Titel: v. Kausler über den ballistischen Pendel.
Autor: Kausler, Franz Georg Friedrich
Fundstelle: 1823, Band 10, Nr. LII. (S. 292–304)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj010/ar010052

LII. Neue Versuche mit dem ballistischen Pendel, angestellt zu Woolwich. Mitgetheilt vom k. w. Artillerie Hauptmann von Kausler.

Der englische Artillerie Obrist Müller hat einen neuen Pendel verfertigen lassen, der größer und vollkommener ist, als alle bisher bei ballistischen Versuchen angewendeten Pendel. Der Bau desselben bot zahlreiche Schwierigkeiten dar. Man mußte 1tens an dem Ende eines langen Hebelarmes eine Masse von 3354 Kilogrammen135) aufhängen; 2tens mußten die Bewegungen der |293| Achse bis auf den Grad erleichtert werden, daß die Schwingungen gleichsam gar keinen Widerstand erlitten; 3tens mußte dem ganzen System solche Festigkeit gegeben werden, daß diese Bewegungen weder Stöße, noch Erschütterungen, noch überhaupt Unregelmäßigkeiten irgend einer Art hervorbringen konnten.

Diese Schwierigkeiten waren bei den früheren Versuchen des Doctors Hotton nicht beseitigt worden; die von ihm angewendeten Pendel ruhten auf hölzernen Böken; ein so wenig festes System erlitt bei jedem neuen Eindringen der Kugel in den Pendel äußerst heftige Erschütterungen, wodurch die Beobachtungen selbst immer mehr oder weniger unsicher wurden.

Auf dem zu den neuen Verfluchen ausgewählten Orte hat man zwei parallele Mauern erbaut, die etwa 2,75 Metre von einander entfernt, 6 Metre hoch und 5 M. lang sind. Der obere Theil dieser Mauern ist durch Zimmerwerke mit einander verbunden, das von der Seite und von Unten durch starke Dachsäulen unterstüzt ist. Dieses Rahmenwerk trägt zwei hölzerne Querbohlen, an welchen die eisernen Stüzen befindlich sind, auf denen die Achse des Pendels ruht. Ein Dach dekt das Holzwerk, und zwei kleine, oben an jeder Mauer angebrachte, Fenster dienen, 1tens, um Licht auf die Achse zu werfen; 2tens den Dampf hinaus zu lassen, der sich im Augenblik des Abfeuerns der Prob-Kanonen im Dachstuhl fängt. Die beiden Stüzen der Achse sind von gegoßenem Eisen; der obere Theil einer jeden hat eine durch 2 Neigungsebenen gebildete Vertiefung, welche gleich, jedoch in entgegengesezter Richtung, geneigt sind. Um jeder Abweichung der Pendel-Schwingungen zu begegnen, endigt sich die Achse in zwei Messer, die jedoch nicht sehr scharf sind, well sie sonst zu schnell abgestumpft werden; die aber nach einer kreisförmigen Krümmung von sehr kleinem Halbmesser abgerundet, und von vollkommen gehärtetem Stahl verfertigt sind.

Soll der Pendel sich schwingen, so gießt man etwas Oel auf die Neigungs-Ebenen der Stüzen; dadurch wird die Reibung unmerklich gemacht, welche die Messer der Achse auf diesen Stüzen etwa erleiden könnten.

Der Pendel ist aus Holzstüken gemacht, die an einander gelegt, und durch dike cylinderförmige Zapfen mit einander verbunden sind. Diese von dem Artillerie-General Berthom erfundene |294| vortreffliche Verbindung, deren man sich auch bedient, um die Holztheile eines Mastbaumes zusammen zu halten, erfüllt ihren Zwek vollkommen. Denn, wenn eine Kugel auf die Mitte eines der Holzstüke des Pendels trift, so ist dieses so fest und innig mit der anderen verbunden, daß sie ungeachtet der Gewalt des Stoßes um nicht mehr als um einen oder 2 Millimeter gegen dieselben rutscht.

