Titel: Ueber die Fabrikation des reinen Ammoniums in Frankreich.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1823, Band 11, Nr. LIII. (S. 319–328)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj011/ar011053

LIII. Ueber die Fabrikation des reinen Ammoniums in Frankreich und über dessen verschiedene Verwendung 126).

Aus dem Dictionaire Technologique. In Gill's technic. Repository September 1812. S. 90.

Ammonium ist eines der ältesten bekannten Alkalien. Wegen seiner Flüchtigkeit nannte man es flüchtigen Geist, flüchtiges Alkali, flüssiges flüchtiges Alkali, flüchtigen Salmiak-Geist, und in neuern Zeiten, weil man dasselbe vorzüglich aus dem Salmiak oder Sal ammoniacum bereitet, Ammonium.

Dieses Alkali gleicht in seinen Bestandtheilen durchaus keinem der übrigen: es ist so weit von den Metall-Oxiden entfernt, unter welche man die übrigen Alkalien rechnet, daß es bloß als eine Verbindung von Stikstoff und Wasserstoff betrachtet werden kann. Einige der ausgezeichnetsten Chemiker haben behauptet, daß Ammonium Sauerstoff enthalte, und haben selbst das Verhältniß desselben wie 20 zu 100, nach der Sättigungs-Capacität desselben berechnet; es war indessen, bis auf die neuesten Zeiten, unmöglich, diese Behauptung geradezu und durch positive Beweise zu begründen. Man erhielt, als Resultat der Analyse, nur Stiksstoff und Sauerstoff im Verhältnisse von einem Maße des ersteren zu drei Maßen des lezteren. Da man bisher aber nur erwiesen hat, daß das eine oder das andere dieser Gasarten, oder vielleicht beide zugleich, Oxide sind, so wird man gestehen müssen, daß die Zusammensezung des Ammoniums von jener der übrigen Alkalien ganz verschieden ist.

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Die Natur des Ammoniums zeigt, daß bloß Stikstoffhaltige Substanzen zur ursprünglichen Bildung desselben beitragen, und dieses Alkali ist auch wirklich bloß ein Product der Zersezung thierischer Stoffe, wie wir täglich uns überzeugen können: wo thierische Stoffe angehäuft sind, dort findet sich auch Ammonium. Und selbst das gegenwärtig gebräuchliche Verfahren bei Erzeugung des Ammoniums ist eine unmittelbare Folge dieser Beobachtung: sobald man thierische Stoffe der Einwirkung der Wärme aussezt, zersezen sich dieselben, und liefern, nebst anderen Producten, auch eine bedeutende Menge flüchtiges Alkali.

Wasserfreies Ammonium ist ein beständig gasförmig bleibender Körper von starkem und durchdringendem Gerüche, der das Wasser reichlich aus den Augen laufen macht. Dieses im Wasser höchst auflösbare alkalische Gas ist ein mächtiges Aezmittel, und erzeugt, wo es, selbst in Wasser aufgelöst, auf die Haut gebracht wird, in kurzer Zeit Blätterchen auf derselben: Eigenschaften wegen welcher es auch in der Medicin angewendet wird; z.B. als Wiederbelebungs-Mittel bei Ohnmachten, wo der heftige Reiz auf die Schleimhaut der Nase, wenn man Ammonium unter dieselbe hält, die Lebensgeister neu belebt 127) ; als rothmachendes oder selbst als Aezmittel, wenn es in damit befeuchteten Leinwand-Läppchen auf die Haut gelegt, oder, was besser ist, mit Fett oder Oel zu einer Seife verbunden, und so auf die Haut angewendet wird. Es wirkt auf diese Weise schneller als Zugpflaster. Es dient ferner bei dem Bisse wüthender Thiere, um jene Theile, welche dadurch verlezt wurden, gewisser Massen zu brennen, und zu zerstören, und dadurch der Einsaugung des Giftes |321| vorzubeugen 128) , und wenn es mit vielem Wasser verdünnt ist, auch die Schmerzen, die von dem Stiche der Insecten entstehen, zu lindern.

