Titel: v. Kurrer über das Bleichen der vegetabilischen und animalischen Substanzen.
Autor: Kurrer, Wilhelm Heinrich
Fundstelle: 1822, Band 8, Nr. XI. (S. 51–103)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj008/ar008011

XI. Ueber das Bleichen der vegetabilischen und animalischen Substanzen. Von Wilhelm Heinrich v. Kurrer.

Das Bleichen umfaßt im Allgemeinen diejenigen Verfahrungsarten, durch welche sowohl vegetabilische, als thierische Stoffe aus ihrer rohen Naturbeschaffenheit in einen farbenlosen (weißen) Zustand versezt werden. – Die Kunst, Stoffe des Pflanzenreichs zu bleichen, verliert sich in der grauesten Vorzeit. Schon die alten Egyptier kannten die reinigenden Eigenschaften gewisser Thonarten, und die Einwirkung der atmosphärischen Luft und des Lichts bei einer schnellen Herbeiführung des Bleichprozesses. Homer15) spricht von den leinenen Kleidern der trojanischen Frauen und Jungfrauen seiner Zeit auf eine Art, die vermuthen läßt, daß es weißgebleichte Stoffe waren. Er sagt: die beiden Quellen des Skamanders füllten zwei breite Beken des schönsten Marmors, wo während der glüklichen Tage des Friedens die trojanischen Frauen mit ihren schönen Töchtern ihre prächtigen Kleider wuschen. Derselbe unsterbliche Dichter mahlt uns die Prinzessin Nausikaa mit ihren Gespielinen, wie sie ihre Kleider zum Hochzeitfeste waschen, unter ihren Füssen treten, und der Einwirkung der Luft aussezen16). Den Griechen war schon zu jener Zeit die günstige |52| Einwirkung der Luft, des Thaues, und der Sonne beim Bleichen bekannt. Eine Stelle in dem uralten biblischen Buche Hiob gedenkt des Waschens von Kleidungsstüken in einer Grube mittelst des Krauts Borith, worunter Gesenius eine Pflanze aus dem genus Salsola versteht. Theophrast, der Sohn eines Walkres von der Insel Lesbos, welcher 300 Jahre vor Christus lebte, erzählt, das ein Schiff mit Leinwand und Kalk beladen durch die Wirkung des Kalks zerstört wunde; da durch Zufall der Kalk sich mit Wasser geschwängert hatte, geht daraus hervor, daß man bereits damals sich des Kalks beim Bleichen vegetabilischer Stoffe bediente. Plinius17) nennt die verschiedenen Erben und Pflanzen, welche die Griechen und Römer zum Reinigen und Bleichen benuzten. Erst später lernte man den Gebrauch der Aschenlauge und Seife kennen, auf welche die Anwendung der Soda, Pottasche u.s.w. folgte.

Im südlichen Asien, den Ländern dießseits und jenseits des Ganges, kannte man die Wirkung der äzenden Alkalien beim Geschäft des Bleichens vegetabilischer Gewebe schon lange zuvor, ehe die Europäer Hindostan besuchten, und dort ihre Niederlassungen gründeten. Nach der Versicherung glaubwürdiger Männer bedient man sich noch gegenwärtig in ganz Bengalen und auf der Küste von Koromandel dieses einheimischen |53| Verfahrens, welches die Urbewohner ein Jahrtausend früher, als die Europäer ausübten.

In Europa wurde die Kunst zu Bleichen erst in der neuern Zeit ihrer cimmerischen Finsterniß entrissen, und durch chemische Geseze zur eigentlichen Wissenschaft erhoben. Den ersten Lichtstrahl führte Scheele herbei durch die Entdekung der oxidirten Salzsäure (Chlorine), eine Entdekung, vermittelst welcher alle Gattungen der Pflanzenfaßern zu jeder Jahreszeit schnell und schön weiß gebleicht werden, welche von Berthollet aufgegriffen, den technischen Gewerben, insbesondere der Kunst zu Bleichen, eine ganz andere Richtung gab, und diese zu einen der interessantesten Zweige der technisch-chemischen Wissenschaft machte, indem nun scharfsinnige Chemiker und vorurtheilsfreie Manufakturisten mehrerer Nationen sich mit rastlosem Eifer der neuen Entdekung widmeten, und dem bisher vernachläßigten Bleichwesen die größte Aufmerksamkeit schenkten.

So verbreitete sich schnell die neue Methode zu Bleichen durch alle Theile von Europa. Es entstanden in Frankreich, und Großbritanien Bleichanstalten mit der oxidirten Salzsäure, die mehr oder weniger glüklichen Erfolg hatten. Wo unterrichtete Männer die Sache leiteten, da entsprachen die Resultate dem Erwarten vollkommen. Auch in unserem deutschen Vaterlande säumte man nicht, das Berthollet'sche Verfahren gleich nach dessen Bekanntwerdung einzuführen; zugleich beeiferte man sich, es möglichst zu vervollkommen, und der Lokalität anzupassen.

Als man durch die Erfahrung mit der bleichenden Wirkung der liquiden Chlorine im Großen vertrauter war, wurde die Bahn zu neuen Versuchen erleichtert. Es gelang der Chemie, die neue Säure an Substrate zu binden, wodurch manche Hindernisse in der Ausübung beim Bleichen besiegt wurden. So trat die Tennantsch'e Bleichmethode vermittelst Chlorin-Kalk, das englische Verfahren mittelst Chlorin-Bitter-Erde, |54| das Verfahren mittelst Chlorin-Kali (Idvellischer Lauge) und Chlorin-Natron ins Leben; nicht zu gedenken der Verbindungen jener Säure mit andern Erden und Alkalien, welche mehr oder weniger bleichende Wirkung besizen. – Von Born, Westrumb und Sieber bewiesen die Möglichkeit, mittelst der Chlorindämpfe zu bleichen.

Einige Jahre nach Berthollets folgenreicher Entdekung machte Chaptal ein neues Verfahren bekannt, mittelst äzendalkalischer Wasserdämpfe im verschlossenen Raum alle Gattungen Pflanzenfaßern mit einer erstaunlichen Schnelligkeit weiß zu bleichen. Higgins in Irland trat mit der geschwefelten Kalkerde, als einem Stellvertreter der Pottasche und Soda, beim Bleichen vegetabilischer Gewebe in die Schranken, und Westrumb sezt durch unwiderlegbare Resultate die Nüzlichkeit der Alkalien im kaustischen Zustande außer Zweifel.

Von den sich schnell aneinander reihenden Entdekungen mit Erfahrungen in der Kunst, vegetabilische Materien aller Art nach dieser oder jener Methode zu bleichen, war ein eifriger Wettstreit die natürliche Folge, wodurch diese Kunst auf gewiße Regeln gebracht wurde. Es fanden sich Männer in Frankreich, Großbritanien und Deutschland, welche sich es angelegen seyn ließen, die Vereinfachung des Bleichprozesses auszumitteln, und durch verbesserte Konstruktion der hiezu benöthigten Apparate das Bleichgeschäft für den empirischen Manufakturisten in ein vortheilhaftes, weniger schwüriges, Licht zu stellen. Pajot des Charmes, Fourcroy, Decroizilles, O'Reilly, Bourlier, Bosc, Rup, Tennant, Thomson, Parkes, Tenner, von Born, Westrumb, Hermbstädt, Erxleben und in der neuesten Zeit mehrere andere technische Chemiker haben sich ausgezeichnete Verdienste in diesem Gebiete der Wissenschaft erworben, und ihren Forschungen verdanken wir den Flor, in dem wir es gegenwärtig erbliken.

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Die Kunst zu bleichen läßt sich nach der Natur der zu bleichenden Stoffe in zwei Hauptklassen ordnen, nämlich: 1) in das Bleichen der vegetabilischen Materien, und 2) in das Bleichen animalischer Substanzen, wozu auch die Seide als Produkt der Phalaena bombyx zu zählen ist. Bei beiden Arten findet ein entgegengeseztes Bleichverfahren statt. Vegetabilische Substanzen bedingen andere Agentien und Verfahren, als: Wolle, Haare, Federn, Seide u.s.w., well ihre Grundmischung aus Kohlenstoff, Sauerstoff und Wasserstoff besteht, jene, thierischen Ursprungs, hingegen aus Kohlenstoff, Salpeterstoff, Sauerstoff, Wasserstoff und in den meisten Fällen aus Phosphor und etwas Schwefel zusammengesezt sind. Auch die, die ursprüngliche Weise verunreinigende, Materie ist bei jenen entgegengesezten Produktionen der Vegetation und Animalisation von verschiedener Beschaffenheit. Werden die Stoffe des Pflanzenreichs in der atmosphärischen Luft der Einwirkung des Lichts und des Sauerstoffs, so wie der Zersezung durch Thau und Wasser dargebothen, so entfärben sie sich in derselben Progression, wie die Materie in einem dauernden Zustande damit in Berührung erhalten wird; wogegen unter gleichen Bedingungen bei thierischen Gespinsten oder Geweben das Gegentheil erfolgt. Die reinen Alkalien zersezen leztere gänzlich, und bilden damit Gattungen von Seifen, während die Pflanzenfaser in ihrer Grundmischung dadurch unverändert erhalten wird. Die Chlorin- und schwefelsauren Bäder, deren man sich beim Bleichen der Leinen, Nessel, Baumwolle und aller andern Fasern des Pflanzenreichs mir großem Erfolge bedient, färben thierische Stoffe, als: Wolle, Haare, Federn, Hörner u. d. m. mehr oder weniger gelb. Die Seide, welche sich, ihrer Grundmischung nach, der Natur der thierischen Wolle nähert, erfodert bei der Operation des Bleichens unter partieller Abänderung dieselben Arten des Verfahrens, |56| welche bei dem Bleichen der Schafwolle in Anwendung gebracht werden.

Das Bleichen der vegetabilischen Gespinste und Gewebe läßt sich in folgende Bleichmethoden eintheilen:

A) In das Bleichen mittelst milder Alkalien und Auslegen auf die Wiese;

B) in das Bleichen durch kaustische Alkalien und Auslegen auf die Wiese;

C) in das Bleichen mittelst der saponificirten kaustischalkalischen Lauge;

D) in das Bleichen mit der liquiden Chlorine;

E) in das Bleichen mittelst der Chlorindämpfe;

F) in das Bleichen mittelst Chlorin-Kali (Iuvelle'scher Lauge) und Chlorin-Natron;

G) in das Bleichen mittelst Chlorinkalk (Tennant's Bleichflüssigkeit);

H) in das Bleichen durch Chlorin-Bittererde und Chlorin, Verbindungen mit andern Substraten (Basen);

I) in das Bleichen mittelst kaustisch alkalischer Wasser-Dämpfe (Chaptals Methode); endlich

K) in das Bleichen mittelst Schwefelkalk (Higgins Methode).

Es wird nun von den verschiedenen aus dem Pflanzenreiche entlehnten Fasern und deren daraus bereiteten Gespinsten und Fabrikaten die Rede seyn, nachdem zuvor in systematischer Ordnung, mit steter Berüksichtigung Anderer, und mit möglichster Sorgfalt und Sachkenntniß folgende Gegenstände abgehandelt worden sind:

A) Bleichen der Baumwolle, der baumwollenen Gespinste und Gewebe;

B) Bunt- oder Schekenbleiche;

C) Bleichen der Leinwand und leinenen Fabrikate;

D) Papierbleiche;

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E) Bleichen der Wäsche;

F) Bleichen der alten Kupferstiche;

G) Strohbleiche; endlich

H) Wachsbleiche.

Die Bleichmethode der thierischen Stoffe wird dann aus jenes folgen; die Wahl aber der beim Bleichen erfoderlichen Materialien den Beschluß dieser Abhandlung machen.

Von dem Bleichen der Baumwolle, der Baumwollen-Gespinnste und Gewebe.

Die weiße Baumwolle, die in ihrem natürlichen Zustande weiß und farbenlos ist, enthält in ihren feinsten Fasern einen eigenen Firniß der, wenn er gleich farbenlos erscheint, dennoch verhindert, daß die Baumwolle den höchsten Glanz ihrer Weiße dem Auge darbiethen kann. Beim Färben der rohen ungebleichten Baumwolle zeigt sich dieser inhärirende Firniß von extraktivstoffartiger Natur hinderlich für die Annahme der Farbe, indem er der Verbindung der Pigmente mit der Faser Schwierigkeiten entgegensezt. Im verarbeiteten Zustande, als Garn, wird das Gespinst durch die mehrfache Manipulation mit oeligen Substanzen, Schweiß und Staub verunreinigt. Die Baumwollen-Gewebe, wie sie der Weber vom Stuhle liefert, sind durch die Schlichte noch stärker beschmuzt. Leztere besteht theils aus Getraide oder Kartoffelmehl und thierischen keim, theils bedient man sich des Unschlitts, oder andere Fett-Arten, um den durch die Schlichte rauch und hart gewordenen Faden wieder geschmeidig zu machen. Viele Weber sezen der Schlichte noch andere Ingredienzen zu, welche insgesammt die weiße Farbe der Baumwolle mehr oder weniger entstellen, und durch den Prozeß des Bleichens hinweggesezt werden müßen18).

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Der natürliche extraktiv-stoffartige Firniß, (Farbestoff) so wie die durch die Verarbeitung dem Gewebe zugeführte Mehlschlichte löset sich am leichtesten durch die Fermentation auf, wogegen die Oel- und Fett-Theile durch die Alkalien in auflösbare Seifen umgeändert werden. Der Sauerstoff und das Licht erleichtern den Prozeß des Bleichens, indem sie den vorhandenen prädominirenden Kohlenstoff zersezen, und als kohlensaures Gas ausschieden.

Fermentations-Prozeß.

Bei allen Methoden, vegetabilische Stoffe zu bleichen ist die gehörige Fermentation (Weichung) von der höchsten Wichtigkeit für die Förderung des übrigen Bleichprozesses. Gerade in dieser Vorarbeit dürfte der Grund des öftern Mißlingens oder verspäteten Erfolges in vielen Bleichanstalten zu suchen seyn, weil die Sache von den Wenigsten begriffen |59| und von den Meisten fehlerhaft betrieben wird19). Selbst Westrumb, mehrere französische Schriftsteller und, nach Parkes Versicherung, ein großer Theil der britischen Manufakturisten sind hierin noch nicht im Klaren, da bei ihnen noch die üble Gewohnheit herrscht, alkalische Flüssigkeit oder alte schon gebrauchte Lauge, statt des reinen Wassers, zum Einweichen der Bleichwaare zu verwenden; ein höchst zwekwidriges, ja sogar schädliches Verfahren, wodurch nicht nur der eigentlich zu bezwekende Fermentationsgang verhindert, sondern auch die darauf folgenden Bleichgange in die Länge gezogen, und das Bleichen erschwert wird.

Der Zwek des Einweichens der Waaren im Wasser ist die Fermentation und Bildung essigartiger Säure; sie gründet sich auf die wechselseitige Einwirkung und Mischungs-Veränderung der dabei ins Spiel tretenden Naturstoffe.

