Titel: Ueber Herrn Pradier's Fabriken zu Paris, rue Boury l'Abbé Nr. 22.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1822, Band 9, Nr. LX./Miszelle 6 (S. 399–400)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj009/mi009060_6
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Ueber Herrn Pradier's Fabriken zu Paris, rue Boury l'Abbé Nr. 22.

Herr Baillet hat im Namen des Comitè des Arts méchaniques im Bulletin de la Société d'Encourragement pour l'Industrie nationale N. CCXIII. S. 65 über die Fabriken des bereits im vorigen Jahre mit einer goldenen Medaille belohnten Herrn Pradier Bericht erstattet, aus welchem sich der blühende Zustand derselben ergibt. Seine Perlmutter-Arbeiten sollen in jeder Hinsicht einzig seyn. Er hat ein Federmesser mir einer Perlmutter-Schale versehen, welches demselben einen Kaufwerth von 1200 Franken, (200 Laubthaler) verschaffte.

Er verfertigt monatlich, 4000 Streichriemen für Barbiermesser, und 9000 Barbiermesser, welche aus dem Gußstahle der Herren Jakson und Comp. zu St. Etienne, Dptt. de la Loire, erzeugt werden. Diese Barbiermesser sind alle gleich, und nur ihre Schale ändert ihren Preis; sie kommen, während der Arbeit zu 7 verschiedenen Meistern, deren jeder nichts anderes sein ganzes Leben lang als gerade die für ihn bestimmte Art von Arbeit daran zu vollbringen hat. Dadurch erhalten diese Arbeiter auch eine solche Fertigkeit, daß z.B. einer, der ehevor nur anderthalb Duzend Barbiermesser an einem Tage schmieden konnte, jezt 5, ja zuweilen 7 Duzende des Tages schmiedet. So sehr kann der Mensch Maschine werden! Das Duzend dieser Barbiermesser kostet eben so viel als das Duzend Riemen, 15 Franken; ein einzelnes Stük 2 Franken. Eben dieser Hr. Pradier verfertigte eine Klinge aus Clouet's damascirtem Stahle von 36 Centimeters Länge, (1,1 Fuß) und versah die Schneide desselben mit Gußstahl; er verfertigte ferner eine eben so lange Klinge aus bloßem Gußstahle. Beide Klingen haben so feine Schneide, daß man damit Federn schneiden und sich barbieren kann; sind, obschon man dem Gußstahle die schwächste Elasticität unter allen Stahlarten bisher zuschreiben mußte, so elastisch, daß sie sich dreimal nacheinander, um eine Flasche winden ließen, die nur ein Decimetre (0,3 Fuß) im Durchmesser hatte, und sich alsogleich wieder herstellten; und sind endlich so hart und zähe, daß man damit einen Nagel von 4 Millimetres (0,0264 Fuß) im Durchmesser entzwei, und eine Eisenstange von 8 Millimetres im Gewichte bis auf 5 Milimetres Tiefe einhauen konnte, ohne daß sie dadurch eine Scharte bekommen hatten. Die Petschierstoke mit beweglichen Wappen und Buchstaben, welche Pradier verfertigt, scheinen uns zusehr zusammengesezt, und lassen sich durch einfachere Sezermethode leichter und schöner fertigen. Es ist auffallend, daß diese Art von Petschierstöken bei uns in Deutschland so wenig gekannt und benüzt ist. Seine Federn aus Metall mit Federkielspizen, mit welchen man ohne Eintauchen zu müssen schreibt, sind auch in Deutschland bekannt, nur kennen wir, wie es scheint die Maschine nicht, mit welcher er jeden Kiel der Länge nach in zwei Theile spaltet, jede dieser Hälften zu vier Federspizen zurichtet, und jede dieser Federspizen an ihren beiden Enden zur Schreibfeder zuschneidet.

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