Titel: v. Kurrer über Strohbleichen.
Autor: Kurrer, Wilhelm Heinrich
Fundstelle: 1823, Band 10, Nr. XXXII. (S. 191–204)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj010/ar010032

XXXII. Ueber das Bleichen der vegetabilischen und animalischen Substanzen. Von W. H. v. Kurrer.

(Fortsezung von Band 8. S. 51. 155. 314. 488. Band 9. S. 111. u. f.)

Ueber das Bleichen des Strohes und der Strohgeflechte.

Seit nicht gar langer Zeit haben die Strohmanufactur-Gegenstände des Inn- und Auslandes, durch ihre Mannigfaltigkeit einen so entschiedenen Aufschwung als Modegegenstände erhalten, daß viele tausend Menschen dadurch reichlich beschäftigt werden. Diese Stroharbeiten bestehen in Damen- und Herren-Hüten, in Müzen, Bändern, Arbeitskörbchen, Teppichen, Fußböden, Untersezern und Geflechten jeder Gattung, so wohl für den Luxus als auch für den nöthigen Hausgebrauch.

Auch in der Strohweberei wurden bedeutende Fortschritte gemacht; es gehen durch sie Gegenstände hervor, die sowohl in geschmakvollen Deßeins als auch in der Solidität nichts zu wünschen übrig lassen.

Italien, namentlich das Großherzogthum Toskana, liefert die edelsten und kostbarsten Stroharbeiten. Von da aus verpflanzte sich dieser wichtige Industriezweig nach Oberitalien, Frankreich, England, der Schweiz und nach mehreren Gegenden Deutschlands90). In Baiern verdienen die ordinairen |192| Stroharbeiten die in Augsburg und dem Landgerichte Weiler verfertigt werden, alle Aufmerksamkeit91).

Vollkommnes Bleichen und gutes Appretiren sind die wesentlichen Bedingungen, den Stroharbeiten die höchste Vollkommenheit zu geben. In dieser Hinsicht gebührt den englischen Stroharbeiten vor allen andern, Toskana nicht ausgenommen, der Vorzug. Einige Schriftsteller sind der Meinung, daß in England das schon vor der Verarbeitung vollkommen rein gebleichte Stroh nach dem Flechten wieder in eine schwache Kalilauge gebracht, dann geschwefelt, und um ihm einen vollkommenen Glanz zu geben, durch Weingeist gezogen werde. Ein solches Verfahren dient dazu, dem gebleichten Stroh den Schweiß und andere Unreinigkeiten, welche es beim Flechten annimmt, wieder zu entziehen.

Die älteste Art Stroh zu bleichen, geschah durch Laugen und Auslegen an die Sonne. Später trat die jezt noch übliche Weise Stroh durch Schwefeln weiß zu machen an die Stelle. Um das Stroh durch das Schwefeln zu entfärben, wird es in kleinen Bunden mit Wasser angefeuchtet und in dem Schwefelkasten so neben einander aufgestellt, daß die weißeren Enden der Halme unten hin zu stehen kommen. Der Schwefelkosten ist mit einem Dekel dicht verschlossen, hat doppelte Böden, wovon der zweite, auf welchem die Strohgebinde stehen, stark durchlöchert und etwa 3/4 Fuß über dem ersten befestigt ist; unten an der einen Seitenwand, zwischen beiden Böden ist er mit einer Thür versehen, durch welche man den Schwefel auf einer Schüssel hineinträgt, welche unter dem zweiten Boden in der Mitte hingesezt wird. So bald der Schwefel gehörig brennt, wird die Thür verschlossen. Die sich bei der Verbrennung des Schwefels bildende schwefelichte Säure, wird durch diesen Prozeß durch Aufnahme von Sauerstoff nach und nach in Schwefelsäure verwandelt. Nach 10 bis 12 Stunden wird der Dekel geöffnet, die Bunde herausgenommen, und diese einige Tage oder so lange der Luft ausgesezt, bis sie mäßig troken sind, worauf die Halme nochmals |193| sortirt und alle flekige und durch das Schwefeln nicht genugsam gebleichte, davon abgesondert werden92).

