Titel: Bernoulli's Beschreibung der Mule-Jennys in den Baumwollen-Spinnereien.
Autor: Bernoulli, Christoph
Fundstelle: 1822, Band 8, Nr. I. (S. 1–18)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj008/ar008001

I. Beschreibung der Mulejennys in den Baumwollen-Spinnereien. Von Prof. C. Bernoulli.

Mit Abbildungen auf Tab. I.

Allgemein gilt bekanntlich Arkwirght für den Erfinder der Baumwollen-Spinnerei durch Maschinen, und keine industrielle Erfindung der neuern Zeiten hat unstreitig einen größer Einfluß auf die Gewerbsthätigkeit gehabt. Früher zwar wurden schon Maschinen zu diesem Behufe ersonnen, aber ohne besondern Erfolg, hauptsächlich, weil man durch eine einzige Operation die gekrempelte Baumwolle in Garn verwandeln wollte.

Arkwirght faßte jede Idee, und führte sie glüklich aus, diese so kurzfaserige Materie durch eine Reihe von Operationen dem Faden allmählig anzunähern, oder zum eigentlichen Spinnen vorzubereiten. In der Gestalt einer lokern endlosen Schnur verläßt sie die Krempelmaschine, dann passirt diese eine Reihe von strekenden Walzenwerken, nach einem neuen, eigenthümlichen Prinzip gebildet, wodurch jene Schnur überaus gleichförmig wird, wodurch aber hauptsächlich alle Fasern möglich parallel gelegt werden. Auf dem lezten Strekwerke nun (dem Laternenstuhl) erhält das Band eine geringe, kaum merkliche Zwirnung.

Dann erst beginnt das eigentliche Spinnen, durch gleichzeitiges Ausdehnen und Zwirnen; und auch dieß wird successive auf zwei Maschinen, den Grob- und Feinstühlen verrichtet. |2| Die lezten erst liefern den Faden in der verlangten Feinheit und Stärke.

Arkwirght's Spinnstühle bestehen ebenfalls ans einem Walzstrekwerke, aus welchem der Faden auf Spindeln läuft, die mit einer Art Droßeln versehen sind, und ihre Stelle nicht verändern. Diese Stühle heißt man Wassermaschinen, in Frankreich Continues, weil sie ohne Unterbrechung fortspinnen.

Schon etwas früher erfand Hargreaves eine andere Art Stühle. Das Ausziehen geschah durch eine Kneipstange (pince). Die Spindeln standen auf einem Wagen, und hatten keine Dersteln. Das Spinnen und Aufwikeln des Fadens hatte abwechselnd statt. Diese Maschinen heißt man Jennys. Solche sind noch in den Wollenspinnereien allgemein im Gebrauch.

Ein dritter, Crompton, wußte bald darauf in einer dritten Art Stuhle das treffliche Strekwerk des erstem mit dem mobilen Spindelwagen des zweiten, auf eine höchst glükliche Weise zu verbinden. Diese gemischte Gattung von Stühlen nannte er Mule-jennys (gleichsam Bastardstühle, von Mule, Maulthier), und das Garn Mülegarn, was daher oft in Mühlgarn verdeutscht wurde.

Nach und nach verdrängten diese Stühle alle Jennys zum Spinnen der Baumwolle, und selbst die Continues wurde, beinahe nur zu Garn für gewisse Gewebe, die einen sehr drallen Faden erheischen, beibehalten. Dessen ungeachtet zog Crompton selbst wenig Vortheil aus seiner glüklichen Erfindung; weil sie kein neues Prinzip enthielt, konnte er kein Patent erlangen. Lange nachher erst ward ihm eine ansehnliche Belohnung (5000 Pfd.) von Seite des Parlament zu Theil.

Mulejennys sind also jezt die bei weitem gebräuchlichsten Maschinen in allen Baumwollen-Spinnereien, und |3| durch mancherlei Verbesserungen immer mehr vervollkommnet worden. Befremdend mag es daher scheinen, daß diese merkwürdigen und viel verbreiteten Maschinen noch nirgends beschrieben sind; in den deutschen Werken, selbst in dem Martin'schen von Poppe1) übersezten, sind sie es gar nicht; in Borgnis und Vautier2) nur stükweise. Durch folgende Darstellung wünsche ich diese Lüke einigermassen auszufüllen:

Die Mulejennys gehören unstreitig zu den zusammengeseztesten und sinnreichsten Maschinen, deren Mechanismus jedem Freund der Mechanik schon in hohem Grade fesseln muß.

