Titel: Ueber die Fabrikation des Scheidewassers und der Salpetersäure in England und Frankreich.
Autor: Blumhof, Johann Georg Ludolph
Fundstelle: 1823, Band 10, Nr. LIV. (S. 312–324)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj010/ar010054

LIV. Ueber die Fabrikation des Scheidewassers und der Salpeter-Säure in England und Frankreich.

Mit Abbildungen auf Tab. VI.

A. Destillation des Scheidewassers in England142).

Diese Art von Salpetersäure, so wie sie im Handel vorkommt, und zu mancherlei Behuf dient, ist gewöhnlich mehr oder weniger mit Salzsäure vermischt. Die Ursache davon ist, daß der dazu angewandte Salpeter mehr oder weniger mit salzsaurem Natrum (Kochsalz) vermischt ist. Die Salpetersäure besteht aus Stikstoff, Sauerstoff und Wasser. Gewöhnlich wird sie aus einem Gemenge von rohem Salpeter und Eisenvitriol destillirt, welcher leztere vorher von seinem Krystallwasser befreit und gebrannt werden muß, so daß er, wenigstens zum Theil, in schwefelsaures Eisenoxid verwandelt wird.

Bei der Destillation findet eine wechselseitige Umtauschung der Bestandtheile dieser Grundstoffe Statt. Das Kali des Salpeters verbindet sich mit der Schwefelsäure des Eisenvitriols, und die Salpetersäure wird mit dem Eisenoxid zu salpetersaurem Eisenoxid verbunden, welches Salz durch die Hize in der Destillation zersezt wird, und seine Säure freigibt, welche in die Vorlage übergeht; in der Retorte bleibt schwefelsaures Kali oder sogenannter Tartarus vitriolatus aus Eisenoxid. In England wird die Säure aus Salpeter und Schwefelsäure auf folgende Art bereitet:

Da man bei den Schwefelsäure-Werken immer Schwefelsäure von jeder beliebigen Stärke vorräthig hat, so gibt es auch daselbst meistens Vorrichtungen zur Bereitung des Scheidewassers und der Salzsäure. – In demselben Zimmer, wo man die Concentrirung der Schwefelsäure vorhatte, sah ich auch eine Destillirpfanne nebst Hut zur Destillation des Scheidewassers. Diese |313| Pfanne hatte ungefähr 2 Fuß im Durchmesser, und das Futter derselben war von quergelegten Baksteinen, mithin 12 Zoll dik. (Tab. VI. Fig. 11. 12.)

Vom Rost bis zur obern Kante des Pfannen-Futters oder der Stelle, worauf die Ränder der Pfanne ruhen, sind 2 Ellen. Die Höhe des Rosts bis zum Boden der Pfanne, welcher unbekleidet über dem Feuer liegt, ist 14 Zoll, wodurch die eigne Höhe der Pfanne 1 Elle und 10 Zoll wird. Der Rahmen für das Schürloch hält 12 Zoll in's Gevierte, und kann mit einer Klappe verschlossen werden. Die Breite der Feuerstätte beträgt etwas mehr.

Das Aschenloch ist etwa 15 Zoll tief, und ligt, wie es in England gewöhnlich ist, unter der Ebene des Bodens.

Die Aussenseite des Schornsteins hält 18 Zoll in's Gevirte, und steht ganz außerhalb der Oberfläche der Pfannenmauer.

Der bei dieser Destillation gebräuchliche Hut ist von Thon, und mit Salz glasirt (brown stone ware). Dessen oberste Ebene hält 22 Zoll im Durchmesser, worauf er sich nach Unten zu etwas erweitert. Seine Höhe bis zum Halse herunter, welcher in die Pfanne tritt, beträgt 15 Zoll.

Dieser Hut hat 4 Ablaufsröhren, an den Enden von 4 1/2 Zoll Durchmesser und bei'm Hute inwendig 7 Zoll weit, an welche 4 kürzere Röhren gestekt werden.

An den Enden dieser Röhren werden Recipienten oder große sphärische Gläser festgekittet, welche 24 bis 30 Zoll im Durchmesser, dabei kurze, nur 3 Zoll lange Hälse, und am Ende zwischen 5 und 6 Zoll Oeffnung haben.

