Titel: Stevenson's Beschreibung hängender Brüken.
Autor: Stevenson, Robert
Fundstelle: 1823, Band 10, Nr. XLV. (S. 264–275)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj010/ar010045

XLV. Beschreibung hängender Brüken. Von Rob. Stevenson, Esqu. F. R. S. E. bürgl. Baumeister.

Aus dem Edinburgh Philosophical Journal. Im Repertory of Arts, Manufactures et Agriculture. N. CCXLIX. Febr. 1823. S. 153.

Mit Abbildungen auf Tab. VII.

Die Kunst, Brüken, oder wenigstens etwas, was dieselben ersezen konnte, zu bauen, muß so alt seyn, als die früheste Periode der Civilisation. Die gewöhnliche Methode, wie man heute zu Tage in Amerika und in dem Binnenlande von Hindostan über Flüsse und Gräben gelangt, ist mittelst Seile verschiedener Art, die von einer Seite zur anderen gespannt sind, und auf welchen ein Steig für den Reisenden und für sein Gepäk angebracht ist, obschon derselbe öfters in einen Korb gesezt, und mit seinem Gepäke über die Seile quer hinübergezogen wird, während sein Maulthier durch den Fluß schwimmt, oder an den Wänden des Grabens hinab und hinan klettert.

Man kann es allerdings als eine traurige Erscheinung betrachten, daß man bei dem gegenwärtigen, so weit vorgerükten Zustande der Künste den Bewunderung erregenden Bogen von Mauerwerk mit all seiner Stärke und Symmetrie beseitigen, und dafür hängende Brüken aus beweglichen Ketten, als Nachahmung der rohen und einfachen Versuche der frühesten Zeiten, wieder einführen will. Wir wollen wahrlich unseren neuesten wissenschaftlichen Zustand nicht gering schäzen und herabwürdigen; wir wollen vielmehr dem philosophischen Geiste jenes Mechanikers dankbar huldigen, der die krumme Kettenlinie zu benüzen, und aus den Ideen der Wilden selbst in dem gebildetesten Zustande der Gesellschaft Vortheil zu ziehen wußte. Wenn entweder aus ökonomischen Gründen oder aus vielen anderen Rüksichten eine gemauerte Brüke, unter gewissen Verhältnissen, unausführbar ist, so muß es doch höchst erfreulich seyn, wenn wir durch eine solche Vorrichtung Reisende und Güter über einen Fluß, oder selbst über einen Arm der See, auf eine Weise |265| fördern können, die noch vor wenigen Jahren kaum möglich schien129).

Brüken von Gußeisen. Während des lezten Krieges, wo der Preis des Bauholzes und ausländischen Eisens außerordentlich hoch gestiegen ist, ließ man kein Mittel unversucht, englisches Eisen überall, wo es nur immer möglich war, anzuwenden. Die Anwendung des englischen Gußeisens auf Brüken fing bald an, bedeutend zu werden. Die erste Brüke dieser Art wurde, wie es scheint, im Jahr 1779 über die Severn, in der Nähe der Eisenwerke von Colebrook Dale in Shropshire, errichtet. Sie bestand aus einem massiven Bogen von 100 Fuß. Bald nach diesem kühnen Unternehmen kam eine Menge anderer eiserner Brüken in verschiedenen Theilen der vereinigten Königreiche zum Vorscheine, von welchen die über den Weir bei Sunderland die bedeutendste war; sie mißt in der Spannung 236 Fuß. In den neueren Zeiten erhielten wir die Southwark-Brüke über die Themse, |266| (nach dem Plane des Hrn. Rennie) deren mittlerer Bogen nicht weniger als 240 Fuß in der Spannung mißt130). Man hat selbst vorgeschlagen. Bogen von Gußeisen von mehr dann 500 Fuß zu sprengen. Diese ungeheueren Werke aus Gußeisen, die unbestreitbar das Werk englischer Künstler sind, haben indessen sowohl in Hinsicht auf ihre materielle Größe als auf die Größe ihrer Kosten, ihre Gränzen. Man mußte also den Brüken-Baumeister in den Stand sezen, unter anderen Verhältnissen andere Mittel zu finden, einen dauerhaften Fahrweg an die Stelle einer lästigen und gefährlichen Fähre zu sezen.