Da durch die dunstförmige schweflichte Säure die gelbe Farbe des Strohes nie ganz zerstört werden kann, so versuchte man in Frankreich, Stroh mittelst Chlorine weiß zu bleichen. Chaptal legte der Akademie von Montpellier eine Abhandlung über diesen Gegenstand vor, welche in den Verhandlungen der königlichen Akademie vom Jahr 1787 bekannt gemacht wurde. Laroisier und Berthollet erstatteten einen Bericht der in den Annales de Chimie T. I. S. 69 zu finden ist. In England wollte anfänglich das Bleichen des Strohes mit der Chlorine nicht gelingen; die Ursache hievon war, daß man die Chlorine und ihre Verbindungen in einem zu concentrirten Zustande anwendete, wodurch die Pflanzenfaser Schaden erlitt93).

Fischer in Wien, war der Erste, der das Strohbleichen mittelst Chlorine zu einer größeren Vollkommenheit brachte. Um dieses Verfahren im Großen auszuüben, verfahre man auf folgende Weise: Man übergieße das Stroh in Fässern von beliebiger Größe mit kochendem Wasser, und lasse dieses 24 Stunden darüber stehen. Die Flüßigkeit wird nun abgelassen, in einem kupfernen oder eisernen Kessel eine Auflösung von einem Pfund Pottasche und 120 Pfund Wasser gemacht, und das Stroh in dieser Lauge 3 Stunden lang mäßig gekocht, wobei das verdampfende Wasser immer wieder ersezt werden muß. Nach dem Erkalten bringt man das Stroh aus dieser Flüßigkeit wieder in die Fässer, und übergießt es mit reinem Wasser. Dieses wird nach einigen Stunden gelb werden, worauf man es abgießt und wieder mit frischem Wasser ersezt. Das Stroh läßt man nun 5 bis 6 Tage unter Wasser, während welcher Zeit 6 bis 8 mal frisches Wasser zugegossen wird. Der Färbestoff des Strohes befindet sich jezt in leicht lösbarem Zustande, und wird nun in einer halb so starken Pottaschen-Lauge noch einmal eine Stunde |194| lang mäßig ausgekocht. Das Stroh wird nun wieder in Fässer gebracht, mit kochendem Wasser übergossen, und dieses alle 16 bis 20 Stunden erneuert, bis das Wasser keine Farbe mehr annimmt, wozu gewöhnlich drei Tage erfoderlich sind.

Man nimmt nun das Stroh aus dem Faß, bringt es in ein Chlorinkalibad, in welchem die Chlorine vorwaltet, und läßt es 24 bis 30 Stunden lang offen stehen, wo das Stroh nun weiß gebleicht erscheint. Ist es nach Verlauf dieser Zeit nicht weiß genug, so wird die Flüßigkeit durch frisches Bleichwasser so oft ersezt, bis es vollkommen entfärbt ist. Das weiß gebleichte Stroh wäscht man so lange in Wasser, bis aller Chloringeruch von demselben entfernt ist, und troknet es an der Sonne94). Ich habe die vorstehenden Verfahrungsarten einer sorgfältigen Prüfung unterworfen, und gefunden, daß keine ganz geeignet ist, um dadurch das Stroh absolut weiß darzustellen.

Um Strohgeflechte und Strohwaaren vollkommen weiß zu bleichen, muß man sie nach vorhergegangener Behandlung in schwacher alkalischer Lauge und Wasserbädern abwechselnd durch Chlorin-Flüßigkeit und durch schwefliche Säure nehmen. Bei dieser Methode zu bleichen, kann man sich folgender Chlorin-Verbindungen im Großen bedienen: a) der Chlorine an Wasser gebunden; b) Chlorinkali-Lösung mit einem Ueberschusse von Chlorine; c) Chlorinnatron-Lösung mit vorwaltender Chlorine; d) Chlorinkalk-Auflösung mit prädominirender Chlorine; e) Chlorindämpfe. Die hiebei in Anwendung zu sezende schweflichte Säure: a) an Wasser gebunden, als liquide schweflichte Säure; b) als schweflichte Säure in Gasgestalt, durch die Verbrennung des Schwefels im verschlossenen Räume gebildet; c) der schweflichtsauren Salze mit Ueberschuß von schweflichter Säure, nämlich: α) des sauren schweflichtsauren Natron; β) des sauren schweflichtsauren Kali; γ) der sauren schweflichtsauren Kalkerde. Alle diese schweflichtsauren Salzverbindungen gehen durch den Bleichproceß in schwefelsaure Salze über, wodurch ihre bleichende Wirkung aufgehoben wird.

