Titel: Clinchamp's Beschreibung des Hyalographen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1823, Band 12, Nr. XXXV. (S. 156–163)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj012/ar012035

XXXV. Beschreibung des Hyalographen des Hrn. Clinchamp, eines Instrumentes zur Perspectiv-Zeichnung.

Aus dem Bulletin de la Société d'Encouragement N. 227. S. 126.

Mit Abbildungen auf Tab. IV.

Hr. Clinchamp hat ein Instrument zur Perspectiv-Zeichnung erfunden, wodurch er zugleich einen oder mehrere Abdrüke seiner Zeichnung erhält. Er hat der Zeichnung eine neue Abhandlung beigefügt, aus welcher wir hier einen Auszug liefern, (Vergl. Bulletin 1822. S. 154), und zeither mehrere Verbesserungen an dem Instrumente selbst angebracht, um dasselbe fester und tragbarer zu machen, die wichtiger sind, als die vorgeschlagenen Erleichterungen zu den vielen Anwendungen, deren der Hyalograph fähig ist.

Auf den Linealen, die das Ocular tragen, sind Abtheilungen angebracht, die man dem Spiegelglase nach Belieben nähern, oder davon entfernen kann. Diese Abtheilungen dienen, nach Umständen, zur Bestimmung des Verhältnisses zwischen der wirklichen Größe des Gegenstandes, den man zeichnen will, und seiner scheinbaren auf dem Spiegelglase. Sie dienen auch zur Bemessung der Entfernung eines Gegenstandes, dessen Höhe man kennt, oder umgekehrt, der Höhe aus der Entfernung. Einige dieser Abtheilungen dienen auch zur Bestimmung des |157| Sehe-Winkels auf dem Felde des Spiegelglases nach der Entfernung des Oculares.

Hr. Clinchamp sezt die Gränze der Weite des Sehewinkels, innerhalb welcher man eine correcte Zeichnung verfertigen kann, auf 90°, und hierin stimmt er mit den Schriftstellern, die über Perspectiv geschrieben haben, überein, obschon dieß nichts mehr als ein Irrthum ist. Es ist offenbar, daß die Weite dieses Winkels viel zu groß ist, und daß ein Gemählde, das unter dieser Bedingung gemahlt werden würde, in allen von seinem Mittelpuncte entfernten Theilen auffallende Unrichtigkeiten darstellen müßte.

Im Perspektive betrachtet man ein Gemählde gleichsam im Quer-Durchschnitte senkrecht auf die Achse des kegelförmigen Strahlenbündels, der von allen Puncten der in diesem Gemählde begriffenen Gegenstände ausgeht, und sich in dem Auge des Beobachters vereint.

Je mehr der Durchschnitt der Strahlen dieses Sehekegels schief wird, desto mehr wird das durch diesen Durchschnitt gebildete Bild, wo man dasselbe von einem anderen Puncte, als von der Spize des Sehekegels aus, beschaut, verzerrt; denn nur in diesem Puncte ist, die Schiefe des Durchschnittes mag was immer für eine seyn, die Wirkung auf den Beobachter immer dieselbe.

Ein Gemählde ist aber nicht dazu auf der Welt, daß man es nur von einem Puncte allein sehen darf; es muß, von jedem Puncte aus gesehen, wo der Beobachter dasselbe mit Bequemlichkeit betrachten will, seine Wirkung hervorbringen.

Es ist allerdings wahr, daß in einem streng gehaltenen Perspective nur dasjenige sehr richtig gezeichnet ist, was sich dem Mittelpuncte des Gemähldes nähert, und daß die Gegenstände desto mehr entstellt sind, je mehr sie sich davon entfernen, weil der Durchschnitt der Lichtstrahlen mehr schief ausfällt; so lang aber eine Entstellung nicht merklich ist, fällt sie dem Beobachter nicht auf. Man kann also das Sehefeld, so wie den Sehewinkel, bis auf denjenigen Punct erweitern, wo die Verzerrung bemerkbar wird.

Man muß ferner nicht vergessen, daß jene Verzerrung, die von einem Durchschnitte zu schiefer Lichtstrahlen entsteht, nicht |158| an allen Gegenständen gleich bemerkbar ist. An einem Würfel kann sie, z.B., Statt haben, ohne das Auge zu sehr zu beleidigen; eine Kugel aber würde, auf denselben Punct hingestellt, auf eine empörende Weise verzerrt werden.

