Titel: Ueber die Fabrikation der Schwefelsäure in Frankreich.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1822, Band 9, Nr. XXV. (S. 187–202)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj009/ar009025

XXV. Ueber die Fabrikation der Schwefelsäure in Frankreich, und über den Gebrauch derselben.

Aus dem Dictionaire Technologique in Gill's technical Repos. Juli 1822. S. 45.

Mit Abbildungen auf Tab. IV.

Schwefelsäure wurde in Frankreich erst seit 40 Jahren und auf eine noch sehr mangelhafte Weise bereitet. Die gewöhnliche |188| Methode besieht darin, daß man in eine mit Blei ausgefütterte Kammer von 5–10000 Cubik-Fuß (121–243 Metres) einen eisernen Wagen rollt, der mit einem, mit brennendem Schwefel gefüllten, Behälter aus Guß-Eisen beladen ist. Die Verbrennung des Schwefels wird durch Beimischung von 12,15, ja sogar 20 p. C. Salpeter befördert. Wenn man vermuthen kann, daß die Verbrennung vorüber ist, und die dadurch gebildete Säure sich hinlänglich in einigen Zollen Wassers, mit welchem man den Boden der Kammer bedekte, verdichtete, (denn während der Operation sind Arbeiter damit beschäftigt, mittelst eines an einer Pumpe angebrachten Gießkolbens Wasser in die Kammer zu sprizen) so wird das Thor geöffnet, bei welchem der Wagen hineingerollt wurde, dieser wieder herausgezogen, und der Rükstand von der Verbrennung abgeleert. Ehevor war man diese weg, obschon er noch 25 bis 30 p. C. unangegangenen Schwefel und schwefelsaure Pottasche enthielt; später ward er zum Theile auf Alaun benüzt. Der Behälter wurde hierauf neuerdings mit Schwefel und Salpeter gefüllt, und die vorige Operation mit demselben wiederholt. Die in der Kammer enthaltene Säure wurde in bleiernen Beken abgeraucht, bis dieselbe am Beauméschen Aräometer 50° zeigte, hierauf in gläsernen Retorten, 20 bis 40 in doppelte Reihen gestellt, in einem Sandbade concentrirt, welches durch einen einzigen Herd der ganzen Länge der Oefen hin geheizt wurde, und diese Concentration wurde so lang fortgesezt, bis es unmöglich ward, noch etwas Wasser von der Säure abzutreiben. Dieß war, wie jezt, der Fall bei 66° Beaumé oder bei einer specifischen Schwere von 1,845, die specifische Schwere des Wassers = 1,000. Auf diese, von einigen Chemikern zuweilen etwas abgeänderte, Weise erhielt man aus 100 Theilen Schwefel im Allgemeinen 150–200 Schwefelsäure von 66°, und sehr oft mißlangen diese Operationen im Großen gänzlich.

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Man gab hierauf den Wagen auf, und baute einen feststehenden Ofen unter der Kammer. Die concave Platte, auf welcher der Schwefel ausgebreitet wurde, wurde durch einen darunter stehenden Ofen erhizt. Das Verbrennen von 100 Theilen Schwefel mit 10 bis 12 Salpeter wurde durch eine kleine Thüre, die man gelegentlich öffnete, unterhalten und geregelt. Ein Loch, zwei Zoll über der Oberfläche des Schwefels, gewährte der äußeren Luft beständigen Zutritt, und ein Kamin an der entgegengesezten Seite der Kammer erzeugte einen Luftzug, welcher häufig die nicht verdichteten sauren Gasarten abführte. Diese Gasarten fallen, zumal bei feuchtem Wetter, in einiger Entfernung von dem Gebäude nieder. In der Kammer bleibt einige Zoll tief Säure zurük, und, je nachdem die Kammer und die Erzeugung groß ist, wird täglich eine verhältnismäßige Menge abgezogen, und auf obige Weise in den Retorten concentrirt. Dieses Verfahren, an welchem zeither einige nüzliche Veränderungen getroffen wurden, (unter welchem jene eines einzelnen Platinna-Kessels an der Stelle von 20 bis 40 Retorten die wichtigste ist) ist bisher noch immer das Allgemeine. Man erhält hiedurch aus 100 Theilen Schwefel 250 bis 260 – Säure von 1,845 specif. Schwere, oder 66° Beaumé. Nach den bisher bestimmten Verhältnissen sind die eigentlichen Menge

des Schwefels 100
Sauerstoffes 150
Wassers 62,50
–––––
312,50.

