Titel: Ueber die Benuzung der Kräfte der Gefangenen in den Strafanstalten und Zuchthäusern
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1823, Band 12, Nr. XXVIII./Miszelle 3 (S. 116–118)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj012/mi012028_3

Ueber die Benuzung der Kräfte der Gefangenen in den Strafanstalten und Zuchthäusern

haben wir in diesem Journal Bd. 10. S. 32 aus dem London Journal von der zu diesem Zwek in England mit dem beßten Erfolge eingeführten Trittmühle eine Beschreibung und Abbildung mitgetheilt. Sir John Cox Hippisley Baronet, hat zwar in seinem Werke über Arbeiten für Sträflinge (on Prison Labour) die Tritt-Mühlen als gefährlich dargestellt; sie sind es aber nicht nur nicht, sondern beweisen sich täglich mehr und mehr vortheilhaft, und vermehren sich auch immer mehr in England, wie Hr. Gill in seinem technical Repository, August 1823 S. 141, nachweiset. Die Wichtigkeit des Gegenstandes veranlaßte Hrn. Weber im Augustheft der Verhandlungen des Vereins zur Beförderung des Gewerbfleißes in Preußen von dieser sehr zwekmäßigen Art, Sträflinge nüzlich, und ohne Nachtheil für den steuerbaren Bürger zu beschäftigen, weitere Nachricht mitzutheilen, welche Hr. Behrnnauer mit folgenden unsern Strafanstalten zur Beherzigung dienenden Bemerkungen begleitet. Er sagt; „Die vorgeschlagene und in England wirklich ausgeführte |117| Einrichtung der Trittmühlen dürfte vorzugsweise für arbeitsscheue und widerspenstige, jedoch kräftige, Sträflinge anwendbar seyn, sie wird ein vortreffliches Correctionsmittel abgeben können, so wie auch ihr Gebrauch bei den auf Lebenszeit zur Festungsarbeit, oder, nach der in den Rheinprovinzen noch beibehaltenen französischen Criminalgesezgebung, zu immerwährender Zwangsarbeit (travaux forces à perpétuité) verurtheilten Verbrechern alle Berüksichtigung verdient. Sie vereinigt die Kräfte Mehrerer zu gleicher Zeit und für den nämlichen Zwek, in der Art, daß die dabei Angestellten schlechterdings genöthigt sind, ihren Theil an der Arbeit zu verrichten, ohne etwas davon auf ihre Kameraden walzen zu können.“

„Das Eigenthümliche besteht in der abweichenden Construction der Tritträder. Bis jezt machte man solche sehr groß, von 25 bis 30 Fuß im Durchmesser, und so weit, daß vier bis fünf Menschen darin neben einander fortgehen, und dadurch die Umdrehung derselben bewirken konnten. Diese Einrichtung hatte den Nachtheil, daß je großer der Durchmesser des Rades war, und um die gehörige Wirkung hervorzubringen, genommen werden mußte, um so größer auch mithin die Anstrengung und der Weg ward, welchen die Bewegenden in einem gewissen Zeitraume zurükzulegen hatten.“

„Um die vortheilhafteste Wirkung der getroffenen Abänderung einleuchtend zu machen, wollen um folgende Vergleichung anstellen: Man stelle sich an ein und derselben Welle ein Trittrad nach der alten Construction, und eins nach der vorn angegebenen Art, angebracht vor. Das gewöhnliche möge einen Durchmesser von 20 Fuß, das andere aber von 5 Fuß haben, und jedes mit 24 Trittbrettern oder Stufen versehen seyn. Die verlangte Geschwindigkeit sey, daß die Achse zweimal in einer Minute sich umdrehen solle. Um diese Wirkung hervorzubringen, wird nun der in das große Rad eingesperrte Mann bei jedem Umlauf 24 Schritte, jeden von 31 1/2 Zoll Länge, machen müssen, um sich bei jedem 7 7/8 Zoll senkrecht zu erheben, und durch die Wirkung seiner Schwere die gefederte Bewegung hervorzubringen. Bei 120 Revolutionen in einer Stunde wird derselbe daher 2,880 Schritte von dieser Größe auf einer geneigten Ebene zu machen, und dabei einen Weg von 2,520 Yards (7,342,65 rheinländischen Fußen), den Leib vorwärts gerichtet, in einer sehr unbequemen, gebüßten Stellung, zurükzulegen haben, Dagegen würde der zur Bewegung des kleinern Rades Angestellte in dieser Zeit zwar dieselbe Anzahl von Schritten, nämlich 2,880, thun müssen, jedoch jeden nur von 7 7/8 Zoll, und daher nur den vierten Theil jenes Wegs, nämlich 630 Yards (1,835,66 rheinl. Fuße), zu machen haben, wobei derselbe stets in einer geraden Stellung, von der Anhaltstange unterstüzt, sich befinden würde. Wenn man früher, um die Kraft des alten Trittrades zu vermehren, zu der Vergrößerung des Durchmessers seine Zuflucht genommen und dabei geglaubt hat, diese Wirkung durch den längern Hebel zu erreichen, so hatte man übersehen, daß die Verlängerung des Hebels eine Vermehrung der Geschwindigkeit erfodert, welches aber bei Anwendung thierischer Kräfte eben das Schwierigste ausmacht. Wenn man das Gewicht eines Mannes zu 140 Pfund annimmt, so würde die durch das neue Trittrad zu bewirkende Kraft darin bestehen, daß mit derselben