Dieß wurde mit bewundernswerther Einfachheit und Sparsamkeit durch Anwendung der krummen Kettenlinie bewirkt, deren Eigenschaften bisher von den Mathematikern nur als ein Gegenstand müßiger Curiosität betrachtet wurde. Jezt aber, wo man Ketten aus geschlagenem Eisen in Form eines umgekehrten Bozens anwendet, wird diese Krumme auf Hängebrüken benüzt, und statt der gewöhnlichen Bogen angewendet.

Ketten-Brüke zu Winch. Die ältesten hängenden Brüken, die wir kennen, sind die chinesischen, die sehr lang seyn sollen. Major Rennell beschreibt auch eine Brüke dieser Art über den Sampoo in Hindostan von ungefähr 600 Fuß Länge. Die erste Kettenbrüke in unserem eigenen Lande (in England) ist, wie man glaubt, jene zu Winch über den Fluß Tees zur Herstellung einer Verbindung zwischen den Grafschaften Durham und York. Sie findet sich beschrieben und im Aufrisse gezeichnet im 3ten Bande von Hutchinson's Antiquities of Durham, welche zu Carlisle im Jahr 1794 erschienen. Seite 279 kommt hierüber folgende Stelle vor: „Die Gegenden um den Tees sind reich an den romantischsten und mahlerischsten Partieen, an herrlichen Wasserfällen, Felsen und grottesken Höhlen. Ungefähr zwei Meilen über Middleton, wo der Fluß in wiederholten Cascaden herabfällt, ist eine Brüke von Ketten über einen beinahe 60 Fuß tiefen Abgrund von einem Felsen zum anderen gespannt, damit Reisende, und vorzüglich Bergleute, über denselben gelangen können. Die Brüke ist 70 Fuß lang, und nicht viel mehr als |267| 2 Fuß breit, mit einem Handgeländer an einer Seite, und mit Bohlen belegt, so daß der Wanderer bei jedem Tritte die zitternde Bewegung der Kette empfindet, und sich über einem brausenden Abgrunde auf einem schwankenden und schaukelnden Stege, den nur wenige Fremde zu betreten wagen, aufgehängt sieht.“ Wir bedauern, daß wir nicht im Stande waren, das Jahr der Erbauung dieser Brüke mit Bestimmtheit auszumitteln; aus guten Quellen wissen wir aber, daß sie ungefähr um das Jahr 1741 errichtet wurde.

Amerikanische Hänge-Brüken. Aus einer Abhandlung des Hrn. Thomas Pope, Architekten zu New-York, welche im Jahr 1811 in dieser Stadt erschien, (Treatise on bridges) erhellt, daß in verschiedenen Gegenden Amerikas 8 Ketten-Brüken errichtet worden sind. Wir müßen indessen hier bemerken, daß, wo es sich um das Recht der Erfindung zwischen uns und unseren Freunden jenseits des Oceans handelt, die Ketten-Brüke über den Tees in Amerika bereits bekannt war, indem Pope Hutchinson's 3ten Band anführt, und eine Beschreibung der Ketten-Brüke zu Winch liefert. Es erhellt ferner aus diesem Werke, daß die amerikanische Regierung auf Errichtung von Hänge-Brüken im Jahr 1808 ein Patent ertheilte. Herr Pope beschreibt eine Brüke dieser Art, die ungefähr um das Jahr 1809 über den Fluß Merrimack im Staate von Massachusets errichtet wurde, und die aus einem Kettenbogen von 244 Fuß Spannung besteht. Der Fahrweg über diese Brüke hängt zwischen zwei gemauerten Thürmen, die 37 Fuß hoch sind, und auf welchen Pfeiler von 35 Fuß Höhe aufgezimmert sind. Ueber diese sind 10 Ketten gespannt, jede von 516 Fuß Länge, deren Enden auf beiden Ufern in tiefe Gruben versenkt, und dort mit großen Steinen bedekt und befestigt sind. Diese Brüke über den Merrimack hat zwei Fahrwege, wovon jeder 15 Fuß breit ist. In der Beschreibung wird auch von drei Ketten gesprochen, die an der Seite hinlaufen, und von 4 Ketten in der Mitte oder zwischen den beiden Fahrwegen. Der ganze Kosten-Betrag dieser Brüke wird auf 20,000 Dollars geschäzt, und die Brüke ist auf eine Last von 500 Tonnen (1000 Zentn.) berechnet.