Nach diesen Bemerkungen kann man die Theorie des Herausnehmens (théorie des licences) rechtfertigen, welche darin besteht, der Wahrheit des Perspectives, insofern das Auge des Beobachters es unter irgend einem Gesichtspunkte fodert, untreu zu werden.

Man hat verschiedene Regeln über das Verhältniß des Sehewinkels, den man bei einem Gemählde zu beobachten hat, gegeben. Die Einen rathen dem Beobachter eine Entfernung, die dreimal die Breite des Gemähldes beträgt, was einen Winkel von 20 Graden geben würde. Andere führen Gemählde auf, die unter einem Winkel von 45 Graden gezeichnet sind, und keine bemerkbaren Verzerrungen enthalten. Am beßten ist es, sich hier an Erfahrung zu halten. Wenn man mit Hrn. Clinchamp's Instrument regelmäßige Körper zeichnet, so wird man bald die Gränzen des Sehewinkels kennen lernen, die man bei gewissen Formen der Gegenstände nicht überschreiten darf.

Es ist immer nüzlich, und selbst öfters nothwendig, die Schatten der Körper, die man treu darstellen will, nach der Natur zu zeichnen. Hr. Clinchamp meint, daß es möglich wäre, die Schatten auf dem Spiegelglase selbst darstellen zu können, wodurch der Vortheil entstünde, zwei oder drei Copien von einer und derselben Zeichnung erhalten zu können: denn man kann von der auf dem Spiegelglase gemachten Zeichnung mehrere Abdrüke veranstalten.

Wir zweifeln auch wirklich nicht, daß etwas Gemahltes sich eben so gut auf Papier abdruken läßt, als etwas Gezeichnetes, und die Schwierigkeit liegt nicht in der Uebertragung der Zeichnung. Es läßt sich leicht begreifen, daß man das Spiegelglas in eine für den Zeichner bequeme Lage bringen, und dasselbe mit weissem Papier unterlegen kann, um die Wirkung der Farben gehörig beurtheilen zu können, so wie daß man an einem Spiegelglase die Schatten sehen kann, die man nachbilden will, wo aber die Schattirung umgekehrt geschehen muß: die große |159| Schwierigkeit besteht nur in der materiellen Ausführung des Lezteren.

Man kann die Farben auf ein Glas, nicht wie auf Papier, auftragen und vertreiben; man muß sie mit einem einzigen Pinsel-Striche auftragen, und darf nicht mehr über dieselben hinfahren: die erste Lage muß vollkommen troken geworden seyn, ehe man eine zweite auf dieselbe auftragen kann: man muß, mit einem Worte, hier, wie bei der Miniatur-Mahlerei verfahren, wenn man einige Präcision in die Nachahmung bringen will.

Diese Betrachtungen erweken in uns die Ueberzeugung, daß man das Mahlen auf Glas aufgeben wird. Wenn man mehrere Copien eines Gemähldes nöthig hat, so wird es bequemer seyn, und eben so schnell hergehen, wenn man nur die Zeichnung, die Umrisse, abdrukt, und das Gemählde selbst auf dem Papiere ausführt. Die Versuche, die Hr. Clinchamp der Gesellschaft eingesendet hat, bestätigen uns in der Meinung, daß man, ohne bedeutenden Zeit-Aufwand, durch sein Verfahren keine befriedigenden Copien erhalten kann.

Wenn man aber auch den Gebrauch des Instrumentes des Hrn. Clinchamp bloß auf die Linien-Zeichnung beschränken müßte, so bleibt dasselbe noch immer von großem Nuzen. Dieses Instrument gewährt den wichtigen Vortheil, daß man mittelst desselben die Genauigkeit der Zeichnung der Umrisse, die man gemacht hat, prüfen, und die leichtesten Abweichungen, die durch Unsicherheit der Hand entstanden sind, verbessern kann. Bringt man ferner noch an demselben den langen Arm (long bras) an, der an dem Physionotrace des Hrn. Chretien zur beliebigen Entfernung der Spize des Sehekegels dient, so wird man in einem größeren Verhältnisse ganz fehlerfreie Zeichnungen erhalten, weil sie sich innerhalb eines Winkels von geringer Oeffnung finden.

