Titel: Ueber Kosten der Beleuchtung mit Steinkohlengas.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1822, Band 8, Nr. XXVI. (S. 193–197)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj008/ar008026

XXVI. Ueber Kosten der Beleuchtung mit Steinkohlengas, und über Kokes, als Feuer-Materiale.

Wir haben in einem der lezten Hefte unseres polytechnischen Journal das Resultat der Beleuchtungskosten des Krankenhauses St. Louis zu Paris angegeben, und gezeigt, daß dadurch, nach dem Berichte des Hrn. Administrators Péligot, gegen die ehemalige Oelbeleuchtung 865 Frank. 62 Cent. erspart wurden. Hr. d'Arcet ist mit dieser Berechnungen nicht zufrieden, sondern meint, daß der Gewinn |194| noch höher getrieben werden könne. Er bemerkt zuvörderst, (und wir wollen ihm hier in seinen Bemerkungen folgen, da bei ähnlichen Anstalten, deren physische Vortheile, (wie hier besseres und reineres Licht) einmal allgemein anerkannt sind, es bloß um genauere Kenntniß der Kosten sich handelt, und hier bloß finanzielle Schwierigkeiten zu heben und zu beseitigen sind), daß ein Beleuchtungs-Apparat, der wie jener des Krankenhauses St. Louis nur 109 Argands täglich 6 Stunden über, den Argand zu 3 Kubikfuß für jede Stunde gerechnet, versieht, nicht wie Hr. Péligot rechnet, 40,000 Franken, sondern nach Hrn. Gengembre nur 11,000 Frank. kosten kann, und mit allen Reperatur-Kosten in 20 Jahren höchstens 29,000 Franken beträgt; daß folglich der reine Gewinn, verglichen mit den Auslagen der Oelbeleuchtung, ohne Vergleich höher ausfallen muß, als Hr. Péliget denselben angegeben hat.

2tens bemerkt Hr. d'Arcet, daß eine Retorte 3–4 Jahre lang ununterbrochen dienen kann, und daß es durchaus falsch ist, wenn Hr. Clément S. 19 seiner Abhandlung behauptet, daß 100 Argands, die täglich 4 1/2 Stunden lang brennen, jährlich 4 Retorten zu Grunde richten; daß ferner nicht, wie Hr. Péligot es in seiner Berechnung that, eine unbrauchbar gewordene Retorte (was in einem Jahre nur bei einer einzigen im Krankenhause St. Louis der Fall war), für gänzlich verloren, als Schaden von 400 Franken eingetragen werden müße, da das Materiale noch immer 50 Franken werth ist.

3tens bemerkt er, daß der Aufwand an Kohlen im Krankenhause viel zu groß angesezt ist, wenn man 56,04 Theile Steinkohlen rechnen konnte, um 100 Theile Steinkohlen zu destilliren, da man sonst in den königl. Anstalten 100 Theile Steinkohlen mit 30 Theilen Steinkohlen destillirt.

4tens zeigt er, daß, indem man in der Rechnung aus |195| 1 Kilogramme87) Kohlen nur 4,48 Kubikfuß Gas erhielt, man viel zu wenig bekam; man hätte 6 Kubikfuß Gas aus einem Kilogramme erhalten müßen.

