Titel: Baillet über gebohrte Brunnen.
Autor: Baillet,
Fundstelle: 1822, Band 8, Nr. L. (S. 400–409)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj008/ar008050

L. Bericht des Hrn. Baillet über gebohrte Brunnen (puits ardésiens) und über die Sucher146) der HHn. Beurrier, Quellen-Sucher zu Abbeville, Dptt. de la Somme: der Société d'Émulation pour l' Industrie nationale im Namen des Ausschusses der mechanischen Künste vorgetragen.

Aus dem Bulletin dieser Gesellschaft. März 1822. S. 73. Frei übersezt.

Mit Abbildungen auf Tab. VII.

Die Kunst, das Wasser unter der Erde mittelst des Suchers oder Erdbohrers aufzufinden, dasselbe auf die |401| Erde und selbst über diese hinauf zu fördern, ist seit langer Zeit in Europa und in Amerika bekannt.

Belidon147) hat, vor beinahe hundert Jahren schon, den gebohrten Brunnen des Klosters St. Andre, anderthalb franz. Meilen von Aire, beschrieben, dessen Wasser 4 Mêtres „(beinahe 3 Klafter)“ über die Straße stieg, und in jeder Stunde mehr als 100 Tonnen Wasser gab.

Fünfzig Jahre vorher hat Cassini148) die gebohrten Brunnen in Unter-Oesterreich, und in den Umgebungen von Modena und Bologna, die ihr Wasser aus reichen Adern schütten, und den gebohrten Brunnen, den er in dem Fort Urbain bohren ließ, und aus welchem das Wasser 5 Mêtres über den Boden stieg, und zum öffentlichen Gebrauche in ein Marmor-Beken herabfiel, beschrieben.

Auch England besizt seit langer Zeit in mehreren Grafschaften (Lancashire, Dorsetshire, Yorkshire, Derbyshire) Brunnen, und selbst fließendes Wasser, welches nicht vorhanden wäre, wenn der Sucher nicht dasselbe in größerer oder geringerer Tiefe gefunden hätte149).

Selbst Amerika hat, nach Darwin150), seine gegrabenen Brunnen. Hartford in Konnektikut besizt jezt einen Bach, der gebohrt wurde, und dessen Wasser nun seit mehr dann hundert Jahren aus einem Loche quillt, das der Sucher 20 Mêtres tief unter der Erde gefunden, und dessen Oeffnung man durch Sprengung erweitert hat151).

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So allgemein bekannt auch diese Thatsachen waren, und so groß auch der Vortheil ist, den die Anwendung des Erdbohrers bei dem Aufsuchen unterirdischer Wasser gewährt, so ist doch die Methode, Quellen und Brunnen zu bohren, bisher nur gewißen Ländern eigen geblieben, und hat sich nicht über dieselben verbreitet. In Frankreich kennt man sie nur erst in den zwei nördlichen Departements, Pas de Calais et du Nord, und erst seit wenigen Jahren wurde sie mit dem beßten Erfolge im Dptt de la Somme versucht152).

Während die Gesellschaft, meint Hr. Baillet, die gebohrten Brunnen im Lande zu verbreiten bemüht ist, um dadurch nicht bloß einem Bedürfniße für Menschen und Thiere abzuhelfen, sondern auch die Kultur des Bodens, und selbst den Gebrauch hydraulischer Maschinen zu fördern; während sie in dieser Hinsicht den Verfasser der beßten Abhandlung über die Kunst, Brunnen zu bohren, krönte, und goldene Medaillen denjenigen zusicherte, welche in einer Gegend Brunnen bohren würden, wo man ähnliche Brunnen bisher noch nicht besizt, sollte sie auch diejenigen nicht vergessen, |403| die diese nüzliche Kunst schon seit langer Zeit getrieben, und die dazu nöthigen Geräthe verbessert und vervollkommnet haben, wie dieß bei den HHn. Beurrier (Vater und Sohn) der Fall ist, welche seit 5 Jahren eine Menge von Brunnen in verschiedenen Gegenden des nördl. Frankreich's gegraben haben.

Einer dieser Brunnen, den sie zu Noyelle sur mer bohrten, wo sie in 17 Mêtres Tiefe auf Kreide Wasser fanden, ebbt und fluthet mit der See; sein Wasser steht nämlich bei der Ebbe zwei Mêtres unter der Oberfläche der Erde, und steigt bei der Fluth beinahe bis an die Oberfläche herauf. Durch eine geschikt angebrachte Klappe wird, während dieses Steigens, das Wasser abgesperrt, und das Zurüksinken desselben gehindert. Aehnliche fluthende Brunnen kommen auch in England vor.

