyn würde, sezt er 6560/5 = 1312 = dem Lichte einer Kerze, welches, multiplicirt mit 10, = 13120, = 10 Kerzen! uneingedenk der Theorie des |318| Grafen, und seines eigenen Verfahrens in Hinsicht des Oelerzeugenden und des Thrangases. Nun ist es aber Thatsache, daß eine große Argand'sche Lampe, wenn sie nur 33/4 Fuß, statt 5 Fuß, in einer Stunde verzehrt, bei weiten nicht so viel Licht gibt, als dieselbe Menge geben wurde, wenn sie in einem kleineren und mehr verhältnißmäßigen Raume gebrannt hätte120).

Wenn man so multiplicirt, so ist es kein Wunder, daß Kohlengas von 0,443 specif. Schwere eine armselige Figur an der Seite des Oel- oder Thrangases machen muß, welches der Hr. Professor so sehr herauspuzt. Er sagt: „es scheint“ |319| (nach seiner Methode zu rechnen) „daß, um für eine Stunde das Licht von 10 Wachskerzen hervorzubringen, nöthig sind:

2600 Kubikzoll ölerzeugendes Gas,

4875 Kubikzoll Oel- oder Thrangas,

13120 Kubikzoll Kohlengas.“

Nach denselben Grundsäzen hätte er wohl auch sagen können, daß, da 800 Kubikzoll Thrangas nöthig sind um das Licht Einer Kerze zu erzeugen, man 8000 Kubikzoll dieses Gases zur Erzeugung eines Lichtes von 10 Kerzen braucht. Hätte er 1312 mit 8 multiplicirt, wie er bei dem Thrangase mit 6, bei dem Oel erzeugenden Gase mit 4 multiplicirte, so wäre das Produkt 10496 (= 6,074 Fuß) der Wahrheit näher gekommen. Ihre Verhältnisse würden dann so stehen:

Oelerzeugendes Gas 2600 = 1.
Oel- oder Thrangas 4875 = 1,875.
Kohlengas 10496 = 4,037.

Die Zahlen 1,2,4 stehen so nahe aneinander, daß, in praktischer Hinsicht, wo man gutes Kohlengas erhält, man sicher seyn kann, daß zwei Kubikfuß desselben, gehörig angewendet, an Leuchtkraft einem Kubikfuße Thrangases gleich sind121).

Ehe wir noch diese Seite unseres Gegenstandes verlassen, wird es vielleicht nicht überflüssig seyn eine andere Quelle von |320| Widersprüchen aufzuspüren, die man zu oft bei der Analyse dieser Gasarten übersieht, nämlich diese, daß man entweder unmittelbar nach ihrer Erzeugung mit denselben experimentirt, oder erst dann, nachdem sie einige Zeit über bereitet und in weite oft meilenweite, Entfernungen (wie dieß mit Brande's Kohlengas der Fall war122)), durch eine Reihe von kalten Röhren versendet wurden, auf welchem weiten Wege sich ein höchst feines flüchtiges Oel absezt, welches die Leuchtkraft desselben, die specifische Schwere, und folglich auch die Menge des dadurch zu verzehrenden Sauerstoffes gar sehr vergrößert und vermehrt haben würde.

Nachdem ich nun mit etwas kleinlicher Genauigkeit, aber zugleich auch, wie ich hoffe, mit Ehrlichkeit die theoretische Basis von Hrn. Ricardo's vergleichender Angabe: „daß 20 Kubikfuß Thrangas eben so viel Licht geben als 70 Kubikfuß Kohlengas,“ geprüft habe, will ich die übrigen Theile seines Aufsazes etwas schneller durchlaufen.

Mit der Theorie waren wir nun fertig, und es handelt sich fortan lediglich nur um Thatsachen oder eigentlich um Behauptungen, welche Hr. Ricardo für Thatsachen gelten läßt. Um diese angeblichen Thatsachen gehörig zu würdigen, wollen wir uns bemühen, die vorzüglichsten Punkte seiner Einwürfe gegen das Kohlengas durch solche wirkliche Thatsachen zu widerlegen, welche täglich vor den Augen von Taus senden gelegen sind. „Thrangas“ sagt er „bedarf keiner Reinigung;“ auf der folgenden Seite, wo er einen Thrangas-Apparat beschreibt, sagt er aber: „nachdem das Thran, gas durch den Verdichter gegangen ist, wird es in das Waschgefäß |321| geleitet, wo es durch das Wasser geht um daselbst sein Oel oder andere einer Verdichtung fähiger Dämpfe, die mit ihm herübergegangen seyn mögen, abzusezen.“

