Titel: Bemerkungen über die Fortschritte der Manufacturen und Fabriken in England.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1823, Band 11, Nr. XXXIX./Miszelle 2 (S. 241–243)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj011/mi011039_2

Bemerkungen über die Fortschritte der Manufacturen und Fabriken in England.

Unter dieser Aufschrift theilt uns Hr. Ackermann in seinem Repository of Arts, April, 1823, S. 210, eine Notiz über Hrn. Blade's |242| Krystallglaswaaren-Fabrik mit, die, während sie auf der einen Seite sehr demüthigende Empfindungen in der Brust unserer böhmischen und baierschen Glas-Fabrikanten erregen muß, auf der anderen ein unwillkührliches Erstaunen hervorruft. Der Ausstellungs-Saal des Hrn. Blades, den Hr. Ackerman hier S. 210 in einer Abbildung vorstellen ließ, kostete allein mehr als ein ganzes Duzend unserer Glashütten zusammen genommen.

Die Riesenfortschritte, die die Glasmacherkunst in England machte, schreiben sich, wie Hr. Ackerman bemerkte, alle erst aus den drei lezten Decenien her, in welchen man anfing, das Studium physischer Wissenschaften und der bildenden Künste mit einem Gewerbe zu verbinden, das ehevor in den Händen von Taglöhnern in die Wüsten der Wälder verbannt war. Die Regierung in England unterstüzte die Krystallglas-Fabrication auf alle erdenkliche Weise, vorzüglich auch dadurch, daß sie für die orientalischen Fürsten kostbare Krystall-Service, Luster, Candelabres etc. verfertigen ließ, und diese denselben zum Geschenke sandte. Nun kommen Bestellungen ohne Ende aus dem Oriente, und die Commis und Tapezierer des Hrn. Blades in Persien und Indien erhalten für ihre Verdienste um die orientalischen Majestäten Sonnen- und Löwen-Orden nach Duzenden.

Es gibt wenige Palläste mehr in Persien und Indien, die nicht von Hrn. Blades's Glaswaaren glänzten. Der Nabob von Oude bestellte sogar ein Mausoleum von grünem Glase für seine verstorbene Mutter, 7 Fuß im Gevierte und 17 Fuß hoch.

Ist es erlaubt diese Bemerkungen mit einigen Bemerkungen über die Ursachen des Verfalles unserer böhmischen106) und baierschen Glas-Manufacturen zu schließen, die einst über Spanien und Portugal und Holland beide Indien, so wie die Engländer jezt, mit ihren Glaswaaren versahen? Es ist nicht die Auswanderung der Glasarbeiter aus Böhmen und Baiern nach Amerika, die die Kunst dem Auslande verriethen; nicht der Umschwung, den der Handel genommen hat, denn die böhmischen Fabriken entrissen den venetianischen Glashandel, als der Seehandel der Venezianer noch sehr blühend war, und Oestereich gar keinen Seehandel hatte; es ist nicht Mangel an Geld, denn es ist in England eben so schwer und noch schwerer als bei uns, Capitalien gegen billige Zinse zu erhalten, ja es ist so gar in Baiern mehr Wohlstand unter dem Volke, was in England nicht ist, wo es nur Hungernde und Arme und Schlemmer und Reiche gibt, und die Armen-Taxe weit mehr beträgt, als das gesammte Einkommen des Königreichs Baiern. Was ist also die Ursache dieses Verfalles in unsern Glasfabriken? Das, was die Ursache des Nichtgedeihens der Fabriken und Manufacturen überhaupt bei uns ist: muthwillige Hinderniße, die man jedem neuen Industriezweig in den Weg legt, Mangel an zwekmäßigen Bildungsanstalten für den Gewerbsmann, Verachtung desselben, Unterdrükung desselben, wo er sich heben will. In England werden die Söhne der Brauer, Färber, Gärber etc. wieder Brauer, Färber, Gärber etc.; ihr einziger Stolz, wenn sie Millionärs geworden sind, besteht darin, das Gewerbe ihres Vaters noch höher zu treiben, und daher besuchen sie die Vorlesungen irgend eines Lecturers über Physik, Chemie etc. und vermählen die Fortschritte der Wissenschaft mit jenen ihres Gewerbes; bei uns schämen sich die Söhne reicher Brauer, Gärber, Färber, das Handwerk ihrer Väter zu treiben; sie wollen studieren, um Landrichter, Ministerialräthe, oder, wo sie keine Talente für wissenschaftliche Bildung besizen, wenigstens reiche Pfarrer und Domherren zu werden; das väterliche Gewerbe bleibt höchstens bei der Tochter, die irgend ein ehemahliger Knecht oder Gesell des Geldes wegen heirathet, und dann das Gewerbe des Alten so treibt, wie es Herkommen und Vorurtheil fodert. Unsere Professoren der Physik und Chemie haben kein Interesse, ihre Wissenschaft auf Gewerbe anzuwenden, da ihre Zuhörer die lezteren verschmähen und verachten. Und auf diese Weise, bei solchem Geiste im Lande, kann höchstens nichts anderes |243| als Stillstand in Künsten und Gewerben entstehen: Stillstand in Künsten und Gewerben ist aber, wenn benachbarte Völker vorwärts schreiten, eben so viel als Rükwärtsgehen, und das, was einige Edlere hier und da zur Förderung ihres Gewerbes, nicht selten mit Aufopferung ihres Vermögens, unternehmen, ist ein bloßes Zappeln, wobei man sich ermüdet ohne vorwärts zu kommen. Fabriken und Gewerbe werden bei uns dann erst gedeihen, wenn der Gärber und der Färber für eine eben so wichtige Person im Staate gelten wird, als der Oberschreiber oder ein Actuar. Man ehre und schäze den Gewerbsmann bei uns wie in England und Amerika, und wir werden es dann wieder so weit bei uns bringen, als die Engländer und Amerikaner es jezt gebracht haben.

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Auch die berühmte Spiegel-Fabrik zu Neuhaus in Oesterreich hat aufgehört zu seyn.

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