Das Holzstük, in welches die Kugel eindringen soll, befindet sich in der Mitte des Peallelepipediums, das der Pendel bildet. Man kann eine gewiße Anzahl Kugeln in dieses Holzstük schießen, indem man bei'm jedesmaligen Eindringen einer neuen Kugel sorgfältig das Wachsen in dem Gewicht und in dem Moment der Trägheit des Pendels beobachtet.

Die Holzstüke, welche den untern Theil des Pendels bilden, sind von rein eisernen Zugbändern eingefaßt, deren Enden durch starke Bolzen und Schrauben zusammen gehalten werden. Die Aufhängung des Pendels wird bewerkstelligt: 1tens durch zwei sehr breite eiserne Stangen, welche senkrecht von der Achse nach der Mitte der Seite des Pendels herab laufen (wenn er nämlich in Ruhe ist); 2tens durch 4 runde eiserne Stangen, welche in der Diagonale von jedem obern Winkel des Pendels nach dem entferntesten Ende der Achse des Pendels laufen. Dort sind diese Stangen durch Schrauben und Bolzen befestigt. Dieses System gewährt den Vortheil, jede Seiten-Schwingung zu hemmen, selbst dann, wenn eine Kugel etwas rechts oder links von der Vertical-Ebene, die senkrecht auf der Aufhängungs-Achse des Pendels steht, und den Pendel in 2 gleiche symetrische Theile theilt, treffen würde.

Nachdem der Pendel construirt und aufgehängt war, handelt es sich darum, ein Mittel zur Messung der Schwingungen ausfindig zu machen. Hiezu gelangte man auf zwei verschiedene Weisen. Ueber die Achse wurde senkrecht ein metallener Zeiger von etwa 6 Decimetre Länge befestigt, der auf einen Quadranten, welcher mit der Pendel-Achse in einer senkrechten Ebene stund, die Bewegung des Pendels anzeigte. Dieser Quadrant ist von Kupfer, und in Grade eingetheilt. Längs der Gradeintheilung läuft in kielförmigen Fugen ein Zeiger. Durch den obern Theil der metallenen senkrechten Stangen geht eine Stellschraube, |295| vermittelst welcher man den Zeiger im Augenblik des Anfangs des Versuchs auf Null stellt, der Zeiger umgibt den in Grade eingetheilten Quadranten gleichsam wie eine Scheide; eine kleine Feder, welche denselben von dem Quadranten abwärts drükt, verhindert erstern, daß er wegen zufälligen Ursachen nicht aus seiner Richtung komme.

Trifft eine Kugel in den Pendel, so wird dieser dadurch bis auf einen gewißen Grad aus der verticalen Lage gebracht; die metallene Stange, welche diese Bewegung theilt, drükt den Zeiger vor sich her. Da, die Geschwindigkeit des Pendels in dem Augenblik, in welchem er in dem höchsten Punct ankömmt, Null wird, so wird in diesem Augenblik die durch die Stange dem Zeiger mitgetheilte Geschwindigkeit gleichfalls Null. Die leichte Reibung, welche der Zeiger erleidet, reicht hin, um den früher mitgetheilten geringen Grad von Geschwindigkeit, wieder aufzuheben. Der Zeiger, macht daher auf der Stelle Halt, wo der Pendel die vielgängige Bewegung beginnt. Hievon kann man sich leicht überzeugen, wenn man, beobachtet, wie bei, der zweiten Schwingung der Pendel wieder so nahe an den Zeiger kommt, daß man kaum einigen Raum zwischen beiden bemerkt. Indessen hat der Pendel von der zweiten Schwingung an, feine Geschwindigkeit verloren, und erhebt sich weniger hoch. Allein diese Abnahme der Geschwindigkeit geht sehr langsam. So hat z.B. der Pendel bei einer Schwingung, deren Weite 5 Grade beträgt, nach 60 Gängen hin und eben so viele zurük, während eines Zeitraums von 115 Secunden, nur 40 Minuten in der Weite seiner Schwingungen verloren; wenn daher die Abnahme zwischen diesen beiden Grenzen gleichförmig wäre, so kämen 2/3 Minuten auf jede Schwingung.