Diese Recipienten liegen bei der Destillation auf großen Strohvolstern auf eine Art eiserner Wagen mit kleinen Rädern, auf denen man solche nach Gefallen im Zimmer umherfahren kann. Es versteht sich, daß diese eisernen Wägen mehrmalen mit Oelfirniß überzogen sind, damit sie nicht rosten.

Das Verkitten (Lutiren) geschieht mit einem Kitt, der aus getroknetem und gesiebten Töpferthon und Leinölfirniß als ein sehr diker Teig zusammengesezt ist.

In der Verkittung wird jederzeit ein kleines Loch, wie eine Erbse groß, gemacht, und mir einem hölzernen Pflok zugestopft, damit er bei'm Troknen nicht aufschwellt.

In die vorgedachte eiserne Pfanne legt man 212 Pfund Salpeter, |314| besonders gelben rohen ostindischen, weil dieser mehr Säure geben soll, als der raffinirte. Auf diesen gießt man 400 Pfund Schwefelsäure – Wasch, welche bei diesem Werke unter dem Namen Liquor vorkommt. Die hiezu gebrauchte Säure wurde per Pinte zu 1 Pfund 6 1/2 Unzen Averdupois-Gewicht angegeben, wo 1 Pinte Wasser gerade 1 Pfund wägt, welches im spezifischen Gewicht ungefähr 1,5 entspricht.

Man pflegt diese Ingredienzen in der Pfanne nicht umzurühren, sondern fängt gleich mit dem Heizen an, sobald nur der Hut verkittet ist.

Die Destillation dauert ungefähr 18 Stunden. In den ersten 12 Stunden wird schwaches Feuer gegeben, wobei der Recipient bloß lauwarm wird; nachher verstärkt man das Feuer allmählig. Weil man noch sehen kann, wie das Scheidewasser in den Recipienten träufelt, so läßt sich auch das Feuer darnach leicht einrichten. Aber am Schlusse der Destillation verdunkelt sich der Recipient, und wird so heiß, daß man die Hand nicht daran halten kann, wo der Feuergrad noch mehr verstärkt wird. Jezt kann man nicht mehr sehen, wie stark es träufelt; man muß also das Gehör zu Hülfe nehmen; denn so lange noch etwas Säure übergeht, hört man im Recipienten, ein schwaches Geräusch, wenn man das Ohr nahe daran hält. Sobald das Geräusch aufhört, vermuthet man, daß alles Scheidewasser übergegangen ist, und hört dann mit Heizen auf. Das starke Heizen darf nur etwa 1/4 Stunde dauern. Der in der Verkittung befindliche Holzpflok wird bei'm Anfange der Operation herausgezogen, und nicht eher wieder eingestekt, bis wieder stärker geheizt wird. – Ist die Destillation beendigt, so wird der Holzpflok herausgezogen, und das Loch mit Lehm verschmiert, worauf dann die Pfanne kalt wird. Wenn alles kalt ist, so wird das Scheidewasser in Bouteillen geklärt, welche mit Thonstöpseln und Kitt zugemacht werden.

Das Scheidewasser hält man für ordinair, wenn die Pinte 1 Pfund 4 1/2 Unzen wägt, für sehr gut hingegen, wenn das Gewicht bis auf 1 Pfund 4 3/4 Unzen geht.

|315|

B. Fabrikation der Salpetersäure in Frankreich143).

Salpeter-Säure, Scheide-Wasser, Salpeter-Geist wurde von Raymund Lully entdekt, welcher eine Mischung von Salpeter mit Thonerde destillirte. Cavendish zeigte zuerst die Bestandtheile derselben; Gay-Lussac, Davy und Dalton studierten ihre Eigenschaften, welche durch ihre häufigen Anwendungen in den Künsten und bei chemischen Arbeiten allgemein bekannt waren. Da diese Säure bei Weiten die wichtigste Verbindung des Stikstoffes mit dem Sauerstoffe ist, wollen wir unseren Aufsaz mit einigen Bemerkungen über, die drei Hauptverbindungen derselben beginnen, indem die Kenntniß derselben zur Erklärung einiger Erscheinungen dient, welche ihre leichten Verwandlungen darbiethen, obschon sie keine unmittelbare Anwendung auf die Künste erlauben144).