Beleuchten wir nun die zwekfördernste Art nach dieser Methode zu bleichen.

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A) Erste Operation. Behandlung in Wasser.

Die zuvor sorgfältig sortirten Strohbündel werden in ein geräumiges Faß geschichtet, und mit kochendem Wasser übergossen. Nach 24 Stunden, wenn die Flüßigkeit stark gelb gefärbt ist, wird das Wasser abgezogen, der Spunt geschlossen und wieder kochendes Wasser darauf gegossen, welches so oft wiederholt wird, bis die verschiedenen Strohsorten dem Wasser keine gelbe Farbe mehr ertheilen. Durch diese Manipulation wird dem Stroh ein beträchtlicher Antheil Färbestoff entzogen, und für die Einwirkung der nachfolgenden alkalischen Laugen disponibler gemacht95). Das aus dem Faß genommene Stroh, wasche man in Flußwasser gut aus, und schichte es wie zuvor in ein Laugenfaß ein.

B) Zweite Operation. Behandlung in alkalischer Lauge. Erste Methode.

100 Pfund Wasser, in dem 16 Loth gute Pottasche aufgelöst sind, gieße man kochend auf das Stroh, lasse es 24 Stunden lang wohl zugedekt stehen, und ziehe hernach die stark gelb gefärbte Flüßigkeit ab. Durch diese Behandlung wird das Stroh noch gelber als in seinem Naturzustande erscheinen. Es ist dieses ein Zeichen der Verbindung des Kali mit dem Färbestoff. Man gieße nun eine zweite Lauge, aus 1 Pfund Pottasche und 200 Pfund Wasser, kochend über das Stroh. In dieser Lauge bleibt es wieder 24 Stunden lang, gut zugedekt, liegen, wonach die gefärbte Flüßigkeit abgelassen, eine dritte Lauge, aus 16 Loth Pottasche und 150 Pfund Wasser, kochend darüber geschüttet, und wieder 24 Stunden stehen gelassen |196| wird96). Die Flüßigkeit wird abgelassen, das herausgenommene Stroh am Fluße ausgewaschen, in das Wasserfaß eingeschichtet, mit kochendem Wasser übergossen, und 36 Stunden lang gut zugedekt stehen gelassen, herausgenommen, ausgewaschen, und für das Chlorinbad vorgerichtet. In diesem Zustande ist dem Stroh bereits eine große Quantität seines natürlichen Färbestoffes entzogen, ohne jedoch dem Auge entfärbter zu erscheinen, besizt es die Eigenschaft in den nachfolgenden Bädern sich um so schneller und vollständiger weiß bleichen zu lassen97).

Zweite Methode.

Die zweite Methode, das Stroh in den alkalischen Laugen zu behandeln, besteht darin, daß statt dem Einweichen das Stroh in den drei angegebenen Laugen jedesmal 2 Stunden langsam gekocht wird. Dieses Verfahren ist bei geringen Strohsorten, die gewöhnlich mehr Färbestoff als die feinen enthalten, zu empfehlen, wobei jedoch darauf zu sehen ist, daß durch das Kochen das Stroh nicht durcheinander geworfen, umgebogen noch abgebrochen werde. Um diesem Uebelstande bei feinen Strohsorten zu begegnen, ziehe ich die erste Methode der zweiten vor. Um geringes Stroh nach der ersten Methode zu |197| behandeln, werden bald eine bald zwei schwache alkalische Aufgüsse mehr erfoderlich.

C) Dritte Operation. Behandlung im Chlorinbade.

Der Bequemlichkeit und Wohlfeilheit wegen ziehe ich die Chlorinkalk-Auflösung in welcher freie Chlorine vorwaltet, den andern Verbindungen vor. Chlorine an Wasser gebunden bietet zwar ein treffliches Mittel für die Entfärbung dar; allein ihr Geruch ist für die Arbeiter schädlich, welches mich veranlaßte, ihren Gebrauch aufzugeben.

