Titel: Petri, über Seidencultur in Rußland.
Autor: Petri, Johann Christoph
Fundstelle: 1823, Band 11, Nr. LXXVII. (S. 479–490)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj011/ar011077

LXXVII. Ueber die Seidencultur in Rußland. Von Profesor I. C. Petri.

In früheren Zeiten war der Seidenhandel, so wie der Seidenbau im russischen Reiche ein Monopol der Zaarn von Moskau. Die hiezu bevollmächtigten Kaufleute von Seiten des Hofes erhandelten dieses Product gegen Tücher, edles Pelzwerk und Gold von den Persern. Damit aber diese Artikel immer ihren Werth bei den Persern behalten möchten, war es allen andern Kaufleuten verboten, mit denselben nach Persien zu handeln. Das Pud (40 Pfund Leipz. Gewicht) kam der Kasse des Zaars auf diese Weise nicht höher als etwa 35-40 Rubel damal. Währung (den Rubel zu 1 Rthlr. 4-6 Pf. Sächs.) bis Moskau zu stehen, und wurde oft wieder zu 50 und mehr Rubel verkauft. Alexni Michailowitsch, Peter des Großen Vater, hob aber dieses drükende Monopol auf, und gab den Seidenhandel allen seinen Unterthanen frei, wie er es denn auch noch bis jezt ist. Allein die Aufhebung dieses zeither bestandenen zaarischen Alleinhandels half den russischen Kaufleuten nur wenig, weil nunmehr die im Merkantil-Wesen sehr schlauen und erfahrnen Armenier diesen Handelszweig an sich zogen, und sich überhaupt des persischen Handels auf dem kaspischen Meere zu bemeistern wußten, welches ihnen desto leichter gelang, da sie der persischen Sprache mächtig waren, und in allen drei Ländern, Persien, Armenien und Rußland, besonders zu Astrachan ihre Comtoire hatten; ja sie suchten sogar um ein Monopol des persischen Seibenhandels in Moskau an, welches ihnen damals auch zugestanden und einige Jahre nachher unter dem Namen der persisch-armenischen Compagnie aufs Neue zugesichert und bestätiget wurde.

Doch nunmehr war man darauf bedacht, auch den Seidenbau in Rußland einzuführen, ohne deßwegen den Seidenhandel aufzugeben, oder zu vernachläßigen. Peter der Große war auch in diesem Zweige der städtischen Industrie das erste Muster für sein Volk. Wohl wissend, daß Rußland |480| dem Vaterlande der Maulbeerbäume und der ersten Quelle der Seide und des Seidenbaues, Persien, von woher ganz Asien und Europa nach und nach die Seide empfing, nach Süden zu angränzet, ertheilte er den Befehl, die Seidencultur auch in Rußland einheimisch zu machen und Maulbeerbäume zu pflanzen. Die erste Anpflanzung dieser Art geschah in der Ukräne, in der Nähe der Stadt und Festung Belew, auch bei Kiew und in der Umgegend. Um die an der Achtuba (einem Nebenarme der Wolga) wachsenden Maulbeerbäume – ein Ueberbleibsel der alten Einwohner dieser Gegend, der Bulgaren von der Wolga, – die noch grünten, nüzlich zu machen, wurde die erste Seidenanlage und Manufactur von einem Kaufmanne im Jahre 1720 eingerichtet. Rußland erhielt also später, als alle andere Reiche Europa's, den Seidenbau. Es ließ dieser große Regent, so wie seine nächsten Nachfolger, es auch nicht an Ermunterungen bei den am Terek wohnenden Kosaken fehlen, um dem Seidenbau Eingang zu verschaffen. Hier und da fand er willige Aufnahme und gewann in mehr als einer Gegend festen Fuß. Im Jahre 1750 entstand nicht weit von Kislär eine mit mehreren besonderen Freiheiten begünstigte Seidenmanufactur, desgleichen sollte im Jahre 1756 eine neue Ansiedelung mehrerer Kolonisten an der Achtuba, vornämlich aber in Besrodnaja, die wohlgemeinten Absichten der Kaiserin Elisabeth in eifrigerer Betreibung des Seidenbaues befördern. Im Jahre 1773 ward diese Kolonie auf Befehl der Kaiserin Katharina II. mit 1300 Familien von Kronbauern, welche der Sache kundig waren, vermehrt, und die Seidenwürmerzucht hatte den erwünschtesten Fortgang. Der Seidenbau ward aus der Ukräne bis in das Neu-Russische Gouvernement ausgebreitet, und mehreren gewonnenen auswärtigen Unternehmern die erfoderlichen bedeutenden Geldsummen zur Unterstüzung und größerer Ausbreitung dieses Culturzweiges verabreichet. Gleichwohl fand sich bei einer im Jahre 1797 auf Befehl des Kaisers Paul darüber angestellten Untersuchung, daß sowohl Kron- als Privatanstalten dieser Art ihren Zwek keinesweges erreicht hatten, und beide die häufigen und beträchtlichen Geldunterstüzungen ohne sonderlichen Gewinn aufzehrten. Hiezu kam, daß in einigen sehr kalten Wintern in den kaiserl. Plantagen an der Achtuba und in der |481| Gegend von Kiew beinahe alle Seidenraupen und Maulbeerbäume erfroren.

Bei der Begierde und dem Luxus, seidene Kleidungsstüke zu tragen, die auch in Rußland, selbst unter den gemeinen Volksclassen, besonders beim weiblichen Geschlechte, eingerissen ist, waren schon längst Seide und seidene Zeuche ein so nothwendiges und allgemeines Bedürfniß geworden, daß man nun immer mehr, selbst von Seiten der Regierung, mit Ernst und Eifer ihre Cultur zu befördern suchte. Die Summen, welche alle Jahre für Seide und Seidenwaaren ins Ausland gingen, verursachten eine erstaunliche Ausgabe. Nach Güldenstädts Versicherung kaufte Rußland schon im Jahre 1768 für 343,000 Rubel rohe, und für 671,000 Rubel verarbeitete Seide, aber in diesen Summen ist schwerlich die Einfuhr der persischen Seide zu Lande begriffen, und da alle Artikel der Einfuhr seit jener Zeit beträchtlich gestiegen sind, so ist zu vermuthen, daß auch diese Ausgabe jezt weit stärker ist, ungeachtet der Seidenbau seitdem weit fleißiger betrieben worden ist, und bedeutend zugenommen hat.

Rußland hat in seinem unermeßlichen Umfange, vorzugsweise innerhalb der mittägigen Provinzen, große Landstriche, wo der Seidenbau mit Vortheil betrieben werden kann. Alle Länder bis zum 53ten Grade nördlicher Breite sind zum Anbau der Maulbeerbäume geschikt. Von diesen allein hängt bekanntlich die Nahrung der Seidenraupen und die Seidencultur ab. Eine Gegend aber, die zur Maulbeerzucht geeignet ist, kann und muß auch den Seidenbau begünstigen. Die Beschäftigungen bei demselben erfodern keine harte angreifende Arbeit, blos eine genaue Aufmerksamkeit von ungefähr 6-7 Wochen. Kinder und zu anderen Arbeiten unbrauchbare Personen können bei der Wartung und Pflege der Seidenraupen angestellet werden. Von einer Unze Seidenschmetterlings-Eyern erhält man etwa 12,000 Raupen. Diese können sehr bequem von zehnjährigen Kindern, Knaben sowohl als Mädchen, gefüttert und gereiniget werden. 12,000 Raupen geben in der Regel 6 Pfund Seide, welche mit 50-60 Rubel Silbermünze bezahlt werden. Dieß wäre der Gewinn von einer Person, und noch dazu von einem Kinde. Je mehrere Menschen sich aber damit beschäftigen, desto geringer |482| wird die Arbeit und desto größer der Gewinn. Aus dieser kurzen Angabe kann man sich von der Wichtigkeit und Richtigkeit des Seidenbaues, so wie von der Einträglichkeit dieser ländlichen Nebenbeschäftigung überzeugen.

Daß das russische Reich nichts weniger als ungeschikt zur Cultur der Seidenraupen sey, und daß man daselbst kühn und mit Glük den Seidenbau unternehmen könne, beweisen die bereits vorgenommenen Anpflanzungen und das gute Gedeihen der weißen und rothen Maulbeerbäume in mehreren Gegenden des Reichs, so wie der glükliche Fortgang des Seidenbaues an mehr als einem Orte. Es fehlt nur immer noch an arbeitenden Händen in dem unermeßlichen Lande. Die Schuld der weniger allgemeinen Verbreitung und des geringern oder langsamern Vorschreitens dieses nüzlichen Industriezweiges liegt nicht an der Unmöglichkeit der Ausführung, sondern an dem Mangel an Arbeitern, und der schlechten Befolgung der Vorschriften von Seiten derer, welchen die Aufsicht über dergleichen Anstalten anvertraut ist. Ein Beispiel gibt die kaiserl. Seidenplantage bei Zarizün, wo von 7000 dabei angestellten, oder wenigstens auf dem Papiere stehende Menschen, in den Jahren 1790-1796 jährlich kaum 4-5 Pud (160-200 Pfund) Seide gewonnen und gesponnen wurden 196) . Jezt ist jedoch bei genauerer Aufsicht darüber der Ertrag beträchtlicher.

Seit einer Reihe von Jahren gedeihen die Anpflanzungen des Maulbeerbaumes, so wie dessen Wachsthum von Natur, und zwar nicht etwa einzeln, sondern in überflüssiger Menge, in und um Kiew, in mehreren Bezirken der Ukräne, in der Krimm (jezigen Staathalterschaft Taurin), welche schon seit langer Zeit jährlich 400-450 Pfund Seide liefert; 197) an den Ufern des Terek, zwischen Mosdok und Kislär; an der Kuna bei Madschar, an der Sarpa (etwa 5 Meilen von der |483| herrenhuthischen Kolonie Sarepta); an der Wolga zu Astrachan, Saratow und Zarizün; am Don bei Tscherkask, der Hauptstadt der don'schen Kosaken, zu Asow, und an den Ufern des Choper bei Nowochspersk; ferner in der Staathalterschaft Jekatharinoslaw in mehreren Gegenden z.B. bei Poltawa, Neschin, Baturin, Glechow u.a. a. O.; in und bei Cherson, Charkow, zu Tiflis in Grusien (Georgien) u.s.w.

In allen diesen Landstrichen des südlichen Rußlands gedeihet der Maulbeerbaum in freier Luft, so daß man die Anpflanzung und Vermehrung desselben in der großen, zwischen der Dnepe und Ural liegenden Streke, unterhalb des 53sten Grades nördlicher Breite überall ohne Gefahr des Erfrierens unternehmen kann, und auch bereits hin und wieder angefangen hat, nämlich in den Staathalterschaften Kaukäsien, Taurien, Jekatherinoslaw, Wosnesensk, Kiew, Charkow, Tscheringow, Saratow, Woronesch, Simbirsk und in den mildern Gegenden von Kasan und Ufa. In vielen dieser Gegenden hat man zwar schon lange Anpflanzungen vorgenommen, und den Seidenbau getrieben, aber noch lange nicht mit dem Fleiße und Erfolge, welchen die Wichtigkeit der Sache erfodert, und die Natur so sehr begünstigt. Bei Belowskaja in der Ukräne fand schon Güldenstadt allein 1200 Bäume, die ohne Pflege eine ansehnliche Höhe erreicht hatten 198) . Auch in Charkow und in der Umgegend kommen die Maulbeerbäume vortrefflich fort, daher man auch ziemlich gelungene Versuche, (wiewohl erst nur im Kleinen,) mit dem Seidenbaue gemacht hat.

Um den Seidenbau allgemein zu verbreiten, würde die Aufmunterung dazu durch Prämien, wie es vielfältig im preußischen Staate unter Friedrich dem Großen geschah und zum Theil noch geschiehet, unfehlbar das beßte und sicherste Mittel seyn. Nur dadurch kann er in der Folgezeit auch in Rußland auf eine höhere Stufe der Vollkommenheit gebracht werden. Eigener Fleiß durch Belehrungen belebt, leistet in jedem Verhältnisse und allemal mehr, als erzwungener in fremden Diensten. |484| Einzelne Privatplantagen, aber vervielfältiget, mögen sie auch noch so klein seyn, produciren immer mehr, als ein paar große herrschaftliche Pflanzungen.

Kaukasien bringt wilde Maulbeerbäume in Menge hervor und längs dem Flusse Terek, so wie in Georgien, findet man in allen Weingärten gepflanzte tatarische und weiße Maulbeere, davon der Saame ursprünglich aus Persien kommt. Wer wollte zweifeln, daß der Seidenbau hier weit stärker getrieben und größere Anpflanzungen gemacht werden könnten? – Man weiß, daß die Seidenraupen mehr die Blätter der weißen als schwarzen Maulbeerbäume lieben; da man aber die Entdekung gemacht hat, daß sie nach dem Genusse der leztern eine stärkere Seide spinnen, so gibt man ihnen anfänglich Blätter von weißen und zulezt von schwarzen Bäumen. – Die Maulbeere, welche nicht frisch gegessen werden, bereitet man in den dortigen Ländern durch Gährung zu einem lieblichen dem Kirschweine ähnlichen, geistigen Getränke, welches sehr wohlfeil ist, eimerweise verkauft wird, und sich lange hält 199) .

Längs der Achtuba, im zarizünschen Kreise der Staathalterschaft Seratow, fängt der Maulbeerbaum zuerst an, sich unter die gemeinen Holzarten zu mischen; doch hat er hier meistens nur einen schlechten Wuchs, und da er auch den Ueberschwemmungen der Wolga und dem Feuer der jagdlustigen Kalmüken und Kosaken ausgesezt ist, so kann er begreiflich in dieser Gegend ohne Pflege der Menschen nicht sonderlich gedeihen. Seit mehreren Jahren und noch zulezt unter der gegenwärtigen Regierung hat man deßwegen ordentliche Pflanzungen auf stach erhöhten Stellen in den Niedrigungen angelegt, wo der Boden feucht genug ist, ohne den Ueberschwemmungen ausgesezt zu seyn; auch sind, durch die Veranstaltung der dasigen Aufseher über den Seidenbau, Scheuern erbaut, wo die Seidenraupen bequem erzogen werden. Bis jezt wird jedoch dieser einträgliche Nahrungszweig blos erst in drei oder vier Dörfern an der Achtuba getrieben, er könnte aber viel weiter ausgebreitet werden. Auf |485| Kosten der Krone ist er neuerdings wieder in mehr Thätigkeit gesezt worden; demnach ist sein Ertrag noch immer nicht so, wie er seyn könnte, wenn es eine Privatunternehmung wäre. Doch kommt auch vieles dabei auf die Schuld des ungünstigen Klima, indem bisweilen alle Seidenwürmer erfrieren 200) .

Von Kiew an kann der Seidenbau bis nach Taurien, das in dieser Hinsicht mit Ober-Italien wetteifern kann, ohne Schaden und Gefahr, unbedenklich und mit Vortheil betrieben werden. In und um Kiew wachsen die Maulbeerbäume schon zu einer ansehnlichen Höhe und in solcher Menge, daß sie nicht allein im kaiserl. Garten einen eigenen kleinen Wald bilden, sondern auch beinahe in jedem Privatgarten gefunden werden. Sie sind in solcher Stärke, daß sie gemeiniglich 1-1 1/2 Fuß im Durchmesser haben. In Podol einer Vorstadt von Kiew, ist eine kaiserl. Maulbeerpflanzung, die 500 ansehnliche Bäume und ein Gebäude zur Pflege der Seidenraupen enthält, und doch wird der Seidenbau nicht als eigentlicher Erwerbszweig getrieben. Auch in Astrachan, so nahe an Persien, dem Vaterlande der Seide, ist er noch kein Gegenstand großer Unternehmungen, obgleich Kaiser Paul viel zum Emporbringen desselben that.

Durch diesen Monarchen erhielt der Seidenbau erst neues Leben und neue Stärke. Ein am 8ten November 1797 bestätigtes Manifest wies demselben zwar ungern, aber dafür desto sichere Schranken an. Das astrachansche Gouvernement und der gebirgige Theil der Krimm (der Staathalterschaft Taurien) 201) waren die Gegenden, wo von nun an der Seidenbau vorzüglich begründet und ausgedehnt werden sollte. Der Privatfleiß in Anpflanzung des Maulbeerbaumes wurde durch Belohnungen, wie im Brandenburgischen unterstüzt, auch wohl durch verhältnißmäßige Strafen in reger Thätigkeit erhalten, |486| und so gelang es am Ende der Regierung, den Seidenbau in höhere Aufnahme zu bringen, und seine jährlichen Productionen bedeutend zu vermehren.

Schon ein Jahr darauf, nachdem Pauls Verordnungen in den genannten Gegenden in Ausübung gebracht worden waren, befanden sich in denselben nahe an 700,000 Maulbeerbäume. In demselben Jahre wurden 112,731, und im darauf folgenden 140,087 neue Bäume hinzu gepflanzt, und die Quantität der gewonnenen Seide betrug in beiden Jahren 255 Pud, 25 1/4 Pfund. Gegen das Bedürfniß des ganzen großen Reichs und seiner Fabriken gehalten, war dieses Product dennoch sehr unbedeutend; denn im Jahre 1798 wurden noch 14,594 Pud fremde Seide, am Geldwerthe für 1,936,619 Rubel, und überdieß für 486,762 Rubel Seidenwaaren eingeführt.

Nach einer zweiten Verordnung desselben Kaisers vom 22. Febr. 1800 wurden neue Vorschläge und Maaßregeln angenommen. Die Regierung beschloß, fernerhin keine eigene Seidenanlagen mehr zu unterhalten, sondern sich bloß darauf zu beschränken, eine allgemeine Aufsicht über die Privatindustrie in diesem Fache zu führen. Zu dem Ende wurden Inspectoren über die Seidencultur gesezt und ihnen die nöthigen Unterbeamten beigegeben. Sie stehen unter einem Oberaufseher und dieser unter der Expedition der Staatsökonomie. Nach dieser neuen Einrichtung zählte man schon im Jahre 1802-1'16,370 neu angepflanzte Bäume und hatte 364 Pud Seide gewonnen. Der Seidenbau wurde nun unter Alexanders I. alles neu belebender Herrschaft ebenfalls weiter ausgedehnt, und zieht sich gegenwärtig durch Kaukasien hin, besonders nach Kislär, (wo bisher das kleinste Quantum der jährlich gewonnenen Seide 62 Pud, 32 Pfund, das mittlere 100 Pud, und das größte 228 Pud 11 Pfund betrug) Astrachan, Taurien, Cherson, Jekatharinoslaw, nobodische Ukräne, (besonders Nowowodolaji) Saratow (vorzüglich die schon sehr alte Plantage an der Achtuba, seit 1720, erneuert seit 1756), Kiew, Podolien, in den neuesten Zeiten auch durch Minsk und Klein-Rußland.

In den erst genannten 8 Gouvernements belief sich im Jahre 1803 die Zahl der wirklich vorhandenen Maulbeerbäume |487| auf 2,766,993 Stämme, die durch neue Anpflanzungen und ausgestreuten Saamen aufgezogenen Bäume im Jahre 1807 bis gegen 5 Millionen Stämme vergrössert worden war, und gegenwärtig wahrscheinlich das Doppelte erreicht haben wird. Das Product der Seide, welche seit 1797 und im Laufe von 10 Jahren gewonnen wurde, betrug:

Im Jahre 1798 65 Pud 14 1/4 Pfund.
Im Jahre 1799 190 Pud 11 Pfund.
Im Jahre 1800 194 Pud 21 1/2 Pfund.
Im Jahre 1801 285 Pud 34 1/2 Pfund.
Im Jahre 1802 364 Pud 3 1/4 Pfund.
Im Jahre 1803 229 Pud 18 3/4 Pfund.
Im Jahre 1804 238 Pud 4 1/2 Pfund.
Im Jahre 1805 202) 305 Pud – Pfund.
Im Jahre 1806 270 Pud – Pfund.
Im Jahre 1807 193 Pud 31 1/2 Pfund.
–––––––– –––––––– –––––––– –––––––– ––––––––
Ueberhaupt 2336 Pud 18 1/2 Pfund.

Also jährlich im Durchschnitte über 233 Pud, nach ihrem Geldwerthe ungefähr 32,620 Rubel jährlich. Dennoch wurde an roher Seide eingeführt:

Im Jahre 1802 für 2,608,892 Rubel.
Im Jahre 1803 für 2,272,781 Rubel.
Im Jahre 1804 für 1,130,738 Rubel.
Im Jahre 1805 für 2,004,619 Rubel.
–––––––– –––––––– –––––––– ––––––––––––
Im Durchschnitt folglich für 2,005,250 Rubel jährlich.

In den 9 südlichen Gouvernements gehörten im Jahre 1810 dem Seidenbau 16,835 Bauernhöfe und 12,453 Desätinen 203) Landes zu, worauf beinahe 6 Millionen Maulbeerbäume standen. Immer aber liefert Georgien verhältnißmäßig die reinste und schönste Seide. Auch das Land der Kalmüken (ebenfalls eine Kaukasische Völkerschaft) bringt sehr gute Seide hervor.

Das wirksamste Mittel, den Seidenbau empor zu bringen, ist unstreitig; daß die Regierung, (wie es auch zum Theil, nur noch nicht überall geschehen ist) die Privat-Industrie belebe, und |488| sie vor allen Dingen durch Belohnungen hebe. Zu dem Ende muß man die Leute von dem Nuzen und Gewinne, der Leichtigkeit dieses Gewerbes und der beßten Art es zu betreiben, zu überzeugen suchen. Eine faßliche Anweisung zum Seidenbau, unterstüzt durch das Beispiel sachkundiger Ausländer, Prämien für die Anpflanzung der Maulbeerbäume, angemessene Belohnungen für ein gewisses Quantum gelieferter Seide, Sorge für den leichten und sichern Absaz der erzeugten Waare, und noch mehr andere Mittel dieser Art, stehen der Regierung und selbst den Gouvernements-Vorstehern und Oekonomie Directoren offen, von deren thätiger Mitwirkung ein sehr großer Theil des Erfolgs abhängt. Wieviel durch solche und ähnliche Maßregeln ausgerichtet werden kann, davon hat der ehemalige Staats-Minister, Graf von Herzberg, in den preußischen Staaten ein Beispiel hinterlassen, das überall Nachahmung verdient, und wodurch der Seidenbau in der preußischen Monarchie eine hohe Stufe der Vollkommenheit erreichte, auch noch bis auf den heutigen Tag blühet.

Die in Astrachan verarbeitete Seide kommt aus Persien. Die Nähe dieses Landes und die Leichtigkeit, die Seide von daher zu beziehen, wird immer ein Hinderniß des rechten Aufblühens der eignen Plantagen in jenem Gouvernement bleiben, wenigstens wird niemals so viel Seide gebauet werden, als der Bedarf der inländischen Manufacturen erfodert. Die meisten derselben (größere und kleinere über 40) besizen die Aremenier, ein emsiges, speculirendes Volk; die wichtigste aber mit 6 Werk-Stühlen gehört der Krone. Am meisten werden Taffete, seidene Tücher, Strümpfe, Bänder, Handschuhe, Schärpen und verschiedene andere leichte Zeuche und Waaren verfertiget, die in Rußland selbst den beßten Absaz finden. Von 3000 Pud Seide, die etwa jährlich aus Persien kommen, wird mehr als die Hälfte in Astrachan selbst verarbeitet, die übrige aber nach Moskau und St. Petersburg versendet, wo sehr viele und bedeutende Seidenmanufacturen sind. Der Umsaz, den allein die astrachanschen Seidenhändler machen, beträgt nahe an 400,000 Rubel, der in Moskau und St. Petersburg weit über 1 Million; doch werden aus dem Auslande noch eine Menge Seiden-Waaren eingeführt.

|489|

Uebrigens hat man es in Verfertigung seidener Tücher und Zeuche in Rußland schon sehr weit gebracht. Die meiste Rohseide wird zwar, wie mehrmals erwähnt ist, noch immer aus der Fremde, aus Italien, China, aus der Türkei und Bucharei, besonders aber aus Persien gezogen, allein der Gewinn bei der Veredlung bleibt immer auf Seiten der Unternehmer. Ausser vielen andern Gattungen von Seidenwaaren zeichnen sich vorzüglich die schönen seidenen moskau'schen Tücher und Shawls aus, die von verschiedener Größe, Güte und Feinheit verfertigt werden, und wovon einige Sorten wegen ihrer Festigkeit und der Dauer ihrer Farben überaus geschäzt sind. Die wichtigsten Seidenmanufacturen in Rußland aber befinden sich in Moskau, und zwar in der ganzen gleichnamigen Statthalterschaft; im Jahre 1818 waren für seidene Tücher und Zeuche 108, für seidene Strümpfe und Handschuhe 5, für andere Seidenwaaren 10, mit 2537 Werkstühlen und 6807 Arbeitern, welche 552,876 Arschinen und 88,912 Stük geliefert haben 204) .

|482|

Vergl. das Journal von und für Rußland, Jahrgang 1794. Jul. S. 41.

|482|

Peysonel versichert, daß die Krimm zum Seidenbau eines der vorzüglichsten Länder der Erde sey. Vergl. dessen Beschaffenheit des Handels aus dem schwarzen Meere, S. 154.

|483|

Vergl. Güldenstädts Reise, Bd. 2. S. 211 und akademische Rede, S. 43.

|484|

Man sehe Falks Beiträge etc. Th. 2. S. 234 und mehrere Abhandlungen in den Werken der freien ökonomischen Gesellschaft zu St. Petersburg.

|485|

Oserezkowskoi vom Zustande des Seidenbaues an der Achtuba, in seiner Reise. S. 317. – Journal von Rußland, 2ter Jahrgang, 1. 41. – Herrmanns statistische Schilderung von Rußland, S. 251, folg.

|485|

Die Krimm lieferte schon früher jährlich 300-400 Pfund Seide. Vergl. Peysonals vorhin angeführte Schrift.

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Grusien lieferte in diesem Jahre allein von 1,328,951 Maulbeerbäumen nahe an 552 Pfund Seide.

|487|

1 Desätin hat 3,200 Quadratklafter und ist 80 Klafter lang und 40 Klafter breit.

|489|

Zur Litteratur gehörig sind hieher zu nehmen: Güldenstäds akademische Rede über die Producte Rußlands etc. im St. Petersburger Journal, IV. 25. 2) Dessen Reisen durch Rußland und auf dem kaukasischen Gebirge, besonders der 2te Band. 3) Palles Reisen, |490| Th. 3. 4) Falks Beiträge etc. Th. 2. 5) Geremanns statist. Schilderung von Rußland. 6) Storchs statist. Uebersicht der Staathalterschaften des russisch. Reichs. 7) Desselben Gemälde des russisch. Reichs, Bd. 2. 8) Dessen Rußland unter Alexander I. Bd. 1. 9) Das compte rendu von 1803 bei Storch a. a. O. B. VI. von 1804 ebendas. Bd. VIII. von 1805 im St. Petersb. Journal, Jahrg. 1807 Nro. 2. von 1806 ebendas. 1807, Nro. 10 von 1807 ebendas. 1809, Nro. 3. von 1808 (besonders gedrukt). 10) St. Petersburg. Journal, Bd. III. 11) Pirsonals Beschaffenheit des Handels auf dem schwarzen Meere. 12) Wichemanns Darstellung der russisch. Monarchie, Bd. J. S. 95 folg. u.a.m.

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