Titel: Neue Institut der Mechanik zu London.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1824, Band 13, Nr. LXXXII. (S. 392–403)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj013/ar013082

LXXXII.  Ueber das zu London neu zu errichtende Institut für Mechanik (London Mechanic's Institute).

Aus dem London Journal of Arts and Science, Nro. 36. S. 309. An den Herausgeber desselben. Von G. D. B. zu Cambridge. (Im Auszuge)163)

„Mit den aufrichtigsten Wünschen für das Gedeihen und Emporkommen eines so nüzlichen Institutes ersuche ich Sie, folgende |393| Winke bei der endlichen Abfassung des Planes zu berüksichtigen:

1. Unterricht für die arbeitende Classe der Mechaniker in allen Zweigen ihrer Künste und Wissenschaften

2. Erleichterung für die Lehrlinge der nicht militärischen Mechanik164). der Baukunst etc.; wenigstens größere Erleichterung, als ihnen gegenwärtig nicht zu Gebothe steht sich theoretische Kenntnisse der Anfangsgründe und Grundsäze jener Künste und Wissenschaften zu verschaffen, die sie einst praktisch ausüben werden, so daß sie ihre Geschäfte mit |394| Auszeichnung verfolgen, und sich einst Ruhm und Ehre in denselben verschaffen können.

3. Jeden nüzlichen Vorschlag, dem der sinnreiche Erfinder desselben entweder aus Mangel an den hierzu nöthigen mechanischen Kenntnissen, oder aus Mangel an Geld nicht die gehörige Vollendung geben kann, in Ausführung bringen zu suchen.

4. Alle Werke über Gegenstände, die die Zweke des Institutes betreffen, druken zu lassen, damit sie nicht, entweder weil der Verfasser derselben nicht Ruf oder Geld genug hierzu besizt, oder ans anderen Gründen, verloren gehen.

5. Versuche über Theorien anzustellen, die bisher noch nicht genug beleuchtet oder erwiesen sind, und wodurch künftige Theorien verbessert und weiter ausgedehnt werden können.

6. Verbreitung praktischer Kenntnisse durch die gehörigen Reizmittel zur Nacheiferung, und treue Ueberlieferung an die Nachkommen über jedes unternommene Verfahren, damit diese sich vor den begangenen Fehlern hüten mögen, dieselbe verbessern lernen, und die Bahn zur Wahrheit ihnen lichter wird.“

„Den ersteren dieser Zweke verfolgen bereits unsere wetteifernden Brüder im Norden“ (zu Edinburgh. Siehe Polytechn. Journ. B. 7. S. 382). Der Nuzen, den sie hierdurch gewähren, ist nicht zu berechnen. Verbindung der Theorie mit der Praxis, das war es, worauf der unsterbliche Bacon so kräftig gedrungen hat, worauf man durch alle auf ihn folgende Menschenalter hingearbeitet hat, und worauf man bisher in unsern Schulen gar nicht gedacht hat. Da es so viele Männer gibt, die ein solches Institut leiten können, und, wenn auch der Unterricht beinahe unentgeldlich gegeben werden muß, werden leiten wollen, so wäre es überflüssig über die Leitung derselben zu sprechen. An dem Nuzen desselben wird kaum der Vollendeste Skeptiker zu zweifeln vermögen.