Der Grund einer so schwachen Abnahme ist leicht einzusehen, obgleich die Figur des Pendels für die Dauer seiner Bewegung nicht sehr vortheilhaft ist. Der Widerstand der Luft ist der Fläche des Meridian-Durchschnitts des von dem Pendel durchlaufenen Raums proportionirt; während die Größe der Bewegung des Pendels (unter übrigens gleichen Umständen) der Masse proportionirt ist. Demnach wird bei der Bewegung zweier ähnlicher Pendel, deren homologe Dimensionen a und A sind, das Verhältniß des durch die Luft verursachten Widerstands (in einem |296| gegebenen Augenblik) durch A²/a² ausgedrükt; das Verhältniß der Größe der Bewegung ist A³/a³; das Verhältniß des Widerstandes der Luft zur Größe der Bewegung wird daher durch A/a ausgedrükt; es wird um so mehr zunehmen, als A größer und a kleiner wird.

Außer dem Maße der Schwingungen, welches durch den Zeiger über der Achse des Pendels bewerkstelligt wird, ist eine zweite metallene Stange unterhalb des Pendels befestigt, so daß, wenn das System sich in Ruhe befindet, diese Stange in der Verticallinie ligt, die durch den Schwerpunct des Pendels und durch die Mitte der Aufhängungs-Achse geht. Ein Kreisbogen von maßivem Holz, ist unterhalb ausgehölt, mit Talg angefüllt, und an beiden Ränden in Grade eingetheilt. Der Bogen liegt in der Ebene, in welcher sich die Stange bewegt. Bei der Bewegung zieht diese Stange mitten in der kreisförmigen Talgmaße zwischen den beiden Grad-Eintheilungen eine Furche. Da der Pendel nach seiner ersten Schwingung keine mehr von derselben Größe macht, so läuft die Stange immer innerhalb dieser Furche hin und her, und die ganze Weite dieser Furche wird gleich der Weite der ersten Pendel-Schwingung seyn.

Ein Beobachter mißt diese Weite; ein zweiter mißt die auf dem kupfernen Kreis-Bogen durch den obern Zeiger angegebene Weite; diese beiden Beobachtungen müßen nothwendig übereinstimmen. Die eine dient der andern zur Probe.

Um die äußersten Puncte der durch die untern Stange in dem Talg hervorgebrachten Furche zu bestimmen, bedient man sich eines kleinen Winkelhakens, der längs dem einen der beiden in Grade eingetheilten maßiven Bögen hinläuft; die zweite Seite des Winkelmaßes muß auf beiden Ränden dieselbe Anzahl Grade anzeigen, während die Mitte dieser Seiten den äußersten Punct des in den Talg gezogenen Bogens berührt.

Die Entfernung der Aufhängungs-Achse vom Schwerpunct beträgt etwa 3 1/3 Metre; die Mitte der Schwingung ist etwa um 28 Centimetre minder von der Achse entfernt. Zwischen diesen beiden Mitten bestimmt man den Punct, wohin die Mitte der Probe-Kugeln treffen soll. Auf der vorderen Seite des Pendels |297| zieht man zuerst in der Ebene, die durch die Mitte der Achse geht, und die der Pendel in zwei gleiche Theile theilt, eine senkrechte Linie: rechts und links von dieser senkrechten Linie an den verticalen Ränden der vordern Seite befinden sich zwei verticale Grad-Eintheilungen. Aus den respectiven Theilungs-Puncten zieht man Horizontallinien. Hierauf nimmt man eine Platte von geplättetem Blei, die etwa 2 Millimetre dick ist, und drei Decimetre in's Gevierte beträgt. Zwei gerade Linien, die mit der entgegengesezten Seite dieser Platte parallel laufen, theilen dieselbe in vier gleiche, kleine Quadrate. Diese Platte wird dergestalt auf die vordere Seite des Pendels festgenagelt, daß die beiden auf diese Art auf ihn gezogenen Linien respective mit den bereits auf der vordern Seite des Pendels gezogenen verticalen und horizontalen Linie zusammen fallen. Wenn diese Vorbereitungen getroffen sind, so können die Probe-Schuße ihren Anfang nehmen.