Waschen soll also, wie es scheint, etwas anderes seyn, als Reinigen! Nun wissen alle Thrangas-Manufakturisten, und noch mehr wissen es ihre Nachbarn, daß dieses sogenannte Gaswaschen den fürchterlichsten Gestank erzeugt, der jemahls durch eine Kloake ging, und daß man mehr dann ein mal wegen dieses Nicht-Reinigungs-Processes mit gerichtlichen Klagen drohte. „Thrangas enthält keinen geschwefelten Wasserstoff, welcher einer der Bestandteile des Kohlengases ist, und durch keine Reinigungs-Methode von demselben gänzlich geschieden werden kann;“ Kohlengas thut also, mit einem Worte, alles, was unserer Gesundheit und unseren Meubeln nachtheilig seyn kann, und nur das Oelgas ist von allen diesen Nachtheilen frei. Man fühlt sich wirklich sehr geneigt zu fragen: wo, oder in welcher Stadt Hr. Ricardo diese Erscheinung an dem Kohlengase als allgemeine nachtheilige Wirkung desselben wahrgenommen hat! Sicher nicht zu London; denn ich habe daselbst Kohlengaslicht in Zimmern gesehen, die auf das Eleganteste meublirt waren, und in welchen Gemählde und Silber, waren die Wirkungen dieses Gases so verderblich, sicher gelitten haben müßten.

Was Dr. Henry's Behauptungen betrifft, daß es leicht ist Kohlengas so zu reinigen, daß es auch nicht mehr 1/20,000 geschwefelten Wasserstoffes zeigt, so muß sicherlich dieser sehr genaue Chemiker sich hier getauscht haben: indessen kann ich an dem, was ich in den drei lezten Jahren in meinem eigenen Hause, wo jedes Zimmer, selbst das Schlafzimmer mit Kohlengas erleuchtet wird, gesehen habe, nicht zweifeln, nämlich daran nicht zweifeln, daß es möglich ist das Kohlengas |322| zu reinigen. Darüber, daß zufälliges Entweichen des Kohlengases lästiger ist als ein ähnlicher Zufall am Thrangase, finde ich nicht nöthig ein Wort zu verlieren, und eben so wenig zu beweisen, daß es aus demselben Grunde weniger gefährlich ist. Hr. Ricardo vergaß bei Gelegenheit, wo er von dem Oeffnen der Röhren spricht, zu bemerken, daß bei der Thrangas-Bereitung zuweilen Essigsäure sich bildet. Um mich zu überzeugen ließ ich in der vorigen Woche eine kupferne Röhre, die mehr Kohlengas leitete als irgend eine andere in meinen früheren Versuchen, aufschneiden; ich fand aber nicht den mindesten Absaz in derselben. Soviel über Hrn. Ricardo's erste Abtheilung: „die Eigenschaften der beiden Beleuchtungsgase“ betreffend.

Der zweite Punkt betrifft die „Vergleichung der Leichtigkeit, mit welcher man eine Kohlen- oder Thrangaserzeugungs-Anstalt leiten kann.“ Bisher habe ich mich bemüht Hrn. Ricardo mit möglich ernstem Gesichte zu folgen; wenn aber Sie, mein Hr. Redakteur, Ihre Leser, und Hr. Ricardo selbst am Ende dieses Abschnittes nicht über die Weise lächeln, wie er sich an seinen Zahlen betrogen hat, so sollte mich es gar sehr wundern. Seine eigene Rechnung wird vollkommen hinreichen zu zeigen, wie falsch seine Data gewesen sind.