Das Protoxid des Stikstoffes, dessen Entdekung man Priestley'n verdankt, ist weiß und farbenlos, und weder Sauerstoff Gas noch atmosphärische Luft wirken auf dasselbe: durch Beihülfe der Hize tritt es seinen Sauerstoff leicht an trennbare Körper ab, und der Stikstoff desselben wird frei. Es unterstüzt die Verbrennung besser, als die gemeine Luft, und entzündet eine Kerze in dem Augenblike ihres Verlöschens neuerdings, wenn nur ein Pünctchen noch an derselben glühend ist. Wasser löst bei einer Temperatur von 10° die Hälfte seines Volumens auf, und bei der Siedhize entwikelt es dasselbe gänzlich. Ein Maß Stikstoff, und etwas mehr als ein halbes Maß Sauerstoff geben, verdichtet. Ein Maß dieses Gases, oder, dem Gewichte nach, 100 Theile Stikstoff und 56 Theile Sauerstoff. Man nannte dieses Gas Lust- oder Erheiterungs-Gas wegen der angenehmen Empfindungen, die man bei dem Einathmen desselben wahrnimmt, und die die englischen Chemiker zuerst entdekten. Andere Chemiker empfanden jedoch das Gegentheil, und fielen |316| beinahe dadurch in Asphyxie, was jedoch der Beimischung von etwas salpeterigem Gase zuzuschreiben war, in welcher Hinsicht man empfahl, dasselbe durch eine Auflösung von Pottasche durchziehen zu lassen, um, ehe man es einathmet, dasselbe vollkommen rein zu erhalten. Auch das Deuteroxid des Stikstoffes ward von Priestley entdekt, der den größten Theil der Eigenschaften desselben angab, welche später von Davy, Gay-Lussac etc. genauer untersucht wurden. Dieses Deuteroxid bleibt unter allen Temperaturen gasförmig, farbenlos, und wirkt nicht auf die blauen Pflanzen-Farben; es löscht die Flamme aus, und erzeugt Asphyxie an den Thieren; es verschlingt den Sauerstoff aus der Luft (Ein Maß-Theil), und besteht aus 2 Maßen Sauerstoff und Einem Maße Stikstoff; es wird roth und undurchsichtig, und geht leicht in den Zustand von salpetriger Säure über. Diese Eigenschaft bildet einen Haupt-Charakter desselben, und dadurch spielt es auch bei Erzeugung der Schwefel-Säure eine so wichtige Rolle145). Die Leichtigkeit seiner Verwandlung in salpeterige Säure macht es so heftig auf die thierische Oekonomie wirken. Man erhält es durch Auflösung von Kupfer oder Queksilber in Salpetersäure, mit welcher es die Deutero-Nitrate dieser Metalle bildet; der Sauerstoff, welcher hier aus einem Theile der Salpetersäure frei wird, liefert eine verhältnißmäßige Menge Stikstoff-Deuteroxid. Man erhält es auch durch Einwirkung der Salpeter-Säure auf Syrup, Zuker, Gummi, Stärkmehl und andere brennbare Körper146), welchen es bald einen Theil seines Sauerstoffes mittheilt. Das reinste ist indessen dasjenige, welches durch Auflösung des Queksilbers in verdünnter Salpeter-Säure erzeugt wird: es besteht aus einem Maße Sauerstoff und einem Maße Stikstoff.

Die salpeterige Säure, welche aus 2 Maßen Sauerstoff und Einem Maße Stikstoff besteht, also nicht mit lezterer |317| Gasart gesättigt ist (und daher auch schwefelsauren Braunstein entfärbt, indem es denselben entsäuert), ist wasserfrei und bei der gewöhnlichen Temperatur tropfbar flüßig; 20° unter Null ist sie farbenlos, bei Null Grad bernsteingelb, und bei 15 bis 28° pomeranzengelb. Bei dieser Temperatur siedet sie, und verwandelt sich in rothe Dämpfe, und verbindet sich mit Salpeter-Säure, welche sie grüngelb pomeranzenfarbig oder röthlich braun färbt, je nachdem sie nämlich concentrirt ist. Die salpeterige Säure wird unmittelbar in den Künsten nicht angewendet.

Die lezte Verbindung des Stikstoffes mit dem Sauerstoffe ist endlich jene, welche in dem Verhältnisse von Einem Maße des Ersteren mit 2 1/2 Maße des Lezteren Statt hat, oder, dem Gewichte nach, 35,12 Stikstoff und 100 Sauerstoff. Diese Verbindung (welche man nach dem neuen Systeme der Nomenklatur Stikstoff-Säure, Acidum azoticum , nennen müßte) kommt unter dem Namen Salpeter-Säure vor.

