Titel: Payen, über die thierische Kohle.
Autor: Payen, Anselme
Fundstelle: 1822, Band 9, Nr. XXVIII. (S. 223–233)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj009/ar009028

XXVIII. Ueber die thierische Kohle überhaupt, und deren vortheilhafteste Anwendung in den Zuker-Raffinerien. Von Hrn. Payen, Salmiak-Fabrikanten44).

Herr Guillon war der Erste, der Holz-Kohle zur Raffinirung des Rohzukers anwendete, und dadurch sich einen weit ausgebreiteten Absaz seines schönen und schmakhaften Syrupes verschaffte, der alle anderen Syrupe, und selbst den Rohzuker, während der Theuerung der Colonial-Artikel, wo raffinirter Zuker so hoch zu stehen kam, verdrängte. Herr Payen glaubte, das Caput mortum bei seiner Salmiak-Fabrike, das thierische Kohle war, eben so gut benüzen zu können, als Herr Guillon seine vegetabilische Schwärze (noir vègétal). Er ließ einige Zentner davon pülvern, und schikte sie in die kaiserliche Runkelrüben-Fabrik zu Rambouillet zum Versuche. Man erklärte die thierische Kohle nicht bloß für unbrauchbar, sondern sogar für schädlich. Erst zwei Jahre später überzeugte sich Hr. Durosne, daß thierische Kohle weit besser entfärbt, als Pflanzen-Kohle, theilte seine Beobachtungen Hrn. Payen mit, und wandte fortan, vereint mit Hrn. Pluvinet, die thierische Kohle sowohl bei Bereitung des Runkelrüben-Zukers als bei Raffinirung des westindischen Zukers an.

Man hatte mit zahllosen Schwierigkeiten bei Einführung tiefer neuen Methode zu kämpfen, bis es endlich gelang alle Hindernisse, welche Vorurtheile, Herkommen, und Schlendrian derselben entgegen thürmten, zu besiegen. Hr. Payen vereinfachte und vervollkommnete diese Methode immer mehr und mehr, und bald reichte die Menge Schlachtviehes von Paris nicht mehr für den Bedarf zweier Knochen-Kohlen Fabriken in den Ebenen von Grenelle und Clichy hin. Herr Payen mußte in Orleans ähnliche Anstalten errichten, und |224| Rouen, Lille, Bordeaux, Nantes holten sich Knochen-Kohle aus Paris.

Die Vortheile der Anwendung der thierischen Kohle bei den Zuker-Raffinerien mußten demnach sehr auffallend gewesen seyn, weil sich der Gebrauch derselben mit solcher Schnelligkeit allgemein verbreitete. Man erhielt nicht nur eine Krystallisation mehr aus dem Syrupe, als man nach der älteren Methode erhielt, und dadurch wenigstens 10 p. C. mehr Gewinn, sondern auch schöneren Raffinade- und Lumpen-Zuker, schönere Vergeoises, Melasse etc., und es war kein Wunder, daß jezt die Gelehrten anfingen, über die Wirkung der thierischen Kohle allerlei Hypothesen zu schmieden.

Durch mehr als 500 verschiedene Versuche über Erzeugung der zur Entfärbung brauchbarsten thierischen Kohle überzeugte sich Hr. Payen, daß die am längsten calcinirte und am feinsten gepülverte Kohle, alles Uebrige gleich gesezt, zu diesem Zweke die beßte ist. Gas kann also nicht die Ursache der entfärbenden Kraft der Kohle seyn.

„Wenn man“ sagt Hr. Payen, „glaubt, daß die fremdartigen Körper in der Knochen-Kohle, die Gasarten, die Eisen- und Braunstein-Oxide, die Schwefelverbindungen, die hydrothionsauren Verbindungen, das Kochsalz, das Ammonium etc. einzeln oder zu zwei und zwei etc. verbunden, die Entfärbung veranlassen, so bitte ich mir zu sagen, was aus diesen Körpern wird, wenn man die Knochen-Kohle auf folgende Weise behandelt:“ 45) „Ich nahm 50 Kilogramme wenig gebrannte (pen cuit) Knochenschwärze, die ein Raffineur für nicht gewöhnlich entfärbend erklärte, und bereitete mir eine hinlängliche Menge gefärbter oder gebräunter Rohzuker-Flüßigkeit zu einer Reihe von vergleichenden Versuchen.“

