Titel: Gill über Papier-Maché-Artikel.
Autor: Gill, Thomas
Fundstelle: 1822, Band 9, Nr. LXXII. (S. 455–458)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj009/ar009072

LXXII. Ueber Papier-Maché-Artikel157) und ihre Verfertigung. Von Hrn. Gill.

In dessentechnical Repository. N. VI. S. 426.

Man Verbindet mittelst eines Sazes aus Leim und feinem Weizen-Mehle, welche beide man in Wässer kocht, große Bogen Papier auf folgende Weise mit einander. Man leimt zuerst zwei Blätter auf einander, in dem man beide mittelst |456| eines Pinsels an einer Seite mit einer dünnen Lage von diesem Saze überzieht, sodann über einander legt, und die zwischen denselben enthaltenen Luftbläschen Durch sorgfältiges Streichen von dem Mittelpunkte gegen den Rand hin mit einem groben Wollen-Lappen hinaustreibt. Man bringt sie hierauf in eine Trokenstube, und nachdem sie troken geworden sind, werden auf ähnlich Weise zu beiden Seiten wieder andere Papierblätter aufgeleimt, u.s.f. bis das Papier die zu dem beabsichtigten Zweke gehörige Dike erlangt hat.

Diese Tafeln werden dann entzwei gesägt, und von den Galanterie-Tischlern auf dieselbe Weise, wie Holz, weiter verarbeitet; sie werden zu Thee-Brettern und einer Menge anderer Geräthe zusammen geleimt, zu welchen dieses Materiale wegen seiner Stärke, Leichtigkeit und Dauerhaftigkeit ganz vorzüglich geeignet ist, hierauf überfirnißt, (japanned) bemahlen, vergoldet etc.

Man macht aus diesen Tafeln auch Knöpfe, in dem man sie zuerst mittelst einer Schnellpresse und den gehörigen Werkzeugen in kreisförmige Stüke, wie die Metallknöpfe ausschneidet. Diese Stüke werden dann auf der Drehebank gehörig zugedreht, durchlöchert und metallne Oehre in dieselben eingenietet; auf die Stelle der Niete werden andere kreisförmige Stüke geleimt, welche dann die Vorderseite der Knöpfe bilden; hierauf werden die Kanten auf der Drehebank zugerundet und, bis auf das gewöhnliche Firnißen vollendet. Lezteres geschieht auf Verschiedene geschmakvolle Weisen, unter Welchen das Marmoriren vorzüglich bemerkt zu werden verdient.

Ueber das Marmoriren und Tunken des Papier-Maché.

Dieses vorhin sehr häufig angewendete Verfahren um schöne seine Zerästungen von verschiedenen Farben, einzeln oder gemengt, auf der Oberfläche der Papier-Maché-Waaren hervorzubringen, wurde ehevor häufig angewendet, und verdiente noch heute zu Tage mehr benüzt zu werben. Es geschieht auf folgende Weise:

Die Farbe, Zinnober, kampenschwarz, Schieferweiß etc. wird mit Terpenthin abgerieben, und dann mit etwas Gold-Firniß gemengt, bis eine kleine Portion dieser Mischung, wenn sie auf der Spize eines Mahler-Spatels auf die Oberfläche des Wassers gebracht wird, augenblich in den oben erwähnten Zerästungen über der Oberfläche des Wassers zerfließt. Wenn man nun den aus diese Weise zu verzierenden Gegenstand auf dieselbe anbringt, oder schnell eintaucht, so nimmt er alle diese Zerästungen auf seiner Oberfläche auf.

Will man mehrere Farben auf der Oberfläche dieser |457| Gegenstände anbringen, so darf man nur auf die beschriebene Weise erst eine Farbe auftragen, und dann auf dieselbe Art auch die übrigen, die einzeln abgerieben werden müssen, bis die verlangte Wirkung zum Vorscheine kommt.

Den Gold-Firniß hiezu zu bereiten.

Man nimmt ein Pfund Lein-Oel, und 8 Loth Gummi Animä; kocht das Oel in einem eigenen eisernen Gefäße mit einem genau darauf paßenden Dekel, und sezt dann nach und nach den Gummi in Pulver zu, solang, ehe man neues Pulver zusezt, rührend, bis das vorige vollkommen aufgelöst ist. Nachdem alles gehörig gemischt ist, kocht man es so lang, bis es, wo man eine kleine Portion hievon herausnimmt, etwas diker als Theer ist, wo es dann zum Gebrauche durch ein grobes Stük Tuch durchgesiehen wird.