Bereitungsart. Diese Säure kann man durch Zersezung des Salpeters mittelst Thonerde in irdenen Retorten, die man cuines nennt, erhalten: der Rükstand kann auf Alaunsiedereien benüzt werden, indem er, als dreifaches Salz, zwei Bestandtheile des Alaunes, Pottasche und Thonerde, enthält. Später zersezte man den Salpeter in denselben Retorten mittelst Schwefel-Säure; in den neueren Zeiten nahm man, statt dieser, Guß-Eisen, und gab den Kesseln die Form von Retorten.

Wir werden wenig über diesen Apparat sprechen, weil er heute zu Tage kaum mehr gebraucht wird. Er besteht aus 6 Kesseln, die in doppelter Reihe auf 6 Feuerherden in demselben Ofen stehen: sie sind geschlossen, verkittet, und stehen mittelst irdener Röhren mit einer Reihe von 7–8 irdenen Gefäßen oder Vorlagen in Verbindung, wovon die beiden ersteren bis auf die Mitte in einem Wassertrage eingetaucht sind147).

|318|

Da dieser Apparat indessen noch immer in einigen Fabriken angewendet wird, so wollen wir hier die vorzüglichsten Nachtheile desselben anzeigen. Schwefel-Säure, Salpeter-Säure, Salz- oder Hydrochlor-Säure wirkt am wenigsten auf Guß-Eisen, wenn sie sehr stark erhizt ist; die Dekel und die oberen Theile der Kessel, welche außer dem Bereiche des Feuers stehen, werden leichter angegriffen, und dadurch entsteht ein doppelter Nachtheil für den Fabrikanten. Die Gefäße leiden bedeutend und gehen zu Grunde, und die Salpeter-Säure, die das Eisen angreift, wird zersezt und in salpeterige Säure verwandelt. Durch diese Zersezung entsteht aber nicht bloß ein Verlust an Salpeter-Säure, sondern die Rectificirung, durch welche die verdichtete salpeterige Säure abgetrieben werden muß, die die Salpeter-Säure gelb oder roth färbt, verursacht gleichfalls noch höhere Auslagen. Da die Hize nicht hinlänglich, oder wenigstens nicht gleichförmig genug, erhöht wird, so wird die salpetersaure Pottasche nicht so gehörig zersezt, wie in dem sogleich zu beschreibenden Verfahren; der Rükstand enthält noch Salpeter-Säure, und hängt überdies so sehr an dem Boden der Kessel fest, daß die Arbeiter ihn nur mit der größten Mühe los machen können, und dabei Gefahr laufen, die eisernen Gefäße durch die wiederholten Schläge auf den Meißel zu zertrümmern. Diese Arbeit wird für die Handlanger noch beschwerlicher durch die Hize, welche sie bei derselben, zumal wenn, wie gewöhnlich, die Operationen schnell auf einander folgen, zu erfahren haben: denn diese Hize ist viel größer, als bei den Cylindern. Endlich dauert auch die Operation selbst viel länger, fodert mehr Brennmateriale, und zersezt doch weniger, als wenn Cylinder angewendet werden.

Dieser Cylinder-Apparat, dem wir den Vorzug geben, besteht gewöhnlich aus 4 Cylindern in Einem Ofen, welche mittelst Röhren mit 3–4 Reihen irdener Gefäße in Verbindung stehen, wovon die beiden ersteren in Wasser eingetaucht sind148). Die Röhren, welche unmittelbar mit den |319| Cylindern in Verbindung stehen, sind von Glas149), damit man die Farbe des durch dieselben durchziehenden Gases bemerken kann, indem dadurch der Verlauf der Operation angezeigt wird. Man bedient sich hier, mit einem Worte, desselben Verfahrens, wie bei Erzeugung der Hydrochlor-Säure. Torf, Holz- oder Steinkohlen, je nachdem man diese oder jene sich leichter verschaffen kann, sind das Brennmateriale. Torf gibt weniger Hize, nimmt also mehr Raum ein als Steinkohlen, und zersezt, indem er weniger Kohlenstoff verflüchtigt, als Steinkohlen, weniger atmosphärische Luft: Holz fodert weniger Zug.