Eine Schule für Baumeister muß eine Wohlthat für die ganze Nation werden: gegenwärtig sind die Hülfsmittel und die Aufmunterungen zur Bildung in der Baukunst erbärmlich wenig bei uns. Studirt der künftige Baumeister seine Wissenschaft auf Universitäten, so muß er sich über Gegenstände prüfen lassen, die dem Zweke, dem er fein Leben widmen will, ganz fremd sind, und Zeit und Aufmerksamkeit und Geld an Dinge verschwenden, die er nimmermehr wird brauchen können. Es ist natürlich, daß er dasjenige vernachläßigt, was ihm keine Ehre bringt, und dasjenige eifrig verfolgt, was ihn seinen Freunden angenehm macht, und Glanz über ihn verbreitet, Lernt er unter einem Privat-Meister, d.i., unter einem Individuum seiner künftigen Profession, so findet er keinen Reiz, der ihn anspornen könnte, sich auszuzeichnen; seine Ehre oder seine Unehre wird nicht öffentlich bekannt; er gilt in der Welt nach dem Rufe seines Meisters, und einem Jungen, der sich wenig um die Zukunft kümmert, ist es gleichgültig, ob er seiner |395| Kunst Aufmerksamkeit schenkt, oder nicht. Wenn er nicht mit einer natürlichen Neigung für seine Kunst ausgestattet ist, so wird ihm die nöthige Aufmerksamkeit nur zu leicht zur quälenden Last, und da er keine Prüfung zu fürchten hat, in welcher er beschämt werden könnte, für ihn also weder Ehre zu gewinnen noch zu verlieren ist, so vernachläßigt er das Lernen auf eine schändliche Weise165). Wie ganz anders würde er sich benehmen, wenn er sich durch Aussicht auf Ehrenbezeugungen, die ihn der ganzen Welt rühmlich bekannt machen, zur Nacheiferung angespornt fühlte; wenn er sich einer Prüfung unterziehen müßte, durch welche seine gerechten Ansprüche auf Vollkommenheit in seiner Kunst der Welt bekannt würden! Wie unendlich besser wäre es für die Nation, wie für jedes einzelne lernende Individuum aus der Classe der mechanischen Künstler, wenn lezteres seine Aufmerksamkeit lediglich auf jene Gegenstände beschränken könnte, die unmittelbar zu seinem Zweke gehören. Jeder Keim von Genie wurde dann gewekt und genährt werden mit der ihm entsprechenden Nährung; jeder Funke desselben würde mit dem freudigen Hauche der Nacheiferung zur Flamme angewehet werden. Ehrgeiz ist die kräftigste und die vorherrschendste unter allen menschlichen Leidenschaften; wir sehen täglich Beispiele seiner Verbreitung, und nur zu oft auch seinen verderblichen Einfluß auf den menschlichen Geiste Wahrlich, wenn man eine solche Kraft auf den besseren Weg zu leiten versteht, kann man etwas Ausserordentliches erwarten!

Der dritte Zwek ist, nüzliche Verbesserungen vor der Vergessenheit zu bewahren, und die Täuschung eitler Entwürfe zu enthüllen, die nur zu oft den nachdenkenden, aber unausgebildeten Mechaniker in das Verderben führen. Wir haben Beispiele von verdrehten Genien, die Zeit und Arbeit an Hirngespinste verschwendeten, um mit nuzlosen Patenten zu enden und es ist keine seltene Erscheinung, daß manches wahre Genie in der unteren Classe, gefesselt durch Armuth oder durch theoretische Schwierigkeiten, unbemerkt verschmachten oder unbelohnt fortleben muß. Der praktische mechanische Künstler, der nur zu oft mit den ersten Grundsäzen seiner Kunst nicht gehörig vertraut ist, muß auf eine Menge von Schwierigkeiten stossen, die ihn verwirren die er weder aufzulösen noch zu beseitigen vermag. Er befolgt Mechanisch gewisse, für seine Arbeit vorgeschriebene Regeln, ohne dieselben im Mindesten zu begreifen, und die geringste Abweichung von denselben bringt ihn nothwendig in die größte Verwirrung. Daher kommt es, daß die Classe der Handwerker und mechanischen Künstler alle |396| neuen Verbesserungen so übel aufnimmt; denn diese Leute sind nicht im Stande eine Neuerung anders, als nach ihrer Wirkung, zu beurtheilen, und nehmen dieselbe daher natürlicher Weise so lang nicht auf, bis sie nicht bereits der Gegenstand beinahe allgemeiner Erfahrung geworden ist. Wie oft sehen wir nicht eine sehr kostspielige Maschine, die angeblich nach den beßten Grundsäzen erbaut ist nur die Hälfte von dem leisten, was sie hätte leisten sollen; und woher kommt dieß anders, als weil ihr Erbauer blindlings einem falschen Pfade folgte. Aus Mangel an Kenntniß einiger wenigen Hauptgrundsäze seiner Kunst wird das Werk seiner Hände, und wenn die Arbeit an demselben auch noch so ausgesucht wäre, beinahe oder ganz unbrauchbar seyn: der Tadel fällt dann auf die Maschine, und nicht auf denjenigen, der sie baute, und so gerathen oft die schönsten Erfindungen in üblen Ruf.

Wie oft müssen dem arbeitenden Mechaniker im Verlaufe seiner Arbeiten Erscheinungen aufstossen, die dem Physiker in seinem Studir-Zimmer nie unter die Augen kommen können, und die jener entweder gar nicht zu beobachten im Stande ist, oder über welche er nicht mir dem gehörigen Grade von Klarheit das Resultat seiner Beobachtungen auszudrüken vermag; und wenn er auch mit Mühe eine solche Beobachtung zu Staude brächte, so würde sie, weil sie so niedrigen Herkommens ist, vernachläßigt oder unbeachtet bleiben. Auf diese Art gehen mehrere kostbare Winke für die Wissenschaft verloren, und daher sehen wir, selbst in dem gegenwärtigen erleuchteten Zeitalter, Theorie und Praxis so wenig mit einander übereinstimmen. Würde das Institut solche Beobachtungen unterstüzen und bekannt machen, so würde dasselbe zugleich dem Publicum und dem Beobachter selbst einen wichtigen Dienst erweisen.

Experimentale Physik, obschon sie von einem Menschenalter zu dem anderen immer mehr und mehr vervollkommnet wurde, wurde bisher immer nur von einzelnen Individuen betrieben; es hat sich noch keine Gesellschaft von Männern gebildet, die ihre Talente auf einen Zwek hin vereinigt hätten, und es läßt sich doch vernünftiger Weise erwarten, daß ein solcher Verein weit mehr Nüzliches hervorbringen würde, als die Anstrengungen eines einzelnen Kopfes. Wir haben die erstaunlichen Resultate gesehen, die ein einzelnes Individuum hervorzubringen vermochte, wenn es seine Ideen dem Prüfsteine der Erfahrung unterzog, ehe es wagte dieselben öffentlich bekannt zu machen; und wir sahen auch, wie die größten Geister sich täuschten, wenn sie sich dieses Ruders des Verstandes begeben hatten: ihr Genie verlor sich in den eitlen Spiele grundloser Theorieen. Nur einige Ueberlegung, und man wird sich von dem Werthe einer Gesellschaft hochsinniger Männer, die sich zur Verfolgung einer Untersuchung vereinigten, überzeugen. Wie verhältnißmäßig schnell müßten die Kenntnisse vorwärtsschreiten, wenn solche Männer sich zu gewissen Zeiten zur Vollendung der gegenwärtigen halbverdauten Theorieen verbinden; |397| der Theorien, die häufig ein halbes Jahrhundert lang unverdaut blieben, und dann vielleicht von der schwachen Hand eines einzigen Individuums allein wieder aufgegriffen wurden. – Es scheint mir, daß die Ausführung der wenigen hier gegebenen Winke, vereint mit der Mitwirkung der bereits bestehenden Gesellschaften, ein Institut hervorrufen müßte, das mehr wahren praktischen Nuzen gewährt, als irgend ein anderes gegenwärtig vorhandenes; denn, wenn man diese gegenwärtig bestehenden Gesellschaften nur oberflächlich betrachtet, so wird man finden, daß die Verbesserungen in ihrem Inneren nicht gleichen Gang mit den schnellen Fortschritten der Kenntnisse hielten, die sie Anfangs so mächtig förderten.

Ich habe mich bisher auf die bloßen Grundsäze des im Entwürfe stehenden Institutes beschränkt: über die innere Einrichtung desselben bin ich nicht im Stande Bemerkungen mitzutheilen; denn ich fühle, daß eine Theorie am Schreibtische, ohne praktische Erfahrung, nur selten etwas taugt. Es scheint mir indessen, daß die beiden Hauptzüge des Planes, Erziehungs-Anstallt (College) und Schule, Quellen eines reichen Ertrages für das Institut werden könnten. In ersterer könnten die Lehrlinge, wie an den Universitäten, für Dach und Fach bezahlen und dann auch etwas für den Unterricht beitragen. Für die zweite könnte man eine gewisse Anzahl Subscribenten beitreten lassen, die bei der allgemeinen Jahres-Versammlung, an der Bibliothek und bei den Vorlesungen Zutritt hätten, und ihre Stimme, im Verhältnisse der unterzeichneten Summe, sowohl für die Angelegenheiten der Erziehungs-Anstalt als für jene der Schule abgeben dürften. Ausser den gewöhnlichen Amts-Mitgliedern könnte man einen Ausschuß von Richtern bilden welche über den Werth der Plane, Entwürfe etc., die der Gesellschaft zur Gutheißung oder Verbesserung vorgelegt werden, zu entscheiden hätten. Dieser Ausschuß sollte jährlich, wie bei der königl. Gesellschaft, von den Mitgliedern erwählt werden, so daß nämlich immer die Hälfte für das nächste Jahr zu bleiben hätte, und die andere Hälfte nu erwählt würde, u.s.f.