Auch in den Künsten wird Ammonium angewendet. Es dient zur Auflösung des Carmines, und zieht aus den Schuppen |322| des Weißfisches einen Stoff aus, den man zur Verfertigung künstlicher, sogenannter falscher Perlen verwenden kann. In der Chemie wird es sowohl als Auflösungs-Mittel, als auch als Fällungs-Mittel gewisser Stoffe, deren Daseyn es beurkundet, häufig verwendet. Sehr viele Metall-Oxide sind in Ammonium auflösbar, und können dadurch von andern nicht auflösbaren geschieden werden. Alle Silbersalze, mit Ausnahme des blausauren Silbers, sind in diesem Alkali auflösbar: das chlorsaure Silber löst sich mit solcher Leichtigkeit in demselben auf, daß man bereits an gewissen Silberbergwerken, vorzüglich an jenen in Mexico und Peru, ernstlich damit umging, sich des Ammoniums statt des Queksilbers zu bedienen, und die Amalgamation aufzugeben, indem man, theils wegen der Langsamkeit derselben, theils wegen Mangels an kräftigem Brennmateriale, wodurch das Rösten unmöglich und man gezwungen wurde, auf eine größere Masse von Eisen, oder wenigstens auf ärmere Erze zu wirken, sehr großen Verlust an Queksilber erlitt. Man wird jezt den Versuch machen, und das chlorsaure Silber in Ammonium auflösen, wodurch zugleich durch Eintauchung von Kupferplatten in diese Auflösung, das Silber im metallischen Zustande niedergeschlagen werden kann.

Da das Ammonium keine besonders starke Verwandtschaft zu den Säuren besizt, so kann es beinahe aus allen seinen salzigen Verbindungen durch die meisten Basen geschieden werden: einige derselben, wie z.B. jene mit der Bittererde, werden nur zum Theile zersezt, und verbinden sich mit demselben, die Natur der Säure beibehaltend, zu einem Doppelsalze; dieß ist indessen ein seltener Fall, und gewöhnlich geschieht die Zersezung vollkommen. So scheidet nicht bloß Pottasche und Soda, sondern auch Kalk, Schwererde und Strontian, und selbst die meisten Metalloxide, das Ammonium aus den Salzen, deren Basis dasselbe bildet. Es gibt also Mittel genug, um dieses flüchtige Alkali sich zu verschaffen, und es handelt sich bei der Wahl derselben bloß um ihre Wohlfeilheit. In Laboratorien und auch in Fabriken bedient man sich zur Bereitung desselben einer Mischung aus frisch gebranntem, mit Wasser gelöschtem Kalke und gepülvertem Salmiak. Will man es in gasförmigem Zustande, so nimmt man kaustischen wasserfreien Kalk, und |323| wendet, so wie bei anderen im Wasser auflösbaren Flüssigkeiten, Queksilber an. Um es in flüssigem Zustande zu erhallen, bedient man sich eines gewöhnlichen Woulfe'schen Apparates aus einer irdenen Retorte und drei bis vier Flaschen mit Verbindungs-Röhren und Sicherheits-Röhren. Wo eine große Menge auf einmal bereitet wird, nimmt man statt einer Retorte einen Topf oder einen Cylinder aus Gußeisen, an welchem ein hinlänglich geräumiger Apparat angebracht wird: zuweilen bedient man sich bloß steinerner Flaschen, die auf dieselbe Weise, wie bei Bereitung der Hydrochlorsäure angewendet werden. Man beginnt die Operation durch Zerkleinung des Kalkes mit etwas Wasser, und bringt in dieser Hinsicht kleine Stüke Kalkes in eine irdene Pfanne oder in ein hölzernes Faß, und besprengt sie nach und nach auf allen Seiten mit Wasser solang, bis aller Kalk gelöscht ist, wo man ihn dann abkühlen läßt, und durch ein Sieb treibt. Einige Fabrikanten empfehlen die Anwendung des wasserfreien Kalkes, den sie bloß in einem Mörser stoßen: diese Methode hat jedoch ihre Nachtheile: die Arbeit wird bedeutend vermehrt, und die Operation selbst ist viel lästiger; der Kalk wird überdieß nicht gehörig und gleichförmig zertheilt. Ein Hauptgrund gegen obige Methode ist endlich die Gegenwart des Wassers in dem Kalke, wodurch die Zersezung ohne Vergleich leichter wird: das Wasser dient als Vehikel für das Gas, und wird mit größerer Schnelligkeit losgerissen. Der Salmiak wird auf die gewöhnliche Weise gepulvert. Man macht dann eine Mischung aus gleichen Theilen dieser beiden Substanzen, bringt sie in eine Retorte oder in einen Cylinder, je nachdem die Menge groß ist, und gibt Acht, daß das Gefäß nicht ganz voll wird. Gewöhnlich mischt man nicht alles auf einmal, um weniger von dem Geruche, der sich dabei entwikelt, zu leiden zu haben.