Verhältnisse. Salpetersäure Pottasche (Salpeter) 100, Schwefelsäure von 60° oder 1845 specifische Schwere: 60; wenn man nicht concentrirte Schwefel-Säure von 55° anwendet (wie dieß in Fabriken der Fall ist, wo man nicht so reine Salpeter-Säure erzeugt) muß man statt 60 Theilen 80 Theile nehmen. Schwefel-Säure von diesem Grade kostet allerdings weniger; allein diese Ersparung ist nur eine Täuschung; denn die dadurch erhaltene Salpeter-Säure ist weniger rein, und enthält weniger wirkliche Säure; die Cylinder leiden mehr durch dieselbe, und überdieß ist dann auch mehr Brennmaterials nöthig, um das Wasser in derselben zu verflüchtigen: so daß diese Nachtheile das Ersparniß reichlich aufwiegen.

Ehe man die salpetersaure Pottasche (Salpeter) anwendet, muß man von der Reinheit derselben überzeugt seyn: Auswahl und Preis des im Handel vorkommenden Salpeters wird darnach bestimmt. Der Salpeter enthält immer, in allen seinen Zuständen, fremdartige Salze beigemengt, vorzüglich salzsaure Pottasche, salzsauren Kalk und salzsaure Bittererde, welche durch die Schwefel-Säure zersezt werden, und Chlorine und salpeterige Säure bilden. Um den Salpeter so viel als möglich von diesen Salzen zu befreien, muß derselbe |320| nothwendig dreimal nach einander in wenig Wasser (courte eau, d.i. ungefähr vier Hundertel seines Gewichtes im Ganzen) gewaschen werden. Dieses Wasser wird tropfenweise in einer Art von Gicht aufgegossen150), und nachdem der Salpeter auf diese Art gehörig behandelt wurde, nimmt man zwei Drittel des darin enthaltenen Salpeters von Oben ab, und bewahrt das untere Drittel zur ferneren neuen Behandlung. In jeden Cylinder kommen 85 Kilogramme salpetersaure Pottasche, und 50 Kilogramme Schwefel-Säure von 66°. Alle Fugen des Apparates werden mit Töpferthon verstrichen, der mit Pferdemist gemengtem Lehmen gedekt wird: ersterer, oder die Thonerde, wird von der Säure nicht angegangen, und lezterer umhüllt diese, erhält sie feucht, und der Pferdemist sichert sie vor dem Abspringen. Die Hize muß, wie wir oben bemerkt haben, gleich förmig angewendet, und das Feuer langsam geleitet werden. Sobald die Dämpfe roth werden, ist die Operation im Aufsteigen, und sie hat ihr Ende erreicht, wenn man keine Dämpfe mehr wahrnimmt. Gegen das Ende macht man ein starkes Feuer, um alles Gas zu entwikeln: die schwefelsaure Pottasche wird, nach Abnahme des Kittes, mit eisernen Zangen herausgenommen. Die in den Flaschen der ersten Reihe verdichtete Säure ist am wenigsten rein, sie kann aber, ohne alle weitere Reinigung, in den Schwefel-Säure-Fabriken angewendet werden. Die Flaschen in der zweiten, und ein Theil der Flaschen in der dritten Reihe enthalten nur salpeterige Säure. Diese wird durch Kochen in gläsernen Retorten weggeschaft, wo aber das Sieden allmählig unterbrochen wird, sobald die Säure weiß wird. In diesem Zustande wird sie in den Handel gebracht, und soll sie 36° an Beaumé's Aräometer zeigen. Alle schwächere, |321| in den lezten Gefäßen verdichtete, Säure kommt wieder in die Flaschen der ersten und zweiten Reihe, um bei den folgenden Operationen statt Wasser zu dienen. Wasser kommt nur in die lezte Reihe der Flaschen, um die Verdichtung zu vollenden.