In jeder Spinnerei finden sich zweierlei dieser Stühle; Grobstühle und Feinstühle. Die Baumwollschnüre oder Bänder werden nämlich zuerst auf jenen halbgesponnen, d.h. in Fäden verwandelt, die lange nicht die gehörige Feinheit und Zwirnung haben; diese erlangen sie erst auf den Feinstühlen, durch welche sie ein zweites Mal gesponnen werden.

Beide Arten Stühle haben im Wesentlichen dieselbe Beschaffenheit, nur sind die Feinstühle zusammengesezter. Zuerst also:

von den Grobstühlen.

Die Grobstühle (metiers en gros) oder Vorspinnmaschinen bestehen, wie die Feinstühle, aus 5 Haupttheilen; nämlich:

1. dem Gestelle,

2. dem Spuhlenrahmen (oder den Bänderkasten),

|4|

3. dem Strekwerke (Strekbank),

4. dem Wagen (mit den Spindeln, Trommeln u.s.w.), und

5. dem Trieb- oder Räderwerk.

Ihre Bestimmung oder Vorrichtung ist folgende:

Die Bänder befinden sich auf den Spulenbänken aufgestekt, oder in der Tramenbüchse hinter dem Stuhle, und passiren allmählig das Strekwerk; auf diesem werden sie zu einer 6 oder mehrfachen Länge ausgedehnt. So wie dieß geschieht, gehn die Spindeln, die auf den Wagen stehen, und an denen die nun fadenartig gewordenen Tramen befestigt sind, mit wenigstens eben so großer Schnelligkeit vorwärts, und zwar indem sie sich beständig mit großer Geschwindigkeit drehen, und indem die Fäden von der Spindelspize (unter einem sehr stumpfen Winkel) ablaufen, so, daß sie eine Zwirnung oder Torsion erhalten.

Ist aber der Wagen nebst den Spindeln, auf eine gewisse Entfernung, z.B. auf etwa 4 Fuß vorgerükt, und folglich ein eben so langer Faden gebildet, so bleibt jener stehen; zu gleicher Zeit muß aber auch das Strekwerk halten.

Da auf diese Weise gewöhnlich 100 bis 150 Fäden miteinander ausgezogen werden, was merkliche Kraft erfordert, so soll diese Bewegung der Hauptmoteur der Spinnerei durch Mittheilung an dem Spinnstuhl verrichten.

So wie aber der Wagen ausgezogen wird und hält, werden die etwa abgerissenen Fäden angedreht, dann sämmtliche Fäden niedergebogen, so, daß sie nun von dem Bauche der Spindel ablaufen, und den Wagen von dem Spinner zurükschieben. Während dieser Zeit muß der Moteur auf den Stuhl gar nicht wirken, das Strekwerk ruhen, und die Spindel sich nur so geschwind gehen, daß die Fäden sich aufwikeln.

|5|

Jezt müssen die Fäden wieder in die erste Richtung gehoben, und der Moteur wieder wirksam gemacht werden.

Nun wollen wir vorerst Einiges über die nähere Beschaffenheit der verschiedenen Haupttheile vorausschiken, und dann die Erklärung versuchen, wie jene mancherlei Funktionen möglich werden.

Da 120 oder mehr Faden gewöhnlich zugleich auf diesen Vorspunstmaschinen gebildet werden, so sind diese wohl 20 und mehr Fuß lang: solang also Gestell, Wagen, Strekbank etc.

Das Gestell (bâhi) muß daher äußerst solid seyn, von gesundem, recht trokenem, starkem Eichenholz; jezt immer allgemeiner von Gußeisen. (Die gegossenen Stüke werden an großen Sandsteinen etwas abgeschliffen, und geschwärzt.)

Kommen die Tramen auf eine Spulenbank, wo sie in 2 Reihen aufgestellt werden, so müßen Kinder sie erst auf Spuhlen ziehen, was sie von Hand mit Hülfe einer ganz einfachen Winde verrichten, (S. Martin t. 1. f. 10.) Um die Handarbeit zu ersparen, wird es aber immer häufiger die Tramen in runde oder vierekige Kapseln hinter den Stuhl zu stellen.