Nachdem die Materialien auf diese Weise vorgerichtet wurden, wird die Retorte oder der Cylinder mit dem Apparate verbunden, dessen Theile, vorher alle gehörig in einander gepaßt worden seyn müssen. Die erste Flasche, in welcher das Gas gewaschen, d.h., von allen fremden Stoffen gereinigt wird, ist mit einer großen krummen Röhre vorgerichtet. Mit dieser Flasche, in welche etwas Wasser gegossen wird, und die mit einer |324| Sicherheits-Röhre versehen ist, wird eine zweite und dritte verbunden, wovon jede die Häfte des Wassers erhält, welche dem Gewichte des ganzen angewendeten Salzes ungefähr gleich ist: man sorgt übrigens dafür, daß jede Flasche wenigstens bis auf zwei Drittel leer bleibt. Hierauf wird alles gehörig verkittet, und der Ofen mit seiner Kuppel bedekt. Die Cylinder aus Gußeisen, deren man sich bei großen Operationen bedient, haben an dem einen ihrer Enden eine Röhre, welche mit dem Woulfe'schen Apparate in Verbindung steht; das andere entgegengesezte Ende, an welchem man die Cylinder füllt, und den Rükstand herausnimmt, ist mit einem vierekigen Rahmen versehen, in welchem eine vierekige Oeffnung paßt, die mit Schrauben und Schrauben-Nieten daran befestigt wird, nachdem vorläufig ein kleiner Ring von Filz zwischen beide gelegt wurde. Die Fugen werden hierauf mit einem Gemenge aus feuchtem Ofen-Lehme, etwas Kochsalz und zerschnittenen Striken, bedekt, und wieder über diesem Kitte mit feuchter Thonerde bedekt, um sie immer feucht zu halten, und das Abspringen zu verhindern. Diese Operation fodert, selbst wenn sie im Großen vollbracht wird, mehr Aufmerksamkeit, als andere ähnliche Operationen, indem der Druk, dem der Kitt zu widerstehen hat, nicht wohl vermieden werden kann, was in anderen Fällen nicht zu besorgen ist. Bei Bereitung der Kochsalzsäure z.B. ist es genug, wenn das Gas an die Oberfläche des Wassers gelangt, indem die Auflösung derselben viel dichter als das Wasser ist, und alsogleich auf den Boden des Gefäßes fällt, so daß, bis zur vollkommenen Sättigung, das Wasser immer oben ist; während hier bei dem Ammonium-Gas gerade das Gegentheil Statt hat, indem seine Auflösung im Wasser leichter ist, als das Wasser selbst, und folglich immer an die Oberfläche des Wassers emporsteigt, wo es bald mit einer gesättigten Schichte in Berührung kommt, welche die Sättigung der unteren Schichten hindert. Es ist daher durchaus nothwendig, entweder die Flüssigkeit sehr oft zu rütteln, oder die Röhren, welche das Gas leiten, recht tief einzutauchen, wo dann im lezteren Falle die verkitteten Stellen einen sehr großen Druk zu erleiden haben, welchem sie öfters nicht zu widerstehen im Stande sind. Nachdem nun der Apparat gehörig vorgerichtet ist, fängt man an |325| Feuer zu geben, und man sieht alsogleich das Gas sich entwikeln: die stärkere oder geringere Heftigkeit, mit welcher das Gas sich entwikelt, dient als Maßstab, nach welchem das Feuer verstärkt oder vermindert werden muß. So wie das Gas sich entwikelt, nimmt die Flüssigkeit an Umfang zu, und die Temperatur derselben erhöht sich in einem weit stärkerem Verhältnisse, als man nach der Menge des während eines gewissen Zeitraumes aufgelösten Gases vermuthen sollte. Die Vermehrung des Umfanges erklärt sich von selbst, und man begreift auch, daß die Erhöhung der Temperatur davon herrührt, daß die elastische Flüssigkeit ihren luftförmigen Zustand aufgibt, und in einen tropfförmigen Zustand übergeht, und folglich jenen Theil von verborgenem Wärmestoffe fahren läßt, welchen sie im gasförmigen Zustande enthielt.

