Titel: Berthier's Analyse verschiedener Kalksteine.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1823, Band 11, Nr. LV. (S. 350–363)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj011/ar011055

LV. Analyse verschiedener Kalksteine in Bezug auf den beßten Mörtel, von Hrn. P. Berthier, Ingenieur beim k. Bergwerks-Corps.

Aus den Annales des Mines in den Annales de Chimie 1823. Janvier. S. 62. Im gedrängten Auszuge. 145)

„Hrn. Vicat's Werk über den Kalk und den Mörtel gehört allerdings unter die beßten Werke, die wir dem Corps des Straßen- und Brükenbaues verdanken. Seine Entdekung über die |351| Bereitung des künstlichen hydraulischen Kalkes ist von der höchsten Wichtigkeit: die Regierung hat es sich angelegen seyn lassen, bei den öffentlichen Gebäuden Vortheil davon zu ziehen, und viele Private haben diesem Beispiele gefolgt. Hr. Vicat handelte um so edler, indem er seine Erfindung öffentlich bekannt machte, als er, hätte er dieselbe (wie so viele andere Schufte) verkauft, oder sich ein Brévet d'invention dafür geben lassen, bedeutenden Gewinn mit derselben hätte machen können Hr. Vicat und Hr. John haben sich mit zwei besonderen Gegenständen, nämlich mit dem Kalke und mit dem Mörtel beschäftigt. Ueber den Kalk stimmen diese beiden Gelehrten in ihrer Ansicht vollkommen überein, gestehen aber leide, daß die Mischung der hidraulischen Kalke sehr wandelbar, und daß die Frage, worin die Eigenschaften der Kalkarten, die nicht dieselben Bestandtheile besizen, von einander abweichen, noch nicht aufgelöst ist. Diese Frage wird man offenbar nur dann erst lösen können, wenn man entweder die Bestandtheile einer Menge Kalkarten, deren Eigenschaften bereits gehörig bekannt sind, durch Analyse bestimmt, oder die Eigenschaften verschiedener künstlich zusammengesetzer Kalkarten gehörig prüft.“

„Die Theorie des Mörtels ist noch bei weitem nicht so vorgerükt, als die des Kalkes. Hr John und Hr. Vicat weichen, wie ich am Ende dieses Aufsazes zeigen werde, in Hinsicht derselben von einander ab, und es wäre sehr zu wünschen, daß lezterer seine so schön begonnenen Untersuchungen hierüber fortsezen möchte, da Niemand mehr, als er im Stande ist, diesen schwierigen Gegenstand zu ergründen.“

Nach einer S. 64 bis 65 gegebenen Analyse von 8 französischen nicht hydraulischen Kalkarten (vor und nach dem Brennen derselben) schließt Hr. Berthier: „1. Daß wie Hr. Vicat und John sich äußerten, beinahe reine Kalksteine immer fette Kalke liefern, 2. daß sehr gemengte, aber nicht thonartige Kalkarten mageren, aber nicht hydraulischen Kalk liefern.“

Die eilf Analysen hydraulischer Kalkarten S. 66 begleitet S. 68 eine lange Bemerkung über eine künstliche Kalk-Composition des Hrn. de St. Léger, die wir hier mittheilen müssen.

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„Diese Mischung besteht aus 4 Theilen Kreide von Meudon und Einem (Maß) Theile Thon von Passy. Hr. de St. Léger bedient sich desselben zur Verfertigung des künstlichen hydraulischen Kalkes in seiner bei der Brüke der Militär-Schule befindlichen Fabrike. Die Regierung bedient sich gegenwärtig bloß dieses Kalkes des Hrn. de Saint-Léger bei den öffentlichen Gebäuden zu Paris, und bei dem Canal von Saint-Martin wurde in diesem Jahre eine ungeheure Menge desselben verbraucht. Man schäzt ihn höher, als den Kalk von Senonches, und auch ich habe mich, im Kleinen, von den Vorzügen desselben überzeugt. Ich habe immer gefunden, daß nach einer gewissen Zeit der Kalk des Hrn. Saint-Léger bedeutend härter wird, als jener von Senonches. Er löst sich, wie lezterer, vollkommen in Säuren auf, und schwillt, bei dem gewöhnlichen Löschen, um 0,65 seines Umfanges, wenn man die nicht gar gebrannten Stüke sorgfältig absondert.“

Hr. de Saint-Léger wird seine Fabrik vergrößern, um alle Bestellungen befriedigen zu können, und ich zweifle nicht, daß er bald ganz Paris mit hydraulischen Kalke zu versehen haben wird, um so mehr, als er das kubische Mêtre (3,1635 Wiener Fuß) um 60 Franken gibt, während der Kalk von Senonches 85 Franken kostet.