Die auf diese Weise erhaltene und in den Handel gebrachte Säure ist nicht zu allen Arbeiten rein genug; sie enthält immer etwas salpetrige Säure und Chlorine, als Beweis, daß die Zersezung des in dem Salpeter enthaltenen Kochsalzes etc. nicht vollständig war; sie enthält auch zuweilen Schwefelsäure. Um sie zu reinigen, muß sie aus gläsernen Gefäßen destillirt, und die Producte müßen sorgfältig geschieden werden. Das, was zuerst sich verflüchtigt, ist Chlorine und salpetrige Säure: man scheidet diese ab, wenn die in den Retorten enthaltene Flüßigkeit weiß oder licht bernsteingelb geworden ist, oder man nimmt auch die reine Salpetersäure, ohne zu warten, bis sie weiß geworden ist, sobald sie etwas gesotten hat, ab. Die Destillation muß sorgfältig fortgeführt werden, bis neun Zehntel der in der Retorte vorhandenen Säure verflüchtigt sind, wo sie sodann unterbrochen werden muß, denn sonst würde man nur mehr Schwefelsäure erhalten. Die auf diese Weise erhaltene Salpeter-Säure ist zur Prüfung der edlen Metalle noch nicht rein genug.

Gebrauch. Die Salpeter-Säure wird zur Gewinnung der Schwefel- und Sauerklee-Säure und anderer Säuren verwendet. Man braucht sie zur Queksilber-Auflösung, mit welcher die Hutmacher das Haar von den Fellen abbeizen (secretage); zur Auflösung der Metalle, wie bei'm Aezen der Kupferplatten; zur Erzeugung der Hydrochlor-Salpeter-Säure oder des Königs-Wassers; in den Fabriken, in welchen man rothen Queksilber-Präcipitat oder das Queksilber-Deuteroxid verfertigt; zum Färben, Vergolden, Probieren der Münzen, Abscheiden des Goldes; 38 Theile 36 grädiger Salpeter-Säure, oder von 1335 specif. Schwere, und 2 Theile Hydrochlor- oder Kochsalz-Säure von 24 Graden oder 1200 specifische Schwere, und 25 Theile Wasser geben |322| jene Flüßigkeit, mit welcher die Juweliere ihre Proben auf dem Wezsteine vornehmen.

Eigenschaften. Theorie. Wir kennen die Salpeter-Säure im reinen Zustande nicht: sie kommt nicht wasserfrei vor. Mit Beihülfe des Wassers verdichtet, ist sie weiß, sehr sauer, hat einen starken Geruch, und wirkt sehr heftig auf die thierische Oekonomie. Ein Tropfen derselben, der auf die Haut fällt, zerstört den Organismus des Hautgebildes, und färbt die Haut gelb: dadurch wird diese Säure ein Zerstörungs-Mittel der Warzen. Sie ist ein sehr starkes Gift. Im concentrirten Zustande, so wie auch, wenn sie sehr schwach ist, ist ihr Siedepunct 86°. Sie wird durch Einwirkung des Lichtes zersezt, und erzeugt salpetrige Säure, von welcher sie roth oder braunroth gefärbt wird, und Sauerstoff. In feuchter Luft stößt sie weiße Dämpfe aus, die beinahe alle Metalle angreifen, mit Ausnahme von Gold, Platinna, Iridium, Tungstenium, Columbium, Cerium, Titanium, Rhodium und Osmium, löst aber doch ein Metall-Gemenge von 12 Theilen Silber und 1 Theile Platinna auf. Wenn sie höchst concentrirt ist, wird sie durch Wärme schwächer, und wenn sie schwach ist, wird sie durch Wärme concentrirt: in der ersten Periode ihrer Concentration, nimmt sie allmählig an Stärke zu, wird aber gegen das Ende derselben wieder schwacher, bis sie ihren Culminations-Punct bei 122 Graden erreicht.