Wir sind der Meinung, daß man den Gebrauch des Hyalographen auch denjenigen nicht dringend genug empfehlen kann, die sehr feste Zeichner sind. Die meisten Leute können z.B. sich von einer Maschine keine deutliche Vorstellung machen, außer wenn man ihnen dieselben im Perspective vorzeichnet. Mit dem Instrumente des Hrn. Clinchamp kann man dieselben |160| äußerst schnell, und genauer zeichnen, als es irgend Jemanden entweder nach dem freien Auge oder durch die Operationen, welche eine genaue Perspectiv-Zeichnung fodert, möglich ist.

Auch die Landschaft-Mahler können, bei der Zeichnung einer Landschaft, durch Anwendung dieses Instrumentes sich viele Zeit ersparen; sie werden sich dadurch in Kenntniß und Anwendung der Grundsäze der Perspective üben, und sich gewöhnen, ihren Gemählden, wenn dieselben auch noch so klein sind, eine scheinbar natürliche Größe, oder selbst ein noch größeres Ansehen zu geben, wenn sie dasselbe nöthig erachten sollten.

Man erhält, wenn man sich das Instrument bei Hrn. Clinchamp, Lehrer der Zeichenkunst bei den See-Cadeten zu Toulon unmittelbar bestellt, dasselbe für 100 Franken mit Grad-Linealen, und, ohne diese, für 70 Franken. Die Farbentusche kosten 3 Franken.

Erklärung der Figuren.

Fig. 25. Seiten-Aufriß des Hyalographen, wie er während des Mahlens gestellt ist, mit der Stellung des Mahlers.

Fig. 26. Dasselbe Instrumente im Perspective: das Spiegelglas und das Ocular sind herabgelassen.

Fig. 27. Die Lehne für den Arm zur Erleichterung für die Hand des Zeichners.

Fig. 28. Das Lineal mit horizontalem Falze im Aufrisse.

Fig. 29. Der Glätter, mit welchem man über das Papier hinfährt, um Abdrüke zu erhalten.

Fig. 30. Der Lange-Arm am Physionotrace des Hrn. Chretien, an dem Hyalographe angebracht.

Der Hyalograph besteht aus einem Tische A, an welchem ein horizontales Lineal mit einem Falze B in Form eines lateinischen T angebracht ist, welches Lineal mittelst eines Gewindes, C, beweglich ist. Zwei Pfeiler oder Säulen DD nehmen in Falzen EE ein feines Spiegelglas ohne Belegung auf, F, welches senkrecht steht, und den Tisch in zwei gleiche Theile theilt. Dieses Spiegelglas und der Rahmen desselben kann in der Mitte, wo sich Gewinde und Haken befinden, |161| welche ein Zusammenlegen gestatten, um es desto leichter in die Kiste des Instrumentes zu bringen, abgeschnitten seyn. Die drei Füße, GG, welche den Apparat tragen, sind jeder mit einem Stifte oder Zapfen, I, versehen, wodurch man sie nach Umständen verlängern oder verkürzen kann, um das Instrument auch auf unebenem Boden vollkommen horizontal zu stellen. Drei Leiter, HH, lassen sich in dem Lineale B hin und herschieben, und können, mittelst Drukschrauben mit einem tellerförmigen Kopfe, FF, fest gestellt werden, wodurch auch die Gegenstände, welche diese Leiter zu tragen haben, befestigt werden können. Der Träger des Oculares, I, wird durch Gewinde S in drei Theile getheilt, so daß man denselben neigen und aufrichten kann, um das Ocular immer parallel mit dem Spiegelglase zu erhalten, und dasselbe zu entfernen, wenn man den Abstand vergrößern will. Die Lehne, L, die aus zwei Theilen besteht, dient der Hand des Zeichners als Stüze, dessen Ellenbogen sich auf ein anderes Stük, M, auflehnt, wodurch die Führung der Hand erleichtert wird. Das Stäbchen O hält den Zeichenstift, der die Oberfläche des Spiegelglases berührt, wenn das Ocular davon entfernt ist. Dieses Ocular P ist aus Kupfer, und an dem Ende des Trägers desselben, I, angebracht: es vereinigt die Sehestrahlen. Ein undurchsichtiges Stük, R, das sich in einem Kniee bewegen läßt, ist vor dem Auge, mit welchem der Zeichner nicht sieht, angebracht, damit derselbe sich nicht bemühen darf, dieses Auge immer zugeschlossen zu halten. Das horizontale Lineal B ist mit zwei graduirten Maßstäben, UU, Fig. 28. versehen deren einer zur Bemessung der genauen Entfernung des Oculares von dem Spiegelglase, der andere zur Bestimmung des Sehewinkels dient, unter welchem man den Gegenstand sieht. Ein Winkelmesser, V, dient zur Bestimmung derjenigen Winkel, die auf dem Lineale nicht mehr verzeichnet werden konnten, so wie der wahren Lage der natürlichen Linien gegen die Fläche des Spiegelglases. Dieses Stük, welches sich mittelst eines Gewindes aufrichten läßt, wird auch ein Richtscheit, um das Instrument vollkommen horizontal zu stellen.

