Titel: Notiz über eine Explosion eines Dampfkessels an der Branntweinbrennerei zu Lochrin. Von Herrn Stevenson, Mitglied der königl. Gesellschaft zu Edinburgh.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1823, Band 10, Nr. LXVI./Miszelle 2 (S. 370–371)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj010/mi010066_2

Notiz über eine Explosion eines Dampfkessels an der Branntweinbrennerei zu Lochrin. Von Herrn Stevenson, Mitglied der königl. Gesellschaft zu Edinburgh.

In den Annales de Chimie, December 1822. S. 362, ist ein Bericht aus dem Edinb. philos. Journal über die Explosion des Dampfkessels an der Brantweinbrenneres zu Lochrin, welche, wöchentlich, die auf dem festen Lande unerhörte Summe von 15,000 Pfund Sterling, sage 155,000 fl. Tranksteuer bezahlt. Man wollte in dieser Brennerei die Flüßigkeit in ungeheuren Blasen mittelst Dampfes von hohem Druke zum Sieden bringen, weil man dieß wohlfeiler, als die gewöhnliche Methode, fand. Man hatte nichts gespart, dem Kessel die nöthige Stärke zu geben, und die Arbeit sing am 21ten März an. Nachdem das Werk ungefähr 12 Tage lang im Gange war, bemerkte man, daß an dem Queksilber-Luftverdichtungsmesser etwas in Unordnung gerathen ist. Man ging sogleich zu dem Mechaniker, allein, ehe dieser kommen konnte, hatte die Explosion Statt. Der Kessel war nicht weniger als 37 Fuß lang, am Boden 3 Fuß, unmittelbar unter dem Dekel 2 Fuß, weit, und ungefähr 4 Fuß hoch. Der Boden war halbmondförmig convex, um die Berührungspuncte der Flamme und des Kessels zu vermehren. Das Gewicht des Kessels betrug ungefähr 120 Tonnen: der obere Theil und die Seiten mochten 7 Tonnen betragen, und diese Masse wurde von dem Boden losgerissen, und mit solcher Gewalt in die Höhe geschläudert, daß sie nicht bloß das Gewölbe des Brennhauses aus Ziegelsteinen, und das Dach durchschlug, sondern noch ungefähr 70 Fuß hoch in die Luft fuhr. An der Seite war das Brennhaus gegen Süden von einer Masse anderer Gebäude umgeben, gen Norden aber frei; dieser Umstand trieb nun die ausgeworfene Masse auf diese Seite hin, wo sie in einer Entfernung von 150 Fuß auf eines der Gebäude der Brennerei niederfiel, dieses von unten bis oben durchschlug, und darin einen ungeheueren Gährungs-Bottich aus Gußeisen zertrümmerte. Der Kessel war mit 8 Zoll breiten, und 3/8 Zoll diken Reifen aus geschlagenem Eisen umgeben, und stand auf 36 Gußeisen-Stangen, die 6 Zoll tief, und 2 1/2 Zoll dik waren, und eben so viele Bänder oder Kreise um den halbkreisförmigen Boden bildeten. Es verdient bemerkt zu werden, daß der Boden des Kessels 14–15 Fuß gehoben wurde, und mitten unter den Trümmern außer dem Brennhause lag, und in entgegengesezter Richtung seiner Wölbung nach Außen gebogen ward, also jezt dort concav war, wo er ehevor convex gewesen ist. Glüklicher Weise waren nur zwei Arbeiter als Opfer gefallen: von einem fand man den Kopf entzwei gerissen; von dem anderen lagen die Füße im Brennhause, während man seinen Leib aussen unter dem Schutte begraben fand. Im Augenblike der Explosion stieg eine ungeheure Menge Dampf auf, wovon ein Theil sich an den Mauern der benachbarten Gebäude verdichtete, die davon wie geweißt erschienen. In der Ferne hörte man wie einen Donnerschlag, im Innern des Gebäudes war die Explosion nicht besonders knallend. Eine englische Meile von dieser Brennerei weg verspürte man deutlich während der Explosion einen Erdstoß.

