Titel: Die Königl. Baierisch. landwirthschaftliche Lehr-Anstalt in Schleißheim.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1823, Band 11, Nr. LXXX./Miszelle 11 (S. 504–507)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj011/mi011080_11
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Die Königl. Baierisch. landwirthschaftliche Lehr-Anstalt in Schleißheim.

Von der Errichtung der landwirthschaftlichen Lehr-Anstalt in Schleißheim, haben wir bereits in diesem Journal Bd. IX. S. 272. eine kurze Nachricht mitgetheilt. Da nun seit ihrer Eröffnung bald ein Jahr verflossen ist, so finden wir uns gegen unsere Leser verpflichtet, sie auch von ihrem Fortgang und von dem, was wir bei unserer zweimaligen Anwesenheit selbst gesehen und geprüft haben, in Kenntniß zu sezen.

Die Anstalt besteht nach der amtlichen Bekanntmachung vom 15. Juli v. J. aus drei Klassen.

Die I. Klasse, welche den eigentlichen Kern von Arbeitsleuten enthält, der bisher in Deutschland noch nicht bewogen werden konnte, über sein so wichtiges Geschäft Unterricht zu nehmen, während sich der allergeringste Handwerker einer 3jährigen Lehrzeit unterziehen muß, ist hier die zahlreichste. Sie zählt 26 junge Leute aus dem Bauernstande; wovon der größere Theil auf Kosten unsers Mitbürgers Frhrn. von Schäzler in Augsburg, die andere auf eigene Rechnung, einige von Gutsbesizern und Regierungs-Stipendien unterhalten werden.

Die II. Klasse zählt 19 Zöglinge, deren Mehrheit auf eigene Kosten, einige auf Rechnung des Frhrn. von Schäzler, und die übrigen von Seite der Regierung unterstüzt, an dieser Klasse Theil nehmen.

Die III. Klasse zählte am 9ten Juni d. J. nur 5 Theilnehmer. Man verlangt bei dieser Klasse ein bestimmtes Alter und die Absolution des philosophischen Kursus, oder eine genügende Vorbereitung in der II. Klasse der Anstalt. Diesen Foderungen konnten, wie vorauszusehen war, nur Wenige genügen, auch werden sie unsers Wissens an andern landwirthschaftlichen Lehr-Anstalten nicht gemacht. Im nächsten Jahre dürfte sie aber bei den geringen Aussichten zur Anstellung im Staatsdienste und bei der Ueberzeugung des großen Nuzens einer wissenschaftlichen landwirthschaftlichen Ausbildung von Seiten unserer zahlreichen Gutsbesizer, eine der besuchtesten werden.

Die Gesammtzahl der Zöglinge (50) wurde noch in keiner Anstalt erreicht. Zum Beweise dieses führen wir an, daß der mit Recht so allgemein verehrte Staatsrath Thaer sich im ersten Jahre seiner landwirthschaftlichen Lehranstalt mit sieben Zöglingen begnügen mußte; bei Fellenberg fanden wir bei unserer mehrmaligen Anwesenheit, nie über 12 bis 16 Theilnehmer, nur Schwerz in Hohenheim soll sich einer größeren Anzahl, ungefähr zwanzig, zu erfreuen haben. Es ist hiernach an der Theilnahme von Seiten des baierischen Publikums und an einem regen Sinn für's Bessere nicht länger mehr zu zweifeln.

Die Versuchswirthschaft wurde in einem so ausgedehnten Plane angelegt, daß sie selbst von Kennern für ein Wagniß angesehen werden mußte; die Umsicht des Vorstandes hat aber alle Hindernisse zu heben gewußt und hier wurde gezeigt, was der Mensch bei ernstem Beharren zu leisten und auszuführen im Stande ist. Auf diesem Kulturfelde wurden gleichsam alle landwirthschaftlichen Früchte, wie man sie kaum in einem Lehrbuch so vollständig aufgezählt findet, neben einander und sogar nach mehreren bewährten Kulturmethoden auf einem und demselben Felde im Großen, nicht etwa gartenmäßig, zugebaut.

Gleichzeitlich wurden auch mehrere Versuche über die Wirkungen des Salzdüngers, der vielgerühmten französischen Urat, der Gülle aus menschlichen Exkrementen, u. dgl. damit in Verbindung gesezt.