„Hr. Girant, Baumeister zu Nemours, war der Erste, der aus Kreide und Thon, nach Vicat's Angabe in seinem trefflichen Werke, künstlichen hydraulischen Thon verfertigte. Hr. de Saint-Léger hat eben dieses Verfahren bedeutend vervollkommnet und vereinfacht; es gelang ihm alle Hindernisse zu besiegen, und er kann sich mit Recht das Verdienst zuschreiben, diese neue Kunst auf eine Stufe von Vollkommenheit gebracht zu haben.“

„Im Jahre 1795 ließen sich die Hrn. Parker und Wyatts ein Patent geben, um zu London einen künstlichen Kalk zu erzeugen, den sie Anfangs Wasserkalk, und später römischen Kitt nannten. Ihre Unternehmung hatte den beßten Erfolg, und später entstanden mehrere ähnliche Fabriken, die gleichfalls ihr Gedeihen fanden. Man treibt heut zu Tage einen ungeheuren Handel in England mit diesem römischen Kitte, und verschifft denselben bis nach Ostindien.“

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„Dieser Kitt hat die Eigenschaft beinahe augenbliklich, wie Gips, zu erhärten, wenn man ihn, ohne alle andere Beimischung, sich selbst entweder in Berührung mit Luft oder mit Wasser überlaßt, nachdem er vorläufig zu einem etwas dichten Teige angerührt wurde. Wasser verdünnt ihn nicht; er bekommt im Gegentheile, mehr Dichtheit, wenn er beständig benezt oder feucht erhalten wird, als wenn man ihn troken hält; seine Härte nimmt mit der Zeit zu, und er wird schnell eben so hart, wie der beßte Kalkstein. Diese Eigenschaften machen den römischen Kitt bei allen Wasserbauwerken höchst schäzenswerth, vorzüglich dort, wo man das Wasser aus was immer für einem Grunde nicht kann ablaufen lassen. Man bedient sich desselben auch zu London zum Anwurfe der Häuser statt des Gipses, und zum Aufmauern der grundfesten großen Gebäude. Seine Anwendung fodert aber viele Uebung. Wenn man ihm bei dem Anrühren nicht den gehörigen Grad von Dichtheit gibt; wenn man bei dem Auftragen und Einstreichen desselben in die Zwischenräume der Steine nicht gehörig eilt, oder wenn man die Arbeit unterbricht, so erhärtet er ungleich, springt, und hängt schlecht an dem Mauerwerke. Rein darf man ihn nur bei jenen Mauerwerken anwenden, die der Einwirkung des Wassers zu widerstehen haben; gemengt mit feinem, ekigen, gut gewaschenen Sande, im Verhältnisse von 2 Theilen Sand auf 3 Theile Kitt, empfehlen die Hrn. Parker und Wyatts ihn zu Grundfesten und zu Gesimsen, die dem Regen ausgesezt sind; 3, 4 bis 5 Theile Sand auf 3 Theile Kitt loben sie zu gemeinem Mörtel, und 3 Theile Sand auf 2 Theile Kitt zum Ueberwurfe an Mauern, die der Kälte, 5 Theile Sand und 2 Theile Kitt an Mauern, die der Hize und Trokenheit ausgesezt sind. Dieser Kitt wird in der Fabrik gleich nach dem Brennen unter Mühlsteinen zu einem sehr feinen Pulver gemahlen, und in wohl verschlossenen Fässern, das Kubik-Mêtre zu 100 Franken in London, verkauft. Vor dem Anrühren mengt man ihn mit Sand. Er löscht sich langsam und erhizt sich kaum merklich, saugt wenig Wasser ein, und nimmt nicht sehr an Umfang zu.“

„Hr. Lesage, Ingenieur bei der Armee, hat vor 20 Jahren (im Journal des Mines Tab. XII. pag. 459) eine Kalkart |354| unter dem Namen Gips-Kitt (plâter-ciment) beschrieben, deren man sich damals zu Boulogne sur mer (Pas de Calais) bediente. Aus seiner Beschreibung erhellt, daß diese Kalkart nichts anderes, als der englische Kitt ist, wie die Annalysen (des Hrn. Drapier, Journal des Mines, Tab. XII. S. 490, und des Hrn. Berthier hier, S. 72) beweisen.“