Das zu bleichende Stroh schichte ich in flache hölzerne Wannen der Länge nach ein, bringe über die Quere derselben hölzerne Stäbchen, um das Stroh in der Flüßigkeit untergetaucht zu halten. Die klare Chlorinkalk-Auflösung in derselben Stärke wie bei'm Bleichen der Leinwand wird mit gleichen Theilen Wasser verschwächt auf das Stroh gebracht, und so lange über demselben gelassen, bis die bleichende Wirkung entkräftet ist, welches gewöhnlich in 24 Stunden erfolgt. Durch den unten an der Wanne angebrachten Spunt lasse ich die Flüßigkeit ablaufen, und das Ganze durch frisches Bleichwasser ersezen. In beiden Bädern bleibt das Stroh 24 Stunden lang offen liegen, wird sodann herausgenommen, sorgfältig gewaschen, und für das schweflichtsaure Bad vorgerichtet.

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Bei dieser Operation zerstört die Chlorine einen großen Theil des Färbestoffs; das Stroh nähert sich in seiner Farbe einer weißen, in hell nanking schillernden, Pflanzenfaser.

D) Vierte Operation. Behandlung in der schweflichten Säure.

Hiezu bediene ich mich einer langen Wanne, die von Oben nach Unten gegen den Boden spizig zuläuft, und unten mit einem Spunt versehen ist. In diese Wanne wird, so hoch das Stroh loker eingelegt ist, ein durchlöcherter Dekel von Holz fest eingesezt, um zu verhindern, daß die Flüßigkeit das Stroh in die Höhe hebt. Wenn das Stroh eingeschichtet, und der Dekel befestigt ist, dann wird mit Wasser verdünnte liquide schweflige Säure so eingegossen, daß die Flüßigkeit in gleichem Niveau mit dem durchlöcherten Dekel steht. Ein zweiter möglichst luftdichter Dekel dient dazu, die Wanne zu schließen, damit die schweflichte Säure nicht in Gasgestalt entweichen kann. Nach Verlauf von 24 Stunden, öffne ich den Dekel, um durch den Geruch die Bleichwirkung der schweflichten Säure zu prüfen. Hat sich der Geruch derselben stark vermindert, so ist es ein Zeichen, daß auf Rechnung des Bleichens ein großer Theil der Säure in Schwefelsäure umgeändert, und ihre Bleichkraft in demselben Verhältniß verloren hat. Die Flüßigkeit wird nun abgelassen, das Stroh heraus genommen, gut ausgewaschen, und auf dieselbe Weise noch einmal der Einwirkung schweflichter Säure ausgesezt. Nach Verlauf von 36 Stunden lasse man die entkräftete Flüßigkeit ablaufen, nehme das gebleichte Stroh heraus, wasche es aus, und schreite zur fünften Operation98).

E) Fünfte Operation. Verschwächtes Chlorinkalkbad.

Dieses wird wie bei der dritten Operation 24 Stunden hindurch gegeben. Man wendet das Bad in einem mit mehr Wasser |199| verschwächtem Zustande an, so daß die doppelte Quantität Wasser hinzugegeben wird. Die chlorinirte Waare wird vor der sechsten Behandlung gut ausgewaschen.

F) Sechste Operation. Schwefelsaures Bad.

In einer ähnlichen Wanne wie die vorige, wird das Stroh, eingeschichtet, und das schwefelsaure Wasser so verschwächt hinzugegeben, als man es gewöhnlich in der Baumwollen- und Leinenbleiche (polyt. Journal B. 8. S. 74.) anzuwenden pflegt. Das Stroh, welches 24 Stunden darin liegen blieb, wird heraus genommen, durch Waschen in Wasser von dem anhängenden Sauerwasser befreit, und zur siebenten Operation geschritten.

Die bleichende Wirkung der mit vielem Wasser verschwächten Schwefelsäure auf die Pflanzenfaser haben wir früher bei dem Bleichen der Leinwand kennen gelernt. Auch bei dem Stroh, leistet sie wesentliche Dienste.

G) Siebente Operation. Verschwächtes schweflichtsaures Bad.

Man gibt die siebente und lezte Operation durch die mit dem doppelten Gewichte Wasser verschwächte schweflichte Säure in dem Apparate der vierten Behandlung 36 Stunden hindurch, wascht das Stroh höchst sorgfältig aus, und troknet es, wo möglich, an der Sonne. Es erscheint jezt vollkommen weiß, und zeichnet sich durch folgende Kennzeichen insbesondere aus.