Die Wände und der Dekel des Kessels waren in horizontaler Richtung längs den Nietlöchern so regelmäßig weggerissen, als hätte man sie mit der Schere weggeschnitten, und es ist wahrscheinlich, daß man zu viele Nietnägel eingelassen hat. Die Reifen, die nur 8 Zoll breit waren, dekten sich wechselsweise 4 Zoll weit, und waren so übernietet, daß nur vier Zoll breite Ringe davon allein löcherfrei blieben, an den übrigen Theilen waren die Nietlöcher nur fünfviertel Zoll von einander entfernt, so daß also eben so, viel durchlöchert, |371| als ganz war. Wäre dieß nicht geschehen, und wären die Querbänder unten am Boden gehörig mit den Hörnern des Halbmondes, den seiner Wölbung bildete, verbunden und vernietet worden, so würde wahrscheinlich der Kessel einer größern Kraft, als derjenigen für welche er berechnet war, widerstanden seyn. Die Reifen hätten so aufgelegt werden sollen, daß die Ränder des einen auf die Mitte der beiden zunächst stehenden gefallen wären. Auch die Bildung der Nietlöcher verdient alle Aufmerksamkeit; der Bohrer, der sie bohrt, muß vollkommen walzenförmig, oder kaum merklich konisch seyn, damit die Eisenfaser so wenig als möglich in Unordnung gebracht wird; denn wo dieß der Fall ist, wird das Eisen weniger zähe, und, wie die Engländer sagen, kalt-kurz (colds hort). Ueberdieß müssen die Locher immer in Zigzag, und nie in einer Linie fortlaufen.

Man glaubte, in Hinsicht auf die Veranlassungs-Ursache, daß der obere Rand des halbzirkelförmigen Bodens ungeschikt bis zur Glühhize gebracht wurde, und dann ein Wasserfaden aus dem Behälter zufälliger Weise auf denselben strömte, wodurch zu plözliche Entwiklung des Dampfes entstand. Bei den ersten Versuchen schon bemerkte man, daß der Boden ungeachtet seiner Schwere von 9 Tonnen, bei der Entwikelung des Dampfes so zitterte, als wenn 60 ℔ auf ein □ Zoll drükten. Dieser Druk wurde auf 40 ℔ reducirt, und die Sicherheitsklappe unter Schlüssel gethan, und dem Inspector anvertraut: indessen, man hat durch irgend eine Nachläßigkeit einen höheren Druk entstehen lassen, der, der Wirkung nach zu urtheilen, weit über 215 ℔ auf den □ Zoll betragen haben muß. An den Watt- und Bolton'schen Dampfmaschinen ist der Druk zwischen 2–5 ℔ auf 1 □ Zoll; an jenen der Hrn. Frevethick und Woolf mit hohem Druke beträgt er 80 ℔ und darüber: es ist also dabei mehr Vorsicht nöthig. Wünschenswerth wäre eine Sicherheitsklappe, die so frei als möglich spielte, und so wenig als möglich von den Arbeitern abhinge. Hr. Adie schlägt dazu an irgend einer Stelle des Dekels eine Scheibe aus gehämmertem Kupfer von bekannter aber geringerer Zähigkeit als jener des Dekels vor, welche Scheibe alsogleich der Expansivkraft des Dampfes nachgäbe, sobald diese über die Hälfte der berechneten Stärke der Maschine steigt. Zur größeren Sicherheit der Arbeiter könnte man diese Scheibe mit einer hölzernen oder metallenen Röhre umfangen, die 12–14 Fuß über den Kessel emporsteigt.

Bei einer zweiten Untersuchung fand man, daß an dem von dem Ofenthürchen am weitesten entfernten Theile das Eisen bräunlich war, so wie das glühende Eisen allzeit wird, wenn man es schnell abkühlt, und dann fand man, nicht weit vom Eingange zum Herde, einen Theil eines Bleipfropfens, mit welchem man ein Nietloch verrannte, ungeschmolzen, was also nicht vermuthen läßt, daß der Boden wie man glaubte, überhizt war: indessen kann an einem so langen Kessel die Hize auch ungleichmäßig vertheilt gewesen seyn. Was diese Vermuthung, und die Wahrscheinlichkeit, daß der Boden dennoch überhizt war, bestätigt, ist der Umstand, daß man den Körper des einen der beiden Todtenopfer dicht neben dem Hahne fand, durch welchen frisches Wasser zugelassen wurde. Eine Sicherheitsklappe wurde, in entgegengesezter Richtung von dem oberen Theile des Kessels, sehr weit weggeschleudert, und durchschlug, wie eine Bombe, das Dach eines ziemlich weit entfernt stehen, den Hauses, und hätte bald einen Einwohner desselben getödet. Wir wollen diese Notiz, so wie Hr. P. S. Girard, mit der kleinen Abhandlung

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: