Titel: Williamson über Cultur der Ranunkeln und Anemonen.
Autor: Williamson, William
Fundstelle: 1823, Band 10, Nr. LIX. (S. 338–343)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj010/ar010059

LIX. Ueber Cultur der Ranunkeln und Anemonen. Von dem hochw. Hrn. Wilh. Williamson etc.

Aus den Transactions of the London Horticultural Society. IV. B. 1822. in Gill's technical Repository. November 1822. Im Auszuge übersezt157).

Ranunkeln und Anemonen fodern beinahe dieselbe Wartung und Pflege; indessen gelten folgende Beobachtungen vorzüglich von |339| den Ranunkeln. Gewöhnlich wählt man, um diese Pflanzen stark und groß blühen zu machen, einen sehr fruchtbaren Boden; allein dieser wird eben dadurch, daß man ihn so sehr fruchtbar macht, so leicht, daß man dadurch seine Wirkung bei diesen Blumen verfehlt. Man kann bekanntlich nie mit Sicherheit mehrere Jahre nach einander auf schöne Blumen bei diesen Pflanzen aus einer und derselben Wurzel rechnen: denn sie sind keine Zwiebel, und brauchen, wie alle Gewächse mit faserigen Wurzeln, wenn ihre Blumen stark werden sollen, zur Zeit der Blüthe starken Antrieb. Man glaubt ferner allgemein, daß die Wurzeln der Anemonen und Ranunkeln durchaus keinen Frost ertragen können, und pflanzt sie daher so spät im Frühlinge, daß sie weder die in den ersten Perioden ihres Wachsthumes so nöthige Feuchtigkeit, noch selbst Zeit genug finden können, eine hinlängliche Menge von Blättern zu treiben, die den Wurzeln Stärke genug geben könnte, ehe die trokenen Frühlings-Winde kommen, die die Erde so schnell ausdörren. Wenn aber Wurzeln in den ersten Perioden ihres Wachsthumes verkümmern müssen, können die Blumen der nächsten Blüthezeit nicht groß und schön werden, und es werden oft zwei und drei Jahre vergehen, ehe die Blumen ihre ganze Vollkommenheit erreichen.

Die Wurzeln dieser Pflanzen fodern nicht bloß einen fruchtbaren, sondern zugleich einen festen Boden, und ein Gemenge aus festem bindenden Lehmen, und einem Viertel guten verfaulten Dünger scheint für sie die beßte Erdmischung: wenn aber der Gartengrund ohne dieß lehmig ist, so ist der Dünger überflüßig. Im Garten des Hrn. Williamson ist die Erde ein fruchtbarer lichtbrauner Lehmboden, der bis auf 2 Fuß in die Tiefe anhält, und Ziegelerde als Unterlage hat. Der Grund wird im Oktober scharf, aber nicht tief umgegraben, so daß die Unterlage durchaus nicht berührt wird. Wenn die Wurzeln in einen solchen Boden gepflanzt werden, durchdringen sie denselben bald mit ihren Fasern, ziehen die Feuchtigkeit desselben an sich, und |340| blühen freudig. Da Hr. Williamson häufig die Wurzeln dieser Pflanzen mehrere Jahre lang in demselben Boden baut, so wird dann endlich Dünger nöthig; der Boden muß aber tiefer, und so frühe als möglich umgegraben werden, damit er sich schließen und fest werden kann, ehe die Wurzeln eingepflanzt werden, und der Dünger sich mit der Erde vorher gehörig vereinigt.

In England gilt die Regel, daß selten ein zweiter Winter von einiger Dauer oder Strenge nachkommt158); man pflegt daher die Wurzeln unmittelbar nach dem Ende des ersten Winters zu legen. Hr. Williamson legt sie nie später, als bis zum 10. Februar. Ehe die Blätter zum Vorscheine kommen, läßt er das Beet mit der holländischen Haue behauen, theils um das Unkraut zu entfernen, theils um die oberste Deke des Beetes immer loker zu halten, was für diese Pflanzen so sehr zuträglich ist: nach dem Erscheinen der Blätter läßt er sie mit der Hand-Haue zwischen den Reihen behauen.