  • a) Es besizt ein weißes, glänzendes, atlasartiges Ansehen;
  • b) ist so geschmeidig, daß man es ohne Zerkniken im feuchten so wohl als selbst im trokenen Zustande wie ein Band um den Finger wikeln kann;
  • c) die Eigenschaft der Elasticität zeichnet sich vor jedem Stroh, das durch andere Bleichverfahren weiß gemacht ist, auffallend aus;
  • d) es wird durch Einwirkung der Luft nicht wieder gelb;
  • e) läßt sich in angefeuchtetem Zustande zu den zartesten Haarfäden, oder so fein wie Seide spalten, und läßt sich so zu den allerkostbarsten Geflechten und Geweben der Luxus-Gegenstände verarbeiten; endlich
  • f) ist die natürliche Sprödigkeit des Strohes ganz aufgehoben, so zwar, daß man den feinsten Haarfaden ohne das Brechen befürchten zu dürfen, wikeln und spulen kann.
|200|

Durch dieses Bleichverfahren wird der natürliche Firniß und der Färbestoff, welche das Stroh im rohen Zustande spröde und brüchig machen, ganz hinweggeschaft. Die Bast- und Holzfaser bleiben im weiß gebleichten Zustande zurük, und das Stroh läßt sich, wenn es von guter Beschaffenheit war, zu den allerfeinsten Stroh-Fabrikaten verarbeiten. Bei ganz feinen Arbeiten, als fertige Stroh-Manufactur-Gegenstände, wird es hin und wieder nöthig, den durch das Spalten, Flechten und Verarbeiten hinzugebrachten Schweiß und andere anhängende Unreinigkeiten wegzuschaffen, um den Gegenstand in seiner höchstmöglichsten Weiße zu erhalten. Dieses geschieht dadurch, daß man die Arbeiten in einer völlig hellen alkalischen Flüßigkeit (1 Theil Pottasche in 300 Theilen Wasser gelöst) 24 Stunden lang sorgfältig einweicht, in Wasser rein abwascht, und noch einmal in schweflichtsaurem Gast schwefelt.

Um Strohpapier weiß zu erhalten, muß das Stroh zuvor gebleicht werden, ehe man es der Papier-Fabrikation unterzieht.

Geringe im Preise wohlfeile Strohwaaren, können nicht mit jener Sorgfalt behandelt werden, weil der Bleichproceß zu kostspielig, und überhaupt dergleichen Stroh-Manufactur-Gegenstände nie ganz weiß in den Handel gebracht werden. Bis jezt begnügte man sich gewöhnlich damit, das Stroh mit Wasser zu kochen, und ein- oder auch zweimal der Einwirkung schweflichtsaurer Dämpfe auszusezen.

Weißer als bisher und eben so wohlfeil lassen sich dergleichen Strohwaaren erhalten, wenn man sie nach den vorgeschriebenen Wasserbädern mit schwachen alkalischen Laugen langsam kochen läßt, und abwechslungsweise in die durch feines Stroh schon benuzten Chlorinkalk- und liquide schweflichtsaure Bäder bringt, welche ohnehin weggeworfen werden. Durch ein solches Verfahren werden die Bleichmaterial-Kosten nicht erhöht, weil die wenige Pottasche, welche hiezu gebraucht wird, den Schwefel aufwiegt, der früher angewendet wurde. Die vermehrte Arbeitskosten ersezen sich reichlich durch das vollständigere Bleichen. – Ganz ordinäre Strohwaaren werden gar nicht gebleicht.

Das beßte Stroh für die feinsten Strohgeflechte, liefert der Sommer-Weizen, auf diesen folgt Winter-Weizen, dann |201| Spelz- und Haberstroh. Roggen- und Gerstenstroh kann nur zu groben Gestechten gebraucht werden.

Alle diese Strohgattungen lassen sich aber sehr veredelt ziehen, wenn bei ihrem Anbau bloß das Stroh berüksichtigt wird99). Es muß kurz vor dem Reifwerden eingeerndet werden, weil das Reifwerden alle Strohgattungen mehr brüchig macht.

Sommer-Weizen, welcher auf einem trokenen Aker dünne gesät, und nach obiger Vorschrift eingeerndet wurde, liefert auf deutschem Boden ein Stroh, das, nach unserer Methode gebleicht, dem beßten italiänischen Stroh für ganz feine Geflechte an die Seite gestellt werden kann.