Ich habe vorhin bemerkt, daß die Zöglinge des Institutes sich vor ihrer Aufnahme in dasselbe einer Prüfung zu unterziehen haben: dieß kann offenbar Anfangs nicht geschehen; das Institut muß vorher einige Stärke und einen gewissen Einfluß erhalten haben. Die jährliche Vertheilung der Preise könnte gewisser Massen nach dem Plane der Society of Arts geschehen, nur mit dem Unterschiede, daß die Modelle, welche den Preis erhielten, und so wie diejenigen, welche denselben nicht erhielten, öffentlich ausgestellt würden: die Preiswerber, welche Geld zur Unterstüzung bekommen, könnten eine Medaille von geringerem Werthe als bleibendes Andenken, daß sie den Preis errangen, erhalten. Der Modellen-Saal des Institutes' sollte mit allen europäischen Überseeischen Erfindungen |398| ausgestattet, diese aber von jenen der Gesellschaft abgesondert aufgestellt werden. Die Erfindungen der Gesellschaft sollen eben das Recht auf Preise besizen, wie andere. Diese Erfindungen sollen, wo es immer ohne Nachtheil des Erfinders geschehen kann, keinen Anspruch auf die Rechte eines Patentes erlangen können, und wo dieses durchaus in Anspruch genommen wird, müssest der Gesellschaft die Kosten der Verbesserung oder Veränderung zurük bezahlt, und ein mit der Wichtigkeit der Sache in Verhältniß stehendes Prämium an die Casse des Institutes entrichtet werden: überhaupt muß wenigstens ein Theil der Auslagen erstattet werden, indem sonst entweder unermeßliche Capitalien erfordert würden, oder die Gesellschaft außer Stand gesezt würde nüzliche Erfindungen zu fördern, und auf der Stelle zu Grunde geben müßte. Die Mitglieder des Institutes unterliegen einer Geldbuße, wenn sie bei den monatlichen Versammlungen nicht erscheinen, es sey denn, die Anzahl derselben würde so groß, als es für das Wohl des Institutes zu wünschen ist, wo diese Maßregel dann unausführbar wäre. Es wäre dann vielleicht besser, einen Unterschied zwischen denselben zu machen, und einige derselben (ungefähr ein Drittel) wirkliche Mitglieder (Fellows) die anderen bloß Ehrenmitglieder (Members) zu nennen: erstere müßten bei jeder Sizung, leztere (ausser wenn sie auf dem Lande wohnten) nur bei der Jahresversammlung erscheinen.

Ein Institut nach diesem Plane, welches erst in mehreren Jahren zur Vollkommenheit gedeihen könnte, würde mehrere Attribute erfordern: eine doppelte Bibliothek; die eine zunächst für die Erziehungs-Anstalt und die Gesellschaft, die andere Nach einem weiteren Umfange für die Subscribenten; ein Laboratorium mit Allem, was zu Versuchen aller Art nothwendig ist, reichlich ausgerüstet; einen Modellen-Saal, ein Sizungs-Zimmer etc. etc. Da man, für den gegenwärtigen Augenblik, nicht alle Zweige der Wissenschaft umfassen kann, so wäre es gut, wenn man sich auf Mechanik allein beschränkte: hierzu könnte man wahrscheinlich die nöthigen Capitalien leicht auf? bringen. Die erste Ausgabe würde ein zu diesem Zweke eins gerichtetes Gebäude seyn: die Gesellschaft würde dadurch mehr Einfluß und materiellen Vortheil erhalten. Es ist sehr zu bedauern, daß so wenige unserer Gesellschaften bisher Gebäude zu ihrem eigenen Gebrauche aufgeführt haben. Wenn ein Fremdes von unserer königlichen Gesellschaft (Royal Society) hört, so fragt er: wo ist sie? Wo hat sie ihr Gebäude? Die Antwort auf diese Frage muß eiskalten Schauder über den Rüken des Fragenden gießen, wenn er hört: D! die königliche Gesellschaft besizt kein eigenes Haus: ihre Bibliothek ist in jener Gasse, und sie hält ihre Sizungen in dieser. Das ist doch eben soviel, als wenn man sagte: sie hat ihren Kopf dort, und ihre Füße da. Für den Anfang würde ein kleines |399| Gebäude hinreichen, mit der Zeit ließe sich dasselbe, so wie die Umstände es erlauben und die Absichten es erfordern, vergrößern.

Ich habe vergessen zu bemerken, daß die ordentlichen Mitglieder der Gesellschaft bei Strafe gehalten seyn sollen, jährlich zum Vortheile des Institutes ein Werk heraus zu geben. Eine Drukerei und Kupferdrukerei sind ein unerläßliches Erforderniß, und würden sich durch den Druk der Abhandlungen etc. abzahlen; auch könnten die außerordentlichen Mitglieder etc. sich derselben, unter gewissen Einschränkungen, zu jedem Werke bedienen, welches Gegenstände der Gesellschaft betrifft. Die Gesellschaft muß ferner durch eine königliche Urkunde ihre Bestätigung, und einen Protector erhalten: wahrscheinlich würde der Herzog von Gloucester an diesem Institute lebhaften Antheil nehmen, indem er in allen jenen Gegenständen, welche die Gesellschaft umfaßt, wohl bewandert ist.

Wenn diese Winke auf irgend eine Weise benüzt werden können, so wird es mich sehr freuen, der (ich darf wohl ohne Furcht vor Widerspruch sagen) wichtigsten Classe unserer Bevölkerung gedient zu haben.

Dagegen bemerkt ein Herr T. H. in demselben Journale S. 320: „daß er nie mehr Ekel empfunden habe, als bei der ersten Sizung dieses neu zu errichtenden Institutes in der Krone und Anker-Taverne, obschon der Präsident Dr. Birkbeck sich mit aller Würde benommen hat;“ daß der Apfel der Eris schon bei dem ersten Entstehen unter die Mitglieder des Institutes geworfen wurde; „daß, in so fern dieses Institut den Künstlern und Gewerbsleuten selbst in die Hände gegeben wurde, es solang fortdauern wird, als es den Reiz der Neuheit besizt, und dann auf ein Mahl zusammen stürzen muß, daß es am nervus rerum gerendarum bald wird gebrechen müssen; daß „Halbwissen gefährlich Ding ist;“ „daß Gesellschaften als Gesellschaften nie etwas Wichtiges in den Künsten geleistet haben, keine Erfindung aus denselben hervor gegangen ist, und keine verbessert wurde; etc. etc.