„Der englische Stein ist dicht, sehr feinkörnig, hart, zähe, nimmt eine sehr schöne Politur an, und ist grau-braun. Seine specifische Schwere ist 2, 59. Man sagt, daß er in knolligen Massen im Mergel vorkommt. Er zeigt dünne und gewundene Scheidewände einer kristallinischen, gelblichen, durchscheinenden Substanz, die einige Fabrikanten für Gips erklären; ich habe mich aber überzeugt, daß sie reiner kohlensaurer Kalk ist, und weder in diesem Steine noch in dem Kitte kohlensauren Kalk gefunden. Man glaubte, daß dieser Kittstein nur an einem einzigen Orte in England sich fände, hat ihn aber seit einigen Jahren an mehreren Orten getroffen, und man versichert, daß er sehr häufig ist.“

„Der Boulogner Stein ist eben so dicht, sehr feinkörnig, hart, zähe und politurfähig; ist aber gelblich grau. Man fand ihn immer nur als Gerölle am Ufer des Meeres. Man hat schon lange Zeit her seine Sammlung aufgegeben, weil man behauptet, daß er zu selten geworden ist. Man sollte glauben, daß die kostbaren Eigenschaften dieses Steines, die durch eine eigene Commission, deren Organ Hr. Lesage gewesen ist, auf die legalste Weise erwiesen wurden, die Aufmerksamkeit aller Baumeister hätte erregen, und einige Speculanten bestimmen sollen zu sehen, ob nicht irgendwo in Frankreich dieser Stein in hinreichender Menge vorkommt, um auf denselben mit Vortheil graben zu können. Hrn. Drapier's Analyse zeigt, daß dieser Stein nichts, wie ein sehr thonhältiger Kalk ist (0,616 Kalk, 0,048 Thon); man wußte also hieraus schon, wo man ihn zu suchen hat. Kalkformation ist so häufig in Frankreich, daß es unmöglich ist, daß Versuche in der Auffindung dieses Steines unbelohnt hätten bleiben können. Allein, weit entfernt von allen diesen Hoffnungen hörte die Fabrik zu Boulogne beinahe eben so schnell auf, als sie errichtet ward. Niemand dachte daran, irgendwo eine ähnliche zu gründen, und der Kitt-Gips war so |355| schnell wieder gänzlich vergessen, daß bei der Wiederkehr des Friedens die Engländer mit ihrem römischen Kitte kamen, und man denselben als eine neue Entdekung, als etwas in Frankreich ganz Unbekanntes anstaunte. Die Engländer errichteten eine Niederlage von diesem Kitte zu Quernsey, von wo aus sie ihn über die ganze Küste von Frankreich verführen, und die französische Regierung selbst kauft ihnen gegenwärtig eine sehr große Menge zu den Werken am Hafen von Cherboury ab. Wir wollen hoffen, daß wir nicht säumen werden, uns von diesem Tribute zu befreien, und aus unserem eigenen Lande das aus der Fremde eingeführte Baumaterial auszugraben. Petersburg hat jezt seinen römischen Kitt so gut wie London. Es dankt diesen Gewinn den Hrn. Clapeyron und Lamey, Markscheidern an den französischen Bergwerken, die auf einige Zeit an dem polytechnischen Institute von Rußland als Professoren angestellt sind, und die von der russischen Regierung beauftragt, hydraulische Kalksteine aufzusuchen, einen Kalkstein fanden, der selbst noch besser ist als der englische Kitt, indem er nach drei Monaten unter dem Wasser noch härter wird, als jener. Er ist farbenlos. Durch diese Entdekung hat die russische Regierung bereits mehrere hunderttausend Franken bei ihren Wassergebäuden erspart, die ehevor ins Ausland gingen 146) . Und wenn auch, was durchaus nicht wahrscheinlich ist, in ganz Frankreich keine hiezu tauglichen Kalksteine mehr gefunden werden sollten, so wird man diesen Kitt eben so gut künstlich bereiten können, wie die gewöhnlichen hydraulischen Kalksteine. Die Hrn. de St. Leger und Girault haben hierüber bereits Versuche angestellt, die ein sehr günstiges Resultat lieferten; sie werden sie im nächsten Frühjahre wieder vornehmen, und man hat allen Grund zu glauben, daß beide ihren Zwek erreichen werden. Ich glaube, daß man aus Einem Theile gewöhnlichen, von allem Sande |356| freien, Töpferthon und zwei Maßtheilen Kreide, d.h. aus Einem Theile Thon, und zwei Theilen und einem halben Kreide dem Gewichte nach einen höchst hydraulischen Kalk verfertigen kann, der eben so schnell anzieht, wie der englische Kitt. Indessen muß ich bemerken, daß es nicht wahrscheinlich ist, daß man durch Mischung hydraulische Kalkarten erhalten kann, die eben so hart und dicht werden, als der natürliche Kitt, indem diese Eigenschaften nicht bloß von den Mischungs-Verhältnissen der Bestandtheile, sondern von dem Grade der Dichtheit selbst abhängen. Es läßt sich begreifen, daß je mehr ein hydraulischer Kalk, der sich ohne Veränderung seines Umfanges löscht. Dichtheit besizt, desto mehr seine Theilchen Fähigkeit besizen sich an einander anzudrängen, und er selbst bei seinem Erhärten sich weniger zusammen zieht. Die künstlichen Mischungen werden, man mag anfangen was man will, immer leichter seyn als die natürlichen Steine. Ich bin überzeugt, daß die englischen und die Boulogner Kittsteine einen Theil ihrer Eigenschaften ihrer Dichtheit und ihrem gedrängten Gefüge verdanken. Diese Bemerkung sollte man bei den künftigen hierüber anzustellenden Versuchen nicht außer Augen lassen. Ich habe noch nicht Gelegenheit gehabt, in Frankreich Steine zu finden, die den Boulogner und den englischen vollkommen ähnlich wären: folgende vier kommen indessen denselben nahe, und es wäre der Mühe werth. Versuche mit denselben anzustellen, obschon ihnen die erwünschte Dichtheit fehlt.“