Nach den Erfahrungen des Hrn. Verfassers leiden die Wurzeln der Anemonen und Ranunkeln nicht sehr vom Froste. Sie ertragen, wo der Boden nicht von Natur aus naß ist, einen ziemlichen Grad von Kälte. Er hatte im lezten Frühjahre an mehreren Tausenden die Erfahrung gemacht, daß sie, ohne Verlust einer einzigen Pflanze, eine Kälte von 11° unter dem Eispuncte (also – 6° R.) auszuhalten vermögen. Dieser Frost war jedoch mit Haarfrost begleitet, der weniger gefährlich ist, als trokene Kälte, wenn diese auch niedriger wäre. Der größte Theil dieser Wurzeln war Sämlinge, die der Kälte besser zu widerstehen vermögen, als die alten Sorten: sie waren alle unbedekt, und von mehreren konnte man sogar die Krone sehen. Die Wurzeln gehen nicht so sehr im Winter, als am Ende des Frühlinges, nach den Frühlings-Regen, zu Grunde. Es scheint also, daß, wenn man sie im Winter und im Frühlinge während anhaltender Regen, mit Segeltuch bedeken würde, sie immer im Freien aushalten würden: doch dieß ist bloße Vermuthung, die einen Versuch um so mehr verdient, als Blumen und Wurzeln |341| zugleich dadurch an Größe, Schönheit und früherer Blüthe gewinnen würden.

Was das Ausnehmen der Wurzeln betrifft, so weicht Herr Williamson hier wieder von der allgemein angenommenen Meinung ab, und glaubt, daß man sie nach der Blüthe zu lang im Boden läßt. Man soll, meint er, wenn der Saft des heurigen Jahres Nahrung für die Blätter und Blumen des künftigen Jahres gibt, den Saft so viel möglich in der Wurzel sich anhäufen lassen; man muß also, meint er, die Wurzeln ausnehmen, ehe die Blätter wechseln, damit der Saft der Blätter in den Wurzeln bleibt, und nicht durch die Wurzelfasern in die Erde tritt. Der Reinlichkeit wegen wascht er die Wurzeln, obschon dieß nicht unmittelbar nöthig ist, breitet sie in einem luftigen Zimmer auf dem Boden aus, wo sie allmählich getroknet werden, sortirt sie hierauf, und bewahrt sie bis zur künftigen Legezeit.

Man vermehrt diese Pflanzen durch Samen, durch Ausläufer oder durch Zerschneiden der Wurzeln.

Neue Spielarten können allein durch Samen erhalten werten. Bekanntlich bringen Samen von Blumen, welche bereits halbgefüllt sind, ehe halb- oder ganzgefüllte Blumen hervor, als Samen von einfachen Blumen. Man muß sich daher vor Allem Wurzeln mit halbgefüllten Blumen verschaffen; denn von ganz gefüllten Blumen erhält man keine Samen, da die Staubgefäße zu Blumenblättern geworden sind. Die vielen Klagen über das nicht Aufgehen der Samen schreibt der Hr. Verf. der fehlerhaften Behandlung derselben zu, und räth folgendes Verfahren. Die Samen müßen, der nöthigen Feuchtigkeit wegen, und da sie gewöhnlich sechs bis acht Wochen lang in der Erde liegen bleiben, ehe sie keimen, frühe gesäet werden; vom September bis Ende Jäners: wenn der Winter mild ist, so ist die Herbstsaat viel besser als die im Frühlinge, und daher baut der Hr. Verf. die eine Hälfte seiner Samen im Herbste, so daß sie bis November hin aufgehen, die andere so frühe als möglich im Jäner: die leztere dieser Saaten gelingt meistens, aber die Wurzeln bleiben kleiner. Die Samen dürfen ja nicht zu tief gesäet werden; die leichteste Bedekung reicht hin. So lang die Pflänzchen im Wachsen sind, müßen sie sorgfältig, und zwar durch Jäten, vom Unkraute gereinigt werden. Bei'm Abfallen der Blätter, Anfangs Junius, |342| muß der Grund in hinlänglicher Tiefe vollkommen gereinigt, und die Erde, nachdem die Wurzeln ausgezogen wurden, durchgesiebt werden, damit man keine Wurzeln verliert: denn gewöhnlich bringen die kleinsten Wurzeln die schönsten Blumen. Auf diese Weise zieht Hr. Williamson jährlich viele Tausende, und bei steter Auswahl des beßten Samens hat er unter vielen Tausenden aus Samen gezogenen Pflanzen im lezten Jahre nur eine einzige einfache Blume erhalten, aber gar sehr viele vollkommen gefüllte. Er hält die halbgefüllten gewöhnlich mehrere Jahre lang, indem sie sich vor zwei drei Jahren nicht würdigen lassen, und durch geschikte Wartung öfters später vollkommen gefüllt werden, wenn sie auch Anfangs nur halbgefüllt waren. Diese Blumen füllen sich auf doppelte Weise: einmal durch Vervielfältigung ihrer Blumenblätter; so erhält man sie sehr oft aus dem Samen, und sie ändern in der Folge nie ab; zweitens, durch Verwandlung der Staubgefäße in Blumenblätter, was nur durch geschikte Wartung erzielt werden kann. In diesem Falle ist die Farbe der inneren Blumenblätter immer die Farbe der Staubgefäße, welche von jener der eigentlichen Blumenblätter verschieden ist. So entstehen die herrlichen holländischen Anemonen, die indessen, wo man sie nicht sehr aufmerksam behandelt, wieder in ihren ursprünglichen Zustand zurükkehren.