bei 40Schritten in einer Minute 100 Pfund auf18 Fuß9 Zoll
bei 50Schritten in einer Minute 100 Pfund auf23 Fuß5 1/4 Zoll
bei 60Schritten in einer Minute 100 Pfund auf28 Fuß1 1/2 Zoll

würden gehoben werden. Dieses ist weit unter dem von mehreren unterrichteten Mechanikern angenommenen Werthe der menschlichen Arbeitskraft, nämlich 10 Pfund 10 Fuß hoch in einer Sekunde, 10 Stunden des Tages hindurch. Diesen Saz wird man jedoch in der Ausführung nicht erreichen können“.

„Es geht aus diesen Bemerkungen hervor: daß der Gedanke, die Arbeitskräfte dieser Klasse von Sträflingen als ein bewegendes Prinzip zu benuzen, an sich glüklich, und die dafür angegebene Vorrichtung zwekmäßig und gut ausgedacht ist. Sie kann sehr leicht zu allen Maschinen angewendet werden, zu deren Bewegung man von der Wirkung des Windes, Wassers, Dampfes, oder der thierischen Kräfte, sonst Gebrauch macht.“

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„In England, wo bereits mehrere dergleichen Strafmühlen zur wirklichen Ausführung, zum Theil in einem sehr großen Maßstabe, gekommen sind, als z.B. in den Strafhäusern zu Bury, Hertford, Northallerton, Haverfordweft, Brixton, Coldbathfields, Ipswich, Dorchester, Cambridge und Guilford, beabsichtet man auch keineswegs sie allein zur Bereitung von Mehl, Malz, Schrot und dergleichen, sondern auch zu anderem, den Lotalttaten anpassenden, Gebrauche zu verwenden. So wird man in den Grafschaften Suffolk, Norfolk und Esser, die akerbautreibend sind, Mehl, Graupen und dergleichen damit fertigen, in Lancashire, Yorkshire und andern Bezirken, wo die Manufacturen vorherrschend sind, alle Sorten von Woll- und Baumwoll-Maschinen damit in Bewegung sezen, in andern Theilen dagegen sie zur Hebung des Wassers für Drehbänke u.s.f., wozu eine bewegende Kraft angewendet werden kann, benuzen. Man ist überzeugt, und es liegt in der Natur der Sache, daß man damit eben so gute und brauchbare Arbeiten hervorbringen werde, als mit andern Betriebskräften, z.B. Dampfmaschinen, zu beschaffen sind. Indessen ist es auch nicht zu verkennen, daß die Anlage selbst ziemlich kostbar ist. So beläuft sich der Aufwand für eine Mahlmühle auf 500 bis 660 Pfund Sterling, oder 4000 Rthlr. Preußisch.“

„Bei allen Beschäftigungen und Strafarbeiten der Züchtlinge in Correctionshäusern kommt es vorzüglich auf eine moralische Besserung an; ein pecuniärer Gewinn bei den Arbeiten derselben bleibt eine Nebensache. Sollte auch in lezter Hinsicht die Beschäftigung ganz ohne Vortheil für die Anstalt seyn, welches in manchen Fällen, und besonders bei ungünstigen Localitäten, fast unvermeidlich ist, so wird immer der Gewinn des Publicums von der da durch bewirkten Besserung des Verbrechers übrig bleiben, und damit der Zwek der Strafanstalt erfüllt seyn. Nach diesem Gesichtspunkte werden auch die preußischen Strafanstalten gegenwärtig verwaltet, und so wie es unmöglich ist, dabei an pecuniären Gewinn für die Staatskassen nur zu denken, so ist es auch selbst irrig, anzunehmen, daß durch den Gebrauch der Arbeitskräfte der Sträflinge die Kosten ihrer Unterhaltung, Aufsicht und Führung gedekt werden können. Wenn der Aufwand für Bekleidung und Beköstigung dadurch überall bestritten werden kann, so hat die Administration, welche die vorhin angedeutete Hauptrüksicht nie aus den Augen verlieren darf, alle Ursache, mit dem Erfolge zufrieden zu seyn. Die Kosten, welche durch die Unterhaltung der Gebäude, die Besoldungen des angestellten Aufsichts- und Verwaltung-Personals, die Heizung und Erleuchtung, die Krankenpflege, die Uebertragung der nur wenig Arbeitsfähigen, der nachzuholende Unterricht, die moralische und religiöse Unterweisung, die Unterhaltung der Arbeitsgeräthschaften u.s.f. erfodert werden, bleiben bei weitem zum größren Theile den öffentlichen Fonds zur Last. Man kann rechnen, daß zur Bestreitung aller dieser Bedürfnisse auf jeden, in den Strafanstalten aufbewahrten, Verbrecher täglich gegen drei und einen halben Silbergroschen zugeschossen werden muß.“

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