5tens endlich, daß man viel zu wenig Kokes erhielt, indem man, wie in der gegenwärtigen Rechnung, aus Einem Hektolitre Kohlen nur Ein Hektolitre und 0,46 Kokes erzeugte, indem es in Frankreich Steinkohlen gibt, welche während der Destillation sich so sehr aufblähen, daß sie, dem Volumen nach, 75, ja sogar 100 p. C. Kokes liefern; und diese hätte man wählen sollen, da man bis jezt noch die Vorzüge dichter Kokes nicht gehörig zu schäzen weiß, und die schwammigen vorzieht. Die Kokes werden jezt zu Paris, wo man sie erst seit kurzem kennen lernte, von den Feuerarbeitern so sehr gesucht, daß es bereits eine Menge Fabrikanten daselbst gibt, welche Steinkohlen, ohne alle Benüzung des Gases, das sie frei entweichen lassen, bloß um Kokes daraus zu bereiten, destilliren. Kokes, die vor wenigen Wochen um 50 bis 55 Franken verkauft wurden, werden jezt mit 68 Franken bezahlt, und dieses hohen Preises ungeachtet stehen alle Magazine derselben leer. Gießer, die sich derselben bedienen, versichern, daß sie ungeachtet dieses hohen Preises der Kokes, mit 14 Franken Kokes mehr arbeiten können, als sie ehevor mit 36 Franken Holzkohlen zu leisten im Stande waren. Es ist daher wahrscheinlich, daß, wenn auch durch Vermehrung von Gasbeleuchtungs-Anstalten und Kokes-Fabriken (welche aber zu Grunde gehen müßen, sobald jene sich vermehren) die Erzeugung der Kokes vermehrt werden sollte, der Preis derselben doch so bald nicht fallen wird, indem sie stets eines |196| der beßten Feuerungs-Materialien sowohl in Haushaltungen, als in Fabriken großer Städte seyn und bleiben werden.

Wir glaubten unsere deutschen Landsleute auf diese Bemerkungen eines der ersten Techniker in Frankreich über Kokes aufmerksam machen zu müßen, da, unter ihnen ein allgemeines und schwer zu besiegendes Vorurtheil gegen Steinkohlen so sehr eingewurzelt ist, daß sie nicht einmal dort, wo der Zufall ihnen die herrlichsten Steinkohlen-Blöke zuführt (wie im vorigen Jahre ein Regenguß zwischen Hofhamm und Fiecht), sich die Mühe geben, dem Lager, aus welchem dieser Blök gerissen worden seyn mochte, nachzuspüren. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die ganze Hügelreihe zwischen der Isar und der Vils, der Vils und der Roth, vielleicht die meisten Hügelreihen zwischen der Isar und dem Inn, und zwischen der Donau und der Isar mächtige Steinkohlen-Flöze deken: man gibt sich nicht nur keine Mühe, denselben nachzuspüren, sondern man würde, so scheint es wenigstens, sie kaum benüzen, wenn sie offen am Tage lägen. – So sehr ist das Vorurtheil gegen Steinkohlen bei uns eingewurzelt; ja wir glauben sogar, was der Mensch so gern glaubt, daß alle Leute so denken müßten, wie wir, und Niemand die Steinkohlen, wie wir zu sagen pflegen, mögen könnte. Wie könnten wir sonst unsere Steinkohlen unbenüzt vergraben liegen lassen, und sie nicht unsern Nachbarn, den Oesterreichern, auf dem Lech, der Isar, auf dem Inn, auf der Donau, und selbst auf den kleinen Flüßchen Vils und Roth, die in die Donau und in den Inn fallen, und tief genug sind, um als natürliche Kanäle für Steinkohlen-Schiffe zu dienen, in ganzen Flotten zu führen. Wir begnügen uns mit dem verderblichen Holzhandel nach Oesterreich, und werden denselben wahrscheinlich so lang forttreiben, bis der jährlich steigende Preis des Holzes das Gedeihen der, bei uns ohnedieß manchen Schwierigkeiten unterliegenden, |197| Fabriken eben so unmöglich gemacht haben wird, als Gemächlichkeiten in der Haushaltung. Dahin wird es bei uns kommen; dahin muß es bei zunehmen, der Bevölkerung kommen: und dann erst werden auch wir, da doch immer ingenii largitor venter est, ein paar Jahrhunderte zu spät aus Noth dasjenige ergreifen, was, ein paar Jahrhunderte früher, eine reiche Quelle des Wohlstandes gewesen seyn würde.

|195|

= 13,714 Granen Wiener Apoth. Gew. oder 2 Pfund, 9 Loth, 34 Gran.

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