Vorgeschlagene Brüke zu Runcorn. Die schwierigste und unsicherste Aufgabe, die vielleicht jemals einem englischen |268| Baumeister vorgelegt wurde, war der Vorschlag einiger höchst patriotischen Männer zu Liverpool, die eine Brüke über die Mündung des Mersey bei Runcorn Gap, ungefähr 20 Meilen von Liverpool, errichtet zu sehen wünschten. Man wollte, daß die Spannung dieses Werkes wenigstens 1000 Fuß halten, und nicht weniger als 60 Fuß über der Oberfläche des Wassers stehen sollte, so daß die Schiffahrt auf diesem für den Handel so wichtigen Fluß dadurch nicht im Mindesten gehindert werden sollte. Die Idee zu dieser Brüke hatte man, wo ich nicht irre, im Jahr 1813, wo der Arbeitslohn außerordentlich niedrig stand, und eine große Anzahl von Arbeitsleuten in Lancashire ohne Beschäftigung war. Der Ausschuß der Ehrenmänner, die an dieser großen Unternehmung Theil nahmen, legte eint Menge von Planen vor, unter welchen der einer Hänge-Brüke den meisten Beifall erhielt. Herr Telford, Baumeister, und Capitän Brown, von der königl. Flotte, sollen so ziemlich über die Ausführbarkeit desselben überein gekommen seyn. Hr. Telford hat hierüber ausführlichen Bericht erstattet, und die Auslage, nach seinem Plane, zwischen 63,000 und 85,000 Pfund angeschlagen, je nachdem nämlich derselbe auf diese oder jene Art ausgeführt würde. Obschon bisher wenig für die Ausführung dieses Planes geschehen ist, so ist doch die Neuheit und Größe eines Bozens von 1000 Fuß in der Weite ein Gegenstand von so hohem Interesse, daß wir es nöthig fanden, desselben hier wenigstens zu erwähnen.

Ketten-Brüke zu Menai. Die Engen, welche die Insel Anglesea von Caernarvonshire trennen, haben auf der Straße von London nach Dublin über Holyhead, wo man die lästige Fähre von Bangor vermeidet, längst schon ein trauriges Hinderniß gebildet. Man hat mehrere Plane zur Beseitigung derselben entworfen, vorzüglich mittelst Anwendung von Gußeisen, und Ueberschläge von 128,000 Pfund bis auf 268,000 Pfund entworfen; derjenige, den man jezt ausführt, ist eine Hänge-Brüke nach der Ketten-Krummen, die, zwischen ihren Pfeilern, 560 Fuß mißt, und nur auf 70,000 Pfund angeschlagen ist. Viele haben an dem Gelingen dieses Werkes gezweifelt: allein die Unions-Brüke über den Tweed, die 361 Fuß lang ist, wurde nach diesem Plane, wie wir unten sehen werden, bereits glüklich ausgeführt. Wir wollen indessen fortfahren, eine allgemeine |269| Uebersicht über die Fortschritte, die der Brükenbau mit geschlagenem Eisen in Schottland gemacht hat, zu liefern, indem in diesem Lande zuerst diese Kunst eine bedeutende Ausdehnung erhielt.