Der lange Arm des Physionotrace des Hrn. Chrétien, Fig. 30. besteht aus einem Stabe a, der an einem festen Puncte, |162| b, angebracht ist, und dem man, mittelst einer Nuß, (genou de Cardan) c, jede beliebige Neigung geben kann. Dieser Stab läßt sich mittelst einer Spiralfeder d, nach Belieben verlängern, und hat ein Ocular e, das vor dem Auge des Zeichners steht. Ein anderes Ocular, f, ist an der Reißfeder g befestigt. In dem Verhältnisse als die Spize des Zeichenstiftes h stumpf wird, läßt man die Stellschraube i wirken, die sie an der Oberfläche des Spiegelglases andrükt. Dieses Instrument, verbunden mit dem Hyalographen, erlaubt selbst innerhalb eines sehr kleinen Sehewinkels ohne alle Verzerrung zu zeichnen, indem das Auge sehr nahe an dem Spiegelglase ist.

Gebrauch des Instrumentes.

Der Zeichner sezt sich in der, Fig. 25. angegebenen, Stellung, und, nachdem er den Sehewinkel gewählt hat, unter welchem er die Gegenstände sehen will, bringt er sein Auge an das Ocular an, und darf nun nur auf der Oberfläche des Spiegelglases mit der Spize der Zeichenfeder dem Umrisse der Gegenstände nachfahren, die auf diese Weise auf dem Glase mit aller Treue dargestellt seyn werden. Die Zeichnung wird desto größer oder kleiner ausfallen, je mehr oder minder das Auge von dem Spiegelglase entfernt war.

Das Spiegelglas, dessen man sich bedient, muß so dünn wie möglich seyn, ohne alle Blasen, und so eben als möglich. An der Seite des Oculares überzieht man dasselbe mit einer sehr dünnen Lage Gummiwasser. Wenn das Spiegelglas in dieser Hinsicht gehörig zugerichtet ist, so muß der Zeichenstift leicht auf demselben angreifen, ohne daß das Glas darob etwas an seiner Durchsichtigkeit verloren hat.

Der Zeichenstift, dessen man sich bedient, ist weiße Kreide, und zuweilen, wo man sehr feine Striche machen muß, zugespizter weißer Pfeifenthon.

Es ist nicht nöthig, das Spiegelglas bei jeder Zeichnung neu zuzubereiten, man darf nur die weißen Striche mit etwas Leinwand wegwischen. Nur dann, wenn das ganze Glas mit weißen Strichen überdekt ist, muß eine neue Lage Gummiwasser aufgetragen, und das Glas mit Seifenwasser oder Weingeist gewaschen werden.

|163|

Um Abdrüke von der auf das Glas gemachten Zeichnung zu erhalten, kehrt matt dasselbe auf seine nicht gummirte Seite und bringt es in eine schiefe Lage, wie in Fig. 26., d.h., den unteren Theil des Rahmens auf die Haken NN gestüzt, die in dieser Absicht auf dem Tische des Instrumentes und dem oberen Theile der Lehne der Hand L angebracht sind. Hierauf reibt man die hyalographische Tusche in einem kleinen Marmornäpfchen, und zwar etwas dik, ab. Dann fährt man mit der Spize eines Pinsels, dessen Aussenhaare man weggeschnitten hat, um nur einen sehr feinen Haarbüschel innwendig übrig zu lassen, allen Kreidezügen nach, die sich auf der entgegengesezten Seite des Glases befinden. Nachdem diese Zeichnung getroknet ist, bereitet man ein Blatt etwas befeuchtetes Papier über dieselbe, und legt ein anderes Blatt trokenes Papier darauf, welches man mittelst eines Stükes harten und glatten Holzes, wie Fig. 29, genau auf demselben anliegen macht. Hierauf zieht man das Blatt Papier ab, welches eine genaue Copie der in hyalographischer Tusche gezeichneten Perspektive gibt.

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