Das Strekwerk, die Strekbank oder Cilinderbank kommt in der Hauptsache mit den vorigen Strekwerken überein. Die Tramen gehen durch ein Paar Cilinder; die untersten sind von Eisen und fein gefärbt; die oberen sind mit Leder überzogene Drukwalzen, und werden durch ein veränderliches Gewicht fest angedrükt. Auf den zwei hintern liegt eine mit Tuch oder Plüsch überzogene Pulwalze; unter den kanellirten Walzen sind oft noch Bürsten angebracht. Hinter der dritten Walze ist ein Glas oder Drahtring, oder ein kleiner gegossener Metalltrichter, um die Trame genau nach der Mitte jedes Cilinders zu leiten. Die Metallcilinder in einen |6| Stüken zu 6 oder 8 Kerbwälzchen verfertigt, werden so in einander gefügt, daß sie eine einzige Länge bilden, die sich zugleich dreht.

Die beiden hintern Cilinder bewegen sich beinahe gleich schnell, weil sie nur das Spannen bezweken; der vorderste aber etwa 6 mal schneller.

Der Wagen läuft auf 2 oder 3 Paar eisernen Rädern, und diese laufen in gefurchten Bahnen, die auf dem Böden anliegen. Vorn steken die eisernen Spindeln, etwas schief gegen die Strekbank gerichtet. Sie erfodern die genaueste Sorgfalt, daß sie sich ohne das mindeste Schwanken drehen. Jede dreht sich in einer messingenen Unterlage (crapan dixe) oder auf Glas oder Silex, und ist mit einer blechernen Rolle oder Würtel versehen, um welche die Rundschnüren laufen; diese werden durch eigene höchst sinnreiche Maschinen aus Baumwollengarn verfertigt. Im innern untern Raume des Wagens sind die Trommeln. Jede sezt 24–30 Spindeln durch 12 bis 15 Schnüre in Bewegung; denn jede Schnur läuft von der Trommel über 2 Würtel z.B. über 1 und 13; 2 und 14 etc. Jedes Paar Würtel liegt natürlich etwas höher.

Ein Wagen von 120 Spindeln hat demnach etwa 5 Trommeln, jede zu 12 Schnüren, die 24 Spindeln bewegen.

Vorn am Wagen findet sich ferner die Einwindstange mir dem Einwinddraht (bagnette), so wie hinten der Leitdraht (contre bagnetta), um die Richtung des Fadens gegen die Spindel zu verändern. Zugleich bewirkt gewöhnlich die Drehung der Einwindstange das Eingreifen oder Ausheben eines Hakens, wodurch die Bewegung des Wagens von dem Hauptrade frei oder abhängig gemacht wird. Endlich finden sich unten die sogenannten Kreuzrollen, welche den Wagen stets parallel führen, und ein Haken, der |7| die plözliche Abstellung bewirkt, sobald der Wagen herausgezogen ist.

Die Bewegungen oder das Triebwerk, sind gemeiniglich fast durchaus auf der rechten Seite des Stuhls, selten in der Mitte angebracht.

Lezteres gewöhnlich nur bei sehr langen Stühlen, oder bei solchen, die gegen einander stehen, so, daß 1 Spiner 2 Stühle leitet.

Wir zergliedern nun die einzelnen Bewegungen.

Die Mittheilung der Bewegung an dem Spinnstuhle geschieht auf folgende Weise:

A (Fig. 1.) Ist der große Moteur, dessen Achse durch die ganze Spinnerei geht. Ein endloses Seil verbindet denselben mit dem Hauptrade des Stuhls B; doch so, daß neben der Rolle C eine Leerrolle liegt (S. Fig. 7). Durch Verschiebung des Seils auf leztere wird alle Bewegung abgestellt.

An B findet sich auf der inneren Seite ein konisches Getriebe a, so wie die Kurbel b.

B Ertheilt nun direkte zweierlei Bewegungen.

1tens. Greift das Getriebe a in ein anderes c, welches vermittelst der Achse d (arbre de couche) das Strekwerk nebst dem Wagen (wie gleich gezeigt werden soll), in Bewegung sezt.

2tens. Geht vom großen Umfange des Rads eine Breite nach der konischen Rolle e zur Bewegung der Trommeln.

Leztere hat nämlich also statt: e ist wieder mit f durch ein anderes Seil verbunden, welches sich um den obersten Einschnitt der Rolle g an der Trommel h schlingt, von da um alle Rollen der übrigen Trommeln geht, und erst nach seiner Rükkehr wieder um den unteren Einschnitt von g nach f, und von da wieder nach e zurükgeführt wird.