Galashiel's Draht-Brüke. Wir haben bereits von den großen Planen zu Ketten-Brüken über den Fluß Mersey und über die Engen von Menai gesprochen. Das erste Beispiel eines solchen glüklich ausgeführten Planes war die Brüke über den Tees. Die auf diese zunächst gefolgten Brüken aus geschlagenem Eisen, die wir in diesem Lande kennen, sind jene über den Fluß Tweed, und die in denselben sich ergießenden Gala und Etterick. Herr Richard Lees, welcher eine sehr große Tuch-Fabrik zu Galashiel besizt, deren verschiedene Werke dieß- und jenseits des Gala-Wassers gelegen sind, hatte zuerst die Idee, einen Steg aus dünnem Eisen-Drahte über dieses Wasser zu bauen, um mit Leichtigkeit zu allen Abtheilungen seiner Fabrik zu gelangen. Dieser Steg wurde im November 1816 erbaut, ist 111 Fuß lang, und kostet ungefähr 40 Pfund. Obschon er nur auf kurze Zeit und auf eine sehr unvollkommene Weise erbaut ist, so verdient er doch als die erste in Groß-Brittannien erbaute Draht-Brüke unsere Aufmerksamkeit, indem er zugleich ein praktisches Beispiel der Zähheit des zu ähnlichen Zweken angewendeten Eisens, und des Nuzens desselben unter verschiedenen Verhältnissen, vorzüglich aber in einer solchen Gegend, wie das Tweed-Thal, gewährt, in welchem das Fortschaffen von Lasten, die einen großen Raum einnehmen, äußerst kostbar ist.

Draht-Brüke zu King's Meadows. Auf obige Draht-Brüke kam die Ketten-Brüke von Dryburgh; wir wollen aber zuerst die Draht-Brüke zu King's Meadows, auf dem Gute des Baronet Sir John Hay, beschreiben, von welcher wir Fig. 1 Tab. III. eine Zeichnung liefern. Dieser Steg, der etwas unter Peebles über den Tweed geht, ist 110 Fuß lang, 4 Fuß breit, und mit einem artigen Landhause geziert, das in der Zeichnung angedeutet ist. Die HHn. Redpath und Brown zu Edinburgh haben den Bau in Contract genommen, und im Sommer 1817 für 160 Pfund ausgeführt.

Dieser Steg besteht aus zwei hohlen Röhren aus Gußeisen, die an beiden Ufern vier Fuß von einander errichtet sind, und in |270| deren jede eine Stange von geschlagenem Eisen paßt, an welcher die Hänge-Drähte und Bolzen mittelst Schrauben-Bolzen befestigt sind. Die unteren Enden der hohlen Röhren, welche die Pfeiler bilden, sind unter der Erde, nach Hrn. Turnbull's, Architekten zu Peebles, Plane, mittelst eines hölzernen Rostes befestigt, wie a in Fig. 1 darstellt. Unter dem Fahrwege werden sie von Strebe-Hölzern oder diagonalen Pfosten gestüzt, die gegen die Last des Gewichtes und die Bewegung des aufgehängten Steges wirken. Die oben erwähnten aufgerichteten Stangen bilden die Thore oder Eingange zu dem Stege, und an ihnen sind die Hänge-Drähte und Arme befestigt. Die verschiedenen Längen derselben sind nach Belieben mittelst Schrauben-Bolzen befestigt. Diese hohlen Röhren von Gußeisen messen 9 Fuß in der Höhe, halten 8 Zoll im Durchmesser, und 3/4 Zoll in der Metall-Dike. Die geschlagenen Eisenstangen, die in diesen hohlen Röhren eingefügt sind, bilden die Aufhängepuncte, sind 10 Fuß hoch, und 2 1/2 Zoll im Gevierte.

Der Geheweg ist aus Rahmen von geschlagenem Eisen gebildet, worauf Dielen von 6 Zoll Breite und 1 1/2 Zoll Dike mit Schrauben-Bolzen befestigt sind. Die Seiten-Geländer sind nett mit Stabeisen ausgemacht, auf welchem eine hölzerne Lehne befestigt ist. Der Geheweg hängt hier an diagonalen Drahten, nach einem anderen Systeme als jenem der Ketten-Krummen, wie bei Vergleichung von Fig. 1 mit Fig. 2 und 3 erhellt. Die Stärke der Drahte, an welchen in Fig. 1 die Ketten hängen, ist den Künstlern als Nr. 1 unter den Drahtsorten bekannt: ein solcher Draht hält ungefähr 3/10 Zoll im Durchmesser.