Indessen kommt allmählig eine Periode, in welcher, obschon der Strom des Gases immer gleich stark bleibt, die Flüssigkeit dessen ungeachtet erkühlt, weil sie nämlich dann ihrem Sättigungs-Puncte nahe ist, und die Fähigkeit aufzulösen sich immer mehr und mehr vermindert, und ein Theil des Gases in die folgende Flasche übergeht, um dort aufgelöset zu werden, und, wie wir oben erklärten, wieder die Temperatur zu erhöhen und das Volumen zu vergrößern. So geht die Operation fort, bis aller Salmiak vollkommen zersezt und die Arbeit beinahe vollendet ist, wo dann die Röhre, welche die Retorte mit der Flasche verbindet, außerordentlich heiß wird, und eine Menge Flüssigkeit in der ersten Flasche anfängt sich zu verdichten. Diese Erscheinung ist der Feuchtigkeit in dem Kalke und Salze zuzuschreiben, welche gegen das Ende ausgetrieben wird, und wahrscheinlich auch der Verbindung des Wasserstoffes der Hydrochlorsäure mit dem Sauerstoffe des Gases. Zu dieser Zeit entwikelt sich zuweilen auch etwas brennbares Gas, wie wenn eine Zersezung eines Theiles des Ammonium-Gases bei einer sehr erhöhten Temperatur Statt hat. Wenn die Operation bis auf diesen Punct vorgeschritten ist, läßt man den Apparat kalt werden, und nimmt den Kitt ab.

Als Rükstand findet man eine licht bräunliche Masse, welche so dik und hart ist, daß sie unter dem Hammer Funken gibt. Auf dem frischen Bruche ist sie blättrig und glänzend, |326| die Blätter werden aber, der Luft ausgesezt, bald matt, weil sie Feuchtigkeit anziehen. Mit Wasser behandelt löst sich dieser Rükstand nicht ganz auf, und ein Theil des unverbundenen Kalkes bleibt auf dem Filtrum. Die, bis auf einen gewissen Grad von Concentration abgerauchte, Flüssigkeit gibt, beim Abkühlen, Krystalle, welche jenen der Boraxsäure ähnlich sind, und welche man für basischen hydrochlorsauren Kalk hält, und die ich geneigt bin für Calcium-Deuteroxid zu halten; wenigstens haben sie ganz die Charaktere desselben. Da indessen diese Krystalle sich mitten in einer ausserordentlich schleimigen Flüssigkeit bilden, und sich sehr leicht verändern, so konnte man sie nie vollkommen von dem kochsalzsauren Kalke, der sie umgibt, gereinigt darstellen. Man glaubt indessen, daß sie eine gewisse Menge Hydrochlorsäure in ihrer Mischung enthalten.

Was nun die erhaltenen flüssigen Producte betrifft, so muß das, was in der ersten Flasche sich gesammelt hat, als gefärbt, unrein und sehr schwach, indem der Wasserdampf am Ende der Operation so kalt ist, daß er kaum das Gas auflöst, weggeschüttet werden. Die Flüssigkeit in der zweiten Flasche ist meistens am stärksten gesättigt. Das Volumen des Wassers, welches dieselbe anfangs enthielt, ist ungefähr um ein Drittel vergrößert, die Dichtigkeit desselben ist aber auf eine auffallende Weise vermindert. Man bestimmt im Handel den Werth des Ammoniums nach der Dichtigkeit desselben mittelst des Weingeist-Aräometers. Gewöhnliches flüssiges Ammonium zeigt gewöhnlich zwischen 20 und 22°; es kann aber bis auf 24 und 25° erhöhet werden: indessen ist es sehr schwer, vorzüglich im Sommer, dasselbe auf diesem Grade von Concentration zu erhalten. Bei Versuchen, welche den höchsten Grad von Genauigkeit erfodern, muß die specifische Schwere sehr streng genommen werden. Sir Humphrey Davy hat folgende Tabelle berechnet, in welcher er das Verhältniß zwischen dem Wasser, zwischen dem darin aufgelösten Gase, und zwischen der specifischen Schwere der Auflösung bestimmte, wie folgt:

Specifische Schwere. Ammonium. Wasser
0,9054 – – 25,37 – 74,63.
0,9166 – – 22,07 – 77,93.
0,9255 – – 19,54 – 80,46.
0,9326 – – 17,52 – 82,48.
0,9385 – – 15,83 – 84,12.
0,9435 – – 14,53 – 85,47.
0,9476 – – 13,46 – 86,54.
0,9513 – – 12,40 – 87,60.
0,9545 – – 11,56 – 88,44.
0,9573 – – 10,82 – 89,18.
0,9597 – – 10,17 – 89,83.
0,9619 – – 9,60 – 90,40.
0,9684 – – 9,50 – 90,50.
0,9713 – – 7,17 – 92,83.

