Titel: Ueber die Eigenschaft der salzigen Materien, Gewebe und andere leicht feuerfangende Gegenstände unverbrennlich zu machen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1823, Band 10, Nr. XLIII./Miszelle 2 (S. 246–250)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj010/mi010043_2

Ueber die Eigenschaft der salzigen Materien, Gewebe und andere leicht feuerfangende Gegenstände unverbrennlich zu machen.

Der neuliche Brand des Münchener Hof-Theaters veranlaßt uns, die interessanten Versuche des Herrn Gay-Lussac, um leicht verbrennliche Gegenstände der Theaterbühne gegen Feuerfangen möglichst zu schüzen, aus den Annales de Chimie. October 1821. S. 211 hier mitzutheilen. Er sagt: unter unverbrennlichen Geweben verstehen wir hier nicht diejenigen, welche gegen jede Veränderung durch das Feuer geschuzt sind, sondern solche, welche entweder ihrer Natur nach, oder durch zwekmäßige Bereitungen nur schwer Feuer fangen, nicht mit Flamme brennen, von selbst auslöschen, und den Brand nicht weiter pflanzen können.

Wollen- und Seidenzeuge, und überhaupt Zeuge, welche aus thierischen Stoffen gewebt sind, sind wenig verbrennlich, während Gewebe aus Hanf, Flachs, Baumwolle leicht Feuer fangen, und sich mit einer ausserordentlichen Schnelligkeit verzehren. Gewebe dieser Art muß man also vorzüglich trachten unverbrennbar zu machen.

Man macht ein Gewebe unverbrennlich und beschränkt die Zerstörung desselben durch die Hize auf eine bloße Verkalkung, wenn man die Oberfläche desselben gegen den Zutritt der atmosphärischen Luft sichert, und mit den brennbaren Gasen, welche die Hize aus denselben entwikelt, andere nicht brennbare Gase vermischt: denn man weiß sehr wohl, daß eine solche Mischung, in gehörigem Verhältnisse getroffen, sich nicht entzündet.

Die erste dieser Bedingungen ist dadurch leicht zu erfüllen, daß man das Gewebe mit irgend einem unverbrennlichen Ueberzuge überdekt, z.B. mit einer erdigen Materie, mit einer salzigen Substanz. Da aber dieser Ueberzug weder die Weichheit und Biegsamkeit des Ueberzuges aufheben, noch seine Oberfläche verändern darf, so ist man in der Auswahl dieser Ueberzüge sehr beschränkt.

Ein bloß erdiger Ueberzug, wenn er nicht in einer sehr diken Lage aufgetragen wird, vermag den Zutritt der Luft nicht hinlänglich abzuhalten wegen der vielen Zwischenräume, welche die Theilchen desselben zwischen sich offen lassen, und die Verbrennung des Gewebes macht, ungeachtet dieses Ueberzuges, noch sehr rasche Fortschritte. Aus diesem Grunde geben alle Salze, welche durch Calcination sich in eine erdige Masse verwandeln, wie Alaun, schwefelsaurer Zink etc., und selbst solche, welche nur bei einer sehr erhöhten Temperatur schmelzen, wie schwefelsaure Soda, schwefelsaure Potasche, keine kräftigen ueberzüge, und hindern das Fortschreiten des Verbrennens nicht, außer wenn man sie in sehr diken Lagen aufträgt. Die beßten Ueberzüge werden diejenigen |247| seyn, welche höchst schmelzbar sind; denn, da die Theile derselben bei der ersten Einwirkung der Hize zusammenbaken, so werden sie die ganze Oberfläche des Gewebes genau bedeken, und der Luft den Zutritt vollkommen verwehren. So ist es z.B. unmöglich, selbst im Sauerstoffgase, eine dünne Lage von Borax vollkommen zu verbrennen: denn kaum ist seine Oberfläche verbrannt, und in Boraxsäure verwandelt, als die Verbrennung auch schon aufhört.

Unter den Körpern, welche die besprochenen Eigenschaften besizen, gibt es viele, welche ihre Eigenschaft zu zerfließen, oder zu zerstören, nothwendig ausschließen muß; dahin gehören die meisten Säuren, Alkalien, der saure phosphorsaure Kalk, der sonst wegen seiner großen Schmelzbarkeit sehr brauchbar wäre, die Auflösung der Chlorür in Calcium, die an der freien Luft niemals troken wird etc.