Die Rüken- oder Land-Arme sind aus Bolzen-Eisen, 3/4 Zoll im Durchmesser, und in Gelenke von 5–6 Fuß Länge getheilt. Die Schrauben-Bolzen haben einen Zoll im Durchmesser, und sind in allem 42, wodurch alle die Hänge-Stäbe und Drahte gespannt, und nach Belieben aufgezogen werden können. Eine Hänge-Brüke mit solchen Armen schwankt beinahe gar nicht, und zittert nur so, daß sie dadurch vielmehr die Idee von Festigkeit und Sicherheit erregt. Einen Beweis der Festigkeit dieser Brüke gibt der Umstand, daß sie, sogleich nach ihrer Vollendung, ganz und gar mit Menschen angefüllt war, ohne daß sie dadurch auch nur im Mindesten gelitten hätte.

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Draht-Brüke zu Thirlstane. Die einzige Draht-Brüke, die wir hier noch bemerken wollen, ist die des Hrn. Capitäns Napier über den Etterick bei Thirlstane-Castle. Ehevor war bloß ein Steg an Seilen hier über den Fluß gespannt; gegenwärtig ist aber eine Draht-Brüke daselbst, die 125 Fuß in der Spannung hält.

Ketten-Brüke zu Dryburgh. Die oben beschriebenen Draht-Brüken zu Galashiels, King's-Meadows und Thirlstane hängen, wie Fig. 1 zeigt, an diagonalen Armen. Derselbe Plan wurde auch an der bei Dryburgh Abbey zuerst erbauten Brüke befolgt, wo die Hänge- oder Trag-Stangen gleichfalls von ihren Hängepuncten zu beiden Zeiten strahlenförmig gegen den Mittelpunkt der Brüke ausfahren; denn bis jezt ward die Ketten-Krumme auf dem Tweed noch nicht angewendet. Die Brüke zu Dryburgh war 260 Fuß lang (von ihren Hänge-Puncten aus gemessen), und 4 Fuß breit. Sie wurde von den HH. Joh. und Wilh. Smith, Baumeistern und Architekten bei Melrose, auf Kosten des Earl of Buchan gebaut, der Eigenthümer der Fahre daselbst ist, und kostete demselben mit Allem und Allem ungefähr 720 Pfund. Die Brüke war für Fußgänger und Saum-Rosse. Ihr Bau wurde am 13. April 1817 angefangen, und am 1. August desselben Jahres wurde sie dem Publicum eröffnet, so daß der ganze Bau dieser Brüke wenig mehr als vier Monate erfoderte.

Hr. Joh. Smith, einer der oben erwähnten Baumeister, bemerkte, daß, als diese erste Brüke nach dem Grundsaze der Diagonalen erbaut war, wie Fig. 2, sie eine sanfte schwingende Bewegung hatte, die man deutlich fühlte, wo man über dieselbe ging. Der Hauptfehler bei diesem Baue war die zu lose Spannung der Diagonal-Ketten, welche, in Verhältniß zu ihrer Länge, Segmente der Ketten-Krummen von verschiedenem Halbmesser bildeten. Die Bewegungen dieser Ketten waren noch überdieß einer solchen Beschleunigung fähig, daß drei oder vier Personen, die auf eine sehr wenig geeignete Weise sich mit dem Versuche unterhielten, wie weit diese Beschleunigung getrieben werden kann, eine solche Erschütterung an allen Theilen der Brüke hervorbrachten, daß eine der längsten Diagonal-Ketten nahe an dem Hängepuncte derselben brach. Bei einer anderen Gelegenheit riß, während |272| eines sehr starken Windes, eine der horizontal unter den Dielen der Brüke hingespannten Ketten, und am 15. Jäner 1818, also 6 Monate nach der Erbauung derselben, schwankte die Brüke während eines äußerst heftigen Windes so sehr, daß die längsten Ketten wieder rissen, die Plattform hinabgeweht, und die ganze Brüke zerstört wurde. Unglüklicher Weise waren die HH. Smith damals vom Hause abwesend; aus den Aussagen der vielen Augenzeugen, die die Brüke stürzen sahen, ergab sich aber, daß die verticale Bewegung vor dem Falle der Brüke beinahe eben so groß war, als die Seitenbewegung derselben, so daß sie jeden, der auf derselben gegangen wäre, in den Fluß geschleudert haben würde.