Wo Ammonium als Prüfungs-Mittel, als Reagens, angewendet wird, muß es von der höchsten Reinheit seyn, welche das im Handel vorkommende und fabrikmäßig erzeugte Ammonium nie besizt. Viele Umstände sind hieran Schuld. Man nimmt erstlich kein destillirtes Wasser und läßt auch öfters, um einen zu starken Druk auf den Apparat zu vermeiden, die Flasche weg, in welcher das Gas gewaschen wird. Ueberdieß sind auch die Materialien, die man zur Erzeugung des Ammoniums anwendet, nicht immer von der beßten Beschaffenheit: man nimmt in den Ammonium-Fabriken öfters den Salmiak, der weggeworfen wird, und Stüke von den Salmiak-Leiben: etc. Daher hält das im Handel vorkommende Ammonium immer Salmiak oder andere Salze in dem Wasser, das man dabei anwendet, und zugleich auch eine unbestimmte Menge empyreumatischen Oeles. Durch die bekannten Prüfungs-Mittel lassen sich alle diese fremdartigen Körper in dem Ammoium leicht entdeken, wie z.B. durch Barytsalze die schwefelsauren, und durch salpetersaures Silber die kochsalzsauren Salze: im lezteren Falle muß man aber die Vorsicht brauchen, und, ehe man salpetersaures Silber dem Ammonium zusezt, lezteres mit reiner Salpetersäure sättigen; denn sonst erhält man keinen Niederschlag, selbst wenn das Ammonium viele Hydrochlorsäure enthielte, weil das Ammonium die Eigenschaft besizt, hydrochlorsaures Silber aufzulösen. Was das empyreumatische Oel betrifft, so muß man, wenn man dasselbe nicht durch den Geruch erkennt, das Alkali mit Wasser verdünnen, um den Geruch desselben zu schwächen, und dann jenen des empyreumatischen Oeles dadurch leichter wahrnehmen zu können. Man kann auch ein gleiches Volumen concentrirter Schwefelsäure |328| zusezen, wodurch dann das Oel verkohlt, und die Mischung schwarz wird.

Ammonium besizt sowohl im tropfbar flüssigen als im gasförmigen Zustande, mehrere Eigenschaften, deren wir hier nicht erwähnten, weil sie nicht geradezu hierher gehören; wir können jedoch diese Abhandlung nicht schließen, ohne die Mittel anzugeben, durch welche man sich von der Zusammensezung dieses Alkalis übezeugen kann. Scheele war der Erste, welcher bemerkte, daß es Stikstoff enthielt, und nach ihm entdekte Priestley Wasserstoff in demselben, indem er es der Einwirkung der Elektricität bloß stellte. Im J. 1785 bestimmte Graf Berthollet, durch genaue Untersuchung, die Verhältnisse, in welchen diese Bestandtheile in demselben vorkommen. Er brachte ein gewisses Volumen Ammonium-Gas, und eben so viel Wasserstoffgas, in einem Eudiometer über Queksilber, und ließ das Wasserstoffgas mittelst des elektrischen Funkens verknallen, wo dann das Stikstoffgas, mit dem überschüssigen Sauerstoffe verbunden, den Rükstand bildete. Nimmt man zwei Drittel der bei der Wasserbildung Statt gefundenen Absorption als die Menge des Wasserstoffes an, so gibt das übrige Drittel den verbundenen Sauerstoff. Dieses Drittel, von dem halben angewendeten Volumen abgezogen, gibt genau den Sauerstoff, welcher einen Theil des Rükstandes bildet. Und dieser, wieder abgezogen von dem ganzen Rükstande, gibt die Menge Stikstoffes. Hiernach erhellt, daß 100 Maßtheile Ammonium aus 150 Maßtheilen Wasserstoff und 50 Maßtheilen Stikstoff bestehen, oder, in Hinsicht auf die specifische Schwere dieser beiden Elemente, aus 12,15 des ersteren und 100 des lezteren.