Als Resultat der Analysen dieser vier Steine und der vielen anderen hier untersuchten bemerkt Hr. Berthier S. 77.

„Daß die Kieselerde für sich allein mit dem Kalke eine augenblikliche hydraulische Verbindung bildet, wie der Kalkstein von Senonches beweiset; daß die Bitterde allein (wie im Pariser Kalksteine) oder gemengt mit Eisen- und Braunstein-Oxid (wie im Kalksteine von Villefranche) nicht im Stande ist, eine ähnliche Verbindung hervorzubringen, sondern nur den Kalk mager wacht, ohne ihm die Eigenschaft zu ertheilen unter Wasser zu erhärten. Die von mir angestellten synthetischen Versuche bestätigen die Resultate der Analyse, und beweisen zugleich, daß: 1tens die Thonerde für sich allein eben so wenig den Kalk hydraulisch zu machen vermag, als die Bittererde; 2tens daß Kieselerde |357| ein wesentlicher Bestandtheil der hydraulischen Kalkarten ist; 3tens daß die Eisen- und Braunstein-Oxide, weit entfernt, die wichtigen Rollen zu spielen, welche einige ihnen ertheilten, sich im Gegentheile meistens ganz leidend verhalten.“

Der Hr. Verfasser erzählt nun auf S. 77 bis 83 seine interessanten synthetischen Versuche, aus welchen unter anderen erhellt (S. 78):

„daß die Bemerkung der Hrn. John und Vicat, daß, wenn was immer für erdige Stoffe sich mit dem Kalke verbinden sollen, sie so fein wie möglich gepülvert seyn müssen, und daß es daher höchst wichtig ist, diese Mischung mit aller möglichen Sorgfalt zu veranstalten, wenn man guten künstlichen hydraulischen Kalk erhalten will, sehr wahr und richtig ist;“ daß (S. 80) „Kalkarten, die zugleich Kiesel- und Thonerde enthalten, und; noch mehr Kalkarten, welche zugleich Kiesel- und Bitter-Erde enthalten, weit härter werden, als eine bloße Mischung von reiner Kiesel- und Kalkerde:“„daß endlich (S. 83)“ Versuche mit hydraulischen Kalkarten, im Kleinen angestellt, nur mit Vorsicht benüzt werden dürfen. Denn, wenn es auch richtig ist, daß ein Kalk, der hydraulisch bei einem Versuche im Kleinen ist, auch im Großen hydraulisch seyn wird, so gilt dieß nicht umgekehrt. Die Zeit, während welcher man den Kalk brennt, hat einen höchst bedeutenden Einfluß auf das zu erhaltende Resultat; jede Mischung fodert ihren Grad von Hize, den man erreichen muß, den man aber nicht überschreiten darf. Eine Mischung, die wenn man sie eine hinlängliche Zeit über der gehörigen Temperatur ausgesezt haben würde, einen ausgezeichnet hydraulischen Kalk gegeben haben würde, wird nur einen sehr mageren Kalk darbiethen, wenn man sie zu wenig, und einen todt gebrannten, wenn man sie zu sehr erhizte.“

„Kennzeichen hydraulischer Kalksteine.“

„Aus den oben angeführten Analysen erhellt, daß die meisten Kalksteine, aus welchen man Kalk brennt, Gemenge aus kohlensaurem Kalke und Thonerde in sehr mannigfaltigen Verhältnissen sind, und die Eigenschaften des aus denselben gebrannten Kalkes von diesen Verhältnissen der Thon- und Kalk-Erde gegen einander abhängen. Ein Kalkstein, der 0,06 Thon-Erde |358| enthält, gibt schon einen sehr merklich hydraulischen Kalk und findet die Thonerde sich in demselben im Verhältnisse von 0,15 bis 0,20, so ist der Kalk sehr hydraulisch; kommt endlich 0,25 bis 0,30 Thonerde in demselben vor, so zieht ein solcher Kalk beinahe augenbliklich an, und kann als römischer Kitt betrachtet werden. Außer dem kohlensauren Kalke und der Thonerde halten die Kalksteine fast immer auch kohlensaure Bittererde in ihrer Mischung Die Gegenwart dieser Substanz bringt beinahe keine andere Wirkung hervor, als daß sie das Verhältniß der Thonerde zur Kalkerde vergrößert, und schon dadurch die hydraulischen Eigenschaften des Kalkes vermehrt. Es ist also, wenn man die Güte eines Kalksteines in Hinsicht auf den daraus zu erhaltenden Kalk bestimmen will, genug, wenn man die Menge Thon- und Bittererde bestimmt, die er enthält. Diese Untersuchung läßt sich auf eine sehr einfache und aller Welt begreifliche Weise auf folgende Weise anstellen:

„Man stößt den zu untersuchenden Kalkstein und siebt das erhaltene Pulver durch ein Sieb von Seide. Hierauf nimmt man 10 Gr. dieses Pulvers, und gießt in einer Schale nach und nach etwas mit Wasser verdünnte Kochsalzsäure, oder, in Ermanglung derselben, Salpetersäure oder Essig darauf, und rührt mir einer Glasröhre oder einem hölzernen Stäbchen fleissig um. Wenn das Pulver nicht mehr aufbraust, Hort man auf Säure zuzusezen, und raucht die Auflösung bei gelinder Wärme bis zur Consistenz eines Teiges ab, verdünnt dann den Rükstand mit ungefähr einem halben Lure 0,35 Wiener-Maß Wasser, und filtrirt. Die Thonerde bleibt auf dem Filtrum zurük: 147) man troknet diesen Rükstand an der Sonne oder am Feuer, und wiegt ihn dann, oder, was noch besser ist, man erhizt ihn in einem irdenen oder metallnen Tiegel vor dem Wägen bis zur Rothglühhize. In die erhaltene Auflösung gießt man sehr klares Kalkwasser bis kein Niederschlag mehr erfolgt; diesen Niederschlag, der Bittererde ist, sammelt man so schnell als möglich auf dem Filtrum, wäscht ihn mit reinem Wasser, |359| glüht ihn, oder troknet ihn wenigstens so stark als möglich, und wiegt ihn dann ab. Wenn Eisen und Braunstein zugegen ist, so fallen diese beiden zugleich mit der Bittererde nieder: es ist aber nicht nöthig, diese drei Körper besonders von einander zu trennen.“

„Bemerkungen über den Mörtel.“

„Hr. Vicat nimmt als Hauptursache des Festwerdens des Mörtels eine chemische Wirkung des Kalkes auf die beigemengten kieselerdigen Theile an. Er unterscheidet diese kieselerdigen Theile, die man zur Mörtel-Bereitung anwendet, in Kieselsand, und in natürliche und künstliche Puzzolanen, welche entweder von der Schwefelsäure nicht angegriffen werden, oder welche von den Säuren angegriffen werden. Er behauptet, daß der fette Kalk nur auf die kieselerdigen Bestandtheile der zweiten Art wirkt, während der hydraulische Kalk gegen alle, vorzüglich aber gegen jene der ersten Art, eine sehr große Verwandtschaft zeigt.“