Genauer läßt sich die Rechnung für Erzeugung im Großen nicht treiben.

Beschreibung des Apparates. Für eine Kammer A (sieh Tab. IV. Fig. 1) von 20,000 Cubik-Fuß Inhalt sind 50 Fuß Länge, und 27 Fuß Breite bei 15 Fuß Höhe die schiklichsten Maße. Allerdings kann man auch in |190| einer Kammer, die nach anderen Verhältnissen gebaut ist, diesen Proceß durchführen: nach sorgfältig angestellten Beobachtungen hat man aber gefunden, daß, wenn derselbe sicher gelingen soll, die Verhältnisse den so eben angegebenen nahe kommen müßen. Ein bleierner Cylinder B, 8 Fuß im Durchmesser, und 6 Fuß hoch, 10 Zoll über das Flöz CC aufsteigend, ist an einem Ende der Kammer angebracht. Das untere Ende des Cylinders, DD, ist nach Innen aufgebogen, so daß er einen kreisförmigen Kayal oder einen Graben EE bildet, welcher mit dem Cylinder concentrisch ist, in welchem sich stets eine schwache Säure sammelt. GG kann aufgeführt werden, um zu verhindern, daß der bleierne Cylinder nicht zu heiß, und doch durch die immer erzeugte Hize gehörig gewärmt wird. Das Ganze wird durch die Ziegel-Mauer H getragen, in deren Mitte eine kreisförmige Platte von Gußeisen, K, ruht, welche 3 Fuß 4 Zoll im Durchmesser hält, 1 Zoll dik und oben etwas concav ist, an ihren Kanten aber 3 Zoll über dem Feuerherde LL steht, welcher die ganze untere Fläche des Bodenstükes wärmen soll. In gleicher Höhe mit der Kante dieser Platte ist die Thüre M in dem bleiernen Cylinder angebracht, 2 Fuß hoch und 18 Zoll breit, mit einer 1 Zoll im Durchmesser Haltenden Oeffnung an ihrem unteren Theile. An dem anderen Ende der Kammer sind 2 Wasser-Klappen, P, von 18 Zoll im Durchmesser, über welche 2 hölzerne Schornsteine Q angebracht sind, hoch genug, um einen sehr starken Luftzug zu veranlassen: also wenigstens 15 Fuß hoch.

Nach dem alles so vorgerichtet, und Thüre und Schornstein geschlossen ist, wird das Feuer unter der Platte angeschürt, und nachdem diese so heiß geworden ist, daß Schwefel, den man darauf wirft, sich augenbliklich entzündet, wird dieser darauf aufgeschüttet: 50 Kilogramme sind zu jedem Abbrennen nöthig. Zu gleicher Zeit wird eine im Sandbade |191| befindliche Retorte, R, welche 4 Kilogramme, und 300 Gramme Salpetersäure, und 500 Gramme (ein halbes Kilogramm) Melasse, gehörig mit der Salpetersäure gemischt, enthält, gehizt, und das salpeterige Gas, welches sich daraus entwikelt, mittelst einer Röhre in den unteren Theil des bleiernen Cylinders, 2 Fuß über dem brennenden Schwefel, geleitet. Mit dieser Operation wird fortgefahren, bis alles salpeterige Gas aus der oben beschriebenen Mischung ausgetrieben ist. Aus dem Rükstande erhält man Sauerklee-Säure.