Die HHn. Beurrier haben die sogenannten Sucher, und namentlich die Bohrer, bedeutend verbessert. Eines dieser Instrumente, dessen man sich schon seit langer Zeit bedient, ist dazu bestimmt, an dem einen Ende der Brunnen-Röhre einen hohlen zilindrischen Hals anzubringen: die HHn. Beurrier haben demselben eine Nußschraube, und eine doppelte Mutterschraube beigefügt, wodurch die Stellung der eisernen Spize nach Belieben abgeändert werden kann, und diese, wie man in der Kunstsprache sagt, mehr oder minder einbeißt.

Das zweite Instrument, das sie erfanden, bildet an dem anderen Ende der Röhre eine Art von walzenförmigen Halsstüke, welches in die von dem ersten Bohrer gegrabene Kehle paßt. Man bemerkt an demselben zwei Nußschrauben, welche senkrecht über einander gestellt sind. Eine derselben läßt die eiserne Spize parallel mit ihrer Länge vordringen, die andere nähert oder entfernt sie von der Achse der Röhre, um der äußeren zilindrischen Oberfläche des Halsstükes genau den |404| Durchmesser der gegrabenen Kehle zu geben, die dasselbe ausfüllen soll.

Diese beiden Instrumente, von welchen die Maschinen-Sammlung der k. Bergbauschule Modelle besizt, werden von den HHn. Beurrier seit mehreren Jahren mit vielem Vortheile angewendet. Sie dienen nicht bloß zur möglich genauesten Verbindung der Röhren unter einander, sondern schneiden auch, nachdem diese Röhren in das Loch des Suchers eingeführt, und bis auf die Ramme der Wasserbank hinabgekommen sind, auf der Stelle das obere Ende der Röhren ab, und vereinigen dasselbe beinahe hermetisch mit dem Boden des Bottiches oder des hölzernen Behälters, den man gewöhnlich auf demselben anbringt.

Die auf diese Weise gebildeten Einfügungen sind fest, dauerhaft, unwandelbar und vollkommen undurchdringlich; sie bedürfen gar keiner Einfassung, und keines Kalfaterwerges, was dort, wo man nur den ersten Bohrer zum Graben der Kehle braucht, und Meißel und Schnizer oder ähnliche Werkzeuge zum Schneiden des Halsstükes anwendet, immer unentbehrlich ist.

Hr. Baillet trägt am Ende seines Berichtes auf eine Medaille für die HHn. Beurrier an.

Beschreibung zweier Instrumente, die man Absaz-Bohrer (Tarands ou tariéres d' embases) nennt, und die zur Einfügung der Brunnen-Röhren bei gebohrten Brunnen dienen.

Erklärung der Figuren auf Tab. VII.

Fig. 8 Längendurchschnitt, oder Durchschnitt zweier Röhren mit zilindrischer Einfügung in halbem Holze.

ab, hohle Kehle, in welche das Halbstük cd von gleichem Durchmesser genau paßt.

Fig. 9 Längendurchschnitt einer Röhre, deren Kehle oder walzenförmige Oeffnung beinahe fertig gebohrt ist, und |405| in welcher man im Aufrisse den männlichen Bohrer sieht, der diese Kehle ausgrub.

Fig. 10 Aufriß dieses Instrumentes in senkrechter Richtung auf Fig. 9.

Fig. 11 Grundriß dieses Instrumentes von Unten.

Fig. 12 Durchschnitt, jenseits der Nußschraube genommen.

Fig. 13 das Eisen dieses Instrumentes im Grundrisse und im Aufrisse: die Schneide ist rechtwinkelig, um vorne und an der Seite zu schneiden.

Fig. 14 Längendurchschnitt einer Röhre, an welcher das Halsstük beinahe ausgebohrt ist, und in welchem man das zweite Instrument, oder den weiblichen Bohrer sieht, welcher das Halsstük ausschnitt.

Fig. 15 Aufriß dieses Instrumentes, senkrecht auf die vorige Figur.

Fig. 16 Grundriß desselben Instrumentes von Unten.

Fig. 17 Durchschnitt jenseits des Bügels.

Fig. 13 Eisen desselben Instrumentes im Grundrisse und im Aufrisse: es hat, wie jenes in Fig. 13, zwei unter einem rechten Winkel stehende Schneiden, um das Holz vorne und seitwärts zu schneiden.

Fig. 19 Griff der beiden Instrumente: er wird am Zapfen k der Fig. 9, 10, 14 und 15 angebracht, und daran mittelst eines Bolzens befestigt.