„Hr. John hingegen behauptet, daß die Substanzen, die man dem Kalkbreie bei der Mörtelbildung zusezt, sich durchaus leidend verhalten. Er stüzt sich auf die von ihm gemachte Bemerkung, daß der kaustische Kalk weder auf den Quarz noch auf irgend eine andere Steinart wirkt, und meint, daß man überhaupt Quarz, Glas, Schlaken, den Puzzolan-Erden vorziehen müssen, weil der Kalk daran sehr stark hängen bleibt.“

„Eine solche Abweichung in der Ansicht zweier so ausgezeichneter Gelehrten beweist, daß man über diesen Gegenstand noch nicht ganz im Reinen ist; indessen muß ich gestehen, daß mir Hrn. John's Ansicht weit mehr beifallswürdig scheint als jene des Hrn. Vicat.

„Hrn. Vicat's Behauptung, daß der Kalk überhaupt, und der hydraulische Kalk insbesondere, chemisch auf die kieselerdigen Beimischungen wirkt, beruht auf keiner wirklichen Thatsache, und steht vielmehr mit allen bisher gemachten Beobachtungen im Widerspruche. Wie soll man sich auch vorstellen, daß ein kieselsaurer Kalk, d.i., der hydraulische Kalk, der schon zum Theile mit Kieselerde gesättigt ist, eine starke chemische Wirkung auf den Quarz äußere, während der kaustische |360| Kalk, dessen chemische Kraft durch keine vorläufige andere Verbindung geschwächt wurde, denselben nicht angreift, und selbst siedende kaustische Pottasche demselben nicht einmal seinen Glanz zu rauben vermag?“

„Kennen wir die Bestandtheile der natürlichen Puzzolanen genau? Bisher haben wir keine genügenden Analysen derselben. Haben diese Substanzen wirklich Analogie mit dem gebranntem Thone? Dieß ist durchaus nicht wahrscheinlich. Diese Thon-Arten sind kieselsaurer Thon; und wenn man die Puzzolanen nach dem gemeinsten vulcanischen Gebirgsarten beurtheilen darf, so müssen sie viele mit Thonerde und Pottasche verbundene Kieselerde, und überdieß auch noch eine Menge anderer Mineralien, unter anderen auch Titan-Eisen etc. enthalten.“

„Hr. Vicat sagt, daß die fetten Kalkarten mit leicht gebrannten Thonarten Mörtel geben, die unter Wasser gut anziehen, weil diese Flüssigkeit die Verbindung des Kalkes mit der Kiesel- und Thonerde erleichtert, daß aber die dadurch entstehenden Mischungen nach und nach ihre Härte durch den Zutritt der Luft verlieren. Wenn der Kalk sich wirklich mit dem Thone verbinden könnte, so würde diese lezte Erscheinung nicht Statt haben; denn man weiß, daß der römische Kitt, der nichts anderes als eine ähnliche Verbindung auf troknem Wege ist, unter dem Zutritte der Luft eben so gut, als unter dem Wasser, erhärtet.“

„Der Einwurf, den Hr. Vicat gegen John's Theorie dadurch zu machen glaubt, daß er sagt, wenn diese Theorie richtig wäre, so müßte die Kohle einen guten Mörtel mit dem Kalke bilden, scheint mir nicht von Belang. Denn wirklich hat Hr. John nicht behauptet, daß jeder Körper bloß deßwegen zum Mörtel gut ist, weil er porös ist; er fodert, daß er einen wenigstens eben so starken Zusammenhang besize, als der Kalk nach seinem Festwerden erlangt; eine Bedingung, die die Kohle sicher nicht erfüllen kann.“

„Hr. John könnte mit mehr Recht, Hm. Vicat fragen, warum man nicht Mörtel aus rohem Thone machen kann, indem dieser ein Körper ist, der, im Allgemeinen, den chemischen Gesezen weit leichter folgt als gebrannter Thon, welcher doch unter die beßten Materialien gehört, deren man sich zur |361| Verfertigung des Mörtels bedienen kann, weil er, wie er sagt, einen großen Hang zur Verbindung mit dem Kalke besizt.“

