Titel: Ueber die Strohhüte und ihre Fabrikation in Frankreich.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1822, Band 8, Nr. XLVIII./Miszelle 16 (S. 385–386)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj008/mi008048_16

Ueber die Strohhüte und ihre Fabrikation in Frankreich139).

Herr Silvestre umfaßt in einem Berichte, welchen er in Auftrag der Société d'Encouragement pour l'industrie nationale über eine Strohhüte-Fabrik nach italiänischer Art zu Valence zu erstatten hatte, im Bulletin N. CCXII. dieser Gesellschaft S. 56, die traurige Geschichte der Strohhüte-Fabrikation in Frankreich, die daselbst nie gedeihen wollte, obschon der edle Graf de Lasteyrie im Jahre 1805 Saamen der Getreideart, aus deren Stroh man in Italien die sogenannten Florentiner-Hüte verfertigt, nach Frankreich brachte, und der eben so edle Greis Thocün diese Saamen im Garten des National-Museums fleißig baute. Das Brevet d'importation, das Hrn. de Bernadiére auf 5 Jahre für Florentiner-Hüte ertheilt wurde, der aber, wie es scheint dieselben aus Wiesen-Lieschgras, (Phleum pratense) bereitete; die, um das Jahr 1815, von Hrn. Peter Couyére zu Sainte-Melaine, im Dptt. Calvados, errichtete italiänische Strohhüte-Fabrik aus französischen Gräsern (aus Lieschgras), für welche er im Fahr 1819 ein Patent auf 10 Jahr kaufte, und um 40,000 Franken Hüte jährlich absezt; die vom Spitale zu Toulouse unternommene Strohhüte-Fabrik, für welche der Minister des Inneren sich so sehr interessirte (wahrscheinlich um dem Staate die Unterhaltungs-Kosten des Spitales zu erleichtern); alle diese Brevete und Fabriken lieferten in Frankreich zwar Strohhüte, aber keine Florentiner-Hüte. Die Fabrik zu Valence, die der Witwe Reyne angehört, scheint am meisten zu versprechen; allein der Minister läßt sie zu Grunde gehn, oder, was noch ärger ist, er gibt etwas, damit es scheint, etwas gethan zu haben; er gibt der Witwe ein Almosen, damit er sie, mit ihren 70 Arbeiterinnen, bald und sicher zum Bettel bringen kann. Die Präfekten und die Maires gaben dieser Witwe die beßten Zeugnisse, und sie erhielt als Witwe, deren Mann während der Errichtung der Fabrik starb, nicht einmal das umsonst, was jeder Schuft für Geld erhalten kann, ein Brevet. Hr. Silvestre scheint bei der Fabrikation der bisher unerreichbaren Florentiner-Hüte mehr auf die kleinen Künste der Handarbeit, als auf die Qualität des Strohes zu sehen. Uns scheint das Stroh noch wesentlicher als die Handarbeit; diese läßt sich erlernen und nachahmen, das Stroh aber weder nachahmen noch erlernen, wenn man auch einen noch so großen Strohkopf hatte. Das südliche Frankreich kann Marzola bauen, aus welcher die Florentiner-Hüte, wie man sagt, geflochten werden: Deutschland nie; so wenig als es jemals Agliatico oder Vino di Castello oder Lunelle keltern wird. Der Florentiner Lastri hat nicht umsonst die Kunst, Florentiner-Hüte zu flechten, in einem eigenen Lehrgedichte befungen: er fühlte die Wahrheit des alten: non omnis fert omnia tellus; unglüklicher Weise kommt hier auch noch das hinzu, daß man dort das Gute |386| am wenigsten haben mag, wo man es am leichtesten haben kann. Es gewährt übrigens gute Hoffnungen, daß wir jezt so häufig Strohhüte tragen sehen, so kommt doch das Stroh auswärts aus den Köpfen, und während das Korn bald nichts mehr gilt, wird das Stroh bald mehr gelten als das Korn.

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Vergl. hiemit die Abhandlung über die Strohhüte und anderer Strohwaaren im 7 Bd. dieses Journal's. D.

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