Titel: Ueber die Korngruben oder sogenannten Silos.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1824, Band 13, Nr. LIII. (S. 255–259)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj013/ar013053

LIII. Ueber die Korngruben oder sogenannten Silos.

Wir haben in unserem polytechnischen Journale100) schon mehrere Mahle über diese Korngruben oder Silos gesprochen, ohne daß unsere Stimme (vox clamantis in deserto!) gehört worden zu seyn scheint. Wir leben aber auch in einem Lande, in welchem gesegnete Erndten eine Strafe Gottes, Theuerung, der allgemeine Wunsch aller Güterbesizer geworden ist. „Wenn der Kornwurm nur alles Getreide auffräße auf den Kornböden,“ hörten wir neulich einen Pfarrer schwerer seufzen, als er selbst war. Wie soll man in einem Lande, wo solche Wünsche von Personen laut werden, auf eine Anstalt denken, durch welche des Himmels schönste Gabe, „tägliches Brod,“ besser verwahrt werden könnte, als auf Kornböden, wo es den Verheerungen des Feuers, den Verwüstungen der Insecten und den Prellereien der Verwalter und Baumeister ununterbrochen ausgesezt ist. Daß Mißwachs und Theuerung einmahl wieder kehren kann, und daß dann Millionen für dasjenige aus dem Lande gehen, was man zur wohlfeilen Zeit gehörig aufzuspeichern vergaß; daran scheint man schon aus diesem Grunde allein nicht zu denken, weil man es wünscht; denn alle Wünsche |256| sind, beim Lichte des Verstandes betrachtet, anderes nichts, als Gedankenlosigkeiten. Es gibt Leute, die nichts Neues gelernt, aber auch das Alte nicht vergessen haben; es gibt indessen auch Leute, die das Alte vergessen, und nichts Neues gelernt haben, und die nichts lernen wollen. Solchen Leuten läßt sich daß berühmte Lehr- und Lern-Instrument, genannt Nürnberger-Trichter, nur am Magen, nicht am Kopfe, appliciren.

Wir hörten die Korngruben als eine Neuerung verschreien; diese Schreier scheinen nicht zu wissen, daß diese Art das Getreide aufzubewahren die älteste, bei Griechen, Römern und Arabern gewöhnliche, und noch heute zu Tage in dem größten Theile Europens (Ungarn, Sicilien, Spanien, Türkei) beinahe die einzige und allgemein angewendete ist. Allein, wie gesagt, es gibt Leute, die nicht nur nichts lernen wollen, sondern alles, was sie lernten, vergassen.

Bei dieser, in unserem Lande allgemeinen Apathie oder vielmehr Antipathie gegen Korngruben können wir uns damit trösten, daß einer der ersten und geistreichsten Landwirthe Frankreichs, Graf de Lasteyrie, in seinem, im Namen einer Special-Commission im Bulletin de la Société d'Encouragement pour l'industrie nationale, N. 281. S. 241. erstatteten Berichte über die Korngruben oder sogenannten Silos durchaus gleiche Ansichten und Erfahrungen mit uns theilt, und diese Aufspeicherungsart des Getreides für die natürlichste, wohlfeilste und sicherste erklärt. Wir können unseren Lesern keine interessantere Lectüre über diesen Gegenstand empfehlen, als diesen Aufsaz des edlen de Lasteyrie, und wollen, mit Umgehung seiner Darstellung der so oft verkannten Notwendigkeit: „in wohlfeilen Zeiten zu sparen, damit man in theuren nicht verarmt,“ nur die Thatsachen aus seinem Berichte hier mit aller jener Treue anführen, die sie so sehr verdienen.

Hr. de Lasteyrie beseitigt zuerst, nachdem er aus der Geschichte und Länder- und Völkerkunde das Alterthum und die Verbreitung dieser Art von Kornspeichern erwiesen hat, die Einwürfe gegen die Korngruben.

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Man sagt: „unser Klima, unser Boden sey zu feucht“ Man vergißt aber hier, daß die Feuchtigkeit der Luft auf das Korn in den Korngruben keinen Einfluß haben kann, indem der Luft aller Zutritt in diese Gruben verwehrt ist, und verwehrt seyn muß, in Afrika wie in Europa; daß die Erde in allen Klimaten des Erdballes in jener Tiefe, in welcher die Korngruben angelegt werden müssen, gleich troken ist. Man vergißt endlich, daß man gerade in den heissen Klimaten, wo diese Korngruben allgemein sind, weit mehr mit Nässe zu kämpfen hat, als in Europa: denn dort regnet es durch 3–4 Monate ununterbrochen, als ob der Himmel ein Meer wäre.

Man sagt: der Kern des Getreides der warmen Länder ist mehr troken, mehr hornartig, zieht weniger Feuchtigkeit an, und läßt sich folglich besser auf diese Weise in Korngruben aufbewahren, als unser weicher Kern. Man hat aber in Ungarn, in Italien, in Sicilien, in Spanien eben so weiches Korn, als das unsere, und bewahrt es doch unter der Erde mit Vortheil auf.

Man sagt: „Insecten und vorzüglich Kornwürmer vermehren sich in diesen Korngruben.“ Diese Behauptung ist so sehr gegen alle Wahrheit, daß man sich dieser Korngruben in warmen Ländern gerade deßwegen bedient, um das Getreide vor den Verheerungen der Insecten zu verwahren, vor welchen man es auf andere Weise nimmermehr sichern könnte. Nie fand man in Italien, Sicilien, Spanien (und wir können hinzufügen auch in Ungarn) Kornwürmer in dem in den Silos aufbewahrten Getreide. Man fand auch keine in den Korngruben, mit welchen man jezt in Frankreich die ersten Versuche anstellte. Selbst diejenigen Kornwürmer, die man, zum Versuche, mit angestektem Korne in solche Gruben brachte, geriethen in denselben, da es ihnen an aller Luft gebrach, die für Insecten so nothwendig ist, als für Menschen, wenn sie lebend bleiben sollen, in einen asphyktischen Zustand, und ihre weiteren Verheerungen hatten ein Ende. Einige Halbgelehrte, die gewöhnlich alles verderben, was der gesunde Menschenverstand des Ungelehrten gut macht, streuten Kalk in die Gruben, um die Insecten dadurch zu vertilgen: allein, dieser Kalk mußte, insofern nicht aller Sauerstoff, der noch in der Grube vorhandenen |258| Luft in Kohlensäure verwandelt wurde, das Athemholen der Insecten vielmehr begünstigen, indem er, die Kohlensäure einsaugend, das Verhältniß des Sauerstoffes in dem noch übrigen Luftgemenge vermehrte. Wenn die Korngruben schlecht bereitet sind, wenn in denselben, wie auf dem Kornboden, Luft zum Getreide gelangen kann; dann können allerdings Kornwürmer in die Korngruben kommen: niemahls aber, wenn alle Luft gehörig abgesperrt ist.

Nach Widerlegung dieser Einwürfe durch Thatsachen zeigt Hr. de Lasteyrie die Unbrauchbarkeit des Kasten- oder Schachtel-Systemes der HHrn. Dartigues und Barbancois; die Unausführbarkeit der an sich guten Methode, das Getreide in bleiernen Büchsen mit luftdichten Dekeln aufzubewahren, weil sie zu kostbar ist; und erklärt sich hierauf unbedingt für die Korngruben, und zwar für die einfachsten, in trokene Erde gegrabenen, und mit Stroh ausgelegten. Zu Ivry hat man solche Gruben in Fels gehauen, und die Wände mit einer Mischung von Oehl, Wachs und Bleiglätte überzogen, um dieselben troken zu halten; allein, obschon das Getreide sich gut in denselben hielt, ist dieses Verfahren nicht überall anwendbar.

Die zu Paris an der Schlachtbank der Vorstadt Roule (Abbatoir du Roule) angelegten, ausgemauerten, mit Blei an den Wänden belegten und mit Stroh, Sand und Kalk zugedekten Gruben mißlangen alle, weil sie Luft und Feuchtigkeit zuließen, und Insecten und Schimmel dadurch begünstigten. Aus diesen und aus mehreren anderen, mit in Flaschen aufbewahrtem Getreide angestellten Versuchen erhellt, daß Absperrung aller Luft und Feuchtigkeit die erste Bedingung zur guten Aufbewahrung des Getreides ist, weßwegen Hr. de Lasteyrie auch dem aus Eichenholz aufgezimmerten Magazine im Grenier d'Abondance keinen Beifall geben kann.

Man mauerte zum Versuch zu Paris Gruben aus (fosses de St. Louis), und suchte zu bestimmen, welches Bau-Materiale hierzu am beßten taugte. Man wählte abwechselnd Ziegels-Steine, Bruchsteine, (moellon), Mühlsteine, mageren und fetten Kalk, und Tünche von Erdharz, von Mörtel mit Bleiweiß und Oehl, und Anwurf von magerem Kalke und Sand. Nachdem diese Gruben ein Jahr lang mit Getreide gefüllt waren, untersuchte |259| man dasselbe, und fand es überall, wo es an dem Anwurfe von Mörtel aus magerem Kalke, oder an den mit Erdharz oder Oehl und Bleiglätte übertünchten Wänden anlag, vollkommen gut erhalten, an den nakten Wänden aber auf 1–3 Zoll weit verschimmelt oder verfault. Hr. de Lasteyrie empfiehlt daher, die Wände mit Mörtel aus magerem Kalke und Sande zu überziehen, und glaubt, daß auch fetter Kalk eben so gut dienen würde. Es scheint uns aber, daß die einfachen ungarischen Silos ohne allen Mörtel in trokener Erde weit besser sind.

Hr. de Lasteyrie räth dem Minister des Inneren im Namen der Commission Aufmunterungs-Medaillen Denjenigen zu ertheilen, die solche Silos anlegen, und in Paris selbst einen Muster-Silo bauen zu lassen.

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Polytechnisches Journal. Bd. 5. S. 347. Bd. 9. S. 329. Bd. 10. S. 123.

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