Ungefähr zwei Stunden nach dem Anfange des Versbrennens des Schwefels wird der Hahn eines Dampf Kessels S geöffnet, dessen Röhre in die Mitte der Kammer reicht. Diese Röhre T hat einen Zoll im Durchmesser, an ihrer Mündung U in der Kammer aber nur mehr 6 Linien (13 Millimetres), damit der Dampf mit Gewalt ausfährt. Mit dieser Einsprizung des Dampfes muß so lang fortgefahren werden, bis aller zur Aufnahme der Säure nöthige Dampf in die Kammer gebracht ist. Die hiezu nöthige Menge beträgt 50 Kilogramme, und die Oberfläche des hiezu nöthigen Kessels 5 Quadrat Schuhe.

Einige Minuten nach Anfange der Einführung des Dampfes in die Kammer bemerkt man eine Verdichtung in dem Inneren desselben. Das kleine Loch N in der Thüre des Cylinders muß dann geöffnet werden, um der atmosphärischen Luft freien Zutritt zu verschaffen. So wie der Dampf eingeleitet wird (das Verbrennen des Schwefels und die Entwikelung des Salpetergases braucht kaum 2 Stunden) beginnt, da alles geschlossen ist, die Verdichtung, und wenn diese aufgehört hat, wird die Thüre des Cylinders mit den beiden Schornsteinen geöffnet, um die Luft in der Kammer so vollkommen als möglich zu reinigen, und zu erneuen, ehe irgend eine neue Operation unternommen werden |192| kann. Diese Operation kann vielmal in 24 Stunden unternommen werden; es ist indessen sehr schwer, dieselbe so schnell auf einander folgen zu lassen. Leichter geht es mit dreien, und man erhält bessere Resultate. Ja es ist sogar noch besser, nur zweimal während 24 Stunden zu brennen, weil dabei weniger Sorgfalt nöthig ist, und weniger Unfälle zu besorgen sind, die Verdichtung vollkommner geschieht, und das Blei der Kammer, weniger häufig der Ausdehnung und Zusammenziehung bloß gestellt, weniger dabei leidet.

Der ganze Boden der Kammer muß stets mit einer Schichte von Flüßigkeit bedekt seyn. Da dieser Boden eine Neigung von 18 Centimetres besizt, so wird diese Schichte, VV, an einem Ende 22 Centimetres in der Tiefe halten, an dem anderen Ende aber nur vier. Man darf daher niemals so viel Flüßigkeit abziehen, daß die in der Kammer enthaltene unter die oben angegebene Höhe herabsänke. Die täglich abgezogene Säure muß 40° Beaumé zeigen; sie kann noch höher gebracht werden, und einige Chemiker thun dieß auch wirklich, in der Absicht, das in der Folge bei der Concentration nöthige Feuerungs-Material zu ersparen; sie erhalten aber weniger Säure, und, wenn sie dieselbe in der Kammer auf 50 und mehr Grade getrieben haben, so verschlingt sie, bei einer solchen specifischen Schwere, einen Theil salpetersaures Gas wovon man sie in der Folge bei der Concentration nicht mehr befreien kann. Die Vermeidung dieser Nacktheile entschädigt vollkommen für die Auslagen bei der Abrauchung, welche man durch dieselben zu ersparen wünscht32).

|193|

Eine Art von Probe der Reinheit der Schwefelsäure, deren man sich im Handel bedient, und wodurch dieselbe auch hinlänglich erwiesen wird, ist die Eigenschaft der reinen Schwefelsäure, den Indigo aufzulösen, ohne daß die schöne blaue Farbe dadurch verändert würde. Die auf obige Weise erhaltene Schwefelsäure führt kaum eine Spur von schwefelsaurem |194| Kalke bei sich, weil beinahe alles Wasser in Dampft Gestalt, folglich als destillirtes Wasser, zugesezt wurde.