Nachdem er die Umrisse eines jeden dieser Apparate entwarf, sagte er; „dieß ist die Verfahrungsart, welche zur Erzeugung des Thran- und Kohlengases nöthig ist; wir werden aber die bei Erzeugung des lezteren nothwendig entstehende Ungelegenheit noch deutlicher einsehen, wenn wir zwei solche Gaserzeugungs-Anstalten, die eine für Thran-, die andere für Kohlengas, und jede derselben für 1000 Lichter, unter einander vergleichen. Da jedes Licht jährlich im Durchschnitte 2000 Kubikfuß Thrangas, und 7000 Kubikfuß Kohlengas verbraucht, so beträgt der Jahresbedarf der |323| einen dieser beiden Anstalten 2 Millionen, der anderen 7 Millionen Kubikfuß.“ „Im Durchschnitte wird man vierzehn Tage vor und ebensoviel nach Weihnachten für eine Nacht etwas mehr als 16,000 Kubikfuß Thrangas und 56,000 Kubikfuß Kohlengas brauchen.“ D.h., wenn jeder Brenner der 1000 Kohlengas Lichter in einer Stunde fünf Kubikfuß Kohlengas verbraucht (was wenigstens in der Stadt Derby den mittleren Durchschnitt weit übertrifft), und das Licht jede Nacht eilf Stunden lang, d.h., von 4 Uhr Abends bis 3 Uhr am folgenden Morgen brennen läßt!!, eine Bedingung, deren Erfüllung gerade so wahrscheinlich ist als die Berechnung auf welche sich dieselbe gründet, oder als die Zahl der angeblich nöthigen Retorten um eine solche Menge Gases zu erzeugen. „Um diese Menge Thran- oder Oelgases zu erzeugen, werden acht oder zehn Retorten, jede 6 Fuß lang und 6 Zoll im Durchmesser, hinreichen.“Bei Kohlengas-Erzeugungs-Anstalten werden wenigstens 40 Retorten erfordert123), jede 6 Fuß lang und 1 Fuß im Durchmesser. Die höchste Menge Gases, welche eine solche Retorte, wenn sie Tag und Nacht ohne Unterlaß arbeitet, erzeugen kann, wird 1680 Fuß betragen.“Vierzig Retorten zur Gaserzeugung für 1000 Lichter!!!!“ Hr. Wigston rechnet an der Gaserzeugungs-Anstalt zu Derby 6 Retorten für eben so viele Lichter, und fand aus Erfahrung in den lezten drei Monaten diese Anzahl |324| hinlänglich zureichend. Seine Retorten sind halbelliptisch, 6 Fuß lang, und halten zwei Fuß im Durchmesser: sie sind nach den besten Grundsäzen gebaut, biethen eine dünne Schichte von Kohle einer weiten Feuerfläche dar und arbeiten in kurzen Ladungen.

Wahrlich Hr. Ricardo scheint sich einzubilden, die Kohlengas-Erzeugung habe während der lezten fünf Jahre keine Verbesserung erhalten, während man bei der Thrangas-Erzeugung allein aus einem Gallon Thran, der ehevor 80 Kubikfuß Gas gab, jezt 100 Kubikfuß Gas erzeugen lernte. Aber selbst bei der Londoner Art Retorten einzusezen, zu fünf in einem Ofen, die auch zu Nottingham angenommen wurde, gaben, wie ich weiß, 34 kreisförmige Retorten von der Größe, wie Hr. Ricardo dieselbe angibt, während dieses Winters Gas genug für 1000 Lichter! jedes Licht auf das Reichlichste mit Gas versehen. Soviel über die Genauigkeit der Angaben des Hrn. Ricardo in Hinsicht seiner zweiten Abtheilung.

Seine dritte Untersuchung über „das zu einer solchen Anstalt nöthige Kapital“ läuft zum Theile in die vierte über, zu welcher wir nun eilen wollen. „Was nun zunächst zu betrachten kommt“ sagt er „ist die Frage: welche Methode ist die wohlfeilere? Und es wird vielen unerwartet kommen, daß Thrangas eben so wohlfeil zu haben ist, als Kohlengas, und doch zugleich seinen Erzeugern eben so großen und noch größeren Vortheil gewährt.“ Allerdings wird dieß vielen höchst unerwartet kommen, vorzüglich den Leuten zu Derby, denen dieß, nach eingesehener Gegenberechnung, kaum möglich scheinen wird. Er sagt: „aus einigen bekannten Daten glaubt man annehmen zu dürfen, daß, den Verkauf der Cokes, des Theeres etc. miteingerechnet, der Gesellschaften 1000 Kubikfuß Kohlengas auf ungefähr 10 Shilling zu stehen kommen: der Verkaufspreis wird zu 15 |325| Shillings geschäzt.“„Gewinn und Verlust einer Thrangas-Erzeugungs-Anstalt läßt sich sehr leicht berechnen.“ „Die Erzeugungskosten von 1000 Kubikfuß Thrangas werden seyn:

Zehn Gallonen Thran, das Gallon zu 2 Shill. 1 Pfd. – Shill. – Den.
Ein Bushel Kohlen, das Gallon zu 2 Shill. 0 Pfd. 1 Shill. 6 Den.
Arbeitslohn, Ausbesserungskosten, Zufälle 0 Pfd. 5 Shill. 6 Ben.
––––––––––––––––––
1 Pfd. 7 Shill. 0 Den.