Da nun die Bestandtheile des Ammoniums bekannt sind, so läßt es sich leicht erklären, wie es den Sauerstoff aus gewissen leicht reducirbaren Oxiden an sich zieht, und wie es auf gewisse Körper wirken muß, welche eine ausgezeichnete Verwandtschaft mit dem Wasserstoffe besizen, wie Chlorine, Jodine etc.

Wir verweisen hiebei auch auf die nachfolgende Abhandlung „Bereitung des Salmiaks etc.“

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Nichts kann verderblicher seyn, als wenn Nichtärztliche über ärztliche Gegenstände sprechen. Alle Aerzte sind überzeugt, daß durch unbedingte Anwendung des Ammoniums bei Ohnmachten, wo nicht mehr Unheil als Nuzen, doch gewiß eben soviel entstanden ist. Tausende, denen man in unverständiger Geschäftigkeit das Ammonium unter die Nase hielt, sind, statt dadurch wieder belebt zu werden, erst vollkommen getödtet worden, weil sie davon überreizt wurden. Wo der Arzt lang ansteht, ehe er sich zu der Anwendung eines bestimmten Mittels bequemt, darf man es nicht den Laien überlassen, davon unbedingt Gebrauch zu machen. A. d. Ueb.

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Diese Erklärungs-Art ist ganz falsch. Alle kaustischen Alkalien haben, nach den vielfältigen widerholten Erfahrungen von Redi, Fontana, Mederer von Wuthwehr etc. die Eigenschaft, das Gift der Schlangen, und selbst das Hundswuth-Gift, zu neutralisiren, und ganz unschädlich zu machen. Es ist so wahr, daß kaustische Alkalien diese Gifte unschädlich machen, daß man sich mit einer Lancette, welche man in eine Mischung von diesen Giften mit einem kaustischen Alkali taucht, ohne allen Nachtheil stechen oder schneiden kann, und es ist falsch, daß das Ammonium durch ein Brennen der Wunde die Einsaugung des Giftes hindert oder unmöglich macht, daß vielmehr jedes kaustische Alkali, wenn es sehr concentrirt und nicht reichlich mit Wasser verdünnt ist, die wohlthätige Wirkung des Alkali gänzlich vereitelt. Die Lauge, mit welcher man die vergiftete Wunde eines tollen Hundbisses auswaschen muß, um den Biß unschädlich zu machen, darf nicht stärker seyn, als daß man sie im Munde halten kann; wenn man sie stärker anwendet, zieht sie, durch den Schmerz, den sie an den Wundrändern erregt, dieselben zusammen, und hindert die Lauge zwischen dieselben und in die Tiefe der Wunde einzudringen, und dort das Gift zu neutralisiren und zu zerstören. Es ist unglaublich, daß die herrlichen Versuche des Freiburger Professors Mederer von Wuthwehr (eines ursprünglichen Baiers, der zu Wien als General-Feldstabsarzt der k. k. österr. Armee starb), durch welche es so klar, als irgend etwas in der Medicin klar seyn kann, erwiesen ist, daß das schnelle, wo möglich augenblikliche, Auswaschen der von einem tollen Hunde erhaltenen Wunde mit gemeiner Lauge, so wie man sie bei jedem Seifensieder und auf den meisten Herden immer vorräthig findet, in obenangegebener Stärke, das einzige sichere Mittel ist, wodurch diese gefahrvollen Bisse gänzlich unschädlich gemacht werden können, wenn überdieß noch die ausgewaschene Wunde gehörige Zeit über in erfoderlicher Eiterung gehalten wird, so wenig bekannt und benüzt bleiben konnten. Würden die Pfarrer in den Schulen dieses Mittel gegen den tollen Hundsbiß, statt des Hubertus-Slüssel, der Schuljugend empfehlen, und in den Schulen zur allgemeine Kenntniß bringen, so würde manches Todesopfer dem Grabe entrissen. Wir würden uns keine medicinische Bemerkung in unserem Journale erlaubt haben, wenn nicht der Hr. Verfasser durch seine irrigen Ansichten in einer höchst wichtigen Sache uns dazu, gezwungen hätte. A. d. Ueb.

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