Wenn, entweder um die nöthigen Ausbesserungen an dem Boden der Kammer vorzunehmen, oder aus was immer für einem Grunde alle Säure aus der Kammer abgezogen werden muß, so muß, ehe man eine neue Operation beginnt, der ganze Boden mit schwacher Schwefelsäure von 10 bis 12° Beaumé bedekt werden; denn wenn man Wasser allem, oder gar nichts zur Dekung nimmt, so ist man sehr der Gefahr ausgesezt, wenig oder gar keine Säure zu erhallen. Eben diese Gefahr hat auch dann Statt, wo man die Operation bei sehr kaltem und trokenem Wetter anfängt, ohne vorher die Kammer durch Einleitung von Dämpfen in dieselbe er, wärmt zu haben. Fabrikanten, die diese Vorsicht vernachläßigten, haben die Frucht ihrer Arbeit dadurch oft gänzlich Verloren, während sie, ohne dieses Versehen, die schönsten Resultate erhalten haben würden. Man darf nie vergessen, daß Wasser und Wärme unerläßliche Bedingungen zur Bildung der Schwefelsäure sind. Ein sonderbarer Umstand hat sich öfters in jenen Fabriken ereignet, wo man, wie man zu sagen pflegt, bei stetem Zuge (à courant continu) arbeitet. Man sah nämlich, daß bei trokenem Wetter, und vorzüglich während des Frostes, die Kammern, in welche die Produkte der Schwefel und Salpeter-Verbrennung auf die gewöhnliche Weise geleitet wurden, auch nicht die geringste Menge von Schwefelsaure verdichteten: diesen Zufall nannte man zu Marseille die Stuben-Krankheit (Maladie des chambres). Man fand kein anderes Mittel, als das Werk für einige Zeit über still stehen zu lassen; wenn man dann später wieder die Arbeit anfing, hatte dieser Zufall nicht mehr Statt. Das beßte Mittel, demselben dann, wenn er einzutreten droht, vorzubeugen, ist, eine hinlängliche Menge |195| Dampf in die Kammer einzulassen, so daß sie in ihrem Inneren gehörig feucht und warm wird.

Die Concentration der Schwefelsäure wird in bleiernen Kesseln begonnen, deren Oberfläche so groß ist, daß die in denselben enthaltene Säure nur 30 Centimetres tief steht. In diesen Kesseln wird die Säure durch Abrauchung so lang concentrirt, bis sie an Beaumés Ardometer 50° Grad steigt; hierauf wird sie in ein Gefäß von Platinna, von der gewöhnlichen Form einer Retorte abgezogen. Dieß Gefäß muß in zwei Dritteln seiner Höhe ungefähr den vierten Theil der täglichen Erzeugung der Fabrik fassen, wenn viermal in derselben gebrannt wird: wenn alles gehörig vorgerichtet ist, kann aber leicht auch sechsmal des Tags gebrannt werden33). Auch der Kopf (Helm) der Retorte ist von Platinna, und leitet die Dampfe in eine bleierne Schlangen-Röhre, in welcher sie verdichtet werden. Es geht während der Destillation eine hinlängliche Menge Säure über, um die Verdichtung der Dämpfe der Mühe werth zu machen34).

Nachdem die. Säure ihren Concentrations-Punkt erreicht hat, wird sie aus dem Destillir-Gefäße mittelst eines zu denselben passenden Platinna-Hebels abgezogen. Der Arm |196| des Hebers ist von aussen seiner ganzen Länge nach (ungefähr 2 Metres) mit einer doppelten kupfernen Röhre überzogen, durch welche ein Strom von kaltem Wasser läuft, so daß die Säure, wenn sie das Ende des Hebers erreicht, hinlänglich abgekühlt ist, um die steinernen Behälter, in welchen sie aufbewahrt wird, nicht zu zersprengen. Aus diesen wird sie sodann in die steinernen Flaschen35) abgezogen, welche mit Stroh in Körbe gepakt werden, die mit Handhaben versehen sind. Die Flaschen werden mit irdenen, mit Thon bedekten, Stöpseln geschlossen, und dann in grobes Paktuch eingeschlagen, und geschnürrt. In diesem Zustande werden sie zu Markte gesendet.