Die Vermehrung durch Ausläufer ist bekannt genug, und wird vorzüglich zur Fortpflanzung ausgesuchter Sorten verwendet.

Eine weniger bekannte Fortpflanzungs-Methode ist die durch Zerschneiden der Wurzeln, deren man sich vorzüglich zur Erhaltung einer aus Samen gezogenen Sorte bedient, von welcher man nur eine Sorte besizt. Wenn man die Krone der Wurzeln der Ranunkeln aufmerksam betrachtet, so wird man mehrere kleine Hervorragungen an denselben finden, deren jede ein Schoß treibt. Die Wurzel kann also mittelst eines scharfen Messers in so viele Theile zerschnitten werden, als Hervorragungen an der Wurzel sich zeigen, wodurch folglich die Gefahr, die Sorte zu verlieren, vermindert wird. Diese Wurzel-Schnittlinge blühen im ersten Jahre nicht, geben aber eine vollkommene Wurzel, die im folgenden Jahre blühen wird.

Um aus ursprünglich einfachen Anemonen gefüllte Blumen zu erhalten, säete Hr. Williamson mehrere Jahre lang vergebens |343| Samen einfacher Anemone coronaria; es währte aber Jahre, bis er auch nur die mindeste Anlage zur Vermehrung der Blumenblätter bemerkte; endlich hatten einige ein Blumenblatt mehr als gewöhnlich. Von diesen nahm er nun die Samen, baute sie mehrere Jahre lang fort, und erhielt endlich Blumen mit 6 bis 7 Reihen von Blumenblättern.

Im Herbste 1818 nahm er 19 Loth gefüllte Anemonen Wurzeln, und theilte sie in zwei, dem Gewichte und der Zahl der Wurzeln nach gleiche Theile. Der eine Theil wurde am 10. October 1818 gepflanzt; bei dem Ausnehmen wog er 26 Loth. Die andere Hälfte wurde am 10. Februar 1819 gestanzt; bei dem Ausnehmen wog er 11 Loth: ein Unterschied von 15 Loth zu Gunsten der im Herbste gelegten Wurzeln. Am 28. Jäner 1820 nahm er wieder 19 Loth, und erhielt bei'm Ausnehmen im Sommer nur 20 Loth. Er schließt hieraus, daß, abgesehen von der nicht sehr großen Gefahr von Seiten des Frostes, es besser ist, diese Pflanzen im Herbste zu bauen, vorausgesezt, daß der Untergrund nicht Nässe hält.

Vielleicht wissen diejenigen unserer Leser, die uns tadeln, daß wir Garten-Cultur so sehr berüksichtigen, nicht, daß schon vor beinahe 300 Jahren eine einzige Wurzel einer schönen Anemone in Holland um 300 Goldgulden verkauft wurde, und daß auf dem Blumenmarkte zu London oft an einem Tage 12–20,000 fl. verkehrt werden. A. d. Ueb.

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Eine Regel, auf welche wir im südlichen Deutschland nicht bauen dürfen. A. d. Ueb.

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