Und selbst der Verfasser des obigen Aufsazes (J. D. B. zu Cambridge) findet in seinen nachträglichen Bemerkungen im Januarhefte des Londoner Journales S. 27 „sich in seinen Erwartungen über dieses Institut gänzlich getäuscht.“ „Die Bildung einer neuen Gesellschaft zur Förderung von Kunst und Wissenschaft sagt er „scheint mir von so hoher Wichtigkeit, daß sie die gespannteste Aufmerksamkeit eines jeden Einzelnen verdient, der an dem Wohle seines Landes Antheil nimmt, und das Recht besizt seiner Meinung alle Oeffentlichkeit zu geben. Wenn man bedenkt, welche hohe Sorgfalt bei Errichtung irgend einer Gesellschaft, welcher das Wohl der am Herzen liegt nothwendig ist, so kann man nur mit Bedauern sehen, wie die schwere Verantwortlichkeit des guten Erfolges |400| mit kalter Gleichgültigkeit auf ein einzelnes Individuum hingewälzt wurde. Eine ein Mahl errichtete Gesellschaft, die ihre Verheissungen nicht erfüllt, und das nicht ist, was sie seyn soll, ist, wie nur zu viele Beispiele deutlich genug erweisen, für jede Verbesserung für immer verloren. Ihre Schöpfer sind, ganz natürlich, in ihr eigenes Werk vernarrt, und blind vor lauter Liebe; selbst wenn eine freundliche Hand ihnen die Augen öffnet, gelangen sie selten zu dem Bewußtsein, daß ihr Wert nichts taugt, und noch seltener wird ihr Stolz es ihnen erlauben durch irgend eine nothwendige Verbesserung öffentliches Geständniß ihres begangenen Fehlers abzulegen. Je größer daher der Einfluß einer solchen Gesellschaft, desto geringer wird die Wahrscheinlichkeit, daß jemahls eine wahre Verbesserung an derselben vorgenommen werden kann, und desto größer wird das Unheil, das sie erzeugt: denn die Neigung und die Beihülfe derjenigen, die wirklich einen wohlthätigen Zwek fördern wollen, werden hier auf Abwege geleitet, und durch die Verderbliche Verkehrtheit einiger Wenigen werden Institute, welche ursprünglich in der beßten Absicht errichtet wurden, in einem weit höheren Grade schädlich als nüzlich. Da diese Institute dem Namen nach als nüzlich gelten, so fragen wenige, ob sie wirklich nüzlich sind, und die Stimme dieser Wenigen verhallt vor einem von Vorurtheilen eingenommenen Publicum. Was allgemein anerkannt ist, gilt für unläugbar richtig, und wer wird so kühn seyn, und die Richtigkeit eines Schlusses, in Anspruch nehmen, der allgemein genügend ist. Es ist vielleicht nicht überflüssig, für künftige Gründer ähnlicher Institute zu bemerken, daß sie sich ehe um die nöthige Unterstüzung umsehen sollen, ehe sie ihr Werk in Ausführung bringen wollen, indem sie sicher seyn können, daß, nachdem sie einst auf ihre Faust angefangen haben, sie auf dieselbe Weise fortfahren und vollenden können: denn die Thüre der Hülfe wird fortan für sie verschlossen bleiben. Die gegenwärtige Form des neuen Institutes ist so beschränkt in ihrem Plane, daß wir kaum vermuthen können, daß wirklich ein bedeutender Nuzen aus demselben hervor zu gehen vermag, Es gibt Leute, die es lächerlich finden, daß man die arbeitende Classe unterrichten will, und die uns bei dieser Gelegenheit an die Fabel von der Sau und der Perle erinnern: ich bin weit entfernt unter diese Leute zu gehören, muß aber gestehen, daß ich, bei dem gegenwärtigen Lehrplane an diesem Institute, ganz mit demjenigen übereinstimme, welches sagte, daß „Halbwissen gefährlich Ding166) ist. Es ist offenbar, daß ein Mensch, der um sein tägliches Brod arbeiten muß, und wenn er noch so viele Neigung zum lernen hat, es nicht hoch über das Halbwissen hinaufbringen |401| kann, und wenn er hinsichtlich der Anwendung dieser Halbmisserei, noch überdieß seinem Eigendünkel überlassen ist, so kann man 1000 gegen 1 wetten, daß er dieselbe falsch anwenden wird; denn es ist nur zu gewöhnlich, daß ein Mensch seine Geschiklichkeit nach seiner eigenen Rechnung zehn Mahl höher anschlagt, als sie in der Rechnung eines anderen nie angesezt werden wird, und wir haben die Fehler dieses Irrthumes nur zu oft zu beklagen, als daß wir sie nicht auch in dem gegenwärtigen Falle zu befürchten haben sollten. Es scheint mir, daß nur noch zwei Wege übrig sind, durch welche dieses Institut wesentliche Vortheile gewahren kann; allein keiner von diesen beiden leuchtete aus dem Plane desselben hervor; man müßte entweder die Arbeiter zu Physikern machen, oder die Physiker zu Hülfe rufen. Ersteres ist unmöglich, indem es zuvorderst an der gelehrten Erziehung, und endlich an den fortgesezten Studien fehlt, die hier unerläßlich, und bei der arbeitenden Classe unmöglich sind. Lezteres bildet die Basis meiner früheren Bemerkungen; und scheine mir