Wäre das Gewicht des Pendels beständig, so wäre es hinreichend, ein für allemal durch die Erfahrung die Lage seines Schwerpunctes und seine Mitte der Schwingung bestimmt zu haben. Da aber das Holz die Eigenschaft hat, einzugehen, und nach und nach viel Wasser zu verlieren, so muß man sich, so oft Versuche vorgenommen werden, auf's Reue von der Lage der beiden obigen Puncte überzeugen; dieß geschieht, indem man den Pendel eine gewiße hinreichende Anzahl Male hin und her bewegt, um daraus mit Genauigkeit die mittlere Dauer der Schwingungen zu bestimmen, die in Betrachtung der kleinen Weite derselben, als mit gleichförmiger Geschwindigkeit beschrieben, betrachtet werden können.

Ehe das Feuern seinen Anfang nimmt, bemerkt man, so wie auch in der Folge, bei'm lezten Schuß, die Grade des Barometers und des Thermometers.

Die Barometer-Höhe muß sorgfältig gemessen werden, denn da die Dichtigkeit großen Einfluß auf den Widerstand hat, den die Kugeln erleiden, sobald sie die Seele des Rohrs verlassen, so wird die anfängliche Geschwindigkeit mehr oder minder beträchtlich seyn, je nachdem die Dichtigkeit der Luft größer oder kleiner ist. Das Steigen oder Fallen des Barometers kann den Widerstand der Luft bis auf 1/10 vermindern, und selbst bei anscheinend |298| heiterer und beständiger Witterung kann diese Veränderung nach den Versuchen des Gregory ein 1/50 betragen. Eben so wesentlich wäre es, die hygeometrischen Veränderungen der Athmosphäre kennen zu lernen, denn nach angestellten Beobachtungen wird durch diese das Gewicht der Holztheile aus denen der Pendel besteht geändert, was nothwendiger Weise Einfluß auf das Verhältniß der dem Pendel durch die in ihrer Anfangs-Geschwindigkeit fliegende Kugel mitgetheilte Bewegung hat.

Nicht minder wesentlich ist es, die Grade des Thermometers zu messen. 1tens beobachtet man den Wärme-Grad in der freien Luft in der Nähe des Pendels, weil die Wärme großen Einfluß auf die Stangen hat, an welchen der Pendel hängt, und weil es von Wichtigkeit ist, die Aenderungen der Wärme, mit denen der Dauer der Pendel-Schwingungen zu vergleichen. 2tens wird nach jedem Schuß das Thermometer bis an den Stoß der Seele gebracht, um zu beobachten, um wie viele Grade sich die Temperatur durch das Feuern erhizt hat.

Da die Schwere, die Feuchtigkeit, die Wärme der Athmosphäre auf merkliche Art, im Laufe eines Versuches, der öfters mehrere Stunden dauert, sich ändern können, so werden diese Beobachtungen öfters wiederholt.

Wir gehen nunmehr zur Beschreibung der Maßregeln über, welche man bei'm Laden und Abfeuern der zu Versuchen bestimm ten Geschüze anwendet. Diese Geschüze liegen auf Feld-Laffeten.

Folgende Puncte sind auf den Boden- und Kopffrießen durch Striche bezeichnet. 1tens oberhalb in der Vertical-Ebene, die durch die Achse der Seele geht, 2tens rechts und links in den durch die Achse der Seele gehenden parallel mit den Schildzapfen laufenden Ebene. Dadurch erhält man drei Richtlinien, die in zwei auf einander senkrechten Ebenen liegen.

Die Bettung, auf welcher die Laffete steht, befindet sich in einer mit der Drehungsachse des Pendels parallelen Ebene. Sie ist auf die gewöhnliche Weise erbaut.

Wenn das Geschüz geladen werden soll, so fängt man damit an, daß man das Pulver probirt, dessen man sich bedienen |299| will. Es werden sorgfältig 57 Gramme davon gewogen, und mit 57 Grammen eine kleine Prob-Kanone geladen136).