„Zuerst wandte ich die wenig gebrannte Knochenschwarze an. Sie entwikelte Schwefelleber-Geruch, und entfärbte die Flüßigkeit merklich. Da ich die bereitete gefärbte Probe-Flüßigkeit A nannte, bezeichnete ich die jezt mit dieser Knothenschwärze |225| entfärbte mit B. Von eben dieser Knochen, schwärze calcinirte ich einen Theil etwas stärker, und entfärbte damit wieder einen Theil der Pröbe-Flüßigkeit, den ich ach der Entfärbung mit C bezeichnete. Dieselbe Kohle calcinirte ich noch stärker bis zur Kirschroth-Glühhize, in welcher ich sie eine Stunde lang erhielt, und zeichne die dadurch entfärbte Probe-Flüßigkeit mit D. Ich trieb das Glühen noch weiter, und hielt den Tiegel durch 2 Stunden der Rothglühhize ausgesezt: die Schwärze der Kohle, die bis dahin bei jeder neuen Calcination zunahm, schien jezt sich vermindert zu haben, und ich ward einige weiße Punkte gewahr, die in der Masse zerstreut lagen. Die mit dieser Kohle entfärbte Flüßigkeit nannte ich B. Ich nahm hierauf von der neugeglühten Kohle, die wir die entfärbte Flüßigkeit D gab. und theilte sie in mehrere Theile, welche ich auf folgende Weise behandelte. Ich wusch.

„1. einen Theil mit sieden dem destillirten Wasser wiederholt aus, so daß ich, dem Gewichte nach, 50 mal so viel Wasser brauchte, als das Gewicht der Kohle betrug. Nachdem ich ihn getroknet und leicht geglüht hatte, gab er mir in der Probe-Flüßigkeit die Entfärbung E. Ich nahm“

„2. statt destillirten Wassers sehr verdünnte Essigsäure, und wusch mit dieser, und endlich mit destillirten Wasser. Nach dem Troknen und Glühen erhielt ich in der Probes-Flüßigkeit die Entfärbung E'.“

„3. Ich wusch zuerst reichlich mit destillirtem Wasser dann mit Alkohol. Nach dem Troknen und Calciniren hielt ich in der Probe-Flüßigkeit die Entfärbung E''.“

„4. Setze ich einen Monat lang diese Schwärze auf einer flachen Porzellan-Schale der Luft an einem feuchten Orte aus. Ich wusch sie hierauf mit sehr viel Wasser troknete und glühte sie, und erhielt die Entfärbung E'''.“

„Es war leicht, wo man diese entfärbten Flüßigkeiten in Röhren von gleichem Durchmesser goß, die verschiedenen Grade der Entfärbung derselben zu bemessen.“

„Auffallend gefärbt war die Probe-Flüßigkeit A, und eben so deutlich waren alle Abstufungen der übrigen Flüßigkeiten folgender Ordnung:“

„B und B' waren beinahe gleich, aber viel weniger entfärbt, als alle übrigen.“

„C mehr entfärbt als die beiden vorhergehenden.“

„D mehr als alle drei vorhergehenden.“

„E, E', E'', E''' unter sich beinahe gleich, aber viel schöner, als alle vorhergehenden.“

Hr. Payen schloß hieraus, daß die Schwärze B zu |226| wenig geglüht, und ihr Kohlenstoff nicht gehörig bloß gestellt war; daß B', zuviel geglüht, einen Theil seines Kohlenstoffes verloren hatte, vielleicht der phosphorsaure Kalt durch beginnende Verglasung einen Theil der Kohle ganz unthätig gemacht hat; daß in der Schwärze C der Kohlenstoff sich mehr entwikelte, und thätiger wurde, und beides noch mehr in D; daß endlich in E, E', E'', E''' alle Alkalien und alkalische Schwefellebern (welche die Farbe der Syrupe so sehr erhöhen) entfernt wurden, und die Kohle dadurch die höchste Entfärbungs-Kraft erhielt.