Dieß also (oder vielmehr 30 Shill., wie Hr. Ricardo angibt) sind die Gestehungskosten von 1000 Fuß Thrangas, wo der Thran um den wohlfeilsten Preis zu haben und kein Fuhrlohn nach dem Binnenlands zu bezahlen ist. Wie viel irgend eine Compagnie den Consumenten dafür, und für die übrigen vorgesehenen und unvorgesehenen Auslagen bei dem Verkaufe aufbürden muß, um 10 p. C. Ertrag zu theilen, würde, wie ich glaube, wenn nicht schwer zu sagen, doch wenigstens entmuthend seyn, und zwar um so mehr, als dieses Gas in dieser Stadt (Derby) gerade um 100 p. C. theurer, als sein Aequivalent, das Kohlengas, zu haben ist.

Was den mit Hrn. Wigston abgeschlossenen Contrakt betrifft, nach welchem er zum Derby-Gascompagnie's Gasometer Kohlengas von der besten Qualität zu liefern sich verbindlich machte, so fand dieser Mann, Retorten, Verdichter, Kohlen, Kalk, Taglohn, Ausbesserung miteingerechnet, sich in den Stand gesezt, für einen Shilling und 8 (engl.) Pfennige 124) tausend Kubikfuß zu liefern!!, und der Preis, für welchen die Compagnie dieses |326| Gas denjenigen, die es maaßweise verbrauchen, abgiebt, ist sieben Shilling und 6 (engl.) Pfennige für das Tausend Kubikfuß!!! Die bloße trokne Anführung dieser Thatsachen wird, wie ich zuversichtlich hoffe, der beste Commentar zu der „Vergleichung der Vortheile der Beleuchtung mit Kohlen- und Thrangas seyn.“

Der fünfte und lezte Gesichtspunkt: „welche von beiden Gasbereitungs-Arten in nationaler Hinsicht den Vorzug verdient?“ läßt sich, als Frage aufgestellt, am besten durch den allgemeinen Grundsaz beantworten, daß jene Quelle des National-Reichthumes die beste ist, die die reichste ist, die am wenigsten vom Zufalle abhängt, am wenigsten irgend einer Gefahr bloß gestellt ist. Daß man Thrangas dem Kohlengase aus dem Grunde vorziehen sollte, weil hierdurch die Grönland-Fahrer begünstigt werden, die als Nachwuchs für unsere Flotten dienen sollen, ist wirklich eine sonderbare Lehre, wenn man bedenkt, daß, während eines Krieges, diese Fischer von dem Geseze gegen das schändliche System des Pressens geschüzt werden. Und wir müssen in der That erst sehen, wie man dieses Grönlandfahren mit dem Newcastler Kohlenhandel und demjenigen, der an unserer östlichen und westlichen Küste getrieben wird, vergleichen kann. Wie ich in meiner ersten Widerlegung über denselben Gegenstand sagte, so wiederhole ich es hier noch einmal: während die Grönlandfahrer uns einen Seemann liefern, liefert der Kohlenhandel uns deren fünfzig.

|327|

Wir haben nun die fünf Gesichtspunkte, von welchen aus Hr. Ricardo uns sein Oelgas-Gemählde mit phantasiereichem Pinsel in den Annals of Philosophy darstellte, beleuchtet. Wenn ich versuchte den Spiegel der Wahrheit vorzuhalten, um einen unpartheyischen Ueberblik über dasselbe zu gewinnen, so bin ich eben so, wie Hr. Ricardo „frei von allem Einflusse eigennüziger Beweggründe, insofern ich meine Ansichten dem Publikum mittheile.“ Die Sache der Wahrheit und der Wissenschaft ist es allein, der ich hiermit zu dienen wünschte. Wenn Hr. Ricardo oder einer Ihrer zahlreichen Leser durch diese Beleuchtungen finden sollte, daß die Hauptpunkte in seiner Vergleichung der Vortheile, so stark die Farben in denselben aufgetragen sind, ganz verzeichnet, ohne alle wahre Haltung und Ebenmaß sind, und daß, um sie erträglich zu machen, mancher falsche Schatten auf das Kohlengas geworfen wurde, dann will ich mich freuen, daß weder ich vergebens schrieb, noch Sie das, was ich schrieb, vergebens druken ließen etc.

Derby Brewery den 21. März 1821.