Die Augen an dem einen Ende der Stäbe oder Ketten-Glieder der Ketten dieser Brüke waren geschweißt; das andere Ende war bloß umgebogen, und mit einem Halsbande versehen, wie b in Fig. 2 zeigt. Es verdient wohl besonders bemerkt zu werden, daß, nachdem die Brüke stürzte, und man die Stäbe oder Glieder der Kette genau untersuchte, man nur ein oder zwei Stüke fand, die an dem geschweißten Ende gebrochen waren; dafür waren aber die offenen Augen, die nicht geschweißt waren, beinahe alle gebrochen, wie die Figur 2 in bb zeigt. Indessen wurde diese Art von Kettenfügung den HH. Smith von einem sehr erfahrnen Schmiede empfohlen.

Die plözliche Zerstörung dieser Brüke erregte so großen Antheil durch das ganze Land, und ward für die Errichtung der Ketten-Brüken überhaupt so wichtig erachtet, daß mehrere von jenen Herren zu Liverpool, die sich für die vorgeschlagene Brüke zu Runcorn interessirten, die Reise nach Schottland unternahmen, bloß um die Umstände dieses Unfalles genauer kennen zu lernen. Die HH. Smith hatten sich gegen den Earl of Buchan verpflichtet, diese Ketten-Brüke für etwas weniger als 500 Pfund zu bauen, und hatten nur für alle Zufälle während der Errichtung derselben zu sorgen, so daß der ganze Schaden auf Lord Buchan fiel.

Die Nüzlichkeit der Brüke von Dryburgh, verglichen mit der Mühseligkeit einer Fähre, zeigte sich selbst während der kurzen Zeit von 6 Monaten auf eine so entschiedene Weise, daß Lord Buchan ohne Anstand auf der Stelle die Wiederherstellung |273| der Brüke befahl. Diese geschah auch alsogleich nach einem besseren Plane mit einem Zuschusse von 200 Pfund, und in weniger denn drei Monaten ward die Brüke wieder dem Publicum geöffnet. Diese Brüke ist jezt nach dem Grundsaze der Ketten-Krummen erbaut (Vergl. Fig. 2), und hängt an senkrechten Eisenstangen und Hauptketten (main-or catenarian chains). Die vorzüglichsten Abänderungen, die man an dem vorigen Plane machte, bestanden darin, daß man beide Augen oder Enden der Glieder zusammen schweißte, statt daß man das eine bloß umbog, und mit einem Halsbande befestigte; der Weg über die Brüke wurde durch ein starkes hölzernes Geländer verstärkt, das als Brustwehr diente, und dessen gute Wirkung man schon während des Baues der Brüke wahrnahm. Ein starker Wind, der, ehe dieses Geländer errichtet war, entstand, hob das eine Ende der Platt-Form über das Niveau des Brüken-Weges, und die wellenförmige Bewegung, die dadurch entstand, glich jener einer Woge auf der See; diese Bewegung pflanzte sich durch die ganze Brüke der Länge nach fort, und endete sich mit einer stoßenden Bewegung an dem entfernteren Ende. So bald aber die Seiten-Geländer aufgesezt wurden, ward dieser vertikalen Bewegung Einhalt gethan, und sie ist nun um Vieles vermindert. Die neu erbaute Brüke erhielt auch noch Aufhalt- oder Anker-Ketten, welche aus eisernen Stangen bestehen, die an Pfählen an beiden Ufern befestigt sind. Diese Ketten sind an den Pfosten des Brüken-Weges angeheftet, wie man an dem zu Fig. 2 gehörigen Grundrisse sieht. Man versichert, daß diese diagonalen Aufhalt-Ketten die Bewegung der Brüke bei starkem Winde etwas vermindern, was uns indessen, als wir im Jahr 1820 dieselbe untersuchten, durchaus nicht so vorkam.