Indessen kann uns Deutschen, insbesondere Baiern, der Getraidebau, nicht viel frommen, da, nach offiziellen Mittheilungen in den Wochenblättern des landwirthschaftlichen Vereins, in Baiern im Durchschnitt 50 bis 60,000 Schäffel von den verschiedenen Getraide: Arten ein- und dagegen 350,000 bis 370,000 Schäffel ausgeführt werden. Dieser bedeutende Absaz von schwer verführbarem, ohnehin zu so niedrigen Preisen stehendem Getraide zeigt zur Genüge, daß die Produktion desselben keiner Steigerung bedürfe. Dagegen ergibt sich, daß die Rindviehzucht in Baiern zurükgegangen, indem von 1819 |506| bis 1821 im jährlichen Durchschnitt 57,350 Stük eingeführt wurden, während man nur 35673 in das Ausland absezen konnte, und daher die Mehreinfuhr jährlich an 22,000 Stük Rindvieh beträgt. Man muß es daher mit Dank anerkennen, daß auf diesen Gegenstand, vorzüglich bei den Zöglingen der Bauernklasse, bei dem Unterrichte auf eine lehrreiche und überzeugende Weise von Seite der Anstalt Rüksicht genommen wurde. Gleiches geschah hinsichtlich der Schaafzucht, Pferdezucht, und überhaupt aller Zweige der Viehzucht und der hier ausgestreute Saamen wird feiner Zeit gewiß gute Früchte bringen. Der Lehr. Methode, deren sich der unermüdete Vorstand der Anstalt bedient, ist bereits mehrmal in den gelesensten Zeitschriften rühmlich gedacht worden.

In Hinsicht des Feldes, welches der Versuchswirthschaft angewiesen wurde, haben sich bereits mehrere Stimmen mißbilligend ausgesprochen, weil hiezu ein nicht urbarer Waldboden von sehr geringer Qualität gewählt wurde; insbesondere bemerkte eine Deputation vom General-Comité des landwirthschaftlichen Vereins, daß hiedurch der nothwendige ökonomische Kalkul verrükt worden. Es kann nicht wohl in Abrede gestellt werden, daß die Anstalt sich leichter gewirthschaftet hätte, wenn man ihr sogleich ein passendes urbares Feld zugewiesen hätte. Allein auf einem guten Felde gehen Versuche allerdings gut, wie aber auf einem geringeren, worauf der Eine oder der Andere sie nachahmen soll? – Bei uns in Baiern ist ohnehin zur Zeit die Lehre der Agronomie um vieles wichtiger als jene der Agrikultur. Alle unsere Kulturunternehmer sind, nach unserer eigenen kostbaren Erfahrung, an der Urbarmachung zu Grunde gegangen, und da in Baiern noch so Vieles urbar zu machen ist, so war das schnell und glüklich vollbrachte Unternehmen der Anstalt gewiß äußerst lehrreich und höchst nüzlich, denn hier ist den Unwissenden wie den Zweiflern praktisch nachgewiesen, daß auf einem schlechten öden Plaz, auf welchem noch im November voriges Jahr hohle Eichen und Stöke gestanden, ohne irgend eine außerordentliche Hülfe schon im ersten Frühjahr beinahe alle Sommerpflanzen mit gutem Erfolg gebaut werden konnten. Eine außerordentliche Hülfe wird man es nicht nennen, wenn zur Kultivirung eines Tagwerks, einschließlich des Bodens, nur 8 fl. verwendet werden durften, wie es hier der Fall gewesen seyn soll; und man überhaupt auf alle Behelfe welche jedem Landmanne nicht ebenfalls zu Gebot stehen, Verzicht leistet.

In diesem ersten Jahre wurden übrigens nicht blos gewöhnliche, oder solche Früchte, welche man in Neubrüche am vortheilhaftesten zu bauen glaubt, angebaut; es wurden auch, mit Ausnahme der Graassaamen und einiger zeitweiligen Futterkräuter, welche bekanntlich in Neubrüchen schlechterdings versagen, beinahe alle Saamen-Früchte gebaut, welche größtentheils gut gedeihen.