Da das rohe Stroh durch sorgfältige Cultur in unserem Vaterlande ein eben so brauchbares Naturprodukt wie in Italien und anderen Staaten liefert, wenn es mit Sachkenntniß gepflanzt und gepflegt wird, so verdient dieser landwirtschaftliche und zugleich industrielle Gegenstand die wichtigste Beherzigung. – Werfen wir einen Blik auf die große Summe, welche jährlich nach Italien und andere Länder für Stroharbeiten aus Süd- und Nord-Deutschland wandern, die nie wiederkehren, wo häufig einzelne Damenhüte mit 100 bis 500 Gulden bezahlt werden, so wird die Wichtigkeit dieses Gegenstandes uns anschaulich vor Augen liegen. Wollen wir Deutsche bei dem uns natürlich angeborenen Fleiße dem Auslande stets zinsbar bleiben?!!

Die Strohmanufacte jeder Art, lassen sich bei verbesserter Einrichtung, Vervollkommnung und Vervielfältigung bei einer frohen Aussicht, daß die Stroharbeiten täglich gesuchter, und als Hüte im Sommer ihrer Leichtigkeit wegen unentbehrlicher geworden, zu einem äußerst wichtigen Industriezweig des Vaterlandes erheben. Ihr Aufblühen und der Flor derselben greift in die große Kette der Nationalökonomie ein, und erhöht den Nationalwohlstand.

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Viele geschäftslose arme Menschen, Greise, gebrechliche Männer und Frauen, Kinder der zartesten Jugend, können durch diesen Industriezweig Sommer und Winter hindurch beschäftigt werden, und ihren Unterhalt redlich erwerben. Die Baumwollen- und Schafwollen-Spinnerei durch Maschinen, hat ohnehin viele thätige Hände verwaist, wovon ein großer Theil durch Stroharbeit neue und nüzliche Beschäftigung erhalten kann.

Darstellung der liquiden schweflichten Säure zum Bleichen des Strohes.

In einem großen gläsernen Ballon von der Form derjenigen, worin gewöhnlich die französische Schwefelsäure versendet wird, werden 8 Pfund trokne Sägespäne gebracht, derselbe in ein geeignetes Sandbad gesezt; durch eine krumgebogene Glasröhre, welche in den Entwikelungsballon nur bis in die Mitte des Halses reicht, nach Art des Woulf'schen Apparates, mit einem ähnlichen Vorlage-Ballon in welchem die Glasröhre bis ungefähr, 2 Zoll von dem Boden entfernt geht, in Verbindung gebracht, und nachdem noch 3 ähnliche Ballons auf dieselbe Weise durch ähnliche Glasröhren neben einander daran gefügt wurden, wird in den Entwikelungsballon ein Eingußrohr, welches fast bis auf den Boden reicht, senkrecht eingesezt, und der Hals des Ballons gut verkittet. Die 3 ersten Vorlagen werden bis 3 Zoll unter dem Hals mit Wasser gefüllt, und ebenfalls luftdicht verkittet. Der vierte erhält nur die Hälfte Wasser, und bleibt offen um dem kohlensauren Gase Ausgang zu verschaffen und die Spannung auf den Entwikelungs-Ballon zu verhindern. Nachdem der Kitt ungefähr eine Stunde angezogen hat, wird das Eingußrohr etwas gelokert, und 24 Pfund rauchende Schwefelsäure (sogenanntes sächsisches Vitriolöl) durch dasselbe eingegossen; das Eingußrohr schnell herausgenommen, ein mit weichem Kitt beschlagener Kork eingestekt, und der Ballonhals, soweit er mit Kitt beschlagen ist, mit nasser Blase und Bindfaden umwunden, und so luftdicht verschlossen.

Schon bei'm Eingießen der Schwefelsäure entwikelt sich schweflichte Säure in Menge, die man an den übergehenden Dämpfen und der Bewegung in der Vorlage bemerken kann. In diesem Zustande läßt man die Entwikelung einige Zeit ihren |203| Gang nehmen, und unterstüzt dieselbe nachher durch angebrachtes Feuer, daß die Masse im Ballon zum gelinden Sieden kommt. Wenn keine schweflichte Säure mehr übergeht, welches man am Aufhören der Bewegung in der Vorlage erkennt, wird der Entwikelungs-Apparat geöffnet, damit die schweflichte Säure der ersten Vorlage nicht in den Entwikelungsballon zurük tritt.