Diese kleine Kanone hängt an zwei eisernen Stangen die an einer horizontalen Achse nur mittelst zwei keiner Schildzapfen befestigt sind. Die Achse selber läuft in einem metallenen Lager, das in ein Gerüst von Zimmerwerk eingeschnitten ist. Etwa in der Mitte der beiden eisernen Stangen ist ein in Grade eingetheilter Quadrant angebracht, dessen Mitte auf die Achse der Schwingung der Prob-Kanonen gerichtet ist. Der Zeiger, welcher längs des Bozens hingleitet, ist oben an der Achse befestigt, und bildet mit einer zweiten eisernen Stange einen gelegenen Hebel.

Im Zustand der Ruhe der Prob-Kanonen rükt man den beweglichen Zeiger, der gleichsam der Halbmesser des eingetheilten Kreis-Bogens ist, so lange fort, bis er auf Null steht. Eine kleine Schraube, welche durch das Ende des zweiten Hebelarms geht, wird soweit fortgeschraubt, bis die Spize derselben eine kleine metallene Platte an dem Rahmen des Zimmerwerks berührt, das dem ganzen System zur Stüze dient.

Soll die Prob-Kanone geladen werden, so hält sie ein Kanonier senkrecht und führt mit einer Ladschaufel das Pulver sorgfältig bis auf den Boden; hierauf drükt er mit dem Sezer die Ladung etwas an, und beugt die Kanone langsam nieder in ihre vorige horizontale Lage. Jezt wird die Lage des Zeigers auf dem eingetheilten Bogen mittelst der oben erklärten Schraube festgestellt. Die Prob-Kanone wird hierauf mit einem gewöhnlichen Lunten vermittelst einer Stoppine abgefeuert. Vermög des Rükstoßes wird die Kanone zurükgeworfen, während zu gleicher Zeit der Zeiger den höchsten Schwingungspunct derselben anzeigt. Da die Kanone bei der zweiten Swingung diesen Punct nicht mehr erreicht, so wird der Zeiger durch nichts aus seiner Lage gebracht.

Es ist klar, daß unter übrigens gleichen Umständen die Anzahl der beobachteten Grade, welche das Maß des ersten halben Schwingungsbogens angeben, die Kraft des Pulvers, |300| dessen man sich bedient, nach dem bekannten Saz anzeigt: daß die von einem Pendel in einer sehr kleinen halben Schwingung durchlaufene Anzahl von Graden dem Quadrant der anfänglichen Kraft proportionirt ist, die angewendet wurde, um diesen Bogen zu durchlaufen.

Diese Pulverprobe wir dreimal hinter einander wiederholt, während deck die bei jeder Probe sich ergebenden Resultate sorgfältig in die zu den Versuchen bestimmten Tabellen eingetragen werden.

Hierauf schreitet man zur Ladung der Kanone, mit welcher nach dem ballistischen Pendel geschossen werden soll. Das genau gewogene Pulver, wird in eine Hülse von sehr feinem Papier geschüttet, und mit einem Dekel von demselben Papier geschlossen; dieses Papier wird gleichfalls gewogen. Hierauf wird diese Patrone in die Seele eingeführt und mit einem leichten Druk des Sezers angesezt. Auf die Patrone kommt die Kugel, die man mit gleicher Sorgfalt an die Patrone andrükt, die Kugel ist mit einem Faden von 1/2 Linie im Durchmesser über's Kreuz überzogen, so daß diese zwei größten Kreise unter einem rechten Winkel auf der Kugel bilden. Der Zwek dieses Fadens ist, den Spielraum auszufüllen und dadurch die Drehung so wie auch die Anschläge der Kugel zu beseitigen; dadurch erhält das Feuer die größt mögliche Genauigkeit. Sollte die Kugel nicht genau kugelförmig seyn, so wird sie vorher berichtigt und polirt. Nachdem die Ladung aufgestoßen ist, wird ein Brandel eingesezt, und das Geschüz ist zum Abfeurern fertig.