Die von dem Webestuhl gekommenen rohen oder ungebleichten Baumwollen- und Leinen-Fabrikate sind mit farbigen Extraktivstoff, Amilon, Schleim, Gluten und andern Unreinigkeiten verbunden, welche zum Theil dem Faden schon anhiengen, zum Theil aber, vorzüglich was die mehlartigen Substanzen betrifft, durch die Weberschlichte denselben mitgetheilt wurden.

Durch die Gegenwart zukerstoffhaltiger Materien in ruhiger Berührung mit dem Wasser bildet ein Theil derselben |60| die Fermentation, indem eine angemessene Quantität Wassers bei einer gährungsfähigen Temperatur eine Zerlegung erleidet, den Sauerstoff an die zukerstoffhaltigen Theile absezt, und diese in eine essigartige Säure umändert, in welcher nun ein Theil des gefärbten Extraktivstoffs lösbar erscheint, der andere hingegen für die Auflösung in den alkalischen Bädern und der Luftbleiche disponirt wird.

Die atmosphärische Luft, und die Abgabe von Sauerstoff aus derselben, spielt hiebei auch eine wichtige Rolle. Sie hilft, in Mitwirkung der freien Wärme des Dunstkreises und der Bildungstemperatur, welche durch den Gang der Gährung verursacht wird, die Mischungs-Veränderung sämtlicher Materien beschleunigen. Als gasförmige Produkte entweichen bei diesem Fermentationsprozesse: Kohlensäure und kohlenstoffhaltiges Wasserstoffgas, auch ein Theil freies Wasserstoffgas, welches durch Einwirkung anderer Materien verunreinigt ist.

Auf dem positiven Akt der sauren Gährung beruht die schnelle Förderung des ganzen übrigen Bleichprozesses20); tritt der faule Grad der Gährung ein, so leidet dadurch die Pflanzenfaßer in ihrer Festigkeit. Im warmen Frühjahr und im Sommer ist die gewöhnliche Temperatur der Atmosphäre hinreichend jene Gährung herbeizuführen. In kalten Herbsttagen und im Winter verrichtet man das Geschäft in eigens dazu eingerichteten und geheizten Lokalitäten bei einer steten Temperatur von 10–12 Grad Reaum.

Bleichen durch milde Alkalien.

Die sogenannte Luft- oder Rasenbleiche, welche durch Hülfe milder (kohlengesäuerter) Alkalien, und durch Auslegen |61| auf die Bleichweise bewirkt wird, ist die älteste Bleichmethode; sie wurde in Deutschland und Holland von jeher ausgeübt, und ist noch gegenwärtig, zum Nachtheil der Bleichinhaber, in den meisten Baumwollene und Leinen-Bleichen gewöhnlich.

Das erste Geschäft bei dieser Art zu bleichen besteht in dem Entschälen oder Gähren der Waare, wobei folgendes Verfahren das beßte ist.

Die rohen Kattune21), wie sie der Weber vom Stuhle liefert, werden gefacht in die Gährungskufe eingeschichtet, und mit den Füßen etwas fest eingetreten22). Ist die Waare auf diese Weise eingebracht, so wird ihr so lange milchlaues Flußwasser gegeben, bis sie ganz durchnäßt ist, alsdann legt man ein hölzernes Kreuz auf, das mit einer angebrachten Stüze, welche an die Deke reicht, befestigt wird, wodurch man das Aufsteigen der Waare verhindert. Nachdem diese Vorrichtung getroffen ist, füllt man die Gährungskufe mit warmen Wasser so weit an, daß die Flüssigkeit 4–5 Zoll über die Waare sich erhebt.

In diesem Zustande läßt man die Waare 2–3 Tage ruhig stehen, bis die saure Fermentation eingetreten ist. Schon nach 8–10 Stunden entwikeln sich Luftblasen; es entsteht ein beträchtlicher Schaum, und eine Menge auflösbarer Theile trennen sich von der Waare, und werfen sich auf die Oberfläche. Diese Erscheinungen zeigen das Eintreten der geistigen |62| Gährung an, welche alsbald in den sauren Grad der Gährung übergeht, und das Produkt einer essigartigen Säure gibt.

Ist die saure Gährung eingetreten, so wird die Flüssigkeit durch den unten an der Kufe angebrachten Hahn ganz abgelassen, und durch Wasserzuströmung ein Theil der noch anklebenden Unreinigkeiten und sauren Flüssigkeit weggespühlt. Der Hahn an der Kufe wird nun wieder geschlossen, frisches laues Wasser aufgegossen, und wie das erstemal der sauren Fermentation überlassen.

Hiebei ist zu bemerken, daß die Waare nicht über die Zeit in der Flüssigkeit bleiben darf; denn wenn der faule Grad der Gährung eintritt, so präzipitiren sich die aufgelösten Molekühlen aus dem Fluidum, schlagen sich in die geöffneten Poren der Pflanzenfaser nieder, und erschweren den ganzen übrigen Bleichprozeß; auch verliert die Faser durch den faulen Grad der Gährung an Dauerhaftigkeit.

Nachdem alle jene Erscheinungen bei der zweiten Fermentation der Waare vorgekommen sind, läßt man die Flüssigkeit ablaufen, bringt die Waare an den Fluß oder Bach, wascht sie gut aus, walkt sie zweimal wohl durch, und wiederholt noch einigemal das Waschen23).

Hierauf gibt man in einigen Bleichen sogleich die erste alkalische Lauge; in andern hingegen wird die Waare 4–5 Tage auf die Bleichwiese ausgelegt, ehe sie die alkalische Lauge erhält. Ich ziehe dieses leztere Verfahren dem erstern vor, weil dadurch nicht nur alkalisches Salz erspart, sondern |63| auch der Prozeß des Bleichens durch die erste Laugenoperation mehr gefördert wird, wenn die Einwirkung des Lichts, die Zersezung des Wassers und die Verbindung des Sauerstoffs, mit den verunreinigten Theilen, diese zum Theil wegschaft, zum Theil geneigter für die Lösung in der alkalischen Lauge macht.

Erste alkalische Lauge.

Um die eigentliche Wirkung der milden Alkalien im Vergleich mit den reinen kaustischen bei dem Geschäft der Baumwollenbleiche im Großen kennen zu lernen, unterwarf ich zwölf Hundert Stük 5/4 breite und 47 Ellen lange Calico einer Behandlung damit. Die Waare wurde in 4 gleiche Theile abgetheilt, welche im Laufe der Bleichoperation auf einander folgten, so, daß die lezte Parthie zu derselben Zeit in die Fermentationskufe kam, als die erste die zweite Kochung in dem Laugenapparat verließ. Ich fand dieses nöthig, um mich beider Bleichoperation durch wechselseitige Vergleiche vor jeder Täuschung zu bewahren, welche durch eine einfache Parthie leicht hätte veranlaßt werden können, und um eine feste Basis für die praktische Ausführung im Großen zu erhalten. Es ergab sich nach Beendigung des Bleichprozesses ein Resultat, welches hinsichtlich der Weiße der Waare, die durch diese Methode erreicht worden, nichts zu wünschen übrig ließ. Ich operirte dabei folgendergestalt:

Drei Hundert durch Fermentation vorbereitete und 5–6 Tage auf der Bleichwiese gelegene Stüke Calico von der oben angegebenen Breite und Länge, wurden in dem Laugenapparat, (welcher im 3. Bande Seite 1. in diesem Journal beschrieben, und auf Tab. XVII. abgebildet ist24) eingeschichtet, und eine Auflösung von 42 Pfund Pottasche von 54 bis |64| 56 % Kali nebst dem benöthigten Wasser hinzugebracht. Der Dekel der Laugenkufe wurde nun geschlossen, und Feuer unter dem Kessel gemacht. So ließ ich die Waare zwölf Stunden anhaltend kochen, und nach beendigter Feuerung eben so lange in der alkalischen Flüssigkeit bleiben. Hierauf wurde diese durch Oeffnung des unten an der Laugenkufe angebrachten Hahn's abgelassen, die Waare herausgenommen, an einen Fluß oder Bach geschafft, gut gewaschen, gewalkt und wieder 5–6 Tage auf die Bleichwiese ausgelegt.

Zweite alkalische Lauge.

Die zweite Laugenoperation geschieht eben so, mit dem einzigen Unterschiede, daß 36 Pfund Pottasche von 54–56 % Kali statt 42 Pfund in Anwendung kommen. Nach dem Waschen und Walzen wird die Waare wieder 5–6 Tage der Einwirkung des Lichts und des Sauerstoffs der Atmosphäre, so wie der Zersezung des Wassers, auf der Bleichwiese ausgesezt.

Da ich das Bleichgeschäft mit den in 4 Parthien getheilten 1200 Stük Caliko in den Monaten Mai und Juni verrichtete, so waren zwei Laugen hinreichend, die Waare vollkommen zu entfärben, und weiß zu bleichen. Man kann dieß auch von den dem Bleichen gewöhnlich günstigen Monaten April bis September annehmen. In kalter, rauher und naßer Witterung oder im Winter werden 3 Laugen erfodert, um die Waare schön weiß, und geeignet für den Druk darzustellen. Ich überzeugte mich davon durch 300 Stük Caliko, die nach einer dritten Lauge von 28 Pfund Pottasche vollkommen gebleicht erschienen.

Ehe wir zu dem schwefelsauren Bade, der lezten Operation beim Bleichen der baumwollenen Waare für solide Farben in dem Kattundruk übergehen, mögen die verschiedenen Verfahrungsarten, welche in Deutschland beim Bleichen |65| mit kohlengesäuerten Alkalien statt finden, näher beleuchtet werden.

Laugen der Waare in den Laugenkufen durch Aufgießen der alkalischen Auflösung.

Die älteste und noch heut zu Tage in mehreren Gegenden unsers deutschen Vaterlandes angewendete Methode besteht darin, daß die erwärmte alkalische Lauge auf die Waare gegossen, nach dem Aufguße abgelassen, wieder in den Kessel zum Kochen gebracht, und so durch wechselseitiges Erwärmen und Wiederaufgießen das Laugengeschäft betrieben wird.

Der Verfasser übte diese Methode in einem dazu schon eingerichteten Geschäfte auf folgende Weise aus: Da ihm die gute Wirkung der Fermentation zur Beschleinigung des Bleichprozesses bekannt war, so wurden 230 Stük 5/4 breite und 37 Ellen lange Calico's in die Einweichkufe gebracht, und die Gährung so, wie bereits angegeben ist, bewirkt. Die Behandlung mit der milden alkalischen Lauge war diese:

55 Pfund Pottasche von 54 % Kali wurden in einen geräumigen kupfernen Kessel mit hinreichendem Wasser zur milden alkalischen Lauge gemacht; nachdem vorher die Waare in eine zur Seite stehende Kufe eingeschichtet, und dieser, um das Aufschwellen und Emporsteigen der Waare zu verhüten, ein mit vielen großen Löchern versehener Dekel, den man mittelst einer Steife an der Deke befestigt, angepaßt worden. Ist die tauge in dem Kessel stark im Sieden, so schöpfen zwei Arbeiter dieselbe mittelst hölzerner Schöpfer auf die Waare in der Kufe, und zwar so lange, bis die Flüssigkeit 4 Zoll hoch über die Waare steht. Damit nicht der Kessel dadurch ganz ausgeschöpft werde, so wird der Verlust desselben an Flüssigkeit durch etwas Flußwasser ersezt. So bald die Kufe mit alkalischer Lauge angefüllt ist, öffnet man den unten 4 Zoll vom Boden angebrachten Hahn, läßt die Flüssigkeit in die unter |66| denselben gesezte Wanne laufen, schöpft sie in den Kessel, bringt sie zum Kochen, schöpft sie wieder auf die Waare, und wiederholt dieses wechselseitige Ablassen, Aufwärmen und Wiederaufgießen 12–14 mal25).

In diesem Zustande wird die Waare mit der alkalischen Lauge 48 Stunden lang ruhig in der Kufe gelassen, nach Verlauf dieser Zeit aber der Hahn geöffnet, die Flüssigkeit abgelassen; und die Waare durch Arbeiter, welche mit Holzschuhen versehen sind, herausgenommen, am Fluß oder Bach gewaschen, gewalkt und 8–10 Tage hindurch auf die Bleichwiese ausgelegt.

Das 12 bis 14malige unausgesezte Aufgießen, Wiederablassen und Erwärmen der alkalischen Lauge erfordert gewöhnlich 10–11 Stunden, und zwei Arbeiter.

In der zum Bleichen günstigen Jahreszeit werden bei dieser Verfahrungsart drei alkalische Laugen nöthig, um den baumwollenen Geweben vollkommene Weise zu verschaffen. Ist aber die Witterung ungünstig, oder ist es Winterszeit, so muß man eine vierte Lauge geben. Nach jeder Lauge bringt man die Waare wieder 8–10 Tage auf den Bleichplan.

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Die lezte Vorrichtung ist das schwefelsaure Bad, welches bei der Waare, die für den Kattundruk bestimmt wird, nicht unterlassen werden darf. Das quantitative Verhältniß der Pottasche zur Waare nach dieser Methode ist:

in günstiger Jahres-Zeit,

1te Laugenoperation 55 Pfund Pottasche

2te Laugenoperation 50 Pfund Pottasche

3te Laugenoperation 40 Pfund Pottasche

in kalter, feuchter Witterung und im Winter,

1te Laugenoperation 55 Pfund Pottasche

2te Laugenoperation 50 Pfund Pottasche

3te Laugenoperation 35 Pfund Pottasche

4te Laugenoperation 30 Pfund Pottasche

Durch viele Versuche und mehrjährige Erfahrung habe ich mich überzeugt, daß in der Anwendung der alkalischen laugen beim Bleichen aller vegetabilischen Fasern, die schnellere Beendigung der Bleichprozesse sicherer erreicht wird, wenn man anfänglich die Lauge konzentrirter, nachher aber stufenweise weise immer schwächer anwendet. Es liegt dieß in der Natur der zu bleichenden Stoffe, welche in ihrem rohen Zustande mehr inhärirenden Extraktivstoff und andere Unreinigkeiten enthalten, deren Verminderung durch die aufeinander folgenden Operationen geschieht; daher auch schwächere alkalische Laugen in dem Fortgange erfordert werden.

Durch die Behandlung in der alkalischen Lauge, werden die durch den Fermentations-Prozeß nicht fortgeschaften Unreinigkeiten zum Theil aufgelöst, zum Theil zur Auflösung in den darauf folgenden Operationen geschikt gemacht, indem die Zwischenräume der Faser ausgedehnt, und der Einwirkung der tust, des Lichts so wie der Zersezung des Wassers auf der Rasenbleiche um so mehr dargebothen werden. Die Alkalien lösen außerdem auch die Fett- und Oel-Theile, welche durch die Spuhl- und Webemanipulation hinzugeführt werden, vollkommen |68| auf, und erhalten dadurch eine seifenartige Beschaffenheit26).

Von dem Laugen der Waare in dem Kessel.