Dreht sich B, so drehen sich hiemit auch alle Trommeln |8| (und daher alle Spindeln) mit sehr großer Geschwindigkeit. Gerade um diese Geschwindigkeit (und dadurch auch die der Spindeln und also die Torsion des Fadens) abändern zu können, ist e eine konische Rolle mit 5 oder mehr Läufen. Das Seil, das B mit e verbindet, wird daher nach Bedarf über die eine oder andere Furche geschlagen. Daß F (oder e und f) verschiebbar sind, um das lange Trommel-Seil gehörig zu spannen, versteht sich von selbst.

Die Torsion hat endlich so lange statt, bis das Hauptseil von C auf die Leerrolle gezogen wird, dieß bewichtet einen besondern Absteller oder Hebel, dessen Schwanz entweder einen metallenen Ring hat, durch welchen das Hauptseil läuft, oder mit einer kleinen Rolle versehen ist, die auswärts geschoben wird. Bei lezterer Vorrichtung die wenige Friktion erheischt, läuft das Seil also zwischen 2 Rollen, nehmlich C und der Abstellrolle.

Weit mehrere Bewegungen dependiren von dem Wirbelgetriebe a, in welches c eingreift.

1) Wird dadurch das Strekwerk in Bewegung gesezt. Indem sich c dreht, dreht sich auch d (Fig. 2) und dadurch e, an dessen Achse die vorderste Strekwalze f stekt. Dessen Getriebe bewegt aber vermittelst g und h das Rad i, an dessen Achse die hinterste Strekwalze 3 stekt, die hiemit etwa 6 mal langsamer geht.

Auch i Fig. 3. hat ein Getriebe k, das in l, und dieses in m greift. An m stekt aber die mittlere Strekwalze 2. Hat nun m 19 Zähne und k 20, so sieht man, daß die Walze 2 um 1/20 schneller gehen muß als 3. Wodurch eine gehörige Spannung bewirkt wird.

So bewegt das Rad B auch das Strekwerk, und da in den schrägen Achsenbaum d ebenfalls ein Hebel eingreife, wodurch c von a seitwärts gerieben und entfernt werden kann, |9| so sieht man, wie auch das Strekwerk zur gehörigen Zeit gestellt werden kann.

2) Aber geht von dem konischen Getriebe a auch die mechanische Bewegung des Wagens aus. Das Getriebe f (Fig. 2.) greift nämlich auch in das Rad n ein, und treibt dadurch die Rolle s, welche mit r durch ein endloses Seil verbunden ist. Dieser Theil heißt die Maindouce.

Ist nun, während n sich bewegt, der Wagen auf irgend eine Weise an einer Stelle des untern Seiles befestigt, so muß er vorwärts gezogen werden, so wie die Bewegung der Rolle a das obere Seil hinterwärts zieht. Dieses Vorziehen des Wagens bewirkt demnach die Maschine oder der Moteur; da aber der Magen jedesmal wieder zurük geschoben werden soll, so muß er abwechselnd wieder frei gemacht werden können. Dazu sind allerlei Mechanismen ersonnen worden. Ich bemerke nur Folgendes.

In ältern Maschinen ist der obere Wagenpfosten geradezu an das untere Seil befestigt; aber die Einrichtung getroffen, daß, so wie der Wagen seinen Gang vollendet hat, das Rad n vorwärts gerükt, und also ausgehoben wird. Der Wagen wird dann vom Spinner mit der Hand zurükgestossen, ohne Einwirkung auf das übrige Räderwerk etc; und das Seil wieder in die vorige Lage gebracht. Schon diese beständige Erschlaffung des Seils, und das erschütternde Einschlagen des Rades n, wodurch oft Zähne gebrochen werden, machen aber diese Methode verwerflich.

Gewöhnlich wird jezt das untere Seil über eine 3te Rolle q (Fig. 2) geführt, die mit einem Sperr-Rad versehen ist; in diesen Sperr-Rad drükt dieselbe Bewegung der Einwindstange, die bei Ausziehen des Fades erforderlich ist, ein Sperr-Haken, wodurch die Rolle q unbeweglich wird, so, daß der Wagen ebenfalls vorwärts geht, bis die Einwärtsbahn jener Stange den Sperr-Haken aushebt. Nun kann |10| aber auch der Wagen zurükgehen; das Seil wikelt sich blos um die 3te Rolle q, und r und s bleiben ruhig.