Alle diese Versuche an Syrupen wiederholt, gaben Hrn. Payen dieselben Resultate, und er fand immer, daß bei allen Entfärbungen, wo der Kohlenstoff allem thätig war, die Menge des erhaltenen krystallisirten Zukers im Verhältnis der Entfärbung stand; daß folglich die Kohle vielleicht den Extractivstoff zugleich mit dem Färbestoffe niederschlägt. Er bemerkt, daß bei dem Rösten gewisser Pflanzen-Körper, wie z.B. der Cichorien, sich zugleich Färbestoff und schleimiger Extractivstoff bildet, welche beide im Wasser zugleich auflösbar und fällbar sind.

Wenn die Wirkung der thierischen Kohle bei der Zuker-Raffinerie verwikelt ist, so müßte die Pflanzen-Kohle noch mehr Verschiedenheit bei ihrer Anwendung darbiethen, und, insofern man die Beobachtungen nicht berüksichtigte, von welchen wir gleich sprechen werden, die Theorie der Entfärbung durch Kohle noch dunkler machen, als sie ehevor gewesen ist.

Der westindische Zuker leidet auf seiner Ueberfahrt bedeutend durch Feuchtigkeit und Wärme, welche eine Art von Gährung veranlassen, deren allmählich erzeugte Produkte, Alkohol, kohlensaures Gas und Essigsäure zum Theile im Rohzüker zurükbleiben, so daß, wenn man die Kisten öffnet, ein sehr starker geistiger und saurer Dampf aus denselben hervor dringt. Die Auflösung dieses Zukers röthet die Lakmus-Tinctur. Es wurde also ein Theil des Zukers zersezt, und die Produkte dieser Zersezung wirkten auf den nicht zersetzten Zuker in solchem Maße ein, daß sie einen Theil desselben unkrystallisirbar machten, und schleimigere Syrupe erzeugten.

Wenn man unter diesen Umständen bei der Raffinirung eines solchen Zukers entweder Kalk, oder Pflanzen-Kohle in ihren verschiedenen Zuständen, oder endlich thierische, immer auf dieselbe Weise bereitete, gleichförmige Kohle anwendet, so wird, im ersten Falle alle Säure sogleich gesättigt werden und der überschüßige Kalk wird sich auf den Extractiv-Stoff |227| werfen, und diesen mehr färben und flüßiger machen er wird den Pflanzen-Eiweißstoff unauflösbar machen, in dem er sich in der Hize mit demselben verbindet, und denselben als Schaum ausscheidet; er wird sich endlich mit dem Zuker selbst verbinden, und einen Theil davon flüßig und unkrystallisirbar machen. Durch etwas langes Sieden wird dieser auf solche Weise veränderte Zuker in eine gummiartige süße Substanz verwandelt, welche ihr Sättigung mit Kalk nicht mehr krystallisirbar werden läßt: wirft man aber thierische Kohle in diese Flüßigkeit, ehe als diese Veränderung mit dem Zuker sich gänzlich ausgebildet hat, so wird die in dieser Kohle in großer Menge verdichtete Kohlensäure sich in dem Augenblike ihrer Verbindung mit dem Syrupe entwikeln, und eine Theil des Kalkes sättigen: die Kohle selbst wird den Niederschlag des Kalke begünstigen, den man in Menge darin findet, und der Syrup wird weniger alkalisch werden. Alle Runkelrüben-Zuker-Fabrikanten konnten sich von der Wahrheit dieser Thatsachen überzeugen. Der basische kohlensaure Kalk, der sich hier bildet, fällt mit der Kohle nieder, und der davon befreit Zuker wird neuerdings krystallisirbar, und erhält alle übrigen Eigenschaften.