In Sachsen und im nördlichen Deutschland ist das Laugen der Waare in kupfernen Kesseln fast ausschließlich im Gebrauch. Man verfährt dabei auf folgende Weise:

Ehe die aufgefachte Waare in den Laugenkessel eingesezt wird, bringt man auf den Boden desselben ein starkes Hölzernes, Kreuz, in dessen Mitte eine hölzerne Stange von der Dike eines gewöhnlichen Manns-Arms in prependikulärer Richtung eingestekt wird. Nach dieser Vorrichtung schichtet man die Waare sorgfältig ein, gießt die milde alkalische Lauge mit hinreichendem Floßwasser hinzu, so, daß das Fluidum wenigstens 6 Zoll über der Waare steht, und gibt dem Kessel Feuer. Wenn die Flüssigkeit anfängt, eine Temperatur von 80 % Reaum. zu erreichen, zieht man die Stange aus der Mitte heraus, wodurch eine runde Oeffnung entsteht, durch welche die Lauge im Sude aufwallen, und sich auf der Oberfläche zertheilen kann, was dann auch das Aufsteigen der Waare verhindert.

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Die Bleichwaare, welche den Fermentationsprozeß bestanden hatte, ließ ich in der ersten alkalischen Lauge 6 Stunden anhaltend kochen; in der zweiten, dritten und vierten Lauge, die stufenweise schwächer an Kaligehalt war, wurde sie 5–4 und 3 1/2 Stunde der Kochhize ausgesezt. Bei dieser Art zu Laugen ist während der ganzen Operation ein Arbeiter nöthig, um die von Zeit zu Zeit theilweise in die Höhe und über die Flüssigkeit getriebene Waare mit Stäben wieder unterzutauchen27). Nach jeder Auskochung wird die Waare auf ein befestigtes Lattengerüste zur Abkühlung geworfen; und bei der naßen Bleiche unmittelbar nach völliger Auskühlung auf die Bleichwiese geschaft, bei der trokenen Bleiche hingegen vorher ausgewaschen und gewalkt. Das quantitative Verhältniß der Pottasche beim Bleichen der Waare nach dieser Verfahrungsart reduzirt sich auf 30–35 % weniger, als bei der Methode des Aufgießens der kochenden Bleichlauge.

Durch das Laugen im Kessel, das eine mehr gleichförmige erhöhte Temperatur gewährt, werden die auflösbaren Materien schneller und besser hinweggeschaft, als es durch |70| das Aufgießen in der Bleichkufe geschehen kann. Nur ist dabei auch mehr Aufmerksamkeit des Bleichers nöthig, weil die Waare stets unter der Flüssigkeit bleiben muß. Jedes Anliegen an heiße trokene Stellen des Kessels kann leicht Schaden verursachen, und die Dauerhaftigkeit der Faser schwächen. Was die Flüssigkeit durch die Verdampfung verliert, muß sorgfältig durch Flußwasser wieder ersezt werden. Es ist übrigens nichts Seltenes, daß sich braune Kupferfleke auf der Waare zeigen, die durch starke Anhäufung der Waare im Kessel vermehrt werden, wenn zu wenig Flüssigkeit in dem Zwischenraum vorhanden ist; man hat deßwegen beim Einsezen der Waare genau darauf zu sehen, daß sie nicht zu fest eingeschichtet werden. Um jenen Fleken zu begegnen, bedienen sich die Bleicher einer Vorrichtung, welche darin besteht, daß die Seitenwand des Kessels mit Latten 6 Zoll breit von einander geschichtet wird, sie gehen vom Boden aus bis an die Oberfläche des Kessels, und sind in die kreuzartige Unterlage eingestellt.28) Die kupfernen Laugenkessel laufen gegen den Boden etwas spiz zu, damit sich unter dem hölzernen |71| Kreuz hinlängliche Flüssigkeit befinde. Ihre Größe richtet sich nach der Quantität der zu bleichenden Waare. Ober den Kesseln ist auf der Rükseite am Schornstein ein hölzener Apparat angebracht, auf welchen die Waare nach der Kochung mittelst hölzerner Bleichstöke gehoben wird, damit die anhängende Lauge in den Kessel zurüklaufen könne, und nach einiger Abkühlung der Waare den Arbeitern die weitere Behandlung leichter werde29).

Luft- oder Rasenbleiche.

Die Luft- Rasen- oder Wiesenbleiche gründet sich auf die Einwirkung der atmosphärischen Luft und des Wassers, wobei das Licht der Sonne eine wichtige Rolle spielt. Die atmosphärische Luft und ein Theil des Wassers erleiden durch den Prozeß des Bleichens eine Zersezung, indem sie ihren Sauerstoff abgeben, und dadurch den vorwaltenden Kohlenstoff der vegetabilischen Faser oder Gewebe als kohlensaures Gas hinwegschaffen. Jene Zersezung wird durch die Einwirkung und Zerlegung des Sonnenlichtes begünstigt, indem der lichtzeugende Stoff desselben mit dem gefärbten Kohlenstoffe so lange in Verbindung tritt, als noch farbige Erscheinungen vorhanden sind. Dagegen befördert die durch |72| die Zerlegung in Freiheit gesezte Wärme die Zersezung der atmosphärischen Luft und des Wassers, leztere auch die Ausdünstung der Pflanzen, so wie die Zerlegung des niedergefallenen oder aus den Pflanzen ausschwizenden Thaues, welcher nach Berthellets Analyse30) eine beträchtliche Menge Sauerstoff enthält.

Diese gegenseitige Wechselwirkung der Mischung und Entmischung, welche die Natur bei dem Prozeß des Bleichens herbeiführt, dauert so lange ununterbrochen fort, bis die vegetabilische Faser vollkommen weiß erscheint, und das Licht unentmischt reflektirt wird. Um die Theorie des Bleichens vegetabilischer Stoffe anschaulicher zu machen, weiset der Verfasser auf die am Schluße angefügte Tabelle. Alle Fasern des Pflanzenreichs können, wenn die Fermentation gehörig erfolgt ist, unmittelbar durch die Natur, ohne Beihilfe der Kunst, mehr oder weniger aus ihrem rohen in einen entfärbten Zustand versezt werden. Es wäre aber darin kein Vortheil, wohl aber bedeutender Nachtheil; denn es erforderte nicht nur, zumal bei leinenen Geweben, weit mehr Zeit, als bei der Anwendung geeigneter Bleichmittel nöthig ist, sondern es würden auch durch den langwürigen Bleich-Prozeß die Fasern in ihrer Struktur nicht wenig leiden. Die Alten, welche die liebe Natur mit geringer Nachhülfe an bleichwirkenden Substanzen walten ließen, erfuhren dieses oft genug. Sie erkannten zwar die Wirkung verschiedener Erden und Pflanzenaschen, so wie die Wirkung des Thaues, und gaben dem Bleichen in den Monaten März, April und Mal den Vorzug; aber dem ungeachtet reichte selten ein Jahr hin, um ihre Leinwand weiß zu erhalten. Auch war man damals schon zufrieden, wenn man eine Waare bekam, welche bei der gegenwärtigen Stufe der Kunst, für halb vollendet gelten würde.

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Die Luft- oder Rasenbleiche zerfällt a) in die trokene Bleiche, und b) in die naße Bleiche.

Trokene Bleiche nennt man diejenige Bleich-Art, bei welcher die Waare nicht mit Waßer künstlich genezt wird, sondern einzig und allein der wechselnden Witterung und der Natur überlassen bleibt. Hier wirkt der Sauerstoff des Dunstkreises, des Thaues und des Regens mit Beihilfe des Lichts und der Pflanzenausdünstung auf den Prozeß des Bleichens. Ehe man aber die Waare auf die Bleichwiese auslegt, pflegt man sie nach der Auskochung in der alkalischen Flüssigkeit durch Waschen und Walken von dem anhängenden alkalischen Salze vorher zu reinigen. Bei der naßen Bleiche, welche wirkungsvoller als jene ist, weil durch Anhäufung von Wasser und Zersezung derselben mehr Sauerstoff dargebothen wird, wird die gelaugte Waare nach ihrer Abkühlung unmittelbar mit der noch anklebenden alkalischen Flüssigkeit auf die Weise ausgelegt, und bald darauf mit Wasserbegießen der Anfang gemacht. Die Wiederholung desselben richtet sich nach der Witterung und geschieht in den heitern Frühlings- und Herbstmonaten des Tages zweimal, im Sommer aber bei großer Hize, 3–4 mal, weil durch öftere Wiederholung in der Sommerhize der Prozeß des Bleichens um vieles gefördert wird.

Sowohl bei der naßen als bei der trokenen Bleiche ist es nothwendig, daß die Waare so breit als möglich ausgespannt sey. Man bedient sich dazu der hölzernen Bleich-Nägeln und geschälter Stangen von Tannenholz, Die ersteren werden umwunden mit den 4 Endspizen der Stüke und in die Erde eingestekt, die Stangen aber quer über das Bleichfeld gelegt, damit der Wind die Waare weniger heben könne; auch werden sie täglich rük- oder vorwärts geschoben, um den von ihnen bedekt gewesenen Stellen die freie Einwirkung des Lichts und der Luft zu verschaffen. |74| Wenn die Waare die halbe Zeit über auf der Wiese gelegen hat, hebt man sie auf, wendet sie um, und bringt so die unten auf dem Grasboden gelegene Seite nach Oben, damit beide Seiten gleichförmig gebleicht werden. Dieses Verfahren ist, besonders beim Bleichen der Leinwand, nicht genug zu empfehlen.

In der Winterbleiche muß die Waare sorgfältig auf dem Schnee erhalten werden. Unter demselben friert sie leicht auf den Boden an, und leidet an Dauerhaftigkeit, welches um so mehr geschieht, wenn Aufthauen und Gefrieren mit einander wechseln, und die Waare an den Boden angefroren unter Schnee zu liegen kommt.

Von dem Behandeln der Waare in dem sauren Bade.

Die lezte Behandlung, welche die zum Druk und Färben bestimmten baumwollenen Gewebe erfordern, besteht in der Anwendung des schwefel- oder salzsauren Bades. Sie wurde durch Franz Home zuerst in Vorschlag gebracht; früher hatte man in den Baumwollen- und Leinenbleichen saure Milch gebraucht. Home hat die Wirkung und Unschädlichkeit der Schwefelsäure beim Bleichen aller vegetabilischer Fasern außer Zweifel gesezt. Er ließ in einem solchen Bade Leinwand mehrere Monate lang liegen. Die Säure war nach dieser Zeit noch eben so stark, als da die Waare hineinkam, und diese hatte nichts an Dauerhaftigkeit verloren. Das schwefelsaure Bad bewirkte in 5 Stunden so viel, als die beßte saure Milch kaum in 5 Tagen zu bewirken im Stande war. Nach Fourcroy und Vaurquelins Beobachtung31) nimmt die konzentrirte Schwefelsäure in ihrer Wirkung gegen organische Körper, nach dem Quadrate des Massenverhältnisses des ihr zugesezten Wassers ab, so daß |75| wenn einer Portion Schwefelsäure zwei, einer andern Portion aber vier Theile Wasser zugesezt sind, man von lezterer sechszehnmal so viel als von ersterer anwenden muß, um eine gleich große Zerstörung gegen organische Materien zu veranlassen; auch hat die Erfahrung gelehrt, daß die Affinität der Schwefelsäure zum Wasser im Verhältniß des Quadrats der Wassermenge, welche mit der Säure verbunden ist, abnimmt. In dem Verhältniß, in welchem man die Säure dem Wasser beim Bleichen zusezt, kann das Gewebe nie einer Zerstörung in der Flüssigkeit unterliegen, wenn die Waare nach dem Herausnehmen aus derselben rein in fließendem Wasser ausgewaschen wird. Vernachlässigt man dieses Auswaschen, so verdünstet das Wasser, die Säure konzentrirt sich, und zerstört in solchem Zustande die Pflanzenfaser32). Die Anwendung des schwefelsauren Bades |76| beim Bleichen der vegetabilischen Substanzen gründet sich darauf, daß dadurch die anhängenden erdigen Theile und die metallischen Oxide, welche durch den Prozeß des Bleichens sich mechanisch aufgelegt haben, zersezt, und als auflösbare schwefelsaure Salze hinweggeschaft werden. Jene Anhäufungen entspringen theils durch die Bleichmittel selbst, theils durch das Wasser, dessen man sich zum Waschen und Begießen der Waare bedient. In den meisten Fällen bestehen die metallischen Oxide aus Eisen, dessen Gegenwart leicht zu erkennen ist, wenn man in eine Portion mehrmals gebrauchten schwefelsauren Wassers, blausauren Kalk tröpfelt, und dann nach einiger Zeit ein blauer Niederschlag unter der Gestalt des blausauren Eisens erscheint. Statt der Schwefelsäure kann man auch eisenfreie Salzsäure nehmen, sie ist vorzüglich in solchen Fällen wirksam, wo Kalkerde zugegen ist, weit besser, als die Schwefelsäure, weil der salzsaure Kalk ein in Wasser leicht lösbares Salz darstellt, der schwefelsaure hingegen als Gyps präzipitirt und auf der Faser niedergeschlagen wird.

Ich empfehle daher allen Bleichbesizern, deren Wasser Kolkerde enthält, weil durch die Manipulation der naßen Bleiche ein Theil des Wassers zerlegt, der andere Theil aber verdünstet wird, wodurch die erdigen Molekülen auf der Waare zurükbleiben, sich vorzugsweise der Salzsäure zu bedienen. Das Verhältniß dieser Säure, um ein saures Bleichbad anzustellen, besteht in 3 Theilen Salzsäure gegen einen Theil Schwefelsäure.

Bei Anwendung der sauren Milch, welche sonst in Holland, den Niederlanden, Schottland, Irland und Deutschland beim Bleichen leinener Stoffe üblich war, bis sie durch die wirkungsvollere Schwefel- und Salzsäure verdrängt wurde, wirkte die in der Milch enthaltene Essigsäure als saures Agens. Ausser dieser Essigsäure enthält die saure Milch eine beträchtliche |77| Quantität käsiger Theile, welche in warmen Sommertagen nach dem eingetretenen sauren Grad der Gährung schnell in den faulen übergeht, und dann zerstörend auf die Struktur der Faser einwirkt. Bei dem wohlfeilen Ankaufe der Schwefelsäure, und dem ökonomisch vorteilhaftem Gebrauche der sauren Milch, wird leztere beim Bleichen ganz entbehrlich.

Die Behandlung der Waare in dem schwefelsauren Bade läßt sich a) in das kalte und b) in das warme schwefelsaure Bad eintheilen. Um ersteres vorzurichten, bediene ich mich einer ovalen hölzernen Wanne von Tannenholz, welche von zwei oder drei eisernen Reifen gut zusammengehalten wird, mit einer Winde oder einer Haspel versehen ist, und Raum für 50 Stük Caliko hat. Sie sind mit so viel klarem Flußwasser gefüllt, als zur angegebenen Parthie Bleichwaare erforderlich ist, und von der Schwefelsäure, nachdem sie in einem steinernen Geschirr mit 8 Theilen Wasser gemischt worden, so viel unter immerwährendem Umrühren in die Wanne gebracht, bis das Bad auf der Zunge einen mäßig sauren Geschmak gibt. Die Quantität der Säure zu einem solchen sauren Bade läßt sich nicht genau bestimmen; es entscheidet dabei die größere oder geringere Starke der Schwefelsäure und die feinere oder gröbere Beschaffenheit der Bleichwaare. Gewöhnlich erfordern 1000 Maaß (2000 Pfund) Wasser 2 bis 2 1/2 Pfund rauchender Schwefelsäure.