Sehr schön geschieht es aber auch indem eine Vaucanson'sche Kette r und s verbindet. Hier ist keine 3te Rolle nöthig; die Kette liegt trefflich an (ohne Zähne) und läßt sich- wenn sie einmal recht gespannt ist, nicht mehr aus einander. Das Ein- und Aushaken des Wagens hat dann also statt: Am Ende der Einwindstange ist ein gezähnter Sector x (Fig. 4.), der in eine Zahnstange oder Crèmaillère y greift, die in einen Stift z endigt. Wird die Stange auswärts gekehrt, so steigt die Crèmaillère, und der Stift z greift in irgend ein Glied der Kette o, welche also den Wagen zieht. Wird die Stange einwärts gekehrt, so tritt der Stift heraus, und der Wagen kann ohne alle Berührung der Kette zurük geben.

Die Hauptfunktion der Einwindstange, die der Spinner beginnt, ist indessen das Niederdrüken der Fäden. Während der Wagen hervorrükt, laufen alle Fäden von dem Kopfe der Spindel schief gegen das Strekwerk. Sie bilden daher gleichsam eine verlängerte Achse der Spindel a, drehen sich also um sich selbst. – Während aber der Wagen zurükkehrt, sollen sie sich vielmehr auf die Spindel aufwikeln. Die Fäden mäßen zu dem Ende von dem Bauch der Spindel ablaufen, und gegen diese senkrecht stehen. Dieß geschieht, so wie die Einwindstange l (Fig. 1 und 5) einwärts gedreht wird. Ein der Länge nach gespannter Draht m (die Bagnette) drükt dann alle Fäden herab, während ein zweiter n (die Contrebagnette) sie von hinten aufwärts drükt (Fig. 5). Gegengewichte bringen nachher die Drähte wieder in ihre vorige Lage (Fig. 1).

Die Kurbel b (Fig. 1) dient 1) um das Rad B, wenn es ruhen soll, vollends anzuhalten; 2) während des Zurükführens des Wagens die Trommeln und Spindeln langsam |11| zu drehen, damit der Faden sich aufwikele; 3) dem Rad B wieder den ersten Impuls beim Vorrüken des Wagens zu geben. Eben so ist hinter der Strekbank eine Stange – die Stellstange (perche de la dètente) befindlich, womit das Seil wieder von der Leerrolle auf die fixe Rolle gehoben wird. (Davon ein Mehreres bei der unten folgenden Erklärung einer Doppelbewegung).

Endlich verdient der sinnreiche obschon sehr einfache Mechanismus Erwähnung, wodurch der Wagen genöthigt ist, sich stets völlig parallel zu bewegen. Unter demselben befinden sich nämlich an jedem Seitenende eine Rolle mit doppelter Rinne. Ueber diese 2 Rollen a und b (Fig. 6) sind 2 durchaus gleich lange Seile gespannt, wovon jedes an 2 diagonal entgegen gesezten Pfosten befestigt ist, das eine läuft über die untere Rinne, wie pppp, das andere über die obere, wie qqqq. Es ist leicht zu erachten, daß die geringste schiefe Abweichung des Wagens eine Verlängerung des einen Seils erfoderte, was unmöglich ist. Diese beiden Rollen, die übrigens in keiner andern Verbindung stehen, heißen die Kreuzrollen (lesguides). Hauptsächlich bewirkt indessen noch den Parallelismus des langen Wagens, daß die Main douce auf beiden Seiten des Stuhls angebracht ist.

Es wird nach dem Vorigen wohl nicht schwer seyn, zu erkennen, wie der Stuhl die angegebene Bestimmung erfüllen kann.

Der Spinner, so wie der Wagen zurükgeschoben ist, dreht die Einwindstange so, das, der Wagen mit den Main douce verbunden wird, und der Faden sich auf den Spindelkopf hebt; und rükt dann die Perche, damit sich das Hauptseil nun von der Leerrolle auf die Fixe schiebe, und gibt dem Rad den 1ten Impuls mit der Kurbel. – Sogleich geht der Wagen vorwärts, das Strekwerk ist die Bewegung, und eben so sind es die Trommeln und Spindeln. |12| Ist er auf eine bestimmte Entfernung vorgerükt; so wirkt ein unten am Wagen gewöhnlich angebrachter Haken auf die Abstellhebel, und sogleich rükt der schiefe Baum (d) aus dem Getriebe, und das Hauptseil wieder auf die Leerrolle und alle Bewegung hört auf. Der Spinner, der also während des Vorrükens nichts zu thun hatte, und eben daher zuweilen zur Besorgung zweier gegeneinander gekehrter Stühle angehalten ist, drükt dann mit der Linken die Einwindstange so, daß die Faden sich senken, und der Wagen frei wird, und stößt diesen zurük, damit das Garn sich aufwikelt, während er mit der Rechten die Kurbel führt.

Von den Feinstühlen.