Der zweiten Bedingung, von welcher oben die Rede war, wird dadurch leicht entsprochen, daß man die Stoffe, welche unverbrennlich werden sollen, mit flüchtigen, aber unverbrennlichen, Materien tränkt, wie z.B. mit hydrochlorsaurem oder schwefelsaurem Ammonium. Nicht bloß die Dämpfe dieser Salze hindern das Verbrennen des damit gemengten brennbaren Gases, indem sie dasselbe zur sehr verdünnen; das Verbrennen wird auch noch dadurch gehindert, daß diese Dämpfe eine große Menge Hize verschlingen, bloß um in den Zustand einer elastischen Flüssigkeit über zu gehen, und dadurch die Temperatur weit unter den zum Verbrennen nöthigen Grad herabbringen.

Dieß sind die wesentlichen Bedingungen, welche man zu erfüllen suchen muß, um Gewebe unverbrennlich zu machen; jede derselben kann für sich allein hinreichen: vereint werden sie desto sicherer den gewünschten Erfolg leisten. Wir wollen jezt die Substanzen kennen lernen, welche, als Ueberzüge angewendet, unserer Erwartung am meisten entsprachen.

Um den Grad der Unverbrennlichkeit, welchen eine Substanz einem Gewebe mittheilen kann, zu würdigen, nahmen wir eine solche Menge derselben, daß stets ein und dasselbe Gewicht einer wasserfreien Substanz (Substance anhydre) nämlich 25 Gramme, darin enthalten waren, und lösten dieselbe so gut auf, daß die Auflösung das Volum von 250 Grammen Wasser oder das Doppelte desselben einnahm, wenn diese Menge Flüssigkeit nicht hinreichte, diese Substanz vollkommen aufzulösen. Wir haben bei unseren Versuchen zwei verschiedene Arten von Geweben angewendet; das eine Gewebe war von Hanf, und sehr grob; das andere von Leinen und viel feiner. Die angewendeten Stüke wogen jedesmal 3 Gramme.

Jedes angewendete Stük dieser Gewebe wurde in der Auflösung getränkt, dann getroknet, und in die Flamme einer Kerze unter einem Winkel von beiläufig 45° gehalten, well man glaubte, daß man in dieser Lage am beßten über den Grad der Unverbrennlichkeit würde urtheilen können. Wir müssen hier bemerken, daß dieselbe Quantität Salzes nicht auf allen Geweben dieselbe Wirkung hervorbringt, das gröbere Gewebe weit eher vor dem Verbrennen schüzt, als das feinere. Die Ursache hievon läßt sich leicht einsehen.

Versuche, in welchen jedes Stük Zeuges, von 3 Grammen im Gewichte, mit 3 kubischen Centimetern salziger Auflösung getränkt wurde, und folglich 0,3 Gramme Salzes, oder 1/10 seines eigenen Gewichtes Salz enthielt 124).

Salzsaures und schwefelsaures Ammonium. Das gröbere Gewebe gab, mit einem Ende in die Flamme der Kerze gehalten, nur eine sehr schwache Flamme, die bald erlosch, nachdem man dasselbe von der brennenden Kerze entfernte. Das Leinengewebe wurde ganz verbrannt, brannte aber viel langsamer als in seinem natürlichen Zustande.

Boraxsaures und Phosphorsaures Ammonium. Die Flamme erhielt sich auch ausser jener der Kerze, obschon mit geringer Stärke. Wir |248| sprechen hier nur von dem gröberen Gewebe, da obige allgemeine Bemerkung es überflüssig macht, jedesmal von dem feineren zu sprechen.

Doppelt weinsteinsaures Kali und Soda. Die Flamme erhielt sich auch außer der Flamme der Kerze sehr gut.

Kohlensäure und phosphorsaure Soda. Diese beiden Salze äußerten wenig Wirkung.

Salzsaures Kali und Natron. Diese beiden Salze verminderten die Verbrennlichkeit nur wenig: eben dieß gilt vom essigsauren Bleie.

Schwefelsaurer Zink und Braunstein; schwefelsaures Eisen; schwefelsaure Soda. Gewebe, welche mit diesem Salze getränkt wurden, brannten beinahe mit eben der Leichtigkeit, wie im natürlichen Zustande.