Was den Vaterlandsfreund aber vorzüglich erfreuen muß, sind die auf dem Versuchsfelde befindliche Handelspflanzen: Reps, Leindotter, Mohn und chinesischer Oelrettig, wovon sich besonders lezterer auszeichnet, – Flachs, rheinländer, chinesischer und modeneser Hanf, – leztere beide von ausgezeichneter Schönheit, – 26 Gattungen Tabak, wovon mehrere bewundernswerth gedeihen, und theils als Blätter, theils als Stengelgut behandelt werden. – Senf, Anis, Koriander gedeihen freudig. – Waid soll als eine zweijährige Pflanze behandelt und erst diesen Herbst gebaut werden; Kapp aber ist bereits vorhanden, so wie Saflor, welche beide gut fortzukommen scheinen. Rechnet man die Millionen Gulden die noch jährlich für Mohnsaamen-, Reps-, Lein-, Hanf- und andere Oele, für rohen, gesponnenen und gewobenen Hanf und Flachs, für Anis, Fenchel, Koriander, Senf, Bokshornsaamen, Hanf-, Lein- und Mohnsaamen, für Wau, Weid, Safflor, Safran und andere Färbekräuter, für Arzneigewächse, für Tabak und Krapp aus dem Lande gehen, die Baiern nicht nur für seinen eigenen Bedarf in hinlänglicher Menge eben so gut wie jene Länder, aus denen wir sie beziehen, andauen sondern auch noch im Ueberfluß ausführen könnte, ohne daß der Getreidebau dabei verringert werden dürfte, so muß man das Bemühen des Vorstandes, den Bau dieser Handelsvegetabilien der eigentlichen kultivirenden Klasse praktisch zu zeigen, dankend rühmen.

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Ueber alle Erwartung zeichnen sich die verschiedenen Gattungen von Runkelrüben aus, welche so wie die Knollengewächse, und nicht minder mehrere Schotengewächse, sehr schön stehen. Selbst Mais und Hirse kommen auf dem magern Boden noch fort, und erweisen sich dankbar für die ihnen zugewendete zwekmäßige Behandlung und gute Pflege. Von erheblichem practischen Nuzen ist auch der Gemüsegarten der Anstalt, welcher ebenfalls auf dem Versuchsfelde angelegt ist, und manchen der Bauernzöglinge zur Nachahmung in der Heimach reizen wird, weil er nun die Behandlung versteht, und sich von dem bedeutenden Nuzen desselben überzeugt hat.

Von der Anwendung des belgischen Pfluges, und der so sehr nüzlichen Took'schen Drillmaschine wurde bereits in der allgemeinen Zeitung gesprochen. Das General-Comité des landwirthschaftlichen Vereins hat nun mehrere der berühmtesten Akergeräthe aus England kommen lassen, welche aus ihrem gegenwärtigen unpassenden Lokale nach Schleißheim gebracht und dort versucht und erprobt werden sollen.

Ueber die Gegenstände des Unterrichts, die Eintheilung desselben etc. müssen wir den von der Anstalt versprochenen Jahresbericht abwarten. Vorläufig zeugen das Wissen und die lebhafte Theilnahme der Zöglinge, das General-Comité des landwirthschaftlichen Vereins, und alle Fremde, welche Vorträgen beigewohnt haben, für Zwekmäßigkeit und Klarheit desselben. Insbesondere ist die landwirthschaftliche Technologie, und auch die. Zeichenkunde in Schleißheim weit vollständiger bedacht, als an andern solchen Anstalten.

Nicht minder vortheilhaft ist die ökonomische Eintheilung in der Anstalt. Eine so gute Verpflegung gegen so geringe Kostgelder dürfte kaum ein Privatmann gewähren können; daher ist es von einer öffentlichen Anstalt um so verdienstlicher, wenn sie dies, wie es hier der Fall ist, ohne Zuschuß von Seite des Staats durchzuführen vermag. Die häusliche Ordnung dürfte man, wenn sie nicht durch besondere Umstände bedingt ist, beinahe zu hart finden, doch gewährt sie Eltern und Vormündern Beruhigung für ihre Söhne und Mündel. Diese Wohlthat überwiegt andere Rüksichten, und würde in mancher Beziehung vorzüglich bei den produzirenden Ständen Nachahmung verdienen.

Der Geist der Humanität und Sittlichkeit ist vorherrschend, und somit nicht zu läugnen, daß die Anstalt auf eine erfreuliche und wahrhaft musterhafte Weise ausgeführt besteht. Möge sie sich fortwährend ungehemmt und frei bewegen! möge sie nicht, wie es anderwärts so oft geschehen in die Fesseln von Formen, unnüzen Schreibereien und Kleinlichkeiten geschmiedet in dem rühmlichen Fortschreiten auf der betretenen schönen Bahn aufgehalten, noch davon abgeleitet werden. Die Theilnahme des Publikums wird ihr dann nie fehlen.

Schließlich wünschen wir, daß der Weg von Schleißheim bis zur Freisinger-Straße fahrbar hergestellt, dem Wirth in Schleißheim ein größerer Raum überlassen und dafür gesorgt werde, daß Eltern der Zöglinge und Reisende überhaupt auch daselbst übernachten können.

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