Bei der Operation der Darstellung dieser schweflichten Säure, sezt die Schwefelsäure einen Theil Sauerstoffes an die Holz-Späne ab, welche verkohlt werden. Es entwikeln sich Kohlensäure und Wasserstoffgas, welche in die Vorlage übergehen, durch die schweflichte Säure aber wieder ausgetrieben werden. Die schweflichte Säure entweicht unter Gasgestalt, tritt durch die Entwikelungs-Röhren in das Wasser und verbindet sich damit zur liquiden schweflichten Säure. Ist das Wasser in der ersten Vorlage damit gesättigt, so sättigt sich der zweite, zulezt der dritte Ballon, und der Rest verbindet sich mit dem Wasser der lezten Vorlage, durch welche die Kohlensäure und das Wasserstoffgas entweichen100).

Da das Wasser in niederer Temperatur fähig ist, die schweflichte Säure reichlicher aufzunehmen, als in einer höheren, so ist es rathsam, das Wasser so kalt als möglich anzuwenden, und im Sommer den Ort wo die Bereitung geschieht, vor dem Zutritt der Sonne zu bewahren.

Nach gut vollendeter Arbeit, kann die erhaltene liquide schweflichte Säure noch mit der Hälfte ihres Gewichtes Wasser, zur Anwendung, verdünnt werden, wodurch 220 bis 230 Maß Bleichflüssigkeit (die Maß zu 2 Pfund) erhalten wird.

Die hier angegebene Bearbeitungsart der schweflichten |204| Säure zur technischen Nuzanwendung im Großen, ist eine der vortheilhaftesten, die wir kennen101).

Die sauren schweflichtsauren Salze werden eben so bereitet. Statt Wasser Kalilauge vorgeschlagen, erhält man saures schweflichtsaures Kali, mit der Soda saures schweflichtsaures Natron und mit der Kalkmilch sauren schweflichtsauren Kalk102).

|191|

Hermbstädt's Bulletin des Neusten und Wissenswürdigsten etc. Bd. 8. S. 97–112. Hermbstädt's gemeinnüziger Rathgeher etc. Bd. 1. S. 160–163. A. d. Verf.

|192|

Vergleiche: über Verfertigung der Strohhüte und andere Strohwaaren von R. R. Dr. Höck im 7ten Bande dieses Journales S. 320–327. A. d. Verf.

|193|

Bulletin des Neusten und Wissenswürdigsten von Hermbstädt, B. 8. S. 100. A. d. Verf.

|193|

Samuel Parkes chemische Abhandlungen und Versuche für die Künste und Manufacturen in Großbritanien, aus dem Englischen übersezt 1te Abtheilung S. 268. A. d. Verf.

|194|

Technologisches Lexicon B. 5. S. 167. A. d. Verf.

|195|

Im Laufe meiner Versuche Stroh zu bleichen, versprach ich mir durch die Fermentation eben denselben guten Erfolg, wie bei der Baumwollen- und Leinen-Bleiche. Ein Bündel Stroh wurde mit heißem Kleienwasser eingesezt, und so lange darin gelassen, bis durch die Fermentation eine essigartige Säure gebildet war. Dieses erfolgte im Sommer in Zeit von 4 Tagen. Das fermentirte Stroh wurde herausgenommen, ausgewaschen, und mit einem frischen Bündel von derselben Sorte alle Gänge der Bleichoperation durchgeführt. Im ganzen Verlauf dieser Operation, verhielt sich das eine wie das andere, und lieferte den Beweis, daß die gedachte Wirkung, das Stroh fermentiren zu lassen, von keinem besonderen Erfolg war. A. d. Verf.

|196|

In Ländern, wo die gereinigte Soda wohlfeiler als Pottasche zu haben ist, kann man sich ihrer mit gleich gutem Erfolg bedienen, wenn gegen 1 Pfund kalireicher Pottasche 1 3/4 Pfund Soda in Anwendung gebracht wird. A. d. V.