Es gibt zweierlei Methoden, die Kammern mit Blei auszukleiden: wir wollen beide beschreiben, in dem die Erfahrung noch nicht entschieden hat, welcher von beiden wir den Vorzug geben sollen. Die älteste in Frankreich bekannte Methode ist diese: die Bleiplatten, welche den Boden der Kammer bilden, werden dadurch verbunden, daß man sie an ihren Kanten so umbiegt, daß sie an den Fugen kegelförmige, 4 Centimetres weite und 5 Centimetres tiefe, Rinnen bilden: die ganze innere Oberfläche dieser Rinne wird gehörig abgekrazt, und mit Loch gefüllt, welches aus zwei Theilen Blei und einem Theil Zinn besteht. Die Bleiplatten für die Wände der Kammer werden mittelst ähnlicher Rinnen verbunden, und in Holzwerk eingelassen. Der obere Theil oder die Deke der Kammer wird von 16–18 Centimetres breiten, gebogenen Bleiplatten gebildet, welche aussen an der Kammer zwischen zwei Stüken Holzes befestigt sind, deren Länge mit jener der Kammer im Verhältniß steht: die beiden |197| Bleiplatten werden dicht an diese Holzstüke angeschlagen, und lassen konische Rinnen zwischen sich, welche mit dem oben angegebenen loche ausgefüllt werden müßen. Diese Art von Austäfelung verbindet mit vieler Leichtigkeit in der Ausführung zugleich hohe Dauerhaftigkeit: indessen hat man neuerlich, um sowohl das Loch als die Arbeits-Kosten zu ersparen, ein anderes Verfahren hiebei eingeschlagen, welches in der Art der Vereinigung der Bleiplatten von der vorigen abweicht, die hier mittelst des sogenannten englischen Lothes auf folgende Welse geschieht:

Nachdem die Bleiplatten längs ihren Kanten in der Breite von vier Centimeters gehörig abgekrazt wurden, werden die beiden, gehörig auf einander gepaßten, Theile horizontal über einander gelegt, und etwas reines geschmolzenes Zinn zwischen dieselben eingelassen: der größte Theil desselben wird hierauf durch einen starken Druk wieder herausgedrükt. Die auf diese Weise vereinigten Platten werden oben an der Kammer seitwärts mittelst bleierner Ringe, die ein Stük Holz umfassen, und an jedem Ende an die Bleiplatten angelöthet sind, festgehalten. Diese Art von Bleifütterung ist wohlfeil und dauerhaft, aber schwierig in ihrer Ausführung; denn, wenn z.B. nicht der größte Theil des Zinnes, das man zwischen die Kanten der Bleiplatten einrinnen ließ, herausgepreßt wird, so löset die Schwefelsaure bald dasselbe auf, und findet daselbst einen Ausweg.

Man mag übrigens was immer für eine Bauart bei diesen Kammern befolgen, so ist es nöthig, daß sie auf allen Seiten von dem Gebäude, in welchen sie sich befinden, frei stehen, damit man jede Stelle an denselben, welche entweder aus Fehlern im Baue, oder durch Abnüzung, oder durch unwahrnehmbare Fehler in den Bleiplatten, oder aus was immer für eine Ursache schadhaft geworden sind, alsogleich entdeken, und ausbessern kann.

|198|

Kennzeichen. Die in dem Handel verkäufliche, und in den Künsten gewöhnlich gebräuchliche, Schwefelsäure ist weiß, geruchlos, von einer sirupartigen Consistenz; ihre specifische Schwere (jene des Wassers zu 1000 angenommen) ist 1,845; sie wird bei höherer Temperatur verflüchtigt, und ihre Dampfe sind weiß, scharf und kräftig auf die thierische Oekonomie einwirkend. Man erkennt ihr Daseyn durch Baryt-Auflösung oder durch auflösbare salpetersaure Baryt-Salze, mit welchen sie unauflösbare Niederschlage bildet. Sie dient als Mittel die Sättigungs-Kraft der im Handel vorkommenden Laugensalze und den relativen Werth derselben zu bestimmen, und, umgelehrt, kann man ein Laugensalz zur Bestimmung der Menge der wirklichen Säure in Schwefelsäuren von verschiedenem Grade und von verschiedener Stärke benüzen. Wenn man z.B. dieselbe mit kristallisirter basischer kohlensaurer Soda als Aequivalent von 28 Centimen reiner Schwefelsäure oder 35/100 Schwefelsäure von 66° gefunden hat, so ist es offenbar, daß 100 Theile basischer kohlensaurer Soda das Aequivalent für 28 Theile wirklicher Schwefelsäure sind, oder für 35 von 66°36); die gesammte bei dem Versuche angewendete Menge basischer kohlensaurer Soda, welche die verhältnißmäßige correspondierende Menge der reinen Schwefelsäure oder der Schwefelsäure von 66 Grad anzeigt.