Das Geschüz wird dergestalt gerichtet, daß 1tens die obere Richtlinie durch die Vertical-Ebene geht, welche die vordere Seite des Pendels in zwei Hälften theilt; 2tens daß die beiden Seiten-Richtlinien durch die Horizontal-Linie gehen, die durch die Mitte der Blei-Platten gezogen, und von einer Seite des Pendels zur andern verlängert ist. Dadurch ist die Richtung des Geschüzes vollkommen genau genommen.

Wenn abgefeuert wird, so schlägt die Kugel zuerst durch die Blei-Platte und hierauf in das Holz der Mitte des Pendels. Das hiedurch in der Blei-Platte entstande Loch ist vollkommen kreisförmig und scheint mit einem Bohrer gemacht zu |301| seyn. Durch die genaue Gestalt desselben ist es möglich, die Lage des Mittelpunctes der Oeffnung zu bestimmen, und zwar wird diese Lage gefunden: 1tens aus der Größe, um welche dieser Mittelpunct ober- oder unterhalb der auf der vordern Seite des Pendels gezogenen Horizontal-Linie sich befindet; 2tens aus der Größe, um welche er rechts oder links der auf der vordern Seite des Pendels gezogenen Vertical-Linie sich befindet.

Die Holzfasern sind zum Theil durch die Kugel zurük gepreßt. Die angrenzenden Fasern dringen vermög der Elasticität des Holzes nach dem Durchgang des Projectivs größtentheils wieder in ihre vorige Lage zurük, so daß das Loch oft wieder zu fällt, und oft nur noch eine unregelmäßige Vertiefung bildet.

Die Mittel, wie man die Pendelschwingungen, welche der Rost der Kugel veranlaßt, mißt, sind bereits angegeben worden.

Soll ein zweiter Schuß gethan werden, so wird die durchlöcherte Bleiplatte weggenommen; das von der Kugel in den Pendel gemachte Loch wird mit einem Zapfen, der stark eingetrieben wird, zugemacht, und das auf der andern Seite des Pendels vorstehende Ende desselben abgesägt. Hierauf wird auf dieselbe Art, wie oben beschrieben wurde, eine neue Bleiplatte an der vordern Seite des Pendels befestigt.

Vorher wird der hölzerne Zapfen, ehe er eingetrieben wurde, und das durch die Säge hinweg genommene Ende desselben gewogen. Der Unterschied dieser beiden Gewichte plus dem Gewicht der Kugel, die sich von ersterm Schuß her im Pendel befindet, muß bei'm zweiten Schuß, als Vermehrung der Schwere des Pendels in Rechnung gebracht werden.

Hat man auf diese Art 5 bis 6 Kugeln in den Pendel abgeschossen, so wird der Druk der Holz-Faßern sehr groß und man würde bei Fortsezung des Feuerns Gefahr laufen, das ganze System zu zerschmettern. Man nimmt daher nach dieser Anzahl Schüsse, den ganzen Pendel herab, schraubt das eiserne Beschläg ab, legt die Holzstüke die den Blok des Pendels, bilden, auseinander, und sezt für das mittlere Stük, das alle Kugeln aufgefangen hat, ein neues ein. Hierauf schraubt man das Beschläg des Pendels wieder an, und sucht auf's Neue das Gewicht, den Schwerpunct etc.

Bei den Versuchen, welche angestellt wurden, um die gewöhnlichen |302| langen Kanonen, mit den kurzen des General der Blomelfild und Congrève zu vergleichen, hat man zulezt 24 pfündige Kugeln in den Pendel geschossen. Allein diese konnten der Erschütterung nicht hinreichenden Widerstand leisten. Schon mit der zweiten Kugel von diesem Kaliber ist das eiserne Beschlag zersprungen, und der Blok der Holzstüke wurde zerschmettert.

Bei eben diesen Versuchen hatte man nach und nach 157 1/2 Kilogramm Eisen in den Pendel geschossen; als man die Holzstüke auseinander nahm, fand man im Innern des Holzes daß die Kugeln durch den gegenseitigen Stoß einander zerschmettert hatten. Sie waren in eine unzählige Menge Stüke von jeder Größe, von dem Gewicht zu 2 bis 3 Kilogramme bis zum Staub herab zersprungen.