Die Pflanzenkohle, welche ihrer glasigen Form wegen weit weniger entfärbt, äußert oft gar keine merkliche Wirkung; ja zuweilen werden sogar die mit Pflanzen-Kohle behandelten Syrupe dunkler, wie zuvor, wenn nämlich

1. die Holz-Kohle etwas Pottasche enthält, welche, auf den Zuker eben so, wie der Kalk, wirkt, und selbst noch stärker und noch schädlicher. Der Kohlenstaub aus dem Kiele großer Kohlenschiffe, dessen man sich zur Bereitung der vegetabilischen Kohle bedient, ist zuweilen genug durchgewaschen, um von aller Pottasche befreit zu seyn; zuweilen enthält er aber auch alles Alkali, welches aus den, nicht seiten 6–8 Metres hoch aufgeschichteten, Kohlen der Regen ausgewaschen hat, so daß dieses nicht bloß zur Sättigung aller im Zuker enthaltenen Säure hinreicht, sondern daß der Ueberschuß desselben, der auf den Zuker und den Extractivstoff einwirkt, alle Entfärbung-Kraft der Kohle zuweilen aufhebt, ja sogar färbt, und eine gewiße Menge Zuker unkrystallisirbar läßt.

2. das Holz, wie es häufig geschieht, ungleich verkohlt. ist. Es bleiben Brände halb verkohlte Stüke, mit allem Theere zurük; die anliegenden Kohlen saugen den Theer ein, welcher sich aus diesen Halbkohlen entwikelt, und färben damit, selbst noch in dem Pulver (wenn nicht allenfalls |228| sich solche Halbkohlen selbst unter diesem befinden) die Syrupe, in welche man sie schüttet, gerade so, wie halb verkohlte oder gebräunte Gemüse die Suppe färben.

Auch die thierische Kohle bringt zuweilen ähnliche Erscheinungen hervor, wenn sie nicht hinlänglich verkohlt ist, und die Raffineurs wissen sich dieselben nicht zu erklären; sie ziehen jedoch die thierische Kohle stets der Pflanzen-Kohle vor. Die Gründe hievon wird man sich aus Obigem leicht selbst angeben können. Der in Gährung übergegangene Zuker ist nämlich sauer, und bildet schleimige Auflösungen. Wenn man nun in diesem Falle sehr guten Rohzuker mit etwas Auflösung des säuerlichen Zukers zergehen läßt, so reicht die gewöhnliche Menge des in gehörig verkohlter Knochen-Kohle enthaltenen kohlensauren Kalkes, und die geringe Menge von Ammonium nicht hin, die frei gewordene Säure zu neutralisiren, während die zu wenig gebrannte thierische Kohle bei ihrer Einschüttung in den geschmolzenen Zuker eine Menge von Ammonium entwikelt, welche nicht bloß die Säure sättigt, sondern selbst, durch ihr Uebermaß, auf den schleimigen Stoff wirkt, diesen flüßiger macht, und dadurch die Krystallisation erleichtert. Der Zuker läßt auf diese Weise leichter den Syrup durchlaufen, erhärtet leichter, und ist weißer, wenn er aus der Form kommt, als wenn er mit gut gebrannter Knochen-Kohle behandelt worden wärt. (Wenn man gut gebrannter Kohle etwas Ammonium zusezt, so läßt sich diesem Nachtheile dadurch gleichfalls steuern.)