Gebrauch. Unter allen Säuren ist Schwefelsäure diejenige, die am häufigsten gebraucht wird; denn man bedarf derselben zur Erzeugung beinahe aller übrigen, um diese aus ihren Verbindungen zu entwikeln: durch sie wird, im Großen, Salpetersäure, Hydrochlorsäure, Schwefelwasserstoffsäure, Weinsteinsäure, Essigsäure etc. erzeugt; man braucht sie in |199| Alaunsiedereien, Kupfer- und Zinkvitriol-Fabriken und zur Erzeugung von schwefelsaurer Pottasche und Soda; bei Bildung des Schwefel-Aethers, des Alkohols, des Zukers aus der Stärke, des Phosphors; man braucht sie zum Auftreiben der Häute bei dem Gärben; zur Reinigung der Metalle; zur Untersuchung der Natur so vieler Salze, deren Säure man durch dieselben ausscheidet37).

Theorie der Bildung der Schwefelsäure. Die jezt angenommene Theorie ist jene, welche die HHn. Désormes und Clément aufstellten38). Diese Chemiker dachten, daß das salpeterig säure Gas, und das schwefelig säure Gas durch Beihülfe von etwas Wasser, so bald sie mit einander gemengt sind, auf einander wirken, und daß aus dieser Einwirkung eine Verbindung von Schwefelsaure und Deuteroxid von Stikstoff und Wasser hervorgeht; eine Verbindung, welche durch Zusaz einer größeren Menge von Wasser augenbliklich zersezt, und aus welcher die Schwefelsaure in flüßiger Form sich scheiden, und das Deuteroxid Stikstoff-Gas frei zurüklassen wird. Dieses wird aber mit dem Sauerstoffe der Atmosphäre wieder salpeterigsaures Gas bilden, und, unter die vorigen Umstände zurükversezt, wieder neuerdings auf dieselbe Weise auf das salpeterigsaure (schwefelig säure? Uebers.) Gas zurükwirken, dieselbe Verbindung erzeugen, und durch diese dieselben Produkte liefern; und diese abwechselnden Ein- und Gegenwirkungen werden so lang fort währen, bis alles schwefeligsaure Gas, oder der Sauerstoff der atmosphärischen Luft zerstört ist.

|200|

Um zu beweisen, daß dieses in den Kammern wirklich so Statt hat, mengten sie in einer durchsichtigen Retorte die drei Bestandtheile, Stikstoff-Deuteroxid, die schwefelige Säure und Luft. Die Bildung rother Dämpfe zeigte augenbliklich die Verwandlung des Stikstoff-Deuteroxides (Salpeter-Gases) in salpeterig saures Gas. Später fing die Ein- und Gegenwirkung, durch Beihülfe von etwas Wasser an, und es bildeten sich weiße undurchsichtige Dämpfe, welche weiße sternförmige Krystalle innenwendig an den Wänden der Retorte bildeten. Das Gas wurde dann durchscheinend und farbenlos. Neuerdings hinzugeseztes Wasser löste diese Krystalle mit Aufbrausen auf, und die rothen Dämpfe kamen neuerdings zum Vorscheine. So wechselten diese Erscheinungen ab, bis aller Sauerstoff aus der Luft, und das schwefeligsaure Gas verzehrt war. Da nun die noch übrigen Gasarten salpeterig saures Gas und Stikstoff ohne schwefeligsaures Gas waren, und die fettige Schwefelsaure die inneren Wände der Retorte ganz überzog, so schloß man, daß diese Theorie durch Erfahrung dargethan ist.