In das fertige schwefelsaure Bad werden nun die aneinander geknüpften Stüke vermittelst der Winde eingehaspelt, darin eine Stunde lang unausgesezt hin und her getrieben, sodann vermittelst Stöken untergetaucht, und nun 24 Stunden ruhig unter der Flüssigkeit gelassen, worauf man sie vor dem Herausnehmen noch eine Stunde lang hin und wieder haspelt. Durch diese Manipulation werden alle Berührungs-Punkte der Waare dem sauren Bade gleichförmig dargebothen. |78| Beim Untertauchen der Waare, um sie 24 Stunden unter der Flüssigkeit ruhen zu lassen, hat man dafür zu sorgen, daß das Fluidum 4–5 Zoll hoch über der Waare steht. Man bedient sich hiezu eines durchlöcherten Dekels von Tannenholz, der in die Wanne eingepaßt und durch Druk wieder gehalten wird.

Sobald die Waare aus dem Bade kommt, eilt man damit an den Fluß oder Bach, und befreit sie durch sorgfältiges Waschen und Walken von aller anhängenden Same. Es ist dieses um so nothwendiger, weil das kleinste zurükbleibende Theilchen von Säure beim Abtroknen der Waare sich verdichten, und die Pflanzenfaser zerstören würde. In flüssigem Zustande wirkt die mit vielem Wasser geschwächte Säure selbst dann nicht zerstörend auf die Faser, wenn sie so scharf ist, daß man sie nicht mehr auf der Zunge leiden kann.

Das nach der Operation in der Wanne zurükgebliebene schwefelsaure Wasser eignet sich öfters zu mehrmaligem Gebrauche, wenn man den Abgang an Flüssigkeit und Säure bei jeder frischen Parthie Waare ersezt. Ein solches Bad benuze ich unter Zusaz von Wasser und Säure gewöhnlich 8–10 mal, so daß 400 bis 500 Stüke Caliko's in ein und derselben Flüssigkeit gesäuert werden.

Wird das Bad für fernen Gebrauch untauglich, so lasse ich es aus der Kufe ablaufen, die Kufe mittelst eines Besens und frischen Wassers gehörig reinigen, und dann wieder mit Wasser füllen, um durch Säure ein neues Bad zu bereiten.

Will man Salzsäure statt der Schwefelsäure anwenden, so verführt man dabei auf gleiche Weise.

Das erwärmte schwefelsaure Bad, welches nie die Temperatur der Blutwärme übersteigen darf, bereite ich folgendermassen: „Wenn die Schwefelsäure mit Wasser gemischt ist, lasse ich in einem geräumigen kupfernen Kessel Wasser zum Kochen kommen, und von demselben mit kaltem |79| Flußwasser, wie bei der Anrichtung eines gewöhnlichen Bades so viel in die Kufe laufen, bis es der erforderlichen Temperatur nahe zu seyn scheint, und als für 50 Stüke Calico's nöthig ist. Zeigt mir nun der Thermometer, den ich dabei gebrauche, daß die Flüssigkeit zu kalt sey, so lasse ich kochendes, im entgegengesezten Falle aber kaltes Wasser zugeben. Hierauf wird die zuvor mit Wasser geschwächte Schwefelsäure in das Bad eingerührt, und lezters mittelst einer Handschöpfe recht wohl untereinander gemischt. Ist dieses geschehen, so lasse ich die Waare über die Winde einhaspeln, mit Stöken gut unterstoßen, eine Stunde lang hin und wieder treiben, untertauchen, mit dem Dekel verschließen und diesen mit groben Tüchern umgeben, damit die Wärme länger zusammengehalten werde, und so 24 Stunden hindurch die Waare ruhig im Bade bleibe. Das nun folgende Verfahren ist wie bei dem kalten Bade; dieß gilt auch von der Quantität der Schwefelsäure zur Anstellung einer solchen warmen sauren Flüssigkeit. Bei der zweiten, so wie den übrigen Operationen, lasse ich einen Theil des gesäuerten Wassers mit dem erforderlichen Zusaz an frischem Wasser im kupfernen Kessel erhizen, und dem Bade so lange zugeben, bis der geeignete Thermometer-Stand herbeigeführt ist; zulezt bekommt das Bad den Ersaz an Schwefelsäure. Auf diese Weise fährt man so lange fort, als das saure Fluidum zur Anwendung noch brauchbar ist.

Das erwärmte schwefelsaure Bad löst die abhärirenden erdigen Theile und die metallischen Oxide leichter und vollkommener, als das kalte Bad auf; es erfordert aber auch eine größere Aufmerksamkeit, und einen geübten Bleichmeister, um vor Schaden zu behüten.

Höchst fehlerhaft sah ich diese Methode in einigen Baumwollen-Bleichen des nördlichen Deutschlandes ausüben:

„Man bediente sich hiezu eines kupfernen, mit einer |80| Winde versehenen Kugel-Kessels, dessen Mündung 3 Ellen 6 Zoll, die Mitte aber 3 Ellen 18 Zoll im Durchmesser hielt, und dessen Tiefe 2 Ellen 6 Zoll betrug. Er hatte einen 6 Zoll breiten Rand und eiserne Tazzen, und war nach Art eines gewöhnlichen Farbekessels eingemauert. Man füllte ihn bis über die Hälfte mit Flußwasser, das man milchlau erwärmte. Das Feuer wurde sodann unter dem Kessel weggenommen, und dem Bade 6–7 Pfund rauchende Schwefelsäure, welche zuvor in Wasser getröpfelt worden, unter beständigem Umrühren zugesezt33). Nachdem vorher die gebleichte, von der Wiese aufgenommene Waare, in 60 Stüke Calico's bestehend, am Bache gewaschen, und auf einen zur Seite stehenden Steg zum Ablaufen der Flüssigkeit geworfen worden, haspelte man sie an einander geknüpft, mittelst der Winde in das schwefelsaure Bad ein, tauchte sie durch Stöke unter, und befestigte einen Dekel auf der Oberfläche derselben. In solchem Zustande ließ man die Waare wohl untergetaucht 12–15 Stunden lang ruhig in dem Bade liegen, haspelte sie sodann über die Winde noch eine Stunde hin und wieder, brachte sie schnell aus dem Bade an den Fluß, und wusch, sie von der anhängenden Schwefelsäure sorgfältig aus34).

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Ist man mit einer Parthie Waare zu säuern fertig, so wird das Bad 2–3mal auf die nämliche Art für gleiche Stükzahl Waare verwendet. Man erwärmt nach Ersezung der fehlenden Flüssigkeit und Hinzufügung von 3–3 1/2 Pfund rauchende Schwefelsäure das Bad neuerdings, und behandelt die Bleichwaare darin wie das erstemal35).

Kuhmistbad.

Des Kuhmistbades bedient man sich in den Bleichen mit vielem Vortheil bei solchen baumwollenen Geweben, welche in der Kattundrukerei für den Artikel Lapis bestimmt, und in der kalten Indigoküpe gleichförmig hellblau gefärbt werden. Die Wirkung der Hornvieh-Exkremente beim Bleichen besteht |82| darin, daß die Baumwollenfaser eine lokere, zarte und weiche Beschaffenheit erhält, wodurch sie fähig wird, die Indigauflösung, selbst beim Färben des hellsten Blau, durch alle Theile gleichmäßig aufzunehmen. Um dergleichen Waare durch diese Methode für den Druk und das Färben vorzubereiten, operire man also:

„Man rühre in einem Kübel eine hinreichende Menge Kuhmist mit Wasser zu einem dünnen Brei an, gebe davon dem kochenden Wasserbade vermittelst eines Durchschlags so lange zu, bis es stark grün gefärbt ist, bringe die Waare, welche nach dem schwefelsauren Bade sorgfältig gewaschen worden, hinein, und hasple sie über die Winde eine halbe Stunde lang in dem kochenden Fluidum hin und wieder. Nach dem Herausnehmen läßt man sie erkalten, und legt sie mit der anhängenden Mistlauge so lange auf die Bleichwiese, bis die angenommene gelbe Farbe zersezt wird, und die Gewebe wieder vollkommen weiß erscheinen. Durch Waschen und Walken werden diese Gewebe nun zum Abtroknen vorgerichtet, und vermittelst der Sengmaschine, die aufstehenden Fasern abgesengt, wieder gewaschen, gewalkt, im Schatten langsam getroknet, und durch die Cylinder für den Druk appretirt36). Seit mehreren Jahren lasse ich alle |83| baumwollene Gewebe, sie mögen für den Druk- oder für den weißen Verkauf bestimmt seyn, in ihrem höchsten Grad der Weiße sengen, nach dieser Operation auswalken, waschen, abtroknen und appretiren.

Das Verfahren, vermittelst Hornvieh-Exkremente zu bleichen, hat schon Johann Roman königl. Kapellmeister in Schweden auf Verlangen der dortigen Akademie gezeigt37). Er wirft des Abends Viehmist in See- oder Flußwasser, legt das Leinenzeug oder den Zwirn 24 Stunden lang hinein, nimmt die Waare heraus, hängt sie, ohne sie abzuspühlen, im Freien auf, und wenn die Sonne scheint, taucht er sie des Tages einmal in die Viehmistbrühe ein. Im Verfolge der Bleichoperation läßt er diese Lauge durch Hinzubringung von mehr Mist konzentirter machen. Roman ist der Meinung, daß es am besten sey, vor die Mistgrube eine Vertiefung zu machen, damit die Flüssigkeit davon, wenn es regnet, in die Vertiefung läuft. Er bleichte nach dieser Methode Leinenzeug eben so weiß, als es die Holländer nach ihrem Verfahren zu seiner Zeit im Stande waren, und solcher Leinenzeug nahm auch später keinen röthlichen oder gelblichen Schein an.

A) Von dem Bleichen der Baumwollenen Gespinnste oder Gewebe vermittelst der reinen (entkohlensäuerten) Alkalien und Auslegen auf die Bleichwiese.

Das Bleichen der vegetabilischen Gespinnste oder Gewebe vermittelst reinen (kaustischen) Alkalien unterscheidet sich von dem eben beschriebenen Verfahren mit milden Alkalien dadurch, |84| daß, den verschiedenen Aschensorten, oder der Sode durch einen verhältnißmäßigen Zusaz frisch gebrannter Kalkerde die gebundene Kohlensäure, welche als kohlensaures Kali oder kohlensaures Natron sich beim Bleichen wirkungslos verhält, entzogen, und dadurch die Bleichlauge in einen kaustischen Zustand versezt wird.

Die reine alkalische Lauge besizt nicht allein ein viel größeres Bestreben, die Materie womit die Pflanzenfaser theils durch die Natur, theils durch die Bearbeitung verunreinigt ist, aufzulösen und zu zerstören, sondern sie löst auch ein Viertheil färbenden Stoffs mehr auf, als die Lauge im milden Zustande zu bewirken vermag. Dadurch wird der Bleichprozeß schneller beendigt, und es biethen sich dabei auch in ökonomischer Hinsicht große Vortheile dar.

Ehe das Verfahren, mit kaustisch alkalischer Lauge zu bleichen, in Deutschland durch unumstößliche Beweise, und durch die glüklichsten Resultate aller Art im Grossen gerechtfertigt war, gab es Viele, welche heftig dagegen zu Felde zogen. Der Gegenstand war neu, und man trennte sich schwer von den eingewurzelten Vorurtheilen, welche der Ahn seinen Enkeln überliefert hatte; ein Karakterzug, der besonders dem Deutschen, dem mechanisch empirischen Gewerbsmanne aus mangelnder Gelegenheit zu wissenschaftlicher Ausbildung eigen zu seyn scheint. Es war der Beharrlichkeit unseres verdienstvollen Westrumb vorbehalten, mit der leuchtenden Fakel der neuen Chemie ein wohltätiges Licht in die Finsterniß zu bringen, und es bedurfte daher nur eines Jahrzehends, der neuen Methode in den ersten Bleichanstalten Westphalens Eingang zu verschaffen, wo sie auch immer sich behaupten wird. Dadurch, so wie durch die praktischen Versuche und Erfahrungen rationeller Techniker, wurden alle frühere Bedenklichkeiten nach und nach gehoben, die heut zu Tage nur noch in den finstern Köpfen, solcher Bleichmeister |85| Raum finden, welche sich vom Knechte bis zum empirischen Meister ohne anderes Verdienst, als das des früher hergebrachten Avencement geschwungen haben.

Werfen wir dabei auch einen Blik auf die großen Leinwandbleichen in Irland, Schottland, Frankreich und Westphalen, auf die Kattunbleichen in Großbritannien, Frankreich und Deutschland, wo man sich zum Bleichen der Waare in den ausgedehntesten Manufakturen der kaustischen Alkalien vorzugsweise bedient, so findet schlechterdings keine Einwendung mehr gegen dieses Verfahren statt. Das Bleichen mit den kaustischen Alkalien sezt übrigens in der Ausübung einen schon etwas geübten Bleicher voraus. Er muß die Natur seiner anzuwendenden Materialien genau erkennen, um mit glüklichem Erfolge zu arbeiten. Dieses und früher mißlungene Versuche mögen die Ursache seyn, weßwegen der handwerksmäßige Arbeiter bei Mangel an wissenschaftlichen Kenntnissen so schwer sich entschließt, seinen alten Vorurtheilen zu entsagen.

Die Quantität des gebrannten Kalks zur Darstellung einer alkalischen Bleichlauge läßt sich nicht genau bestimmen, sie hängt von dem kalischen Gehalte, und dem proportionelen Antheile der Kohlensäure einer oder der andern Aschensorten ab38). Westrumb hat durch vielseitige Versuche im Großen beim Bleichen der Leinwand ausgemittelt, daß

1000 Pfund gute Holzasche 70, 80, bis 100 Pfund Kalk
1000 Pfund gute Waidasche 120 bis 200 Pfund Kalk
1000 Pfund gute Ballasche 80 bis 360 Pfund Kalk
1000 Pfund gute Pottasche 1500 Pfund Kalk.
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erfodern, um die mit dem Kali gebundene Kohlensäure volle kommen hinwegzuschaffen. Der alkalische Gehalt der Holzasche beruht auf der Natur der Holzgattung selbst. Gute Holzasche enthält 3 bis 6 Prozent wirkliches Kali; Asche im gewöhnlichen verkäuflichen Zustande hingegen nicht mehr als 2, 2 1/2 bis 3 Prozent Kali.

Die Pottasche, wie sie im Handel angetroffen wird, gibt 30, 50, 60 bis 70 Prozent Kali. Die andern Waid- und Ballaschen-Sorten, liefern nach Westrumbs Untersuchung folgende Resultate in Ansehung des Gehalts an wirklichen Kali:

Russische, Preußische etc. 10, 15, bis 18 Prozent,
deutsche Ballasche 4, bis 8 Prozent.