Versuche, in welchen jedes Stük Zeuges in einer doppelten stärkeren Salz-Auflösung, als in den vorigen Versuchen, getränkt wurde.

Salzsaures und schwefelsaures Ammonium. Die Verbrennung verbreitete sich auf dem gröberen Gewebe nicht weiter; nur die Kohle, welche durch die Hize der Kerze bloßgestellt wurde, blieb einige Augenblike rothglühend. Leinen brannte noch mit einer Flamme, die aber wenig Stärke äußerte und leicht verlosch.

Phosphorsaures Ammonium. Dieses Salz machte das gröbere Gewebe unverbrennlich, jedoch nicht so gut wie Salmiak. Leinen brannte noch mit einer Flamme außer der Flamme der Kerze; es mußte in einem Drittel seines Gewichtes phosphorsaurem Ammonium getränkt werden, um durchaus unverbrennbar zu werden; nur wenn Säure in Ueberschuß vorhanden ist, braucht man weniger von diesem Salze. Es ist bemerkenswerth, daß die Kohle des Gewebes außer der Flamme der Kerze nicht fortglüht, weil sie von Phosphorsäure umhüllt ist; die durch die Hize entwikelten Gase unterhalten allein und vorzüglich das Verbrennen.

Gemenge von gleichen Theilen Salmiak und phosphorsaurem Ammonium. Das Gemenge dieser beiden Salze gab ein sehr günstiges Resultat; die Kohle glühte nicht, wie es dann der Fall war, wenn man das Ammonium allein anwendete, und Leinen gab selbst in der Flamme der Kerze beinahe keine Flamme, und verlosch auf der Stelle, so bald man sie aus derselben entfernte.

Borax. Er machte beide Gewebe unverbrennlich, die Kohle glühte aber auch noch außer der Flamme der Kerze, und konnte durch Anblasen wieder entzündet werden.

Gemenge von gleichen Theilen Borax und Salmiak. Dieses Gemenge ist sehr kräftig; die beiden Gewebe zeigten außer der Flamme der Kerze keine Spur von Verbrennung.

Boraxsaures Ammonium. Der Versuch gelang eben so gut.

Weinsteinsaures Kali und Soda. Sie hinderte nicht, daß das gröbere Gewebe mit einer Flamme brannte; die Verbrennung wurde selbst noch durch die Kohle verbreitet, welche wie Stärkmehl brannte.

Seesalz. Das gröbere Gewebe brannte auch außer der Flamme der Kerze selbst dann noch, wenn dasselbe in dreimal so viel Salzauflösung, als bei den vorigen Versuchen, eingetaucht wurde. Die übrigen Salze, von welchen wir sprachen, gaben keine glänzenderen Resultate. Man braucht bedeutende Mengen derselben, um die Gewebe unverbrennlich zu machen, außer man läßt sie in feuchter Luft, wo dann die Salze, in welche sie getränkt sind, zerfließen, und dann taugen sie zu nichts mehr.

Aus diesen Versuchen ergibt sich, daß das hydrochlorsaure, schwefelsaure, phosphorsaure und boraxsaure Ammonium, der Borax und einige Mischungen dieser Salze die tauglichsten Materialien sind, Gewebe, ohne Veränderung ihrer Eigenschaften, unverbrennbar zu machen. Mehrere andere Substanzen besizen ohne Zweifel dieselben Eigenschaften; die von uns aufgestellte Theorie wird indessen sowohl bei den Anwendungen, die man von denselben machen kann, als bei neueren Untersuchungen als Wegweiser dienen können. Es ist wohl kaum nöthig zu bemerken, daß Holz, da es viel schwerer sich entzündet |249| und brennt als Leinen, mit weit weniger von diesen Stoffen getränkt werden darf, um unverbrennbar zu werden.