Hr. Gay-Lussac hat indessen einige Zweifel über die Art erhoben, nach welcher die salpeterige Säure bei dieser Operation wirkt. Wenn man nach der Bildung der sternförmigen Krystalle ein Vacuum in der Retorte erzeugt, und dieses so, dann mit kohlensaurem Gase füllt, so erzeugt der Zusaz von einigen Wassertropfen das rothe salpeterigsaure Gas, welches sich unter Aufbrausen entwikelt. Das salpeterigsaure Gas tritt dann mit diesen Krystallen in Verbindung, welche Désormes und Clément als Bildung der Schwefelsäure, und des Deuteroxides des Stikstoffes betrachten; woher sie auch schloßen, daß das Deuteroxid des Stikstoffes bei dieser Bildung wahrscheinlich unthätig blieb, und daß die Oxidation der schwefeligen Säure einzig durch die Dazwischenkunft der salpeterigen Säure bewirkt wurde. Es scheint mir nicht, daß |201| sie zu diesem Schlüsse berechtigt sind: hätten sie alles salpeterigsaure und schwefeligsaure Gas, und etwas Wasserdampf in die Kammer gelassen, so würde die Bildung und Verdichtung der Schwefelsäure ein Vacuum gebildet haben, und das Gas farbenlos geworden seyn. So wie die atmosphärische Luft Zutritt erhält, erscheint die Säure roth; die Gegenwirkung beginnt; wird der Zutritt der äußeren Luft abgehalten, während, die Verdichtung der Schwefelsäure Statt hat, so wird das in der Kammer enthaltene Gas wieder weiß und durchscheinend, auf der Stelle aber wieder roch, so bald neue Luft verschlungen wird. Und so verschwinden die rothen Dämpfe so oft, als die Verwandlung des salpetersamen (salpeterigsauren?) Gases in Deuteroxid des Stikstoffes Statt hat; und so oft als die Wiedererzeugung des salpetersauren (salpeterigsauren?) Gases durch neuen Zutritt der Luft bewirkt wird, zeigt sich dieselbe durch Wiedererscheinung des rothen Gases. Das Deuteroxid des Stikstoffgases spielt demnach hier eine bedeutende Rolle.

Die salpeterige Säure bildet aber, nach Gay-Lussac, einen Bestandtheil der Sternkrystalle; salpeterige Säure, in concentrirte Schwefelsäure gegossen, verbindet sich mit derselben, und bildet augenbliklich Krystalle; die salpeterige Säure ist selbst wieder mit der flüßig gewordenen Schwefelsäure verbunden. Die salpeterige Säure hat demnach eine ganz entschiedene Wirkung auf die Schwefelsäure, sey es nun, daß sie bei Bildung derselben als integrirender Bestandtheil thätig war, oder daß sie erst dann sich mit ihr verband, nachdem sie bereits gebildet war. Es ist allerdings höchst wichtig, diese Verbindung und die Umstände zu kennen, welche dieselbe begünstigen oder hindern, wenn man die Entwikelung der salpeterigen Säure gehörig kennen lernen will39). Die Anwendung der verschiedenen hier aufgestellten |202| gestellten Grundsäze bei den hier angedeuteten Vorsichts-Maßregeln und den Mitteln zur Beseitigung einiger Schwierigkeiten bei Erzeugung derselben im Großen läßt sich leicht von selbst einsehen.

Fig. 1 Tab. IV. ist ein Durchschnitt der Blei-Kammer, der Oefen etc. zur Erzeugung der Schwefelsäure.

Fig. 2 Grundriß der Platte, auf welcher der Schwefel etc. verbrennt wird. VV die Röhre zur Entleerung des Kanales E.

Fig. 3 Durchschnitt des hölzernen Schornsteines Q und der Wasserklappe P von Fig. 1 in größerem Maßstabe.