„Ich glaube mit Hrn. John, daß dasjenige, was dem Kalke bei der Mörtelbildung zugesezt wird, gar keine chemische Rolle spielt, und 1tens nur Verminderung des Verbrauches des Kalkes bewirkt; 2tens das Zusammenziehen desselben regelt, indem es dasselbe mäßigt, mehr gleichförmig macht, und dadurch hindert, daß sich keine Risse bilden; 3tens wahrscheinlich auch das Troknen und die Wiedererzeugung des kohlensauren Kalkes erleichtert, und das Anziehen beschleunigt; 4tens endlich auch die Festigkeit des Mörtels vermehrt. Diese lezte Wirkung ist die wichtigste, und verdient, geprüft zu werden. Die Theilchen des Körpers, die dem Kalke zur Mörtelbildung zugesezt werden, erhalten gegen die Theilchen des Kalkes eine mehr oder minder starke Anhängungskraft. Wenn diese Anhängungs-Kraft weniger groß ist, als jene, die die Theilchen des Kalkes unter einander verbindet, so wird der Mörtel nicht fester werden, als der reine gelöschte Kalk gewesen seyn würde; nur wird er weniger kosten, schneller anziehen, und beim Abtroknen weniger Sprünge bekommen, was allerdings schon an und für sich vortheilhaft ist; wenn aber die Cohäsionskraft des Kalkes geringer ist als die Kraft, mit welcher er seinen Beimischungen in dem Mörtel anhängt, so muß der Mörtel mehr Zähigkeit erhalten, als der gelöschte Kalk nicht haben würde: und dieß ist wahrscheinlich dasjenige, was bei jedem guten Mörtel Statt hat. Diese Erscheinung hat aber nichts Besonderes. Sieht man nicht die Farben und Firnisse eben so am Holze, den Leim an den meisten Körpern, das Gold an den Emaillen etc. mit einer solchen Kraft anhängen, daß man nur durch chemische Mittel dieselbe aufzuheben vermag? Und ist es nicht offenbar, daß in keinem dieser Fälle chemische Verbindung Statt hat, indem, sobald man die Farbe, den Leim etc., womit der Körper bedekt war, weg läßt, man deutlich sieht, daß derselbe nicht die geringste Veränderung erlitten hat, und daß er, wenn er vorher polirt war, sogar noch seine Politur behielt?“

„Es ist offenbar, daß man bei einem Mörtel, der seine Festigkeit dem Anhängen des Kalkes an jene Theile verdankt, die mit ihm zu Mörtel verbunden werden, den Vortheil besizt, |362| die Berührührungsflächen soviel möglich zu vervielfältigen, und folglich einen staubigen Zusaz zur Mörtelbildung anwenden zu können; allein dann fodert der Mörtel eine weit größere Menge Kalkes, als wenn man sich eines körnigen Zusazes bedient. Auf der anderen Seite kann aber ein grobkörniger Zusaz nie einen so festen Mörtel bilden, als ein staubartiger, weil zwischen den Körnern dieses Zusazes Räume bleiben, die bloß vom Kalke allein ausgefüllt werden, und die beim Bruche nie jenen Widerstand leisten, den jene Stellen darbiethen, die mit dem Mörtel, Gemenge ausgefüllt sind. Hieraus scheint offenbar, daß um einen Mörtel zu erhalten, der bei der möglich kleinsten Menge Kalkes die größte Festigkeit, das Maximum von Festigkeit, besizt, man Körner von verschiedener Größe und Staub zugleich als Zusaz bei der Mörtelbildung anwenden müsse, wobei man jedoch die Beimischung thoniger Theile, die mit dem Wasser einen Teig bilden, und unter sich gar keinen Zusammenhang haben, jedesmal vermeiden muß. Hr. de Saint-Léger hat im vorigen Sommer Versuche im Großen hierüber angestellt, deren Resultate hiemit vollkommen übereinstimmen. Er fand, gegen die allgemeine Behauptung, daß der Sand, dessen man sich zu Paris gewöhnlich bedient, einen besseren Mörtel gibt, wenn man ihn wäscht, als wenn man ihn sehr fein siebt.“