Die HHn. Mérat-Guillot, Vater und Sohn, Apotheker zu Auxerre theilen in dem Journal de Pharmacie. Julius 1821. S. 333 Folgendes über den phosphorsauren Kalk mit: da Hr. Gay-Lussac, dieser berühmte Chemiker, der Akademie der Wissenschaften in der am 6. November vorigen Jahres gehaltenen Sizung anzeigte, daß Leinwand, wenn sie in eine Auflösung von phosphorsaurem Ammonium getaucht wird, unverbrennlich wird, geriethen wir hiedurch auf die Idee zu versuchen, ob nicht auch phosphorsaurer Kalk eben diese Eigenschaft besizt, und wir fanden wirklich, daß Leinwand, Musselin, Holz, Papier, Stroh, in eine auf 30–35° concentrirte Auflösung dieses Salzes getaucht, und hierauf getroknet, durchaus nicht anzuzünden, und folglich auch nicht im Stande ist, Feuer mitzutheilen. Diese Stoffe verkohlen sich, wenn sie einem sehr heftigen Flammen-Feuer ausgesezt werden; allein diese Verkohlung reicht nicht über den Feuerherd hinaus, in welchem sie sich eingesezt befinden, Schwefelhölzchen oder Faden, die in dieser Auflösung gebeizt sind, vermögen nicht, sich zu entzünden: der Schwefel brennt allerdings, aber das Hölzchen oder der Faden brennt nicht, und selbst das Verbrennen des Schwefels scheint dadurch langsamer vor sich zu gehen.

Firniß auf Leinwand aufgestrichen, welche in diese Auflösung eingetaucht ist, brennt nur mit Mühe an, und die Flamme desselben theilt sich der Leinwand nicht mit.

Die Leichtigkeit, mit welcher man sich phosphorsauren Kalk (phosphate acide de chaux) verschaffen kann, der wohlfeile Preis desselben, und die unendlichen Vortheile, welche seine Anwendung gewahren muß, in so fern dadurch Feuergefahr von Schauspielhäusern, Schiffen etc. abgehalten werden kann, läßt uns erwarten, daß man dieses Mittel günstig aufnehmen und allgemein anwenden wird.

Würde man übrigens bei Theater- und andern Bauten, alles das was sich von Stein und Eisen verfertigen läßt, daraus ausführen lassen, so würden große Fenerbrände nur in ganz äußerordentlichen Fällen, und nur bei großer Anhäufung von Brennstoffen zum Ausbruch kommen können. In dem nächsten Hefte d. Journ. theilen wir die Zeichnung zu einem aus Eisen zu fertigenden Dachstuhl von Hrn. Kreisbau-Inspektor Voit mit. Bei diesem Anlaß glauben wir auch auf das bisher noch unbekannte Mittel, mit welchem einige Marktschreier uns beinahe jährlich unterhalten, die glühendes Eisen ergreifen etc. etc., ohne Schaden darob zu erleiden, aufmerksam machen zu müßen. Wir wissen, daß sehr geschikte Chemiker, deren Namen wir zu sehr ehren, als daß wir sie nennten, obschon sie leider nicht mehr leben, sich ganz abscheulich verbrannten, als sie es den unverbrennbaren Zigeunern und Mauren gleich thun wollten, über deren – Kunst sie lächelten. Wenn es jedoch gewiß ist, daß diese Zigeuner und Mauren glühendes Eisen, ohne allen Nachtheil für sich, ergreifen, so ist es eben so gewiß, daß sie im Besize eines wenig kostspieligen Mittels seyn müßen, durch welches sie in den Stand gesezt werden, dieses thun zu können. Wir haben indessen noch nirgendwo gelesen, daß irgend eine Regierung einem solchen armen Teufel, der für einige Kreuzer seine Kunststüke dem geehrten Publicum zur Abendunterhaltung vorspielt, hätte den Antrag machen lassen, ihr sein Geheimniß mitzutheilen. Ein solcher würde gewiß sein Geheimniß um eine billige Entschädigung mittheilen; und es ist gewiß, das dasjenige, was die Hand des Menschen, was seine Lippen sogar unverbrennlich macht, auch die Schindeln auf dem Dache des Bürgers und das Stroh auf der Hütte der Bauern feuerfest zu machen vermöge. Wenn Finanzräthe, wenn Akademien es unter ihrer Würde hielten, sich um diese Zigeuner-Kunststüke zu kümmern, so hätten wenigstens die Mitglieder der Feuer-Assecuranz-Anstalten dieselben ihrer Aufmerksamkeit würdigen sollen: denn diese haben in der Regel keinen Vortheil von Brandschaden, die zu neuen einträglichen Bauten führen.

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Wenn diese Auflösungen ein Volum von 500 Grammen Wassers einnahmen, wurde jedes Stük Gewebes in 6 kubischen Centimetern getränkt, damit jedes Stük gleich viel Salz erhielt. A. d. O.

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