Ueber das Bindungsvermögen des Kali und der Kalkerde zur Kohlensäure um neutrale kohlensaure Salze zu erhalten, gibt uns die Chemie folgende Tabelle:

100 Theile Kali binden 91 Theile Kohlensäure,
55 Th. Kalkerde binden 45 Theile Kohlensäure.

Da die kaustisch alkalische Lauge in kohlensäure-freiem Zustande ein vortreffliches Agenz beim Bleichen aller vegetabilischen Substanzen in den Bleichanstalten darbiethet, welches nicht genug empfohlen werden kann, so glauben wir auf nachfolgende zwei wichtige Punkte bei der Ausübung im Großen aufmerksam machen zu müssen:

1) daß dem alkalischen Salz alle Kohlensäure entzogen werde;

2) daß sich in der kaustisch alkalischen Lauge kein Ueberschuß von gebrannter Kalkerde befinde.

Im ersten Falle, würde man kalisches Salz verlieren, weil durch die Bindung von Kohlensäure ein proportioneler Antheil Kali gebunden wird, welche Verbindung sich wirkungslos beim Bleichen verhält.

Im zweiten Falle, wenn die völlig entkohlensäurte Flüssigkeit |87| äzende Kalkerde aufnimmt, ist ein noch größerer Schade zu befürchten, da eine solche Flüssigkeit durch die Gegenwart des äzenden Kalks zerstörend auf die Struktur der Pflanzenfaser wirkt39).

Um neutrale Lauge für das Bleichgeschäft zu gewinnen, kann man sich nachfolgender Reagentien mit dem beßten Erfolge bedienen.

Durch Drukpapier filtrirte, ganz wasserhelle, kohlengesäuerte Kali-Auflösung (Pottaschen-Lösung) bewirkt in einer klaren kaustischen Lauge eine weißliche Trübung, wenn die Bleichflüssigkeit Kalk aufgelöst enthält. Um den Ueberschuß von Kalk an Kohlensäure zu binden, und aus dem Fluidum unter der Gestalt des kohlensauren Kalks niederzuschlagen, seze man so lange in kleinen Portionen Pottaschen-Lösung hinzu, bis keine Trübung mehr erfolgt. In dieser Beschaffenheit stellt die Flüssigkeit eine reine kaustische Bleich-Lauge dar.

Ganz klares Kalkwasser in eine Lauge getröpfelt, welche noch Kohlensäure gebunden enthält, verursacht ebenfalls eine weiße Trübung. Es wird dann der Lauge noch so viel Kalkmilch gegeben, bis eine abgeklärte Probe davon, in ein weißes Glas gebracht, mit dem Kalkwasser unverändert bleibt40).

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Wird nach diesen Gesezen streng operirt, so erhält man eine reine kaustische Lauge, welche eine große Auflösungs-Kraft gegen den gefärbten Extraktivstoff, mit welchem das Gespinnst oder Gewebe verunreinigt ist, besizt; ohne im Geringsten befürchten zu dürfen, daß die Pflanzenfaser angegriffen werde. Es ist dieses durch die Geseze der Chemie so unwidersprechlich bewiesen, daß es überflüssig wäre, mehres darüber zu sagen. Meine eigene praktische Erfahrungen im Großen beim Bleichen der Baumwollen- und Leinen-Gewebe, die ich fast zwei Jahrzehend hindurch gemacht habe, stimmen mit diesen Resultaten aufs Genaueste überein, und ich kann daher das Verfahren, vermittelst kaustisch alkalischer Flüssigkeit zu laugen, den vaterländischen Bleichanstalten nicht genug empfehlen.

Darstellung der kaustischen Lauge.

In einem geräumigen hölzernen Gefäß lösche man die gehörige Quantität frisch gebrannten Kalks mit heißem Wasser zu einem etwas dünnern Kalkbrei ab. Die Pottasche, welche zuvor in einem blanken eisernen Kessel mit hinreichendem Wasser vollkommen gelöst wurde, gieße man in ein hölzernes Gefäß, lasse sie erkalten, um das darin enthaltene |89| schwefelsaure Kali in kristallinischer Form auszuscheiden. Der Kalilösung seze man eine hinreichende Quantität Flußwaßer zu, und rühre sie nach und nach in den frisch bereiteten Klasbrei ein. Das Ganze lasse man zu inniger Verbindung der Kohlensäure mit der Kalkerde, 10–12 Minuten hindurch gut untereinander rühren. Ist dieses geschehen, so wird die Masse auf den Laugenapparat gebracht.

Dieser besteht aus einer Auslaugungsbütte, unter welcher das mit einem gut einschließenden Dekel versehene Laugenfaß angebracht ist. In dem Dekel befinden sich vier runde Oeffnungen, in welche die 4 trichterartigen, 8 Zoll langen Röhren der Auslaugungsbütte, die unten am Ausfluße und in der Bütte selbst, ein durchschlagähnliches kupfernes Blech habest, einpassen. Das Laugenfaß ruht auf einem starken Querholzgerüste, und hat 4 Zoll vom Boden, in einer Entfernung von 6 zu 6 Zoll, fast bis zur Hälfte des Faßes hölzerne Hähne, um nach Umständen nur die ganz klare Lauge ablassen zu können.

In die Auslaugungsbütte wird zuerst eine grobe, von der Weberschlichte gereinigte Leinwand gebracht, auf diese eine ausgebreitete Strohlage, dann wieder Leinwand, und zulezt noch eine dike Strohschichte. Nach dieser Vorrichtung wird die Lauge mit dem Kalkbrei zum Filtriren der erstern aufgegossen, und so lange portionenweise Helles Flußwasser beigemischt, bis die ablaufende Flüssigkeit keinen alkalischen Geschmak mehr zu erkennen gibt; dieß ist dann das Merkmal von der Beendigung der Operation. Zur Darstellung der kaustisch alkalischen Lauge laße ich gewöhnlich den Apparat gegen 5 Uhr Nachmittags in Gang sezen, und das Aufgießen des frischen Wassers die Nackt über durch einen Fabrikwächter verrichten. Morgens prüfe ich, ob alles alkalische Salz ausgezogen ist, und wende die rein abgeklärte Lauge, nach vorgenommener Untersuchung mit den angegebenen Prüfungsmitteln, in ihrem ganz hellen Zustande um Bleichen an. Nach Verhältniß der Laugenstärke, welche durch den Areometer bestimmt wird, seze ich bei dem Auskochen der Waare so viel Flußwasser hinzu, als nöthig ist, um den gewünschten Grad der Stärke oder Verschwächung zu erhalten.

Da die kaustisch alkalische Lauge ein starkes Bestreben besizt, die kohlensäure des Dunstkreises zu absorbiren, so laße ich nach jedem Wasseraufguß den Dekel der Auslaugungs-Bütte schließen, und wenn nach Beendigung der Operation lezterer abgehoben ist, die Oeffnungen des Laugen-Fasses durch hölzerne Sponten sorgfältig verstopfen.

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Den in der Auslaugungsbütte zurükgebliebenen kohlensauren Kalkbrei lasse ich sammt dem Stroh als ein gutes Düngmittel in die Miststätte werfen, die ausgespannte Leinwand gut auswaschen, und bei der folgenden Operation wieder anwenden. Sowohl die Auslaugungs-Bütte als das Laugenfaß und andere Gefäße, lasse ich von Weißtannenholz, und zwar das Laugenfaß zur längeren Dauer ziemlich stark in den Dauben anfertigen.

Von dem Behandeln der baumwollenen Gewebe in der kaustisch alkalischen Lauge.

Die durch den Fermentations-Prozeß vorgerichteten baumwollenen Waaren können vermittelst kaustisch alkalischer Lauge nach den vier verschiedenen Arten behandelt werden.

1) Durch Erwärmen der Lauge, Aufgießen, Niedererwärmen Aufgießen und Maceriren;

2) Durch Kochen in Kesseln;

3) Durch kaustisch alkalische Wasserdämpfe, nach Chapthals Methode;

4) Durch Behandlung in dem dampfartigen Laugen-Apparate.

Nach der ersten Methode wird die Waare in der Lauge eben so behandelt, wie früher bei dem Bleichen mit dem milden Kali gelehrt wurde. Bei der zweiten Methode verfährt man der früher angegebenen gemäß, nur mit dem Unterschiede, das hier bei der ersten Auskochung 4–5 Stunden, bei der zweiten und dritten aber 3–4 Stunden zureichen, ein günstiges Resultat zu verschaffen. Die Behandlung mit kaustisch alkalischen Wasserdämpfen werden wir später bei Chaptals Verfahren kennen lernen. Bei der vierten vorzugsweise zu empfehlenden Methode verfahre ich, um 300 Stüke 5/4 breite und 46 Ellen lange Callico's für den Kattundruk zu bleichen, folgendergestalt:

Die Vorrichtung und Auskochung, so wie alle übrigen Manipulationen geschehen nach dem früher beschriebenen Verfahren.

Erste alkalische Lauge mit 34 Pfund Pottasche von 54–56 % Kali,
zweite alkalische Lauge mit 28 Pfund Pottasche von 54–56 % Kali,
dritte alkalische Lauge mit 20 Pfund Pottasche von 54–56 % Kali,

welche die gebundene Kohlensäure durch gebrannten Kalk nach der oben angezeigten Methode entzogen wird.

Die so behandelte Bleichwaare ließ hinsichtlich ihrer Vollkommenheit nichts zu wünschen übrig; sie zeigte, gegen das Licht gehalten, keinen gelblichen, sondern den einer vollkommen gebleichten Waare eigenthümlichen blauen Schein; auch verhielt sie sich im Krappkessel und der kalten Indigoküpe als |91| ein absolut entfärbtes Produkt. Schon vor 18 Jahren hatte ich Gelegenheit, nach dieser Methode im nördlichen Deutschlande eine Kattunbleiche einzurichten, wo jährlich gegen 20000 bis 25000 Stük baumwollene Waaren für den Kattundruk gebleicht wurde.

Aus dem Behandlen der Waare auf der Bleichwiese u.s.w.

Nach der ersten und zweiten Auskochung mit der kaustisch alkalischen Lauge wird die Waare im Sommer 5–6 Tage auf die Weise ausgelegt, und immer nach dem dritten Tage umgewendet. Bei ungünstiger Witterung ließ ich sie nach der dritten Auskochung 8–9 Tage liegen, am vierten Tag umkehren, und nach dem Aufnehmen von der Wiese durch ein schwefelsaures Bad, und zulezt für den Druk gewisser Fabrikate durch ein Kuhmistbad nehmen. Die lezte mit der vollständig gebleichten Waare vorzunehmende Operation ist das Sengen oder Abbrennen der sich erhobenen Fasern durch Hinziehen über weißglühende eiserne Stähle. Die Waare wird nach dieser Operation gewaschen, gewalkt und an der freien Luft getroknet41).

Wenn naß gebleicht wird, läßt man die Waare nach der Laugenpaßage erkalten, spannt sie dann, auf der Bleichwiese aus, und begießt sie am ersten und zweiten Tag 4–5mal bei besonders starker Sommerhize; in den darauf folgenden Tagen aber nur 2–3mal täglich. Bei der trokenen Bleiche läßt man die Waare nach den Laugen walken, auf die Bleichwiese auslegen, und der Einwirkung der Luft und des Thaues so wie des zufälligen Regens ausgesezt.

Verfahrungsart, baumwollene Gespinnste oder Gewebe vermittelst der saponificirten kaustisch alkalischen Lauge zu allen Jahreszeiten schnell und schön weiß zu bleichen.

Im dritten Bande dieses Journals S. 198–208 habe ich die Verfahrungsart beschrieben, vermittelst der saponifinirten |92| kaustisch alkalischen Lauge baumwollene Gespinnste und Gewebe verschiedener Gattung, welche weiß in den Handel gebracht werden, zu bleichen. Da ich seit jener Zeit einige wesentliche Verbesserungen im Verfahren selbst, so wie in den darauf folgenden Operationen zur möglichsten Vervollkommnung gewisser Fabrikate gemacht habe, so glaube ich, diesen Gegenstand noch einmal ergreifen zu messen, um dessen Ans Wendung fürs Allgemeine, und fürs Spezielle anschaulicher zu machen. Den Hauptversuch im Großen unternahm ich mit 300 Stüken 5/4 breiten und 46 Ellen langen Calico's.

Die Waare wird in einem geräumigen Gährungs-Gefäße mit lauem Flußwasser übergossen, und durch Beschweren untergehalten, daß die Flüssigkeit 6 Zoll über derselben steht. Nach Verlauf von 12–14 Stunden zeigen sich die gewöhnliche Symptome der Gährung, welche nach 3 Tagen den gehörigen Punkt der sauren Gährung erreicht, der bei solcher zu bleichenden Waare erforderlich ist. In diesem Zustande wird die Flüssigkeit abgelassen, und noch einigemale frisches Wasser nachgegossen, um die noch anhängende saure Flüssigkeit so gut als möglich abzuspühlen. Ich ließ darauf den Hahn der Fermentations-Kufe wieder schließen, und eine milchlaue Seifenlösung, in welcher 18 Pfund gewöhnliche Seife zuvor gelöst wurden, aufgießen, und die noch fehlende Flüssigkeit durch laues Flußwasser ersezen, um die Waare 4–6 Zoll tief unter der Seifenlösung zu erhalten. Nach dreitägigem Ruhen, wird die Flüssigkeit abgelassen, die Waare herausgenommen, gut gewaschen, zweimal gewalkt und für die Behandlung im Laugen-Apparate aufgefacht.

Die Laugenoperation geschieht vermittelst des dampfartigen Laugen-Apparats, nachdem zuvor die saponificirte kaustisch-alkalische Lauge auf folgende Art bereitet wird:

280 Pfund gute Pottasche von 54–56 % Kali werden mit

140 Pfund guten frisch gebranntem Kalk, nach angegebener Weise zur kaustischalkalischen Lauge gemacht, die gewonnene ganz abgeklärte Flüssigkeit mit einer Seifenauflösung von 32 Pfund gewöhnlicher Seife zusammengerührt, in die Laugenkufe, auf die eingeschichtete Waare gegossen, und so viel Flußwasser nachgegeben, als erforderlich ist, den eingemauerten cylinderförmigen Laugenkessel in gleichem Niveau, mit der Laugenkufe zu speisen. Nach dieser Vorrichtung wird Feuer unter den Kessel gemacht, und mit Heizung ununterbrochen so lange fortgefahren, bis die Waare in der Kufe 52 Stunden lang gut gekocht hat. Ich ließ sie nach dieser Operation noch eine Nacht hindurch in der heißen Lauge liegen, |93| den andern Tag die Flüssigkeit ablaufen, sammeln und für den fernern Gebrauch, wie in der frühern Abhandlung angegeben ist, mit frisch gebranntem Kalk, Zusaz an Pottasche und Seife aufs Neue zurichten. Die aus der Kufe geschafte Waare wurde am Fluß gut gewaschen, zweimal tüchtig gewalkt, und in das schwefelsaure Bad gebracht.