Wir haben bereits bemerkt, daß diese Brüke zu Dryburgh nach dem Grundsaze der Ketten-Krummen erbaut ist. Sie hat ferner vier Hauptketten, welche paarweise zwischen den Aufhänge-Puncten horizontal gegen einander aufgehängt sind, wie Fig. 2 zeigt. Die Glieder der Haupt-Ketten, (catenarian chains) sind aus Stangen von Stab-Eisen verfertigt, die drei Achtel-Zoll im Durchmesser halten, und ungefähr 10 Fuß lang sind. Die Augen an jedem Ende dieser Stangen sind durch |274| kurze ovale Glieder verbunden, deren jedes ungefähr 9 Zoll lang ist. Die Plattform oder der Brükenweg hängt an senkrechten Stangen, die einen halben Zoll im Durchmesser halten, von den Hauptketten herab, und diese Stangen sind an ihren oberen Enden an den oben erwähnten kurzen Gliedern mittelst eines Querkopfes befestigt, während ihre unteren Enden einen Schrauben-Bolzen bilden, durch die Seiten-Bäume der Plattform laufen, und mittelst Schrauben-Nieten daran festgehalten werden, die auf eigenen Eisen-Plättchen (sogenannten Waschern) ruhen.

Die Hänge-Puncte dieser Brüke ruhen auf aufrechten Pfeilern 28 Fuß über dem Niveau des Brüken-Weges auf beiden Ufern. Die Hauptketten laufen über diese aufrechten Pfeiler, die aus Pfosten von Memelholz von 14 Zoll im Gevierte paarweise aufgerichtet sind, wie die zu Fig. 2 gehörige Zeichnung zur Linken unter der Aufschrift „Eingang zu Fig. 2 zeigt. Dieses Gerüst läßt einen Raum von 9 Fuß offen, der als Eingang zu dem Brüken-Wege dient. Oben sind die Seiten-Pfeiler mittelst des Querbalkens verbunden, auf welchem die Hauptketten ruhen, und von dort steigen sie, wie die Figur zeigt, in krummer Linie herab. Jedes Kettenpaar liegt auf diesem Eingange zur Brüke 12 Fuß weit von dem anderen entfernt; beide Paare nähern sich aber einander gegen den Mittelpunct der Brüke hin, wo sie an den Seiten-Balken befestigt sind, und stehen nur 4 1/2 Fuß voneinander entfernt, was nämlich die Breite des Brüken-Weges selbst ist. Durch diese Annäherung vertreten diese Ketten gewißer Maßen in Stelle von Aufhältern für den Brükenweg. Es ist indessen noch eine Frage, in wie fern es rathsam ist, den Haupt-Ketten eine schiefe Richtung zu geben; und wir sind vielmehr geneigt anzunehmen, daß es besser ist, den Haupt-Ketten eine mit ihrer Spannung oder Last parallele Lage zu geben.

Die Plattform oder der Brükenweg der Dryburgher Brüke steht ungefähr 18 Fuß über der Oberfläche des Flußes im Sommerwasser. Sie besteht aus zwei Balken von Föhrenholz, die der Länge der Brüke nach hinlaufen, und unter einander mittelst Querriegeln oder hölzernen Querbalken verbunden sind, die in dieselben eingezapft sind. Die Seiten-Geländer, die zugleich als Handlehnen dienen, werden von Diagonal-Armen und Querstüken gebildet. Der Brükenweg wird mit einer Bekleidung von |275| Brettern vollendet, die quer über denselben laufen, und Oeffnungen von ungefähr drei Viertelzoll zwischen sich lassen, damit bei nasser Witterung das Wasser durch dieselben abfließen kann. Unter der Plattform sind zwei Ketten aus kreisförmigen Stangen und von einem Zolle im Durchmesser unter den Balken hingespannt, und mit dem Mauerwerke an jedem Ende der Brüke zu größerer Sicherheit verbunden.