Die Theorie des Verfahrens, durch welches die Salpeter-Säure aus der salpetersauren Pottasche gewonnen wird, ist höchst einfach. Die Schwefel-Säure, welche sich mit der Pottasche verbindet, entbindet die Salpeter-Säure, welche bis auf 20 Hundertel Wasser, welches sie enthielt, frei wird. Die Hize, unter welcher sie entwikelt wird, verbindet sie mit dem Wasser, ohne welches sie zersezt werden würde: dieses Wasser ist aber hinreichend, um sie in tropfbar flüßigem Zustande zu erhalten: sie hält auch das Krystallisations-Wasser. Die Hize, unter welcher sie sich verflüchtigt, wird später in dem Abkühlungs-Apparate erhöht, und das Wasser, welches sie daselbst antrifft, zieht sie an, und vollendet die Verdichtung derselben. Die rothen Dämpfe, |323| welche im Anfange und gegen das Ende der Operation deutlicher sind, im Verlaufe der Operation aber verschwinden, entstehen durch Zersezung der Salpeter-Säure, welche vorzüglich durch Abwesenheit des Wassers veranlaßt wird. So lang 1tens die in den Cylindern enthaltene Mischung nicht vollkommen flüßig geworden ist, und so lang einige Theile der Salpeter-Säure, ohne Wasser zu treffen, entwikelt werden, werden sie augenbliklich in salpetrige Säure und in Sauerstoff zersezt. 2tens dieselbe Zersezung geschieht durch jene Theilung der Mischung, welche mit einem Ueberschusse von Schwefel-Säure in Berührung stehen, welche das Wasser der gebildeten Salpeter-Säure vertreibt, und die im Anfange der Operation bemerkbaren rothen Dämpfe erzeugt: wenn die Operation schon ihrem Ende nahe ist, wird die damals entwikelte Salpeter-Säure durch die starke auf sie einwirkende Hize wieder in salpetriges Gas und Sauerstoff zersezt, und dadurch entstehen neuerdings die rothen Dämpfe.

Beschreibung der Abbildung des französischen Apparates zur Bereitung der Salpeter- und Hydrochlorsäure.

Herr Gill erhielt jezt erst die Abbildungen zu den früher von ihm (und auch von uns B. 9. S. 420) gelieferten Beschreibungen des Cylinder-Apparates, und theilt im November 1822 S. 353 dieselben mit.

Fig. 9, Tab. VI. ist der Durchschnitt eines Cylinders und Feuerherdes, und zweier Vorlagen. Fig. 10 stellt die drei Feuerherde mit ihren Cylindern von ihrem Ende gesehen dar.

AA etc. Cylinder aus Gußeisen.

BB Platten aus Gußeisen, welche in die Cylinder passen, und die Enden derselben verschließen.

CC Verbindungs-Röhren.

DD irdene Flaschen mit drei Tubulirungen.

E Ofenthüre.

FF Rost.

GG Aschengrube.

H der Schornstein des Ofens. (H fehlt im Originale).

III Platten von Gußeisen, welche nach der ganzen Länge des Cylinders hinlaufen.

|324|

K Abkühler, in welchem alle Flaschen der ersten Reihe stehen.

|312|

Aus G. Broling's Resa i England. Stokkolm 1817. 8. III. Deelen. p. 291. frei übersezt vom Hofkammerrath und Professor Dr. Blumhof in Gießen.

|315|

Aus dem Dictionnaire Technologique. In Th. Gill's technical Repository. September 1822. S. 172.

|315|

Was bis jezt war, wird nicht immer so seyn, und die gründlichste Kenntniß der Bestandtheile einer Sache, die man täglich braucht, wird nicht bloß nüzlich, sondern unerläßlich seyn, wenn man nicht immer im Finsteren tappen und auf Gerathewohl arbeiten will. A. d. Ueb.

|316|

Seine Verbindung mit dieser concentrirten Säure geschieht augenbliklich, und krystallisirt: Wasser zersezt es. A. d. O.

|316|

Vergl. den Aufsaz über Sauerklee- und Schwefelsäure-Bereitung. A. d. O.

|317|

Ein ähnlicher Apparat ist in der Bereitung der Hydrochlorsäure in Frankreich beschrieben. A. d. O. (Hier auf Tab. VI. abgebildet.)

|318|

Ein ähnlicher Apparat ist gleichfalls bei der Bereitung der Hydrochlorsäure in Frankreich beschrieben. A. d. O. (Hier auf Tab. VI.)

|319|

Da wo das Gußeisen mit den gläsernen Röhren verbunden wird, muß ein Stük einer irdenen Röhre, gewöhnlich 12–15 Centimetres lang, angebracht werden, um das Glas gegen die zu große Hize zu schüzen. A. d. O.

|320|

Diese Gicht, oder dieser Trichter, hat die Gestalt einer umgekehrten vierseitigen Pyramide. Man hat deren drei nöthig, so daß das Waschwasser aus einem in den anderen tropfenweise gelangen, und sich ganz mit den fremden Salzen sättigen kann: reines Wasser wird zulezt gebraucht. Man muß den Salpeter reinigen, und so wenig als möglich davon auflösen. Das Absüßwasser, welches dreimal durch den Salpeter durchging, muß besonders behandelt werden. A. d. O.

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