Es scheint, daß die Ursache, warum die Pflanzen-Kohle weniger färbt, der glasigen Natur derselben zuzuschreiben ist: ihre Molekeln scheinen wie aneinander gegossen, und undurchdringlich, wie im Demante der Kohlenstoff beinahe unverbrennbar wird. Daher haben auch alle Kohlen, die eine Art von Verglasung erlitten, und die man selbst noch an dem Glanze ihres Pulvers erkennt, nur wenig entfärbende Kraft. Hr. Payen hat sehr viele Arten solcher thierischer und vegetabilischer Kohlen versucht, und immer die selben Resultate erhalten. Kohlen von Nadelholz, von Acacien, Eichen, Buchen, Eschen, Nuß- und Pfirsich-Bäumen und Aprikosen-Bäumen und von Schwarz-Erlen etc. (die Kohlen von Schwemmholz, und von jenem Holze, das man in Oefen einäschert, die Löschkohlen, sind weniger glänzend, und entfärben besser) Kohlen von Blut, von Horn, Leder, von Sehnen, Muskeln, Knorpeln, Knochen-Ansäzen, Knochen, Haaren, Seide- und Wollen-Lappen werden alle unkräftig, und selbst die beßte thierische Kohle wird es, wen man sie mit Blut oder Pflanzen-Extractivstoff öfters durchweicht, |229| dann jedesmal neuerdings calcinirt und pülvert: alle diese Kohlen erhalten hiedurch jenes glänzende Ansehen, welches die unkräftigen Kohlen charakterisirt. Dieß ist aber gerade dasjenige, was bei Anwendung der Kohle in den Zuker Raffinerien geschieht: der Extraktivstoff und der Färbestoff, welcher sich zugleich mit dem während des Raffinirens angewendeten Eiweißstoffe des Blutes oder der Eier auf den Kohlen fixirt, vermehrt den Gehalt des Kohlenstoffes in denselben, und bringt ihre Theilchen einander näher, in dem er die Zwischenräume ausfüllt; die aneinander gepreßten Molekeln werden dadurch weniger angreifbar, und nur wenn man vor dem Wiederausglühen dieser Kohlen den größten Theil des in der Knochen-Schwärze zertheilten Extractiv- und Eiweiß Stoffes aus derselben entfernt hat, erhält man wieder eins thierische Kohle die eben so gut entfärbt als diejenige, die man zuerst anwendete. Hr. Payen überzeugte sich hievon durch Gährung der bereits gebrauchten Kohle, wie oben angeführt wurde.

Einen deutlichen Beweis, daß die entfärbende Kraft der Kohle von dem unter eine gewiße Form gebrachten Kohlen-Stoffe herrührt, liefert uns der Umstand, daß man an Pflanzen-Kohlen dieselben Phänomene wahrnimmt, wie an thierischen Kohlen. Vollkommen ausgelaugtes und vollkommen getroknetes Soda-Mark z.B. wirkt. wie Pflanzen-Kohle, und doch enthält es nur 50 p. C. reine Kohle; hat also eine doppelt so starke entfärbende Kraft. Die matte graue Kohle, welche als Rükstand bei der Berlinerblau-Erzeugung zurükbleibt46), erhält man aus thierichen Stoffen, welche, wenn man sie für sich verkohlt, die glänzendsten, asphaltartigsten, und folglich auch die unkräftigsten, Kohlen liefern, nämlich aus Hörnern und aus Blut, und dessen ungeachtet erhält der in derselben befindliche Kohlenstoff während der Berlinerblau-Bildung eine 20 mal stärkere Kraft, |230| als die Pflanzen-Kohle47). Hr. Payen glaubt demnach, daß alles, was in der thierischen Kohle nicht Kohlenstoff ist, entweder bei der Entfärbung nichts nüzt, oder sogar schadet: höchstens, meint er, könnten die in derselben befindliche dazu dienen, die Oberfläche der Kohle zu vergrößern, und die Molekeln derselben von einander zu rüken, so daß sie freier auf den Färbestoff wirken können. Dieß ist z.B. der Fall mit dem, an und für sich beinahe durchaus kraftlosen, phosphorsauren Kalke: entzieht man denselben mittelst der Hydros-Chlorsäure einer thierischen Kohle, so wird diese im reinen Zustande nicht mehr in dem Verhältniße ihres vorigen Gewichtes wirken. Es handelt sich also hier nicht bloß um eine einfache Theilung (denn Kienruß entfärbt kaum merklich besser als Holzkohle), sondern um Isolirung der Molekeln, die nöthig ist, wenn der Kohlenstoff mit der möglich stärksten Kraft auf den Färbestoff wirken soll. Ammonium und basischer kohlensaurer Kalk, die in der thierischen Kohle enthalten sind, können höchstens dazu dienen, die in dem Zuker vorhandene Säure zu neutralisiren, und den Extractivstoff leichter sich niederschlagen zu lassen.