Fig. 20 Grundriß des Handgriffes von einem seiner Enden aus gesehen.

Detail der Figuren 9, 10, 11, 12 und 13.

ABCD Röhre, deren Mündung oder walzenförmige Kehle ab beinahe ausgebohrt ist.

ek Instrument, oder männlicher Bohrer zum Ausbohren obiger Kehle ab: es besteht aus einem einzigen |406| Stüke Holz, welches vier verschiedene Theile enthält; nämlich: den Zapfen e, die beiden Absäze f und g, und den Kopf hk.

e der Zapfen hat einerlei Durchmesser mit dem zilindrischen Kanale der Röhre, in welche man denselben einführt. Er dient der schneidenden Klinge dieses Instrumentes als Leiter und als Stüze, wenn man dasselbe mittelst des Griffes, Fig. 19, dreht.

f der zilindrische Absaz, ist in seinem Durchmesser um einige Millimêtres kleiner, als der Durchmesser der Kehle ab, die er bohren muß. Er ist an der Seite bei n, eingeschnitten, oder ausgehöhlt, um das Eisen oder die Klinge lm, und die Späne daselbst aufzunehmen. Die Höhe oder Länge dieses Absazes ist um einige Millimêtres kürzer, als die Tiefe, welche die Kehle ab erhalten soll.

g, der zweite zilindrische Absaz, bestimmt die Tiefe der Kehle; denn der Bohrer hört auf einzubeissen, sobald dieser Absaz das Ende der Röhre CD berührt. Er hat eine in der Richtung des Einschnittes n fortlaufende, Furche o, um die Klinge durchzulassen, und einen großen Einschnitt p an seiner Basis.

q ist eine hufeisenförmige Stüze, welche mit vier Schrauben auf dem Ende des zweiten Absazes g über dem Einschnitte p befestigt ist. Die Schraube r der Klinge lm läuft durch diese Stüze, und die beiden Schraubenmütter s, t, lassen diese Klinge vorwärts oder rükwärts schieben, und dadurch mehr oder weniger einbeißen.

lm, die Klinge, hat zwei unter einem rechten Winkel stehende Schneiden, deren eine das Holz in der Tiefe der Kehle schneidet, die andere die innere Oberfläche |407| der Kehle ebnet: diese beiden Schneiden müßen immer um einige Millimêtres, sowohl an der Seite als an dem vorderen Ende des Absazes, vorstehen. Die Klinge wird durch den Druk der beiden Schrauben uu in ihrer Lage festgehalten; die Löcher, durch welche diese Schrauben gehen, sind länglich, damit die Klinge durch die zwei weiblichen Schrauben s, t, vor- und rükwärts geschoben werden kann, sobald die Schrauben u, u nachgelassen werden.

Detail der Figuren 14, 15, 16, 17 und 18.

EFGH ist eine Röhre, deren walzenförmiges Halsstük cd, Fig. 8, beinahe fertig ist.

ek, der weibliche Bohrer zum Ausschneiden des Halsstükes cd.

e, Zapfen, der, wie bei dem männlichen Bohrer, dem Bohrer als Leiter und als Stüze dient, wenn er gedreht wird.

f, erster Absaz, auf welchem man mittelst der Schrauben xx eine große walzenförmige Zwinge aus Eisenblech, yy, befestigt, deren innerer Durchmesser um einige Millimêtres größer, als jener des Halsstükes ist, welches ausgeschnitten werden soll. Diese Zwinge besteht aus einem 3 Millimêtres diken Eisenbleche, dessen beide Längenränder nach außen parallel gegen einander zurükgebogen sind, und die Klinge lm aufnehmen, welche durch die Schrauben uu festgehalten wird. Die Länge zwischen dem Ende der Zwinge, und dem Absaze f ist gleich der Höhe des Absazes f in Fig. 910, woraus die gehörige Höhe, die das Halsstük haben muß, hervorgeht.

g, zweiter Absaz, jenem in Fig. 910 ähnlich. Er hat 1tens eine Seitenfurche o in verlängerter Richtung |408| der Ränder zz der Zwinge, um den Stiel der Klinge durchzulassen, und 2tens einen Einschnitt p an seiner Basis. Die Schraube r der Klinge lm läuft durch eine Stüze q, und die beiden Schrauben st lassen die Klinge ihrer Länge nach vor- und rükwärts schieben, so daß die vordere Schneide der Klinge vor dem vorderen Ende der Zwinge mehr oder weniger vorsteht.

a'b'c'd' ist ein außen auf der Zwinge, und quer über der Klinge durch die Schrauben a'd' befestigter Bügel.