Diese ersten Faden kommen nun auf die Feinstühle (métiers en fin), wo sie noch etwa 6mal dünner und ungleich stärker gedreht werden sollen3). Im Wesentlichen haben diese ganz die Mechanik des vorigen; so, daß ich hier nur das Unterscheidende bemerke.

1) Haben diese Stühle immer eine aus 2 Reihen bestehende Spulenrame, auf deren Spindeln man geradezu die Spulen, wie sie von den Grobstühlen abgenommen werden, aufstekt.

2) Haben sie insgemein die doppelte (zuweilen auch 3fache) Anzahl Spindeln, so, daß die meisten Stühle zwischen 200 und 360 Fäden auf einmal liefern.

3) Gehen insgemein 2 Fäden nebeneinander über 1 Kerbwalze des Strekwerks: so, daß ein Stuhl mit 200 Sp. nur 3 mal 150 Kerbwalzen, eben so viele Drukwalzen und 150 Puzwalzen hat.

4) Geht das Ausziehen merklich langsamer, es brechen |13| weit mehrere Fäden (daher oft 3 Anknüpferinnen 1 Stuhl bedienen). – Eben deßwegen, und weil die Vorspunst doch auf's Sechsfache verlängert wird, reicht 1 Grobstuhl für 8 und mehr Feinstühle hin.

5) Vornehmlich erheischt aber die weit stärkere Torsion einen besondern Mechanismus. Es soll nämlich das Garn, nach dem der Faden ausgezogen ist, noch eine Zeit lang fortgezwirnt werden. Die Trommeln müssen daher später als Wagen und Strekwerk abgestellt werden.

Der Mechanismus, der diese lezte Abweichung bewirkt, heißt der Zähler oder Compteur. An dem äussersten Achsen-Ende des großen Rades B. (Fig. 7) befindet sich eine Schraube ohne Ende, die in das gezahnte Rad F. eingreift, und bei jedem Schwung des Rades einen Zahn rükt. Am Rade F ist aber ein Stift, oder an dessen Achse ein krummer Haken, (eine Schnauze) der erst dann auf den Hebel der Abstellung wirkt, und das Seil auf die Leerrolle schiebt, wenn das Rad eine bestimmte Anzahl Umschwünge vollendet hat. Beide Abstellungen sind demnach unabhängig von einander, hat der Wagen die Aipuilrére gebildet, so hebt sich zuerst nur der schiefe Baum (arbre de couche) aus, und Wagen und Strekwerk sieht still; – das Hauptrad B macht aber nach Bedarf noch 5, 6 oder mehrere Umschwünge, ehe auch diese und hiemit die zwirnenden Trommeln zum Stillstand kommen. Auch dieses erläutert noch mehr die Erklärung der Doppel-Bewegung (Fig. 3) übrigens sind die Einrichtungen des Zahlers sehr abweichend.

Bei den Feinstühlen ist endlich vornehmlich die genaue Regierung des Strekwerks wichtig, daher ich sie hier erkläre. Gesezt es soll Garn von Nro. 44 gesponnen werden, st werden zwar alle frühere Operationen darnach berechnet, zumal aber die Vorspunst gewogen oder numerotirt. Finden diese sich von Nro. 7. so muß sie 6 2/7 mal verfeinert, und |14| darnach das Strekwerk genau eingerichtet werden. Dieß geschieht, indem man das Getriebe oder den Pignon h (Fig. 2.) ändert; (der daher auch (pignon derechange heißt) je weniger Zähne dieser hat, desto langsamer geht i und also der hinterste (und mittlere) Strekcilinder gegen den vordersten, und desto stärker ist die Stärkung. So hat jeder Stuhl gewöhnlich 10 bis 12 solche Abänderungsgetriebe, die (so wie g) in einem doppelt d.h. senkrecht, und wagerecht verschiebbaren Lager eingesezt werden können, und nach ihren Nummern (von 25–39 Z.) von dem Spinnmeister vorgeschrieben werden.

Da ein Feinstuhl von 260–280 Spulen etwa 1 Pf. oder 1/2 Kilogram Garn von N. 40 doch eine Länge von 40,000 Metres oder 120,000 Fuß in 1 Stunde spinnen mag, und jeder Wagenzug etwa 1200 F. liefert, so muß der Wagen in 1 Stunde etwa 100mal, oder in jeder Minute fast 2mal vorrüken.

Acht bis zehn Stühle von 240–280 Spulen, oder 2250 Spulen, spinnen also täglich von obigen Mittelnummern etwa 1 Centner Garn (oder 100 Pf.).