Fig. 4 Durchschnitt der Sparren, welche die Bleiplatten verbinden, die die Deke der Kammer bilden.

|192|

Man hat in Deutschland einige andere Vorrichtungen in den Blei-Kammern zur bessern Contensirung der Schwefel-Dämpfe in Anwendung gebracht. Die Folgende verdient mehr gekannt zu wer den: Auf dem Boden der Bleikammer A, Fig. 5 Tab. IV. sind ausgebogene Kanten von Bleiplatten aa, die Kanäle bilden, welche |193| außer der Blei-Kammer cylinderförmig hervorragen. Diese cylinderförmige Behälter bb dienen zur Aufnahme der Gefäße mit Salpetersäure, und derer, in denen der Schwefel verbrannt wird. Die Schwefel-Dämpfe ziehen durch hie Oeffnung cc in die Kanäle aa, über welche bleierne Kappen dd befestigt sind, an denen sich die Schwefel-Dämpfe herunter ziehen, und von der nahen, auf dem Boden der Blei-Kammer befindlichen, Flüßigkeit angezogen werden. B, ist der Querdurchschnitt der Bleie-Kammer mit den zu beiden Seiten angebrachten Vorstößen zur Verbrennung des Schwefels; C, der Durchschnitt der Kanäle mit den darüber befindlichen Kappen oder Gewölben. D. ist die Vorrichtung zur Aufnahme der Salpetersäure und des zu verbrennenden Schwefels, nach einem größern Maaßstabe gezeichnet. Der cylinderförmige Behälter ist an seinem oberen Rande mit einem Kanäle ee, zur Wasseraufnahme, versehen. Der darauf gehörige Dekel f hat einen Reif g, welcher beim Auflegen in das in dem Kanäle ee befindliche Wasser taucht, und dadurch den Behälter luftdicht verschließt. N ist das zur Aufnahme der Salpetersäure, und des zu verbrennenden Schwefels bestimmte Gefäß, dessen Dämpfe durch die Oeffnung c in die Kanäle aa ziehen. In die Vorstöße b, b, werden abwechslungsweise Porzelan- oder Steingut-Gefäße mit Salpetersäure und eiserne oder gebrannte Thon-Gefäße mit dem vorher auf Kohlen-Feuer besonders erhizten, Schwefel gestellt, welchen man, vor dem Verschließen mit dem Dekel f, anzündet. Das Verbrennen des Schwefels wird ununterbrochen fortgesezt, und nur dann eine neue Quantität Salpetersäure wies der in die Gefäße gegeben, wenn ein bestimmtes Gewicht von Schwefel verbrannt ist. Vielleicht ließen sich beide Methoden vereinigen, wodurch der Prozeß sicherer geführt werden könnte. D.

|195|

Dieß steht mit den obigen Bemerkungen im Widerspruche. A. d. Ueb.

|195|

Bei der Temperatur, bis zu welcher die Schwefelsaure während ihrer Concentration erhizt wird, verbindet das Blei sich mit der Platinna und macht dieselbe schmelzbar. Es geschah bereits in einigen Fabriken, daß kleine Blei-Theilchen in die Platinna-Gefaße fielen, und Löcher von der Größe mehrerer Millimetres in denselben erzeugten. Der Gebrauch des Bleies sollte also sorgfältig vermieden, (was wohl nicht leicht möglich ist. Ueb.) und alle zufällig entstandene Löcher oder Sprünge müßen durch Einlöthung kleiner Platinna-Stükchen, wobei man sich des Goldes als Lothes bedient, geschlossen werden. A. d. O.

|196|

In den Ober- und Niederrheinischen Departements, in der Schweiz u.a. a. O. wird die Schwefelsäure in gläsernen Ballon's, in mit Stroh ausgefüllten, Weiden-Körben verpakt, versendet. D.

|198|

Es heißt im Originale; or 35 to 60“ ; es muß aber offenbar heißen: or 35 of 66°. A. d. Ueb.

|199|

Auch mit großem Vortheil zum Bleichen der vegetabilischen, und als schwefelige Säure zum Bleichen der animalischen Stoffe. D.

|199|

Einige Jahre später hat Hr. Pluvinet dieselbe Erklärung in einem Schreiben an Hrn. Grafen Chaptal, Sen., über die Eigenschaften des Schwefels gegeben. A. d. O.

|201|

Eine zu große Einwirkung des Wassers könnte die Zersezung der |202| salpeterigen Säure so weit treiben, daß sie ein Protoxid des Stikstoffes bildete. A. d. O.

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