„Die künstlichen, so wie die natürlichen, Puzzolanen sind in Hinsicht auf ihre Bestandtheile gar sehr von einander verschieden, und kommen nur in der Fähigkeit, viel Wasser zu verschlingen, ohne sich zu erweichen, unter einander überein: diese Fähigkeit hängt von ihrer Porosität ab. Es ist also sehr wahrscheinlich, daß, in allen Fällen, wo sie auf eine eigene und von den übrigen Mörtel-Zusäzen, wie Quarzsand, Glas etc., verschiedene Art wirken, sie diese Wirkungsart, wie Hr. John sagt, ihrer Porosität zu danken haben. Die wichtige Beobachtung des Hrn. Vicat, daß leicht gebrannter Thon ein trefflicher Zusaz zur Mörtelbildung ist, während stark gebrannter Thon nur einen mittelmäßigen Mörtel gibt, kommt dieser Ansicht sehr zu statten; denn leicht gebrannter und stark gebrannter Thon sind nur darin von einander verschieden, daß ersterer leicht, porös, und folglich stark Wasser einsaugend ist, während lezterer dicht und durchaus einem Steine ähnlich ist: beide befinden sich |363| Übrigens in einem ganz anderen Zustande, als der rohe Thon, weil sie kein Verbindungs-Wasser mehr erhalten, und mit dem Wasser keinen Teig mehr bilden.“

„Man weiß, daß poröse Körper die Eigenschaft besizen, eine große Menge gasartiger Substanzen schnell zu verschlingen und zu verdichten. Sollten sie nicht auch dadurch auf die in der Luft und im Wasser enthaltene Kohlensäure wirken, und dadurch die Eigenschaft erlangen, das Festwerden gewisser Mörtelarten zu beschleunigen? Hieraus ließe sich wenigstens erklären, warum sie diese Wirkung mit dem fetten Kalke hervorbringen, während sie mit sehr hydraulischem Kalke kein anderes Resultat, als die nicht porösen Zusäze, liefern; denn die Mörtel aus fettem Kalke werden nur durch Wiedererzeugung des kohlensauren Kalkes fest, während das Festwerden der Mörtel aus sehr hydraulischem Kalke von dieser Ursache unabhängig ist.“

„Wir wollen mit der Bemerkung schließen, daß die Theorie des Mörtels sich noch in einem Zustande von großer Unvollkommenheit befindet, und daß es sehr zu wünschen ist, daß die Baumeister sich mit Sammlung neuer, die Dunkelheit der Theorie aufhellender Beobachtungen beschäftigen möchten.“

Man vergleiche hiemit die nachstehende Abhandlung des Hrn. Vicat als Antwort auf diese Ansichten und Resultate. – Uebrigens müssen wir bedauern, daß der enge Raum unserer Blätter nicht gestattet, eine vollständige Uebersezung dieser lehrreichen Abhandlung zu liefern, und noch mehr bedauern wir, daß es unseren Mineralogen und Chemikern bisher nicht gefällig war, Analysen von unseren Kalksteinen zu liefern, deren Mischung und Güte so sehr verschieden, und deren genaue Kenntniß unseren Baumeistern, wenn sie anders festere Gebäude aufzuführen gedenken, als sie bisher aufführten, so wichtig ist. Da es zu erwarten steht, daß unsere Chemiker und Mineralogen (von welchen wir ein ähnliches Werk über die baierischen und wirtembergischen Kalksteine, wie das gegenwärtige über die französischen, zu sehen wünschen, indem sie bei ihren Analysen von Mineralien, die kein Mensch brauchen kann, und die bloß ein Gegenstand des Wissenschaftlichen Luxus sind, das bekannte, NISI VTILE EST QVOD FACIMVS STVLTA ESTE GLORIA, nicht gern auf sich werden gedeutet sehen wollen die Annales de Chimie fleißig lesen, so glaubten wir um so mehr das rein Mineralogische und Chemische in dieser Abhandlung übergehen zu können, und bloß bei dem, was den Techniker interessirt, verweilen zu dürfen. A. d. Ueb.

|355|

Es ist wohl kaum zu zweifeln, daß man diese Kalksteine auch in Baiern, wo im Oberlande sowohl als an dem nördlichen Donauufer von Höchstädt bis gegen Donaustauf hinab der Kalk in allen Formationen so häufig ist, finden wird, wenn man sie sucht: vorzüglich scheint uns die Mergel-Formation vom Einflusse des Lech bis gegen Neuburg hinab in dieser Hinsicht der Unternehmung werth. A. d. Ueb.

|358|

Wenn aber auch noch Kieselerde dem Kalksteine beigemengt ist, was nicht selten der Fall ist, so bleibt auch diese mit der Thonerde auf dem Filtrum liegen. A. d. Ueb.

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