Zwei ganz neuerlich angestellte Versuche scheinen Hrn. Payen seine Ansichten zu bestätigen. Er nahm eine Kohle die man aus brenzeliger Holzsaurer-Soda (im Großen geröstet, um sie von dem Theere zu befreien, in dem man einen Theil verflüchtigt, den anderen verkohlt) erhalten hat. Mehrerer Waschungen ungeachtet enthielt diese Kohle noch immer essigsaure Soda. Er calcinirte sie in einem geschlossenen Tiegel bei der Kirschroth-Glühhize, wusch sie hierauf reichlich, so daß alle durch Zersezung der Essigsäure während der Hize frei gewordene Soda entfernt wurde, calcinirte sie wieder ganz leicht, und rieb sie in einem Mörser. Dieses Kohlen-Pulver |231| entfärbte beinahe eben so gut, als die gewöhnliche thierische Kohle, und folglich sechsmal stärker, als die gewöhnlichen Pflanzen-Hohlen, Kienruß, und thierische Kohlen ohne phosphorsäuren Kalk. Und zwischen dieser Kohle und der thierischen findet Hr. Payen kein anderes Analogon, als den auf chemische Weise getheilten Kohlenstoff. Er nahm ferner das Innere schwammige Knochenstük des Hornes eines Rindes, und entzog demselben alle flüchtigen Bestandtheile und allen Kohlenstoff, in dem er dasselbe zwei Stunden lang im Luftzuge in einer Kirschroth-Glühhize hielt. Den hiedurch erhaltenen weißen phosphorsauren Kalk weichte er in 15 grädiger weißer Zuker-Auflösung, troknete und calcinirte ihn in einem geschlossenen Tiegel, tauchte ihn neuerdings in dieselbe Zuker-Auflösung und calcinirte ihn wieder und nachdem er dieselbe Operation zum drittenmale wieholt hatte, zerrieb er den kohligen Rükstand, der ein mattes Pulver gab, dessen entfärbende Kraft noch einmal so stark, als die der Pflanzen Kohle war. Nun hält aber diese Kohle, bei gleichem Gewichte, nur 20 p. C. jenes reinen Kohlenstoffes, welcher in der Pflanzen-Kohle enthalten ist; folglich ist die entfärbende Kraft des Kohlenstoffes auf diese Weise um 10 mal stärker geworden. Hr. Payen zweifelt nicht, daß man mit gehöriger Vorsicht es dahin bringen könne, auf diese Weise eine Kohle zu erhalten, deren entfärbende Kraft der thierischen Kohle gleich kommt, und daß, diesem Versuche zu Folge, die entfärbende Kraft der Kohle von dem Zustande ihrer chemischen Zertheilung abhängt: denn etwas anderes als dieses, als Entfernung der Kohlen-Molekeln von einander mittelst des phosphorsauren Kalkes, konnte durch obige Operation an der schwächsten aller Kohlen, der Zuker-Kohle, nicht hervorgebracht werden.

Hr. Payen schließt nun aus einer Reihe unzähliger Versuche: 1. daß der Kohlenstoff in den verschiedenen Kohlen allem dasjenige ist, was auf den Färbestoff zu wirken vermag, den er dadurch fällbar macht, daß er sich mit demselben verbindet; daß die einmal gebrauchte Kohle durch bloße neue Calcination nicht wieder brauchbar zur Entfärbung gemacht werden kann, in dem der von ihr verschlungene, und in ihr festgewordene, Färbe- und Extraktivstoff eine glänzende, asphaltartige, gewißer Maßen glasartige Kohle gibt, welche alle Molekeln des Kohlenstoffes umhüllt, und gleichsam überfirnißt, und eben dadurch gegen alle Einwirkung sichert48).

|232|

2. Daß die in der Kohle vorkommenden fremdartigen Stoffe nur durch ihre Stellung hinsichtlich auf den Kohlenstoff mitwirken helfen, für sich allem aber ganz unkräftig sind, Daß endlich.

3. Der physische Zustand der thierischen Köhle als die wesentliche Ursache ihrer stärkeren Wirkung auf den Färbestoff (und wohl auch auf den Extractivstoff, weil sie hie Krystallisation des Zukers |233| fordert,) betrachtet werden kann, den er als Folge chemischer Zertheilung ansieht, in dem mechanische Theilung dieß nicht zu leisten vermag.