|196|

Kaustische Alkalien zerstören schon in mäßig concentrirtem Zustande das Stroh. Der Bast und die Holzfaser verlieren ihre Cahäsionskraft wodurch sich das Stroh in seinen natürlichen Eigenschaften von den Baumwollen- und Leinen-Stoffen unterscheidet; es ist daher ein großer Irrthum, wenn man das Stroh den andern Pflanzen-Fasern gleich stellt, wie ich dieses im Verfolge meiner Untersuchungen bestätigt fand. Ein Bund Weizen und ein Bund Roggenstroh wurden mit Kleien-Wasser der Fermentation unterworfen, zwei gleiche Bunde Weizen- und Roggenstroh mit Wasser nach angegebener Behandlung zur alkalischer Lauge vorbereitet. Alle vier Bunde in einer kaustisch-alkalischen Lauge von 2 1/2 ⍜ stark, nach Becks Areometer, 5 Stunden lang gekocht, gaben folgende Resultate: a) die alkalische Lauge verlor ihren alkalischen Geschmak vollkommen, und hatte so viel färbbare Materie ausgenommen, daß die Flüßigkeit specifisch dichter und wie ein dunkles |197| braunes Bier aussah. Auf der Oberfläche der gefärbten Lauge sammelte sich eine beträchtliche Quantität zähen Schleims, welcher dem Anfühlen nach gummiharziger Natur zu seyn schien. Er glich einer Gummiharzlösung, besaß eine dunkelbraune Farbe, getroknet erschien er spröde, von schwärzlich brauner Farbe. b) die Dauerhaftigkeit des Strohes war völlig zerstört, und das Stroh bildete eine klebrige bräunlich gelb gefärbte Maße, welche in Wasser ausgewaschen, den Schleim nicht verlor, und so schlüpferig wie schleimige Fische anzufühlen war. In Chlorinkalk-Auflösung gebracht, zerstörte sich ein großer Theil der kleberigen Materie, unter starker Entwiklung freier Chlorine, und hinterließ mir mehr gelblich gefärbte, weiche, holzige Maße, die sich einer durch Chlorine zerstörten Holzfaser fast analog erwies. Ausgewaschen und getroknet ließ sich der Rükstand zwischen den Fingern wie Mehl zerreiben. Diese Erscheinung der Zerstörung des Strohes durch kaustisch alkalische Lauge, begründet den Schluß, daß der Bast des Strohes in derselben größern Theils aufgelöst, und nach Ausziehung der färbbaren Materie, die Holzfaser in ihrem Zusammenhange aufgehoben wird. A. d. Verf.

|198|

Die Wirkung der schweflichten Säure auf das Stroh gründet sich auf Entziehung von Sauerstoff, durch dessen Aufnahme die schweflichte Säure in Schwefelsäure verwandelt, und das Stroh in seiner Farbe weißer erscheint. Ich ziehe die Behandlung mit liquider schweflichter Säure jener mittelst schweflicht sauren Dämpfen vor, weil das Stroh durch erstere gleichmäßiger entfärbt, und dadurch eine bessere Elasticität herbei geführt wird. Die sauren schweflichtsauren Verbindungen bewirken dasselbe, kommen aber im Preise höher zu stehen. A. d. V.

|201|

Wenn das Stroh eingeerndet, die Aehren abgeschnitten und getroknet werden, lassen sich die Getreidearten auf feines Mehl verarbeiten, das für Bakwerke insbesondere gebraucht werden kann. A. d. Verf.

|203|

Wenn der vierte offene Ballon mit schwacher alkalischer Lauge oder Kalkmilch statt mit Wasser beschikt wird, so entweicht gar keine schweflichte Säure, im Fall das Quantum der Holzspäne und der Schwefelsäure im Entwikelungsballon vermehrt wird, weil das alkalische Salz und der Kalk ein stärkeres Bindungsvermögen besizen. Mit liquider schweflichter Säure diese Flüssigkeit nach beendigter Operation übersezt, werden saure schweflichtsaure Salzauflösungen gewonnen, die zum Bleichen verwendet werden können. A. d. Verf.

|204|

Die schweflichte Säure chemisch rein zu bereiten, bedient man sich anderer Zersezungsmittel für die Schwefelsäure; als Silber Kupfer und besonders Queksilber. Alle organische Substanzen, welche der Schwefelsäure Sauerstoff entziehen, sind zur Darstellung dieser Säure geeignet. Brauner Zuker liefert mit derselben die größte Menge. A. d. Verf.

|204|

Ueber die schweflichte Säure und schweflichtsauren Verbindungen, empfehle ich den Lesern „Ueber Fabrikation der schweflichten Säure in Frankreich und den Gebrauch derselben im 9. Bande“ dieses Journals S. 343–347; einen höchst gediegenen Aufsaz aus dem Dictionaire Technologique, nachzulesen. A. d. Verf.

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