Die Hinteren Arme oder Landketten, welche zur Aufrechthaltung der senkrechten Pfeiler und als Gegengewicht gegen die Schwere der Brüke dienen, sind aus Stabeisen, einen Zoll dik, und auf eine bedeutende Tiefe in die Erde versenkt, wo sie durch große flache Steine laufen, die mit einer Masse von Mauerwerk beschwert sind, welches in bogenförmiger Gestalt aufgeführt ist, und als Ballast wirkt, wie Fig. 2 zeigt.

Während der Errichtung dieser Brüke zeigte sich ein Umstand, der besondere Aufmerksamkeit verdient. Man bemerkte nämlich, daß die Ketten-Krumme nicht dieselbe war, wenn die Haupt-Ketten bloß in ihrer eigenen Schwere herabhingen, und wenn sie mit der Last des Brüken-Weges beschwert wurden. An den Enden der Kette zu jeder Seite, und in dem Mittel-Puncte der Brüke, blieben die Anhänge-Puncte, nachdem die Haupt-Ketten beladen wurden, unverrükt: zwischen dem Mittel-Puncte, und jedem Eingange bildete der Brükenweg aber zwei verschiedene Krummen, deren Sinus-versus ungefähr 7 Zoll betrug. Diesem Nachtheile ward bald dadurch abgeholfen, daß die Hänge-Ketten verkürzt wurden. Indessen zeigt dieser Umstand, daß die Ketten-Krumme einer Veränderung unterliegt, wenn sie in der Richtung der horizontalen Fläche, welche der Brükenweg bildet, beladen wird.

Das Publicum ist nun dem Earl of Buchan zu nicht geringem Danke verbunden, daß er demselben für eine kleine, wenig einträgliche Fähre eine Brüke schenkte, und die Architekten derselben haben sich durch die Art, wie sie den Plan ausführten, alle Ehre verdient.

(Die Fortsezung im nächsten Hefte.)

|265|

Wir haben, wir gestehen es offen, nicht das Vertrauen auf den Geist unseres Zeitalters, auf dem festen Lande eine ähnliche Brüke auch nur über das kleinste Flüßchen gespannt zu sehen; wir sind gewohnt, jedes Jahr nach jedem Eisgange die Einwohner des einen Ufers eines Flußes von jenen des anderen in Handel und Wandel oft Monate lang abgeschnitten zu sehen. An dem Fluße, an welchem der Uebersezer wohnt, hat der lezte Eisgang durch Wegnahme eines oder mehrerer Joche nicht weniger als 18 Brüken auf einer Streke von einigen 20 Meilen so beschädigt, daß Monate, nicht bloß Wochen, vergehen müßen, bis zwischen den Einwohnern des einen und des anderen Ufers Verkehr Statt haben kann. In einem an diesem Flusse gelegenen, nicht unbedeutenden Städtchen, in welchem ein Landgericht, ein Rentamt, eine Post sich befindet, nahm das Eis ein Joch von der Brüke weg. Am fünften Tage darauf hatte man für das Fortkommen der Reisenden noch so wenig gesorgt, daß nicht einmal eine Fahre zur Ueberfahrt bereit war, und Reisende, die des Nachts ankamen, und Eile hatten, in einem Fischerkahne über den reißenden Fluß sich wagen mußten. Allerdings ist diese Liederlichkeit nur eine der vielen, die die löbl. Stadt-Magistrate seit der kurzen Zeit ihrer Wieder-Einführung an die Tagesordnung bringen wollen: indessen ließe sich allen den Calamitäten an den vielen Brüken dieses Flusses bis zur Wiederherstellung derselben leicht abhelfen, wenn man für die Zwischenzeit nur so klug seyn wollte, wie die Wilden, und einstweilen Strike und Ketten von einem Joche zum anderen spannte. A. d. Ueb.

|266|

Diese Brüke ist in dem Repertory, Band 19, beschrieben und abgebildet. A. d. O.

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