In einer später eingesandten Note bemerkt Hr. Payen, daß, wenn man thierischer Kohle allen phosphorsauren Kalk mittelst Säuren entzieht, und den Kohlenstoff dadurch isolirt, sie nicht mehr in umgekehrtem Verhältnisse ihres verlornen Gewichtes auf den Färbestoff wirkt. 100 Gramme Knochen-Kohle höchst fein gepülvert, sorgfältig gewaschen und getroknet, gaben das Pulver Nr. 1. 40 Gramme von diesem Pulver Nr. 1 mit reichlich überschüßiger Hydrochlor-Säure behandelt, hinauf vollkommen rein gewaschen und getroknet, ließen genau 4 Gramme auf dem Filtrum, als Pulver Nr. 2, zurük. Hr. Payen nahm nun 2 Gramme von Nr. 1 und 2, und versuchte sie auf den Färbestoff des Rohzukers. Die Entfärbung von Nr. 1 = 1 gesezt, war jene von Nr. 2 = 3. 100 Theile einer Kohle, deren entfärbende Kraft = 2,5 ist, müßten demnach auf obige Weise mit Hydrochlor-Säure behandelt, auf 10. 50 zurük kommen, und ihre entfärbende Kraft betrüge dreimal so viel als jene derjenigen Kohle, die ihres phosphorsauren Kalkes nicht beraubt wurde, jedoch getheilt durch den Verlust am Gewichte; oder (3 × 2,5)/10 = 0,75. Wenn man daher mittelst einer Säure den phosphorsauren Kalk aus der thierischen Kohle entfärbt, würde man an entfärbender Kraft einen reinen Verlust im Verhältniße von 2,5 zu 0,75 oder von 10 zu 3 erleiden, d.h. 100. Kilogramme einer auf diese Weise behandelten Kohle wären kaum mehr so viel als 30 Kilogramme Knochen-Schwärze.

Diese Abhandlung erhielt den zweiten Preis von der Société de Pharmacie. Wir liefern sie hier im Auszuge übersezt.

|224|

Hr. Payen versuchte auf Rohzuker-Auflösungen hydrochlorsaure, schwefelsaure, hydrothionsaure Verbindungen, Alkalien und alkalische Schwefellebern, Bittererde, Thonerde, Kieselerde, Kalk, kohlensauren Kalk etc. Alle diese Körper erhöhten entweder die Intensität der Farbe, und störten den krystallisirbaren Zuker, oder sie brachten gar keine Wirkung hervor: nur die Thonerde allem schlug den Farbestoff und den Extractiv-Stoff nieder; jedoch viel weniger als die Kohle. Keiner dieser Körper kann also an und für sich auf eine merkliche Weise zur Entfärbung der Syrupe beitragen.

|229|

Man muß diese Kohle sehr oft waschen, um ihr alle Pottasche zu entziehen; und dieses Waschen wird überdieß wegen der außerordentlichen Feinheit derselben sehr beschwerlich. Die kleinste Veränderung in der Temperatur oder das Rühren des Gemenges, welches das Berlinerblau während der Calcinirung der thierischen Stoffe mit der Pottasche liefern soll, ertheilen dem kohligen Rükstande ganz verschiedene Eigenschaften; der Zustand des Kohlen-Stoffes scheint Hrn. Payen das Einzige, was während dieser kaum zu berechnenden Ungleichförmigkeiten verändert werden konnte, und diesem glaubt er die Verschiedenheiten der entfärbenden Kraft dieser Rükstände zuschreiben zu können. Die entfärbende Kraft einer guten thierischen Kohle = 10 gesezt, ist jene der Rükstände des Berlinerblau bald 40, bald nur 5.