Ueber den hohen Preis dieser Maschine, der mehrere tausend Franken beträgt, wird man sich kaum wundern, wenn man bedenkt, wie sehr viele einzelne Theile dieselbe zählt, die alle mit der größten Genauigkeit ausgeführt seyn müßen, und man erstaunt, wie leicht und geräuschlos recht gut konstruite Maschinen dieser Art gehen. Auch werden, sie sehr rein gehalten; und wöchentlich einmal wenigstens wird das ganze Strekwerk auseinander genommen, gereinigt, und geölt. Auch dieß verrichten dieselben Kinder, die mit besonderer Gewandheit das Andrehen oder Andrüken der brechenden Fäden besorgen.

Die Feinstühle befinden sich gewöhnlich auf den obern Strekwerken einer Spinnerei, und ihre Ausdehnung pflegt |15| man auch blos nach der Anzahl der Feinspinnstühle, oder ihrer Spindeln, anzugeben.

Von den Mule-jennis für die feinsten Garnsorten.

Obschon abweichend in vielen einzelnen Einrichtungen, und zumal in der Genauigkeit und Schönheit der Ausführung, so kommen doch alle Mulejennys im Wesentlichsten der Construktion mit einander überein.

Die meisten Abweichungen, und Eigenheiten kommen den Spinnstühlen zu, welche die feinsten Garnsorten produziren sollen, N. 150, 200 und darüber.

Ich erlaube mir hier blos einige allgemeine Bemerkungen, die ich ohne Indiskretion glaube mittheilen zu dürfen, über die neuesten englischen Spinnstühle, welche Hr. Dixson unlängst nach Frankreich gebracht, und die in der eben so schön eingerichteten als trefflichen Maschinen-Fabrik der HH. Dikson und Risler zu Sennheim (im Oberrhein) nun verfertigt werden.

Die Baumwolle, von Hand geschlagen, und auf beiden Kardenmaschinen in Boudins verwandelt, passirt 8 successive Strekwerke zu 4 Walzen, wovon jedes vierfach reducirt, und dann den Laternenstuhl. Diesen verläßt sie in der Gestalt dünner lokerer Bindfäden. Diese werden von Hand auf Spulen duplirt; und so erst auf die Vorspunst-Maschine gebracht, welche 120 Spulen hat, ein Räderwerk, das anzeigt, wenn die Vorspunstspule eine bestimmte Größe erlangt, im Ganzen aber die Einrichtung der Feinstühle.

Von diesen leztern sind 2, jeder zu 360 Spulen so mit der Rükseite aneinander verbunden, daß das Gestell (aus Gußeisen) ein Ganzes ausmacht, und beide Spinnen gegeneinander stehen. In der Mitte steht, auf dem Boden, der Hauptmoteur. eine senkrechte Trommel; von diesen gehen Rinnen zu beiden Seiten nach einer andern senkrechten |16| Trommel mit 3 Rollen, welche das Hauptrad vertritt; die eine für den vordem, die andere für den hintern Stuhl. Vorn ist eine Kurbel, die wie Leyerkurbeln gedreht wird; daher auch diese Construktionen box-organs (Leyer-Maschinen) heissen.

Die größte Eigenthümlichkeit dieser Stühle besteht aber darin, daß die Torsion in 3 Perioden erzielt wird, zu welchem Ende jene dreifache Rolle vorhanden ist.

Gleich Anfangs rükt das Seil auf die 1te Rolle, der Wagen geht ganz langsam und sachte vorwärts, Strekwerk und Trommeln sind in Bewegung.

Ist der Faden auf 42 Zoll ausgezogen, so fällt das Seil auf die 2te Rolle. – Nun geht der Wagen noch 8 Zoll weiter, aber das Strekwerk ruht, und nur die Trommeln bewegen sich fort, und zwar mit doppelter Geschwindigkeit.

Nun steht auch der Wagen still, es hat keine Dehnung mehr statt, aber die Bewegung der Trommeln geht mit erhöhter Geschwindigkeit, und mit dieser dauert die Torsion fort.

Dann erst fällt das Seil auf die 3te Rolle oder Leerrolle. Nun steht alles still, und der Wagen wird zurükgeschoben.