Eine Schraube e', deren Ende f' mittelst eines Gewindes oder durch ein Vorstekstiftchen auf der Klinge lm feststeht, durch den Bügel läuft, und dessen beide Schraubennieten oder weibliche Schrauben g'h' die Längenschneide der Klinge mehr oder minder nach innen in der Zwinge vorstehen lassen. Auf diese Weise kann man mit Leichtigkeit dem zylindrischen Halsstüke einen solchen Durchmesser geben, daß es genau in die durch den männlichen Bohrer gebohrte Kehle paßt. Nachdem die Klinge lm mittelst der Schrauben r und e' in die gehörige Lage gebracht wurde, wird sie in dieser Lage unwandelbar durch die zwei Schrauben uu festgehalten. Die Löcher, durch welche diese Schrauben gehen, sind kreisförmig, und groß genug, damit die Spindeln dieser Schrauben die beiden Bewegungen der Klinge, parallel mit seiner Länge, und senkrecht auf dieselbe, nicht zu hindern vermögen. Die Zwinge yy muß bei n in Form eines Viertel-Kreises ausgeschnitten seyn, und zwar vorne und nahe an dem Winkel der beiden Schneiden der Klinge lm, um die Späne durchzulassen.

Detail der Figuren 19 und 20.

Der Kopf k der beiden so eben beschriebenen Instrumente |409| wird in den Griff, Fig. 19, eingezapft, und mit einem Bolzen befestigt. Ist der Griff rund, so daß alle seine Durchschnitte, wie in Fig. 20, kreisförmig sind, so sind zur Befestigung noch zwei Schühelchen nöthig, ii.

Wie diese Bohrer angewendet werden.

Man wendet sie eben so, wie die gewöhnlichen Bohrer der Brunnen-Röhren an.

Wenn eine Röhre gebohrt ist, und es sich darum handelt, an dem einen Ende derselben entweder eine Kehle oder ein Halsstük auszuschneiden, um sie mit einer anderen Röhre zusammenzufügen, so bringt man die Röhre horizontal auf die Rohrbank, und befestigt sie daselbst in dieser Lage, führt den Zapfen e des männlichen oder weiblichen Bohrers in dieselbe ein, und dreht denselben mittelst des Griffes auf die gewöhnliche Weise. Die am Ende stehende Schneide der Klinge schneidet die Querfasern, und die an der Seite die Längenfasern des Holzes, und ebnet die konkave oder konvexe Oberfläche der Kehle oder des Halsstükes; die Späne werden bei dem Ausschnitte herausgestoßen. Sobald der Absaz das Ende der Röhre berührt, ist die Operation vollendet.

Ueber die Sucher, (instruments de sondage) kommt nichts vor; nur über Röhrenbohrer. A. d. Ueb.

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Science des Ingénieurs Liv. IV. Ch. 12. A. d. O.

|401|

Vergl. Mém. de l' Acad. r. d. Scienc. d. Paris, 1666. und Bern. Ramazzini's lateinische Abhandlung: De fontium Mutinensium admiranda scaturigine.“ A. d. O.

|401|

Vergl. Philos. Transact. Essays on Agriculture by anderson, Tilloch's Phil. Magaz. A. d. O.

|401|

Phytologia, or the philosophy of Agriculture etc. Lond. 1800. Travels throngd. america. Lond. 1789. A. d. O.

|401|

Auch in dem dürren Afrika finden wir ähnliche Beispiele. Vergl. |402| Shaw Voyag. en Barberie T. 1. p. 169, wo die Beschreibung der Brunnen vorkommt, welche mitten in den ungeheueren Ebenen von Algier gebohrt wurden, und aus welchen das Wasser mit Heftigkeit hervorquillt, so bald man ein dem Schiefer ähnliches Steinlager durchbohrt hat, welches, wie man im Lande sagt, das bahar-taht-el-reel oder das Meer unter der Erde bedekt. A. d. O.

|402|

Seit 1816, wo Hr. Traullé, k. Prokurator zu Abbeville, mehrere Wasser-Sucher von St. Omer kommen ließ, die mitten in dem Garten desselben in einer Tiefe von 12 Mêtres auf Kreide Wasser fanden, das jezt 7–8 Decimêtres über die Wasserfläche des benachbarten Baches springt. Im Dptt du Pas de Calais findet man mehrere Beispiele, daß Mühlen von Wasser getrieben werden, welches aus 2 oder 3 in dieser Absicht gegrabenen Brunnen quillt. A. d. O.

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