|230|

Hr. Payen will uns einen Entfärbungs-Messer (Décolorimetrè) mittheilen, mit welchem man die entfärbende Kraft genau messen kann. Die Einrichtung desselben beruht auf dem Grundsaze, daß die Intensität, der gefärbten Schichten sich umgekehrt, wie ihre Dichtigkeit verhält; wenn man daher irgend einen Ton der Farbe derselbe als Einheit annimmt, so erhält man alle mögliche Verhältniße dieses Tones zu anderen, alle Vielfache desselben etc. es bedarf hiezu weiter nichts, als genau die senkrechte Höhe zwischen zwei durchscheinenden Flächen zu messen, welche die gefärbte Flüßigkeit einschießen, die, durch Erweiterung oder Verengerung des Raumes zwischen diesen beiden Flächen, auf die Einheit des Tones zurükgeführt würde. Pluvinet meinte, daß, um für ewige Zeiten eine Farbe zu erhalten, die als Vergleichungs-Punkt diente, man eine Platinna Auflösung von gegebenem Verhältniße anwenden könnte.

|231|

In dem ersten Hefte der Verhandlungen de Vereins zur Beförderung des Gewerb-Fleißes in Preußen findet sich in dem Berichte der Abheilung für Chemie und Physik „über |232| die Benuzung der Thier-Kohle zur Raffinirung des Zukers,“ verfaßt vom G. Rth. Hermbstädt, S. 35 ein Verfahren, um die schon zu Zukerraffiniren benuzte thierische Kohle wieder zu gute zu machen. Er sagt: „was die zu Zugutmachung der einmal zur Klärung des Zukers gebrauchten Thier-Kohlen betrifft, so ist dies kein Geheimniß, sondern in mehreren Raffinerien bereits eingeführt. Die dazu angewendete Verfahrungsart ist auch in der That sehr einfach! Die einmal gebrauchte Kohle wird so vollkommen wie möglich mit warmen Wasser ausgefüßt, um die etwa darin noch vorhandenen Zukertheile nicht zu verlieren, hierauf stark ausgepreßt und getroknet. Die trokne Masse ist ein Gemenge aus der angewendeten Thier-Kohle, dem färbenden Stoffe, welchen sie dem Zuker entzogen hat, und dem geronnenen Blute, welches zur Klärung angewendet worden ist. Um diese trokne Masse in eine gute, brauchbare Hohle wieder umzuwandeln, darf sie nur auf's Reuß im verschloßnen Raume ausgeglüht werden. Hiezu bedient man sich eines aus gegossenem Eisen angefertigten Cylinders, der in einem Ofen in horizontaler Richtung, aber etwas geneigt, über einen Rost eingemauert ist, so daß derselbe, wenn der Ofen geheizt wird, von der Flamme, umspühlt werden kann. Der eiserne Cylinder kann an seiner vordern Oeffnung mit einem eisernen Stöpsel verschlossen werden; an der Hintern ist derselbe mit eine Absatz von Bleich verschlossen, welcher sich heberförmig, unter einen stumpfen Winkel, nach Unten biegt, und in einem Gefäß mit Wasser eingetaucht wird. Wenn der Cylinder mit der schon gebrauchten trokenen Kohlen-Masse angefüllt ist, und alle Fugen mit Lehm verkittet sind, wird der Ofen angefeuert, und die Feuerung so, lange, fortgesezt, bis sich aus der hinteren Oeffnung des Cylinders keine riechende Dünste mehr entwikeln, und der Cylinder in voller Glut steht. Bei dieser Operation, werden nicht nur hie Kohlen-Theile auf's Neue verkohlt, sondern auch die damit verbundenen Theile des geronnenen Blutes, erleiden eine Verkohlung, und eben so alle übrigen vegetabilischen Materien, welche aus dem Zuker an die Kohle getreten seyn mögen. Man erleidet bei dieser Operation fast gar keinen Abgang Und die nach dem Erkalten des Cylinders herausgenommene Kohle leistet nun, bei ihrer Anwendung zur Raffinirung des Zukers, ganz dieselben Dienste wie vorher.“ Die Wichtigkeit dieses Gegenstandes veranlaßte dieses Jahr die Société d'Encouragement in Paris einen Preis von 2000 Franken auf Wiederherstellung bereits gebrauchter thierischer Kohle auszusezen, weßhalb wir wünschen, daß uns aus einer Zukerraffinerie, die Bestätigung der eben angegebenen Art die schon gebrauchte thierische Kohle wieder im Großen zu Gute zu machen, recht bald mitgetheilt werden möge. D.

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: