Titel: Beitrag zur Geschichte der Färberei.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1823, Band 11, Nr. LIX./Miszelle 2 (S. 378–379)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj011/mi011059_2

Beitrag zur Geschichte der Färberei.

In einer, der lezten Sizungen des Kais. Kön. Institutes für Künste und Wissenschaften zu Mailand las Cavalier Bossi, Mitglied dieses Institutes, am 6ten Februar einen Abschnitt aus einem Werke, das er über Theorie und Praxis der Färbekunst geschrieben hat. Dieser Abschnitt handelt von den Färbestoffen (Pigmenten), die in Italien im 15ten und 16ten Jahrhunderte angewendet wurden. Cavaliere Bossi benüzte einige Manuscripte, die vor Alters zu Venedig gedrukt wurden, und die er einzusehen Gelegenheit hatte; unter andern auch eines das den Titel führte: Plicto über die Färbekunst (Plicto dell'arte dei Tintori), aus welchem hervorgeht, daß Hr. Bischoff 150) die von den Alten angewandten Substanzen auf eine viel zu geringe Anzahl beschränkte; er bewies, daß die Venetianer im 15ten Jahrhunderte sich, obwohl unter verschiedenen Namen, beinahe aller Substanzen zum Farben bedienten, die man heute zu Tage braucht; daß sie auch großen Theils die chemische Bereitung dieser Substanzen kannten, oder wenigstens durch einige Verfahrungsarten die in neuerer Zeit erfundene chemische Methode zu ersezen wußten; er zeigte endlich, daß man damals, gegen die Meinung des berühmten Berthollet, den Indig in Italien bereits angewendet und daß man den Italienern die Entdekung des Turnesol zu verdanken hat. – In der Sizung vom 20ten desselben Monats sezte Hr. Cavaliere Bossi seine Vorlesung über die Pigmente, die in Italien im 15ten Jahrhunderte gebraucht wurden, fort. Indem er mehrere Bemerkungen über verschiedene Methoden, die von den Alten in Anwendung gebracht wurden, entwikelt, trägt er auch die Zweifel vor, ob man im 16ten Jahrhunderte in Italien die Cochenille bereits anwendete, die damals nur unter dem Namen Grana bekannt war 151) und schließt mit folgendem Resultate seiner Beobachtungen: 1) daß die Färbekunst, die großen Theils durch die Griechen und Araber verbreitet wurde, in den alten Zeiten in Italien in großem Flore, und im 14ten 15ten und 16ten Jahrhunderte in diesem Lande auf dem höchsten Flore der Vollkommenheit stand, während sie sich bei allen anderen Nationen noch in ihrer Kindheit befand; 2) daß in Italien, und vorzüglich in Venedig, man beinahe alle Färbemittel kannte und anwendete, welche bis auf den heutigen Tag die beßten Künstler in Frankreich, Deutschland und England gebrauchen; 3) daß die Alten einige Pigmente kannten, von denen man glaubte, daß sie erst in neueren Zeiten entdekt worden wären, und von denen man kaum vermuthete; daß sie bereits am Anfange des 16ten Jahrhunderts angewendet wurden, wie Indig, Gummi-Lac, Rinde und Knospen der Pappel und vielleicht auch Cochenille; 4) daß Berthollet und andere fälschlich behaupteten, der Indig sey in Italien nicht vor der Mitte des 16ten Jahrhunderts gebraucht worden; 5) daß die Italiener schon vor dieser Epoche nicht nur die Composition des Oricello (der Orseille der Franzosen, die eine bekannte italienische Erfindung ist), sondern auch die des Turnesol kannten, der von der Orseille verschieden ist, welchen die Franzosen erst in der Folge bereiteten, und dessen Bereitung sie vielleicht von den Italiänern lernten; 6) daß |379| die alten Italiäner allen andern Völkern, und selbst den neuesten Chemikern, in der Composition der meisten Reizmittel, in der Anwendung des Alaunes, in der Behandlung mit Galläpfeln und Krapp, in der Methode die Tücher zu doctoren (maestrare o mestruare), jede Farbe auszuziehen, zu verändern, aufzutragen und zu modificiren zuvorgekommen sind; 7) daß sie auf der anderen Seite einige Substanzen kannten und anwendeten, von denen man heute zu Tage keinen Gebrauch, nicht einmal mehr eine Erwähnung macht; und die man vielleicht mit Nuzen zum Gegenstande neuer Versuche machen könnte, dahin gehört z.B. der Mist, den sie moladura fresca nannten, die Blätter des Kornelkirschbaumes, die Rinde der Ulme, wenn anders diese das onare von Plicto ist, der Saft der rata etc.; 8) endlich daß, obschon die Färber dieser Zeit die Hilfsmittel der neueren Chemie entbehren mußten, sie doch durch einige Bereitungsarten den neuesten Entdekungen vorzuarbeiten schienen; und andere durch andere Methoden, durch andere Substanzen oder andere Kunstgriffe zu ersezen suchten, um denselben Zwek zu erreichen; besonders in Hinsicht auf Zubereitung der Stoffe für die feinsten Pigmente, Auffrischung der Farben, allmählige Veränderung derselben in den Bädern, Schwefeln und Bleichen der Seidenzeuge, Zurichtung und Behandlung mit Gummi bei Seiden-Stoffen (was sie lucido oder salda nannten), Wiederherstellung verbleichter Farben und Befreiung der Seide von der Seife 152) . (Aus dem Giornale di Fisica etc. Tom. VI. Decade seconda. Secondo bimestro. S. 166.)

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Dessen Versuch einer Geschichte der Färbekunst. Mit einer Vorrede von Joh. Beckmann. Stendal 1780. D.

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Daß man damals die Cochenille in Italien kannte und anwendete, darüber findet man in Caneparius Schrift De Attramentis etc . Venedig 1619. Gewißheit. D.

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Hr. Bossi scheint, mit der deutschen und englischen Färbelitteratur nicht bekannt zu seyn, sonst würde er wissen, daß man in beiden Ländern seiner Nation hierinnen die Priorität nicht streitig macht. D.

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