Daß (bei diesem Ausziehen ohne Nachrüken) sehr viele Faden brechen versteht sich, es sind daher auch einige Kinder für jeden Stuhl zum Andrehen nöthig, desto gewisser bleiben aber keine schwachen Stellen; 9'' Vorspunst werden etwa 50'' lang, und erhalten auf diesem Wege an 2400 Zwirnungen. Ein Wagen liefert aber mit 360 Spulen auch kaum 2 Pf. Garn täglich; und ein Doppelstuhl dieser Art mit 720 Spulen kommt (die Spule zu 11 F.) auf 7,920 Franken zu stehen.

|17|

Wer sich indessen in der Feinspinnerei versuchen will, wird sich dennoch gern an die obigen geschikten Künstler wenden.

Erklärung einer Doppelbewegung.

Die bloße Aufgabe den Trommeln, und hiemit den Spindeln eine verschiedene Geschwindigkeit zu ertheilen, um, wenn die Torsion zulezt noch, ohne daß das Strekwerk (und meist auch der Wagen) geht, fortgesezt wird, durch größere nun erlaubte Geschwindigkeit an Zeit zu gewinnen, ist an sich so wichtig und interessant, daß ich nicht umhin kann, noch eine andere Vorrichtung mitzutheilen, wodurch sie gelöst werden kann; zumal mehrere der vorhin erwähnten Theile dadurch nähere Erläuterung erhalten. –

Fig. 8 stellt die rechte Seite eines Feinspinnstuhles mit den zu diesem Zweke nöthigen Theilen dar;

x ist die Stange (barre oder perche);

AA die Hand oder der Hebel, dessen Ende das Hauptseil auf die große Treibrolle oder Leerrolle T und L verschiebt.

aa ist der Hebel für die beiden kleinen Rollen oder Scheiben t und l.

Von dem Moteur gehen also 2 Seile nach dem Stuhl; das eine nach den großen, das andere nach den kleinen Rollen. Beide Hebel A und a spielen um die Punkte B und b.

C ist ein Gewicht, das über eine kleine Leitrolle hängt, und den Hebel A, wenn es frei wirken kann, von T nach L verschiebt.

c ist ein ähnliches Gewicht, das eben so a von t nach l zieht.

DE ist eine Bascule oder Schnapphebel, dessen Haken den Arm A auf der Treibrolle T fest halten kann.

de ist ein ähnlicher Schnapphebel für aa.

|18|

F die Kurbel, an deren Achse g die Schraube ohne Ende h ist; diese greift in ein Rad, an dessen Achse i die beiden Schnauzen n und m befindlich sind, welche die Enden der Schnapphebel E und e aufheben können, so, daß sie die Arme A und a loslassen, und daß die Gewichte C und c nun wirken können.

Wird demnach x von der Linken zur Rechten geflossen, wenn der Wagen seinen Lauf beginnt, so geht A von L nach T das Seil des Moteurs treibt also die große Rolle (a bleibt auf l).

Gesezt nun nach 20 Umgängen der Rolle T soll diese Bewegung in eine geschwindere übergehen, so bewirkt dieß der Zähler oder die Schraube h. Nun muß die Schnauze n so gestellt seyn, daß sie gerade nach dem h 20 Zähne ergriffen hat, und nun auch DE hebt. Der Arm AA wird frei, und C zieht ihn nebst dessen Treibseil von T nach L; die großen Rollen ruhen also. Da aber der 2te kleinere Schnapp-Hebel de bei d an dem Arm A befestigt ist, so bewirkt jene Bewegung zugleich, daß de den kleinen Arm aa zurükzieht, das heißt, von l auf t schiebt. Jezt bewegt also t die Trommeln, und da t einen nur halb so großen Durchmesser hat, so muß die Geschwindigkeit die doppelte seyn.

Diese Geschwindigkeit wird wieder so lang fortdauern, bis die Schnauze m nun auch den Schnapphebel de lüftet, und dadurch das Gewicht c wirksam wird.

Jezt laufen beide Treibseile auf die Leerrollen, und alle Bewegung hört auf. – Daß auch dieß die Schraube mit deren Getriebe nach einer gegebenen Anzahl Umgänge der Rolle ausführen wird, ist einleuchtend, daher auch der Name Zähler oder Compteur.

|3|

Die englische Baumwollen- und Wollenzeug-Manufaktur, Pesth. 1819. 8.

|3|

Borgnis Mécan. appl. aux Arts. Vol. Etoffes 1819. Vautier Art du Filateur, Paris 1820. 8. Vergl. dieses Journal Bd. 6. S. 439.

|12|

Diese jedesmalige sechsfache Verlängerung muß zwar als sehr willkührlich erscheinen; nach der Erfahrung ist aber eine solche als die Zwekmässigste anzusehen.

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