G. Lowe.

Wir haben Hrn. Ricardo's Aufsaz in unseren Blättern gegeben, und müssen daher, ewig treu dem Audiatur et altera pars, auch die Gegner des Hrn. Ricardo hier sprechen lassen, um so mehr als dadurch die bei uns auf dem festen Lande noch immer so sehr vernachlässigte Gasbeleuchtung in ein helleres Licht gesezt wird. A. d. Ueb.

|314|

Man sehe die Aufsaze desselben in Nicholson's Journal für das Jahr 1805, 11 B.; in den Transactions of the Royal |315| Society für das Jahr 1808, und in dem lezten Bande der Memoirs of Manchester. Ein anderer Aufsaz über denselben interessanten Gegenstand wurde neulich von ihm bei der K. Gesellschaft vorgelesen, und wird vielleicht bald erscheinen. A. d. O.

|315|

Siehe unsere Uebersezung hiervon im polytechnischen Journale B. 3. S. 327. u. f.

|318|

Der Grund hiervon läßt sich am besten aus der Erfahrung angeben, nämlich, daß der Zuschuß der atmosphärischen Luft, welcher durch den Zug des Rauchglases erzeugt wird, in hohem Grade im Mißverhältnisse steht mit jener Menge des Gases, welches in diesem Falle verzehrt wird, indem er sehr kühlend auf die Flamme einwirkt. Hätte Hr. Brande sich dieser Thatsache erinnert, so würde er ohne Zweifel auf Mittel gedacht haben, den nachtheiligen Einflüssen derselben abzuhelfen, z.B. den Zug durch einen spizig zulaufenden Aufsaz auf dem Rauchglase zu vermindern, oder ein grobes Drathgeflechte auf das Rauchglas aufzulegen, oder ein Plattchen Zinn mit einer kleineren Oeffnung in seinem Mittelpunkte als jene des Rauchglases, (alle diese Vorrichtungen so angebracht, daß die Flamme nicht rauchen kann) und dadurch würde das Licht seiner 6560 Kubikzoll materiell verbessert worden seyn. Wahrlich Hr. Brande wird nicht behaupten, daß er bei seinem Versuche die Flamme so regelte, daß sie gerade unter dem Rauchen stand. Denn was Kohlengas betrifft, wenn es an Kohlenstoff reich ist, so finde ich, daß eine Lampe, wie die seinige, nicht rauchen wird, wenn sie fünf Fuß in einer Stunde verbraucht, und ein Licht verbreitet, das 8 oder 9 Wachskerzen gleich ist. Herr Brande's 6560 Kubikzolle würden mehr Licht gegeben haben, wenn sie entweder in einer Feldermaus-Lampe (bat's wing burner) oder in einer großen Argand'schen Lampe ohne Glas gebrannt hätten. A. d. O.

|319|

Nachdem Hrn. Lowe's Aufsaz in den Händen des Drukers war, erhielt ich ein Schreiben desselben mit folgender Stelle: „da meine Bibliothek heute die sehr schäzbare Adquisition von Dr. Andr. Ure's Dictionary of Chemistry erhielt, so steht es, hoffe ich, noch in der Gewalt des Redacteurs, in einer Note meinen Behauptungen das Gewicht beizulegen, welches Hr. Dr. Ure denselben schenkt, wenn er unter dem Artikel Oil-Gas sagt: „Thrangas, so wie ich es gewohnt bin zu bereiten, hat nur, verglichen mit Kohlengas, noch Einmal so viele Leuchtkraft.“ Es sollte mir Leid thun, wenn Hr. Ricardo's Leser oder die ihrigen einen solchen Beweiß vermißten.“ Anm. d. Hrn. Tilloch.

|320|

Das von Hrn. Brande bei seinen Versuchen gebrauchte Thrangas ward in seinem Institute bereitet; das Kohlengas aber kam von der Gasbereitungs-Anstalt in Peterstreet zu Westminster. A. d. O.

|323|

Um die Wahrheit dieser Angabe zu erhärten, citirt Hr. Ricardo in einer Note: Peckston an Gas-Lights.“ Nun muß man Hrn. Peckston die Gerechtigkeit wiederfahren lassen, daß er diese Zahl als die im J. 1818. bei den Londoner Gesellschaften nöthig gewesene angibt; allein, in seiner lezten Schäzung im vorigen Jahre, gibt er zehn elliptische Retorten als hinlänglich zureichend für 1000 Lichter an der Gaserzeugungs-Anstalt zu Derby an. A. d. O.

|325|

Dieser Preis ist, wie ich hoffe, niedrig genug, um alles in Erstaunen zu sezen, und vielen unglaublich zu scheinen; er zeigt, daß Hr. Wigston sich entweder mit einem sehr geringen Gewinne begnügt, oder daß er die alte Methode der Kohlengasbereitung |326| verließ und eine neue Bahn sich brach. Er hat auch allerdings in dem Baue und in der Anordnung einiger Theile des zu Derby errichteten Apparates sehr viel mechanisches Talent und freye Eigenheit des Geistes erwiesen. A. d. O.

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