Ein anderes Verfahren, den Firniß zu bereiten.

Man nimmt Gummi Animä und Asphalt, von jedem zwei Loth; Goldglätte, Mennig und braunen Bernstein, von jedem ein Loch, und gibt sie in einen neuen irdenen glasirten Topf, der um ein Drittheil größer ist als die ganze zu kochende Masse. Man sezt hierauf eine Viertel-Pinte rohes Lein-Oel zu, und eine halbe Pinte158) getroknetes Lein-Oel, und hizt die ganze Masse bei gelindem Kohlenfeuer, das durchaus nicht stammen darf, so daß sie nur etwas aufwallt oder beinahe siedet; denn wenn sie sötte oder übers liefe, könnte großes Unheil entstehen: sobald man daher wahrnimmt, daß die Masse aufschwillt, muß der Napf vom Feuer zurükgezogen werden, bis sie sich wieder sezt. Wo sie anfangt zu sieden, muß sie mit einem Stoke gehörig umgerührt werden, bis alle auflösbaren Ingredienzen gehörig unter einander einverleibt sind, und die Masse so dik wird, wie Syrup. Dann kann sie abgekühlt, auf vorige Weise abgeseiht, und zum Gebrauche aufbewahrt werden.

Verbesserte Papier-Maché-Fabrikation.

Diese Verbesserung besteht darin, daß man das Papier über Model derjenigen Gegenstände zusammen leimt, die man daraus verfertigen will, und sie dann in Trokenstuben troknet, statt daß man zuerst Tafeln verfertigt, die dann weiter verarbeitet werden. Dieses Verfahren ist, ohne Zweifel, bei vielen Gegenständen weit zwekmäßiger, als das vorhergehende, |458| in sofern nämlich hier jene Fehler nicht zum Vors scheine kommen, welche bei Zusammenfügung mehrerer Gegenstände durch Leim und Nägel unvermeidlich sind. Unregelmäßige Formen können auf diese Weise weit besser erzeugt werden. Die Fabrikanten zu Birmingham haben Sr. Majestät neuerlich ein Präsent mit einem großen Thee-Brette aus Papier-Mache gemacht, das am Rande sehr schön ausgeschnitten, und, wie die alten japanesischen Arbeiten, mit erhabenen und stachen Figuren und Bronzen von verschiedenen Farben verziert ist.

Französisches Papier-Maché.

„Dieses wird aus Papier verfertigt, welches mit dem Sazleime gestampft, und dann in Model gepreßt wird, um Tabakdosen und eine Menge anderer Artikel daraus zu verfertigen. Wir mußten lachen, als ein Freund, der sich einige Zeit zu Paris aufhielt, uns neulich die Art und Weise erzählte, wie die Papier-Machè Fabrikanten daselbst das Materiale zu ihren Fabrikaten erhalten. Er sah einen Mann mit einem großen Korbe auf dem Rüken und einem Krazer in der Hand mit der größten Behändigkeit die Anschlag-Zettel von den Eken der Straßen abkrazen, und in seinen Korb werfen. Als mein Freund, der ihm einige Zeit über nachschlich, ihn fragte, wozu er diese Anschlagzettel abkrazt? erhielt er zur Antwort: daß diese Zettel in Dosen aus Papier-Machè verwandelt werden. So verschafft man sich zu Paris Papier und Pappe zugleich auf die wohlfeilste Weise: man braucht sich nämlich bloß, die Mühe zu geben, sie zu stehlen“ 159).

Die Engländer nennen alle Papie-Machè-Artikel Japanned-Paper, so wie alles seine Porzellan, China, wahrscheinlich weil sie ersteres aus Japan, wie lezteres aus China, zuerst erhalten haben. To Japan, d.h. japanisiren, heißt bei ihnen lakiren und vergolden, glänzend machen, so daß sogar ein Stiefelwichser bei ihnen ein Japanner genannt wird. A. d. Ueb.

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Eine Wein-Pinte ist 0,3341 Wiener Maß. A. d. Ueb.

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Wer erkennt an diesem Seitenhiebe nicht den akten eingewurzelten Nationalhaß der Engländer gegen die Franzosen! Wie kann aber ein Engländer den Franzosen das Stehlen vorwerfen, da in keinem Lande Europens soviel gestohlen wird, als in England nur in einer einzigen Stadt. Oheu! quam niger es! dicebat caucasus ollae!

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