Ich muß gestehen, das die Behandlung in dem dampfartigen Laugen-Apparate sehr viele Vorzüge vor dem Auskochen der Waare im Kessel besizt, indem nach dem schwefelsauren Bade eine Probe davon durch den Krappkessel genommen weniger einfärbte, als die im offenen Kessel gelaugte Waare. Ein Beweis, daß bei wenigem Bleichmaterial durch Hülfe des Bleich-Apparats mehr Unreinigkeit aufgelöst wurde, als dieses die offene Kessel-Auskochung zu bewirken im Stande war. Dessen ungeachtet eignet sich dieses Verfahren nur für solche Fabrikate, die weiß in den Handel kommen; für den Druk und das Färben wird, damit man ein gelungenes Resultat erhalte, einige Nachhülfe erfordert, um diesem Uebel vollkommen zu begegnen. Zu dem Ende ließ ich die Waare nach dem schwefelsauren Bade abermals in einer schwachen kaustisch-alkalischen Lauge, ohne Seifenzusaz, welche vermittelst 36 Pfund Pottasche, und der dazu erforderlichen Quantität Kalk bereitet wurde, noch einmal in dem Kochapparate 12 Stunden behandeln, herausnehmen, gut waschen, walken, und dann 12 Stunden in die Chlorinflüssigkeit bringen. Von hier aus wird die Waare gut gewaschen, gewalkt, wieder in das schwefelsaure Bad eingelegt, gewaschen, gewalkt und zulezt durch ein Kuhmistbad genommen, zur gänzlichen Vollkommenheit aber 2–3 Tage auf die Bliechwiese ausgelegt. Durch dieses Verfahren erhielt ich ein Produkt, welches hinsichtlich der Anwendung im Färben nichts zu wünschen übrig ließ.

Bei der Waare, welche weiß in den Handel gebracht wird, richtet sich das Bleichverfahren nach der verschiedenen Stärke, Dichtigkeit und Feinheit des Fadens oder Gewebes. Um diesen wichtigen Gegenstand genau auseinander zu sezen, wollen wir die Verfahrungsarten der verschiedenen baumwollenen Fabrikate einzeln durchgehen.

A) Bleichen der Pique, Ripse und des Barchent.

Die Fermentation, Seifenmaceration und Behandlung mit der saponificirten kaustischen Kalilauge ist dem eben angegebenen Verfahren gleich. Um aber den höchsten Grad der Weiße ganz feinen Fabrikaten zu geben, werden diese nach dem schwefelsauren Bade 15–20 Stunden hindurch in einem |66| [Seite ist falsch paginiert, in der Seitenchronolgie aber richtig.] Clorinbade erhalten, wieder in ein schwefelsaures Bad gebracht, sorgfältig gewaschen, gewalkt, und ihnen vermittelst gebläutem Indigowassers die lezte Vorrichtung ertheilt. Dergleichen Fabrikate dürfen nur in freier Luft abgetroknet werden, bevor man sie durch die Appretur-Maschine für den Verkauf zurichtet.

B) Bleichen der Mouseline, Jeaquinet etc.

Bei diesen feinen leichten Geweben hat man nur die Waare nach dem ersten schwefelsauren Bade einige Tage auf die Wiese auszulegen, nochmals in das schwefelsaure Bad zu bringen, gut zu waschen und zu walken, hernach durch ein mit Indigo gebläutes Wasser zu ziehen, und an der freien Luft abzutroknen.

C) Bleichen der Gespinnste: als Garn, Strikgarn etc.

Dieses erfolgt durch die Fermentation, Maceriren in Seifenwasser, Auskochen in einer verschwächten saponificirten kaustisch-alkalischen Lauge und Einlegen in ein schwefelsaures Bad vollkommen.

D) Bleichen der feinen Strümpfe und Müzen.

Das Bleichen der extrafeinen Strümpfe und Müzen für den Handel geschieht auf dieselbe Weise, wie das Bleichen der Piquée etc. nur mit dem Unterschied, daß sie nicht mit dem blauen Wasser, sondern in einem gebläuten ganz heißen Seifenbade behandelt, nachher in kaltem Wasser ausgewaschen, und ganz troken geschwefelt werden, wodurch diese Fabrikate einen vortheilhaften Glanz und weiches Anfühlen erhalten. Ordinaire Strümpfe und Müzen, bedürfen weder des Seifenwassers noch der Schweflung; sie werden in einem gewöhnlichen gebläuten Wasser durchgenommen42).

|59| [Seite ist falsch paginiert, in der Seitenchronolgie aber richtig.]

In England sezt man nach Parkes Versicherung43) einen großen Werth auf das Schwefeln der Strümpfe, wodurch ein Theil der inhärirenden Seife zersezt wird, welche mit der Zeit der Waare einen gelblichen, sie für den Verkauf untauglich machenden Schimmer geben würde. Sind die Strümpfe aus der Schwefelstube gekommen, so befeuchtet man sie leicht mit klarem Wasser, um sie zur lezten Operation vorzubereiten, die den Namen Glanz hat, und darin besteht, daß man jeden Strumpf, leicht auf eine hölzerne Form ausbreitet, und sodann parthieweise unter die Preße bringt, oder einen um den andern mit einem heißen Stahl bügelt.

Von dem Bleichen der baumwollenen Gespinnste und Gewebe vermittelst der liquiden oxidirten Salzsäure (Chlorine).

Die Chemie verdankt dem verdienstvollen, für die Naturwissenschaften zu früh gestorbenen, Scheele in Schweden, die Entdekung der oxidirten Salzsäure im Jahr 1774, und die Beobachtung, daß diese neue Säure alle Farben der Pflanzenfaser zerstöre44). Graf Berthollet aber war der Erste, der die bleichende Wirkung dieser Säure gegen vegetabilische Stoffe in Anwendung brachte45), und die neue Bleichmethode mit der oxidirten Salzsäure und deren Verbindungen gründete. In Großbritannien wurde sie zu Aberdeen in dem Hause Gordon, Barron und Comp. 1787 |96| durch den Professor Copland eingeführt, wo man sich anfänglich des Woulfischen Apparats mit Glas, nachher der hölzernen Gefäße zur Darstellung bediente. Auch Watt hat sich um die Einführung derselben in diesem Reiche große Verdienste erworben.

Meiner Abhandlung im dritten Bande dieses Journals, S. 394–406 baumwollene Stoffe vermittelst der Chlorine zu bleichen, reihe ich noch einige Bemerkungen an, welche sich mir seitdem durch Erfahrungen dargeboten haben. Nach der Vermischung von

21 Pfund Kochsalz;

9 Pfund Braunstein;

14 Pfund französischer Schwefelsäure;

15 Pfund Wasser, zur Bereitung der Chlorine;

seze ich dem Wasser in dem Mischungsfaße eine Lösung von zwei Pfund Pottasche zu, um den siechenden Geruch der Säure zu mindern, und den Bleicharbeitern ihr Geschäft erträglicher zu machen. Durch diese Vorrichtung wird eine Bleichflüssigkeit erhalten, welche Chlorinkali mit stark prädominirender Säure an Wasser gebunden enthält, und sich beim Geschäft des Bleichens von großer Wirkung zeigt.

Nachdem die Waare vollkommen gebleicht ist, lasse ich diejenigen Stüke, welche für Lapis oder zarte Krapp-Farben bestimmt sind, nach schon mehrmal angezeigter Weise durch ein Kuhmistbad nehmen, um den Faden disponibler für die Indigaufnahme und geeigneter für den Krappkessel zu machen. Ich vermeide dadurch alle Fleke, welche früher unter dem Namen Krappfleke bekannt werden.

Noch muß ich eines Drukfehlers gedenken. Seite 403 im dritten Bande dieses Journals soll 300 statt 200 Stüke Kalico stehen.

Von dem Bleichen der vegetabilischen Stoffe vermittelst der Chlorindämpfe.

Das Bleichen vegetabilischer Stoffe durch Chlorindämpfe, ein Verfahren, dem vornehmlich von Born in Wien huldigte, und das später durch Hrn. Giber in Dinglers neuem Journal für Druk-, Färbe- und Bleichkunst im 4ten Band mit Abbildung der erforderlichen Apparate aufs Neue zur Sprache gebracht wurde, scheint sich keine glükliche Aufnahme versprechen zu dürfen. Die Einrichtung und das Verfahren des Hrn. Giber, die gasförmige Chlorine durch Wasserdämpfe zu verbreiten, ist in wissenschaftlicher Hinsicht wohl das interessanteste was wir über diesen Gegenstand kennen. Ich bin geneigt zu glauben, daß durch die vielen andern uns zu Gebothe stehenden zwekfördernde |97| Mittel, das Bleichen mit der gasförmigen Chlorine schwerlich je Eingang in unsern und in andern europäischen Manufaktur-Anstalten finden werde, obgleich Herr Erxeben, ein Schüler des von Born, diesem Verfahren die Ausführbarkeit im Großen zugesteht, wenn nämlich die Bleichwaare feucht in ein luftdichtes Behältniß blattweise aufgehängt, und die Chlorine in Gasgestalt in den geschloßenen Apparat durch besondere Oeffnungen geleitet wird.

Haben wir in Deutschland durch von Born oder dessen Schüler auch nur Eine praktische Anstalt dieser Art ins Leben treten sehen? In Großbritanien und Frankreich blieb es auch nur bei Versuchen! – Ein Haupthinderniß der Einführung dieser Methode wird immer der Nachtheil derselben für die Gesundheit der Arbeiter seyn, weil eingeathmetes Chloringas auf die Respiration des thierischen Organismus tödtlich wirkt. Ohne der unglüklichen Opfer aus der arbeitenden Klasse zu gedenken, führe ich nur einige besonders wichtige Beispiele an. Bald nach Entdekung der Säure in Gasgestalt durch Scheele, verlohr Roé, ein junger hoffnungsvoller Chemiker zu Ringsand bei Dublin, durch starke Einathmung des Chloringases sein Leben. Eben dieses Schiksal hatte der französische Chemiker Pelettier. Auch der deutsche, durch viele Verdienste um die Bleichkunst ausgezeichnete Westrumb erfuhr die traurigen Wirkungen des Chloringases, indem er 30 Jahre lang bis zu seinem Tode an einem angegriffenen Lungenflügel litt.

Von dem Bleichen der baumwollenen Stoffe vermittelst Chlorinkali (Javelléscher Lauge) und Chlorinnatron.

Wenn die oxidirte Salzsäure (Chlorine) an eine verhältnißmäßige Quantität Kali gebunden wird, daß die Säure in der Auflösung stets vorwaltet, so stellt die Bleichflüssigkeit die sogenannte Javellésche Lauge (eau de Javelle) dar, welche von den Baumwollen-Bleichern in Frankreich zuerst angewendet wurde. Früher befolgte man bei der Darstellung des Chlorinkali diese beiden Verfahrungsarten: a) die Säure in Gasgestalt an milde Kalilösung zu binden, wodurch die Kohlensäure des Kali ausgeschieden wurde, und b) die Säure an reines (kaustisches) Kali zu binden. Beide Verfahrungsarten geben, wenn die Pottasche keine fremde Substanzen enthält, ein so gleiches Produkt, daß es bei gleicher Chlorinentwiklung nicht von einander zu unterscheiden ist. Ich ziehe jedoch das kaustische Kali der gewöhnlichen Pottasche vor, weil leztere öfters schwefelsaures Kali enthält, welche durch äzenden Kalk zersezt, und |98| wobei die Schwefelsäure aus der Verbindung als Gips präzipitirt wird. Bei Bereitung des Chlorinnatron finde ich die Anwendung der Sodalösung in kaustischem Zustande ebenfalls vortheilhafter.

Der größte Vortheil der Verbindung des oxidirt salzsauren Gases mit dem Kali oder Natron besteht darin, daß die Bleichflüssigkeit das saure Gas der Waare nur nach und nach liefert, in dem Verhältnis, in welchem sie sich damit sättiget, wodurch die Operation den Arbeitern keineswegs schädlich wird. Jene Verbindung vermindert aber auch die bleichende Wirkung um so mehr, als Kali oder Natron gebunden wird, welches gegen liquide Chlorine, wo das Gas einfach mit dem Wasser verbunden ist, einen Verlust von 15–20 Prozent ausmacht. Eine ganz neutrale Verbindung der Chlorine mit dem Kali oder Natron, stellt das oxidirtsalzsaure Kali und oxidirtsalzsaure Natron dar, zwei salinische Verbindungen, die zum bleichen ganz untauglich sind. Dergleichen Salze lassen sich jedoch schnell zersezen, und für den Gebrauch des Bleichens benuzen, wenn mit Wasser verschwächte Schwefelsäure hinzugegeben wird. Die Schwefelsäure bindet das Kali oder Natron, wogegen die Chlorine in Freiheit gesezt wird.

Das Verhältniß des Zusammensazes bei Bereitung des Chlorinkali zum Bleichen ist in den Manufakturen Frankreichs, Großbritanniens, Deutschlands u.s.w. sehr verschieden.

Berthollet nimmt 5 Pfund Kochsalz,
2 Pfund Braunstein,
4 Pfund englische Schwefelsäure, und
4 Pfund Wasser zur Entwiklung der Chlorine,

leitet das Chloringas in eine Auslösung von 10 Pfund Pottasche und 20 Pfund Flußwasser. Nach einer andern Vorschrift werden

6 Pfund Kochsalz,
2 Pfund Braunstein,
4 Pfund Schwefelsäure, und
4 Pfund Wasser zusammengebracht,
und das Chloringas in eine Auflösung von 8 Pfund Pottasche in 24 Pfund Wasser geleitet.
Westrumb nimmt 4 Pfund trokenes Kochsalz.
2 Pfund Braunstein.
3 Pfund Schwefelsäure.
6 Pfund Wasser

zur Entwiklung der Chlorine, welche er in eine klare Auflösung von 8 Pfund Pottasche in 16 bis 20 Pfund Wasser streichen läßt. Die Seiten und Leitungsröhren läßt er in eine Mittelflasche gehen, welche mit 4 bis 6 Pfund Wasser gefüllt ist, in welcher zuvor 1/2 Pfund Pottasche aufgelöst wurde. Die zweite Flasche, in welcher die Javellische Lauge eigentlich gebildet |99| werden soll, enthält eine Auflösung von 3 bis 4 Pfund möglichst reinster Pottasche, die in 12 Pfund Wasser aufgelöst werden.

Bei Anwendung des kaustischen Kali zur Darstellung der Javelleschen Bleichlauge beobachtet man in Frankreich folgendes Verhältniß:

4 Pfund Kochsalz,
2 Pfund Braunstein, und
2 1/2 Pfd. Schwefelsäure.

In die Vorlage werden 2 1/2 Pfund kaustisches Kali in 16 Pfund Wasser gelöst gebracht.

Westrumb nimmt 6 Pfund ganz trokenes Kochsalz,
3 Pfund Braunstein, und
4 1/2 Pfund konzentrirte Schwefelsäure, die zuvor

mit 9 Pfund Wasser gemischt wurde. In die Mittelflasche und Vorlage bringt er 2 Pfund vollkommen reines kaustisches Kali, welches zuvor in 16 Pfund Wasser gelöst worden.

Bei der Anwendung zum Bleichen wird die so bereitete Javellesche Bleichlauge mittelst Pottasche dargestellt, mit 10 bis 12 Theilen, die mit dem kaustischen Kali gefertigte aber mit 20 bis 25 Theilen hellen Flußwasser geschwächt.

In Großbritannien geschieht die Zusammensezung in Folge eines Gesezes, welches durch eine Parlamentsakte die Abgabe auf Salz in den Manufakturen nachläßt, und den Zollbeamten auftragt, bei der Mischung der Materialien zugegen zu seyn. Es muß diese wenigstens aus

20 Pfund Schwefelsäure,
20 Pfund Braunstein,
10 Pfund Wasser und
56 Pfund Meersalz bei der Bereitung der Chlorine

und ihren Verbindungen zusammengesezt seyn46).

Ein sehr zuverlässiges und richtiges Verhältniß beim Bleichen baumwollener Gewebe im Großen für den Kattundruk, so wie das Bleichen der Leinwand, vermittelst Chlorins Kalilösung gewährte mir folgender Zusammensaz für die Entwiklung der Chlorine zum kaustischen Kali:

31 1/2 Pfund trokenes Kochsalz,
13 1/2 Pfund Braunstein,
21 Pfund französische Schwefelsäure und
24 Pfund Wasser.

Fünfzig Pfund Pottasche werden mit 50 Pfund frisch gebrannten Kalk mittelst Flußwasser in dem Laugenapparat zur kaustisch-alkalischen Lauge gemacht, die klare Flüssigkeit |100| in das Mischungsfaß, welches S. 402 im dritten Bande dieses Journals beschrieben ist, gebracht, und so lange helles Flußwasser zugesetzt, bis die Flüssigkeit ein Gewicht von 300 Pfund beträgt. Die übrige Manipulation und Entwikelung der Chlorine geschieht nach der Vorrichtung, welche am eben angeführten Orte gelehrt wird.

Bein Bleichen der Waare bringe man von der erhaltenen Chlorin-Kalilösung so viel in eine gehörige Menge Wasser, als zum Hin- und Wieder-Drehen der Waare über den Haspel erfodert wird, und verfahre im übrigen eben so, wie bei dem Bleichen mit der liquiden Chlorine. Ein solches Bleichwasser muß so stark seyn, daß ein eingetauchtes leinenes Lümpchen, welches zuvor fermentirt und durch kaustischalkalische Lauge für das Bleichen vorgerichtet worden, in der Flüßigkeit bald eine weiße Farbe annimmt. Die Bleichwirkung kann auch durch in Wasser zertheilten Indigpräzipitat, oder durch den Hydrometer geprüft werden. Die Prüfung mittelst des Indig ist jedoch sicherer, als der Hydrometer, weil dieser nur die spezifische Dichtigkeit, gleichviel ob es oxydirtsalzsaure oder gewöhnliche salzsaure Verbindung ist, anzeigt.

In Ländern, wo das Natron wohlfeiler als Kali ist, kann man sich desselben mit gleicher bleichender Wirkung statt der Pottasche bedienen.

Von dem Bleichen der baumwollenen Stoffe mittelst Chlorinkalks. (Tenneants Bleichflüssigkeit.)

Die Verbindung der Chlorine mit der Kalkerde stellt die Chlorinkalkerde dar, welche vorwaltende freie Säure hat. Nach ihrem Entdeker Tennant aus Glasgow wird sie auch tennant'sche Bleichflüssigkeit genannt. Auf sein Gesuch ertheilte die Regierung Herrn Tennant gleich nach der Entdekung im Jahre 1789 ein ausschließliches Patent, von welchem er einen solchen Gebrauch zu machen wußte, daß es ihm über hundert tausend Gulden einbrachte. Er both nämlich die Mittheilung seines Verfahrens den ausgezeichnetes Manufakturen Großbritaniens, und zwar jeder einzeln, für 200 Pfund Sterling an. Mehrere kauften ihm das Geheimniß um diese Summe ab. Aber nach einiger Zeit wurde die Gültigkeit des Patentes angegriffen, und durch einen Richterspruch vernichtet, wodurch das Verfahren zur Oeffentlichkeit gelangte; gegenwärtig wird es in allen großen Leinwandmanufakturen Großbritaniens, hie und da mit kleinen Abänderungen, ausgeübt. Es gehören zur Entwiklung der Chlorine:

|101|

30 Pfund Seesalz,
30 Pfund Braunstein,
30 Pfund Schwefelsäure und
18 Pfund Wasser.47)

In einem Rezipienten, der 140 Gallonen (1,120 Pfund) Wasser enthält, bringt Tennant 40 Pfund Seesalz, um das Wasser spezifisch schwerer zu machen, und die Erde um so leichter schwebend in der Flüssigkeit zu erhalten, und 60 Pfund ungelöschten Kalk in Form des feinsten Kalkmehles. Wenn die Operation der Chlorinentwikelung beendiget ist, stellt die Flüssigkeit im Rezipienten die Bleichlauge dar, welche mit Wasser verschwächt angewendet werden kann.

Bei diesen Bleichverfahren ist es nothwendig die Waare abwechselnd, nach vorgegangener Fermentation und Laugenoperation, bald in die Chlorinkalkflüssigkeit, bald in ein schwaches schwefelsaures Bad, durch welches die Zersezung des Chlorinkalks und Freiwerden der Chlorine erfolgt, zu bringen, welch leztere den Bleichprozeß schnell befördert.

Ich finde Tennants Verfahren, den oxydirt salzsauren Kalk zu bereiten, nicht nur mangelhaft, sondern auch bei unnöthiger Verschwendung einer großen Menge Kochsalz in den Rezipienten sehr kostspielig.

Um dieses Bleichprodukt in seiner möglich beßten Qualität und zugleich wohlfeiler darzustellen, bereite ich dasselbe auf dem trokenen Wege. Ich beschike einen steinernen Hafen mit fein gesiebten Kalkhydrat, welcher schichtweise eingedrükt wird, wobei man jede Schicht oder Lage mit Wasser befeuchtet, nachdem man vorher auf den Boden des Hafens einen umgekehrten, gläsernen Retortenhals so eingestekt hat, daß die weite Oeffnung nach Unten steht. In den Retortenhals fügt man die Entwiklungsröhre aus dem Ballon, und lutirt das Ganze gut. Die Operation der Entwiklung des Chloringases wird nun in Gang gesezt, und so lange unterhalten, bis alle Chlorine übergeführt ist. Sie bindet sich an das Kalkhydrat schichtweise von Unten nach Oben. Nach Beendigung der Oparation nimmt man die obern, nicht gesättigten Kalkschichten weg, und das gesättigte, stark nach Chlorine riechende Produkt heraus, worauf dasselbe so lange mit Flußwasser ausgelaugt wird, als noch Chlorinkalk vorhanden ist. Die Auflösung stellt den oxydirt salzsauren Kalk dar, welcher mit Wasser bis |102| auf die spezifische Schwere von 1005 verschwächt die Bleichlauge liefert. Um nichts von der Chlorine zu verlieren, werden die abgenommenen obern Kalkschichten gleich wieder, und zwar zu unterst in den Hafen gebracht, und zur feinern Operation verwendet. Sollte die Bleichlauge nicht freie Säure genug haben, so ersezt man sie durch Chlorinflüssigkeit.

Das Verhältniß beim Zusammensezen zur Bereitung der Chlorine und Bindung an Kalk ist dasselbe, wie bei der Darstellung des Chlorinkali oder Chlorin-Natron.

In den Kattundrukmanufakturen bedient man sich zum Bleichen der für den Druk und das Färben bestimmten Waaren der liquiden Chlorinverbindung mit Kali und Natron, weil die Schwefelsäure beim Bleichen mit Chlorinkalk in den innern Poren der Faser doch etwas schwefelsauren Kalk absetzt, welcher schwer hinweg zu schaffen ist, und weil in den adjektiven Farbebädern die Farbe sich stark in den weißen Grund einlegt. Auch zur Herstellung einer schönen hellblauen Farbe taugt die mit Chlorinkalk gebleichte Waare nicht. Am meisten gebraucht man in Großbritanien den Chlorinkalk zum Bleichen der Leinwand, wozu er sich auch am beßten eignet. Wir werden beider Leinwandbleiche wieder auf diesen Gegenstand zurükkommen; hier stehe nur noch die Bemerkung, daß vegetabilische Stoffe, in dem Chlorinkalke gekocht, an Dauerhaftigkeit verlieren. Davy fand dieses selbst am salzsauren Kalk, der sich durch Entweichung der Chlorine nach Beendigung des Bleichverfahrens an den Gefäßen angesezt hatte. Bedient man sich beim Kochen, statt des Chlorinkalkes, der Chlorinbittererde, so behält die Waare ihre Dauerhaftigkeit.

Von dem Bleichen der vegetabilischen Stoffe durch Chlorinbittererde und Chlorinverbindungen mit andern Grundlagen.

Die Chlorinbittererde (Talkerde, Magnesia), Chlorin-Baryterde (Schwer-Erde) und Chlorinstrontianerde werden hier blos angeführt; denn da sie in der Natur seltener als Kalkerde, Kali und Natron vorkommen, und daher in einem Zustande als Handelsprodukte einen viel höhern Preis haben, so beschränkt sich ihre Anwendung zum Bleichen der vegetabilischen Stoffe eigentlich nur auf wissenschaftliche Versuche. In Großbritanien will man zwar vermittelst der chlorsauren Bittererde einige vorteilhafte Experimente im Großen gemacht haben. Mag es seyn! – wir sind geneigt zu glauben, daß diese Verbindungen, die für wissenschaftliche Versuche vortrefflich sich eignen, auf den Continent |103| wenig Anwendung im Großen finden werden, zumal, da das erhaltene Bleichprodukt nicht absoluter, als durch liquide Chlorine, Chlorinkali, Chlorinnatron oder Chlorinkalk gebleicht werden kann.

(Fortsezung folgt.)

|51|

Ilias 22ster Gesang.

|51|

Odysse 6tes Buch. Voß gibt in seiner trefflichen deutschen Uebersezung die Worte des Sängers also:

Als sie nun das Gestade des herrlichen Stromes erreichten, Wo sich in rinnende Spülen die nimmer versiegende Fülle Schöner Gewässer ergoß, die schmuzigsten Fleken zu säubern; |52| Spannten die Jungfrau'n schnell von der Wagen Deichsel die Mäuler, Ließen sie an dem Gestade des silberwirbelnden Stromes Weiden im süßen Klee, und nahmen vom Wagen die Kleidung, Trugen sie Stük vor Stük in der Gruben dunkles Gewässer, Stampften sie drein mit den Füssen, und eiferten unter einander. Als sie ihr Zeug nun gewaschen, und alle Fleken gereinigt, Breiteten sie's in Reihen am warmen Ufer des Meeres, Wo die Wogen den Strand mit glatten Kiesel bespülen u.s.w.
|52|

Plin. Aist. Nat. Lib. XXXV. Cap. 52. 56. 57.

|57|

Es ist nicht selten, daß her Weberschlichte noch ganz fremdartige Substanzen zugesezt werden, die den Prozeß des Bleichens sehr |58| erschweren. Dahin gehören einige Salzverbindungen, welche gewinnsichtige Weber anzuwenden pflegen, um ihrer Waare ein vortheilhaftes Aeußeres zu verschaffen. Die erste Mehlschlichte für den Zettel wird, wenn sie sauer wird, und die Weber solche in eisernen Gefäßen, wie öfter geschieht, aufbewahren, durch Eisenauflösung verunreinigt, weil die Essigsäure nach und nach von den gerosteten Gefäßen Eisenoxid auflöst, wodurch der Schlichte mehr oder weniger essigsaures Eisen aufgelöst zukommt. Die zweite Schlichte, welche die Weber zu geben pflegen, wenn die erste troken ist, besteht aus Rindstalg oder Butter. Wenn dergleichen fette Materien ranzig oder stinkend werden, so wird der Bleichprozeß erschwert, weil das Fett eine Art Oxidation erleidet. Es wäre zu wünschen, daß statt dieser fetten Substanzen schwarze Seift gebraucht würde, welche, zumal beim Bleichen der leinenen Waaren, dem Prozesse sehr vortheilhaft wäre. In Großbritanien wird seit kurzer Zeit das Fett, welches durch Auskochen der Ochsenhörner gewonnen wird, zur fetten Schlichte der Baumwollen- und Leinen-Gewebe verwendet. A. d. V.

|59|

In unsern süddeutschen Bleichanstalten in Baiern, Würtemberg, Baden etc. wird eben dieser Gegenstand auf die unverantwortlichste Weise mit kostspieliger Verschwendung an alkalischen Salzen beim Bleichen der leinenen Stoffe etc. ganz vernachläßigt, ja ich möchte sogar behaupten, daß er nicht einmal seiner Natur und Wirkung nach erkannt wird. Die unvollkommenen Resultate, welche aus diesen empirischen Bleichanstalten hervorgehen, beurkunden zu deutlich wie weit man in der eigentlichen Kunst zu bleichen, noch zurück steht. A. d. V.

|60|

Sie wird bei erlangter Uebung durch den Geruch erkennt, oder durch blaues Lakmuspapier, daß in die Flüssigkeit gehalten, sich schnell röthet. A. d. V.

|61|

Die Etymologen leiten das Wort Kattun, Cotton, aus dem egyptischen quotn her, welches Baumwollenstaude, Baumwollenbaum bedeutet.

|61|

Einige Bleicher streuen schichtweise Kleien oder grobes Mehl ein, um die Fermentation schneller herbeizuführen. Ich finde dieses überflüßig, da bei gehöriger Temperatur die Gährung durch die Schlichte der Waare eben so gut erfolgt, und keinen unnöthigen Aufwand verursacht. A. d. V.

|62|

Nach dieser Weise sollte die Fermentation in allen Bleichanstalten unseres Vaterlandes vorgenommen werden. Leider ist es aber noch nicht überall der Fall. Ich kenne Bleichanstalten, wo man die rohe Waare in die Walke, und von da zur ersten Lauge bringt. A. d. V.

|63|

Verbesserte Veränderung des Apparats.

|66|

Bei dieser Methode zu bleichen, sind die Einweich- und Laugenkufen von gleicher Form und Größe. Sie hatten 3 Ellen 8 Zoll in der Tiefe, und 2 Ellen 20 Zoll im Durchmesser. Beide Kufen sind mit 4 eisernen Reifen gebunden, und nebeneinander auf hölzerne Unterlagen gestellt, um sie gegen Erstiken oder Fäulniß zu bewahren. Die Zwischenwanne zwischen dem Kessel und der Laugenkufe, welche, der Oberfläche des Bodens gleich, in die Erde eingesezt und bestimmt ist, die Lauge aus der Kufe aufzunehmen, damit sie in den Kessel zum Aufwärmen geschöpft werde, hat in ovaler Form 2 Ellen 6 Zoll Länge, und 1 Elle 4 Zoll Tiefe, und hält im Mittlern Durchschnitt 1 Elle 6 Zoll. Alle hölzerne Gefäße in den Bleichanstalten, werden aus Tannenholz verfertigt. Das angegebene Ellenmaaß ist nach der Leipziger Elle angenommen, deren 6 – fünf Brabanter Ellen gleich sind. A. d. V.

|68|

Aus dieser Methode zu bleichen geht, im Verhältniß zur folgenden, vermittelst des dampfartigen Apparats zu laugen, ein auffallend merkwürdiges Resultat hervor, welches in ökonomischer Rüksicht die Aufmerksamkeit aller Bleichinhaber erregen muß. Die Quantität des alkalischen Salzes erreicht hiebei eine Höhe, die das Doppelte überschreitet, indem auf ein Stük Calico im Durchschnitt der Sommer- und Winterbleiche 21 Loth Pottasche, bei dem Verfahren mittelst des Apparates hingegen nicht mehr als 9 Loth derselben zum Bleichen der baumwollenen Waare erforderlich sind. Das Brennmaterial und der vermehrte Arbeitslohn durch vervielfältigt Manipulationen verursachen zusammen eine Kostenerhöhung, welch, den Wunsch erzeugen muß, dieses durch sein Alter im Kredit gebliebene Verfahren bald in allen Theilen unseres deutschen Vaterlandes abgeschaft zu sehen. A. d. V.

|69|

Diesem Emporsteigen der Waare in der kochenden Lauge kann durch folgende leichte Vorrichtung abgeholfen werden. Man lasse von starkem Tannenholz einen hölzernen Stern, dessen Ausläufe 5–6 Zoll von einander abstehen, machen. Auf beiden Seiten werden, um das Werfen durch die Hize und Flüßigkeit zu verhindern, 2–3 Kreise in zirkelförmiger Richtung eingefügt, welche man mit hölzernen Nägeln befestigt. Beim Einsezen dieses Sterns in den Kessels hat man darauf zu sehen, daß die Oberfläche der Waare wenigstens 4–5 Zoll unter dem Fluidum zu liegen komme. Die strahlenförmige Ausläufe des Sterns berühren die Wand des Kessels; der Stern selbst wird mittelst einer starken Stange, die in der Mitte desselben eingefugt werden kann, an der Deke des Laugenhauses befestigt. Das Aufwallen der Lauge durch den Sud erfolgt dabei ganz ungehindert durch die unbedekten Räume dieser Vorrichtung. A. d. V.

|70|

Um das Anliegen der Waare an den Seitenwänden der Kessel ganz zu verhindern, ließ ich in der Folge Körbe von geschälten starken Weidenruthen anfertigen, deren Form der Form des Kessels entsprochen hatte. Vor dem Gebrauche wurden diese Korbe mit schon einmal benuzter kochender Lauge mehreremale übergossen, um den Farbe- und Extraktivstoff, der bei der ersten Anwendung sich ausziehen, und die Waare theilweise mehr oder weniger örtlich färben würde, zu zersezen. Bei dem Gebrauche solcher Körbe, von denen ich stets ein erwünschtes Resultat erhielt, bleibt das hölzerne Kreuz auf dem Boden des Laugenkessels weg. Diese Vorrichtung gibt den großen Vortheil, daß die Waare nie durch Anliegen oder Verdampfen der alkalischen Flüssigkeit Schaden nehmen kann. Ich glaube, nachdem ich sie durch praktische Versuche im Großen bewährt gefunden habe, sie auch mit Recht allen Bleichern empfehlen zu können, welche sich noch des Laugens der Waare in den Kesseln bedienen. A. d. V.

|71|

Das Laugen in Kesseln ist in Ermanglung eines dampfartigen Bleichapparats dem Verfahren durch Aufgießen der alkalischen Bleichflüssigkeit in doppelter Rüksicht vorzuziehen; einmal weil die Waare gleichförmiger und in gleicher Temperatur von der kalihaltigen Flüssigkeit durchdrungen wird, und dann wegen der beträchtlichen Ersparung an alkalischem Salze. Mit dem reinen (kaustischen) Kali nach der angegebenen zwekmäßigen Vorrichtung der Laugenkessel, erreicht man seinen Zwek, die Beförderung des Bleichprozesses, um so eher, je kohlensäurefreier das alkalische Salz in Anwendung gebracht wird. Man erspart dadurch im Verhältniß eben so viel Kali, als durch Kohlensäure gebunden, bei der milden (Pottaschen) Lauge wirkungslos verloren geht. A. d. V.

|72|

Annales de Chemie. Vol. II. S. 158.

|74|

Hermbstädts sistematischer Grundriß der allgemeinen Experimental-Chemie. Bd. 2. S. 96.

|75|

Ein warnendes, hieher gehöriges Beispiel fand bei der Gründung eines großen Bleichetablisements in Sachsen statt. Der Besizer, zugleich Eigenthümer einer ausgezeichneten Kattunfabrik, vertraute dem Fabrikdirektor die Einrichtung seiner Bleiche an. Ungeachtet ein Fluß (die Zschoppau) mitten durch das Gut läuft, kam dennoch der Direktor auf den unglüklichen Einfall, zwei Wasserbassin, die durch Röhrenwasser gespeist wurden, anzulegen. Diese Bassin hatten wenig Abfluß, weil die Röhren geschlossen, und nur von Zeit zu Zeit frisches Wasser zugelassen werden sollte. Nun zeigte sich die dritte Parthie Bleichwaare, welche in die Fabrik zum verarbeiten abgegeben worden, in einem solchen zerstörten Zustande, daß sie als unbrauchbar erklärt werden mußte; den sie zerfiel den Arbeitern unter den Händen. Ich wurde jezt aufgefordert, mich eilends an Ort und Stelle zu verfügen, um der Ursache dieser unglüklichen Erscheinung nachzuforschen. Als ich hier die Bassin erblikte, und die Behandlung der Bleichwaare erfuhr, reagirte ich das Wasser in den Bassins mittelst salzsaurem Baryt und essigsaurem Blei, und überzeugte mich sogleich durch die beträchtliche Menge von Schwefelsäure, welche das Wasser enthielt, von der Ursache jenes Unfalles. Ich ließ nun die Wascheinrichtung an dem Fluß anbringen, und das Nebel war für immer gehoben. A. d. V.

|80|

Bei diesem Verfahren hat man die gleichförmige Temperatur der Bleichflüssigkeit in dem Kessel nicht in seiner Gewalt, weil die zurükgehaltene Hize unter dem Kessel stets noch einige Zeit fortwirkt, und das Bad erwärmet, wodurch, wenn lezteres zu heiß wird, leicht ein großer Schaden entstehen kann. A. d. V.

|80|

Ich führe hier aus dem Munde eines glaubwürdigen Mannes ein Beispiel an, wie nachtheilig es sey, wenn man sorglosen Menschen dieses Geschäft zu überlassen genöthiget ist. Es hatte der Arbeiter vergessen, das Feuer unter dem Kessel wegzunehmen; als man den andern Morgen die Waare herausnahm, und zum Waschen in den Fluß brachte, schwamm sie, so sehr hatte sie im Kessel gelitten, stükweise davon, und nach dem Abtroknen war keine einzige |81| Elle der ganzen Parthie von 65 Stüken Callico's mehr brauchbar. Es ist höchst wahrscheinlich, daß die Flüßigkeit ins Kochen gekommen war, ein Theil derselben verdampfte, und die Pflanzenfaser der baumwollenen Gewebe, durch die mehr verdichtete Schwefelsäure, in der Hize gestört wurde. Ein Fall, welcher beim Behandeln der Waare in der Wanne nie statt finden kann. A. d. V.

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Die Schädlichkeit und Zwekmäßigkeit des Verfahrens, die Bleichwaare in dem Kessel, vermittelst des warmen schwefelsauren Bades zu behandeln, leuchtet aus folgenden Bemerkungen in die Augen:

  • a) Bei dem abwechselnden Erwärmen und Wiedererkalten wird das Metall nach und nach durch die verschmächte Säure angegriffen, oxidirt und aufgelöst, woraus zwei widrige Folgen entstehen, einmal, daß das schwefelsaure Bad, schwefelsaures Kupfer in seiner Auflösung aufnimmt, welches als Metallsalz, zumal bei Waaren, die für den Druk oder das Färben bestimmt ist, einen nachtheiligen Einfluß auf die Baumwollen-Faser äussert; zweitens daß der kostspielige Kessel einen beträchtlichen Verlust seines Gewichts erleidet, und überhaupt sehr bald ganz unbrauchbar wird.
  • b) Durch das nur zwei, bis dreimalige Benuzen des schwefelsauern Bades im Kessel, verliert man einen bedeutenden Antheil Schwefelsäure; was in der Wanne bei 8 bis 10maligem Gebrauche weniger der Fall ist. A. d. V.
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Es ist durchaus nicht zu verabsäumen, daß man die Waare, welche in der kalten Indigoküpe himmelblau gefärbt werden soll, nur langsam, und zwar im Schatten, abzutroknen. Ein zu schnelles Abtroknen, geschähe es an der Sonne oder in geheizten Zimmern, wirkt überaus nachtheilig in Ansehung des gleichförmigen Anfallens der Farbe in der Indigoküpe, und man kann nie mit Zuverlässigkeit auf ein erwünschtes Resultat rechnen. So gering auch dieser Umstand zu seyn scheint, so wichtig ist er in der praktischen Ausübung. Mancher Färber kann sich das Räthsel nicht lösen, warum er bald ein gleiches bald ein ungleiches wolkiges Hellblau beim besten Stand seiner Indigoküpe unter gleicher Färbemanipulation |83| erhält. Die Ursache dieser Erscheinung mag größtentheils in dem fehlerhaften Abtroknen der Waare durch Hize zu suchen seyn. Anm. d. Verf.

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Abhandlung der schwedischen Akademie der Wissenschaften. Deutsche Uebersezung 3ter Band S. 314.

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Es lassen sich statt der gebrannten Kalkerde auch andere gut gebrannte alkalische Erden, als Baryt- und Strontain-Erde, zur Darstellung äzend alkalischer Laugen verwenden; allein da sie viel seltener in der Natur angetroffen werden, und dadurch kostspieliger sind, so behält schon in ökonomischer Hinsicht die gebrannte Kalkerde den Vorzug. A. d. V.

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Die Zerstörbarkeit der vegetabilischen Fasern durch aufgelöste gebrannte Kalkerde läßt sich leicht durch ein Experiment darthun. Wascht man z.B. ein Stükchen ungebleichtes baumwollenes oder leinenes Zeug in Kalkwasser, und legt es einen Tag in der Sonne der Einwirkung des Lichts und der Luft aus, so wird, nach einigenmalen Wiederholen, die Weiße der Waare außerordentlich zunehmen, aber das Gewebe seine Haltbarkeit dermassen verlieren, daß man es zwischen den Fingern zerzupfen kann. Dieses erfolgt bei baumwollenen Zeugen um so eher, als bei leinenen, weil sie weniger fest im Faden sind. A. d. V.

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Das klare stark gesättigte Kalkwasser enthält nach Kirvan's Angabe |88| in 680 Theilen reinen Wassers bei einer Temperatur von 12 bis 13º Reaum. nur einen Theil wirkliche Kalkerde aufgelöst. In solchem Zustande besizt die Auflösung einen scharfen, zusammenziehenden Geschmak, färbt den Veilchen-Syrup etc. grün, die Fernambuk-Tinktur violett, und Curcumäpapier braun. Der atmosphärischen Luft ausgesezt, absorbirt es Kohlensäure, und schlägt einen Niederschlag, der sich zuerst als Häutchen auf der Oberfläche bildet, und kohlensaurer Kalk ist, so lange nieder, bis aller Kalk an Kohlensäure gebunden der Auflösung, entzogen ist. Das Kalkwasser als Reagenz in den Bleichanstalten muß, wo möglich, frisch bereitet, oder in Flaschen mit eingeriebenen Stöpseln wohl verwahrt, aufgehoben werden. A. d. V.

|91|

In England werden alle baumwollenen Gewebe nach Parkes Versicherung roh gesengt, oder man weicht sie zuerst in Wasser ein, um die durch die Weberschlichte niedergedrükte Fasern zum Aufstehen zu disponiren. Diesem englischen Verfahren ist das Sengen der Waare in gebleichtem Zustande weit vorzuziehen. Denn, da durch die Behandlung im Bleichen, Waschen und Walken noch viele Fasern loker gemacht, andere aber die niedergedrükt waren, wieder aufstehen, so kann der Zwek durch Sengen nur im weißgebleichten Zustande vollkommen erreicht werden. Ganz feine Gewebe, wie Linon, Jeaquinet's, Mouseline und Batiste, können nicht über glühende Eisencylinder gesengt werden; man thut dieß über brennendem Weingeist. A. d. V.

Seite ist falsch paginiert, in der Seitenchronolgie aber richtig.
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Das allerbeste und sicherste Mittel zum Bläuen aller Baumwollen- und Leinen-Fabrikate sowohl im weißen, als kolorirten Zustande ist dieses:

16 Loth fein gestoßenen Indig rühre man mittelst eines Glasstäbchens portionenweise in einem in kaltes Wasser gestellten steinernen Topf mit 2 Pfund rauchender Schwefelsäure zusammen, lasse das Gemisch 25 Stunden lang ruhig stehen, und seze 6 Pfund Flußwasser nach und nach hinzu, so, daß die Indigauflösung nur wenig erwärmt wird. Es werden nun 3 1/2, Pfund gute Pottasche in 6 Pfund Wasser gelöst, die Lösung durch Drukpapier filtrirt, und so lange von derselben der Indigauflösung unter beständigem Umrühren mitgetheilt, bis kein Aufbrausen mehr zu bemerken ist. Wenn die Schwefelsäure der Indigauflösung durch Kalilösung vollkommen gesättigt ist, filtrirt man das Ganze durch einen dichten Spizbeutel von weißem Filz. Zu Anfang des Filtrirens, |59| [Seite ist falsch paginiert, in der Seitenchronolgie aber richtig.] so lange der Spizbeutel Indigniederschlag durchläßt, gießt man die Flüssigkeit wieder auf, welches 3–5mal wiederholt wird. Die ablaufende graulich blaue Flüssigkeit enthält das schwefelsaure Kali aufgelöst; der Indigniederschlag bleibt im Spizbeutel zurük. Um lezteren ganz salzfrei zu bekommen, lauge man ihn noch einigemale mit kochendem Wasser aus. Diesen purpurfarbenen Präzipitat in Form eines Teiges verwahre man in gut zugebundenen Gefäßen vor dem Zutritte der Luft, weil er große Neigung besizt, bald zu schimmeln. In Wasser gebracht, stellt er ein äußerst schönes lebhaftes Blau dar, und da er ganz säuere- und salzfrei ist, so eignet er sich am vortheilhaftesten für das Bläuen der Waare. Aus derselben Ursache ist dieser Präcipitat auch der gewöhnlichen schwefelsauren Indigauflösung zur Prüfung der Chlorine und den Chlorinverbindungen in den Bleichanstalten um vieles vorzuziehen. A. d. V.

Seite ist falsch paginiert, in der Seitenchronolgie aber richtig.
Seite ist falsch paginiert, in der Seitenchronolgie aber richtig.
|59|

Samuel Perkes chemische Abhandlungen und Versuche für die Künste und Manufakturen in Großbritannien, aus dem Englischen übersezt. Erste Abtheilung S. 241. Weimar. Industrie-Comptoir 1821.

|95|

Abhandlungen der schwedischen Akademie der Wissenschaften Jahrgang 1774.

|95|

Journal Physik. Jäner 1785 und August 1786.

|99|

Bei diesem englischen Zusammensaz ist im Verhältniß zum Meersalz zu wenig Schwefelsäure und zu viel Braunstein angewendet, wodurch sich ein Verlust von unzerseztem Salz und Braunstein ergibt. A. d. V.

|101|

Offenbar ist bei dieser Zusammensezung die Quantität des Braunsteins und der Schwefelsäure zur Zersezung des Seesalzes und Bildung der Chlorine zu groß angenommen. (Anm. d. Verf.)

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