Obgleich das Gesammt-Gewicht der Kugeln, wie oben gesagt, 157 1/2 Kilogramm betrug, so konnte man doch, nach dem man alle einzelne Stüke sorgfältig gesammelt hatte, nur eine Masse von 150 Kilogramms zusammen bringen.

Folgende Tabelle der im Jahr 1815 angestellten Versuche mag diese Abhandlung über den ballistischen Pendel beschließen.

Mittags.

Barometer
Thermometer
29,93 Zoll137)
78° Fahrenheit
Anfang der Versuche an diesem Tag.

Nachmittags um 3 Uhr.

Barometer
Thermometer
29,9 Zoll
73° Fahrenheit
Ende der Versuche an diesem Tag.

Zeitraum zwischen 60 Pendelschwingungen = 115 Secunden.

Schwingungs-Bogen am Anfang, beobachtet von Dr. Gregory 5° oben
– – – – – – v. Obrist Griffiths 5° unten
Lezter Schwingungs-Bogen, beobachtet von Dr. Gregory 4° 20' oben
– – – – – – v. Obrist Griffiths 4° 20' unten
–––––––––––
Gewicht des Pendels zu Anfang des Versuchs 7441,1235 Pf.
Textabbildung Bd. 10, S. 302
|303|
Textabbildung Bd. 10, S. 303

Maße eines langen 6 Pfünders, mit dem die Versuche gemacht wurde.

Textabbildung Bd. 10, S. 303

Ferner Angaben.

Liv. onz. dr.
Gewicht der Kugel 6 1 12
Durchmesser der Kugel 3,55 Zoll
Spielraum der Kugel 0,118 –
Ladung 2 Pfund
Gewicht der Patrone ohne Pulver 4 1/2 drag.
Abstand des Pendels bis zur
Mündung der Kanone
30 Fuß
Abstand der Achse von der Mitte des durch
die Kugel eingeschlagenen Loches

139,884 Zoll
Abstand rechts und links von dieser Mitte „ „
Gewicht des Pendels und der Kugel 7478,9 Pfund
Schwingungs-Boden 4° 33'
Geschwindigkeit der Kugel 1784,8 Fuß
Rüklauf 6,10 Fuß
Hang der Bettung 1/12

Formel, welche bei den Berechnungen gebraucht wurde.

Textabbildung Bd. 10, S. 303

Elemente dieser Formel.

p = Gewicht des Pendels
b = Gewicht der Kugel
c = Sehne des durch den Pendet mit dem Halbmesser i beschriebenen Bogens.
g = Entfernung der Aufhängungsachse vom Schwerpunct.
o – – – – – – von der Mitte der Schwingung wobei b im Fuß ausgedrükt ist.
i – – – – – – vom Point d'Impact 138).
v = Anfangs Geschwindigkeit des Pendels im Point d'Impact.
Zeit, welche zu 30 Schwingungen nach angestellten Versuchen nöthig ist 56 2/10 Secunden.
Erster Schwingungs-Bogen, beobachtet vom Obrist Griffiths = 6 /8°
– – – – – vom Dr. Gregorg = 6 1/8''
Lezter Schwingungs-Bogen vom Obrist Griffiths = 5 5/8°
– – – – – vom Dr. Gregorg = 5 5/8''
|292|

Wir behalten französisches Maß bei, da überdieß in Deutschland nicht ein und dasselbe Längenmaß eingeführt ist.

|299|

Ueber die Art des Pulverprobirens in England, werden wir eine besondere Abhandlung in dieser Zeitschrift mittheilen.

|302|

Man hat die englischen Maße in dieser Tabelle beibehalten.

|303|

Unter Point d'Impact versteht der Dr. Gregory den mathematischen Punct, in welchem die ganze Kraft des Projektivs auf dem |304| Körper des Pendels wirken würde, wenn sie concentrirt wäre, um die nämliche Schwingung der Aufhängungs-Achse hervorzubringen, um die, welche dem Stoßen der Kugel auf die Mitte des Pendels bewirkt; wir haben diesen Kunstausdruk vergeblich zu übersezen gesucht.

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