das einzige mögliche Mittel, Theorie mit Praxis gehörig zu verbinden. Durch diese Vereinigung würde der Physiker und der Mechaniker wechselseitig gewinnen: Erster durch die Beobachtungen des Lezteren, und Lezterer durch Erlangung und gehörige Anwendung jener Kenntnisse, welche es dem Institute möglich wird ihm einzuschärfen. Mag der Handwerker auch jeden Augenblik seiner Muse auf Erlernung theoretischer Kenntnisse verwenden, so wird er doch niemahls, außer es wären ihm herkulische Kräfte zu Theile geworden, sich soviel davon erwerben können, daß er im Stande wäre die meisten Dunkelheiten, die ihm aufstoßen, zu durchbliken. Was er an Kenntnissen erlangt, wird gerade hinreichen, seine Verwirrung zu vermehren; eitle Speculationen werden immer mehr Reiz für ihn bekommen, und er wird noch ehe als Opfer tauschender Speculationen fallen: denn wahrlich in der Mechanik ist „Halbwisserei ein gefährlich Ding.“ Diese Bemerkungen gelten unter der Voraussezung, daß die Anwendung seiner erworbenen Kenntnisse gänzlich seinem Eigendünkel überlassen ist. Stünden ihm aber erfahrne Rathgeber zur Seite, welchen er seine Plane vorlegen könnte, die ihn in der Auswahl der anzustellenden Versuche leiteten, so würden diese von unaussprechlichem Nuzen für ihn werden, und er könnte seine Zeit und sein Geld zu nüzlicheren Zweken sparen: denn wo seine Ideen wirklich Grund haben, würde er an diesen Männern Leute finden, die dieselben zu ordnen und auszuführen verstehen. Ich hatte einige Mühe, den Plan dieses Institutes für Mechanik einzusehen: die Regeln und Anordnungen desselben liefern ein so ärmliches Verzeichniß seiner Absichten, daß ich nichts anderes als Verbreitung von „Halbwisserei“ unter der arbeitenden Classe daran zu erkennen vertag. Wenn man dabei |402| auf die Mitwirkung unserer Londoner Institute rechnet, so fürchte ich sehr, daß man an diesen nur eine eingebildete Stüze finden wird. Wäre es abgesonderten Gesellschaften möglich, die Wirkung ihrer verschiedenen Zweke vereint in Einer Verbindung, so wie unsere Gesellschaften jezt gestaltet sind, hervor zu bringen, so wäre ihr Beistand nur ein leerer Name. – „Die Society of Arts fordert, soviel ich weiß, (denn ich urtheile bloß nach denjenigen, die ich als Mitglieder kenne) von ihren Mitgliedern kein anderes Talent, als daß sie ihre Subscription bezahlen können: und so besizt sie eine ganze Heerde von Wesen, deren Nuzen und Geschäft bloß darin besteht, daß sie ihres Gleichen wählen. Diese Gesellschaft kann ihren Zwek allerdings ohne alle Wissenschaft erreichen, und ich halte sie für die nüzlichste dieser Art, die wir zu London besizen: daß sie aber noch nüzlicher werden kann, erhellt aus den für das nächste Jahr von ihr aufgegebenen Preisen. Man biethet daselbst 50 oder 100 Guineen für Erfindungen und Entdekungen aus, worauf die meisten, hie sie machten, sich ein Patent würden geben lassen; Überdieß müssen Modelle und Zeugnisse der Brauchbarkeit beigebracht werden; diese Erfindungen müssen also vollendet und vollkommen anwendbar geworden seyn. Das ist allerdings sehr weise. Wer wird aber dem armen Mechaniker beistehen, um seine Erfindung zur Vollendung zu bringen? Schwerlich wird irgend jemand, der eine wichtige Entdekung machte, um den Preis der Gesellschaft unter diesen Bedingungen werben. Das Modell mancher Maschinen würde mehr kosten, als der höchste Preis beträgt, und nur diejenigen, die mit ihrem Genie Glük machen wollen, werden eine solche Ausgabe wagen. Daher sieht man auch in manchem Jahre die höchsten Preise auf verhältnißmäßig unnüze Gegenstände verschwenden.

Die übrigen gelehrten Gesellschaften der Hauptstädte sind alle der Meinung, daß sie irgend jemanden eine Ehre erweisen, wenn sie ihn zum Mitglieds ernennen. Ob dieß auch jedes Mahl wirtlich der Fall ist, will ich nicht wagen zu entscheiden; denn eigensinnige schwarze Kugeln sind nur zu oft die gelehrten Wähler. Das Institut in Albemarle-Street ist, soviel ich weiß, das einzige, das Experimental-Physik zum Zweke hat: ich bin aber nicht mit den Resultaten der Arbeiten desselben bekannt.“

„Nur Versuche mit dem gehörigen Eifer zur Förderung der Wissenschaft angestellt, lassen einen wohlthätigen Erfolg erwarten, den einzigen Lohn vollendeter Erfindungen; nicht aber Vorlesungen von Aufsäzen über Knochen und Trümmer, die vor der Sündfluth verschüttet wurden, (man findet solche hier und da in den Transactions unserer ersten gelehrten Gesellschaft, die der Stolz unseres Landes ist). Möchten diejenigen, |403| aufmerksam um sich her bliken, und die Werke und Thaten, nicht den bloßen Ruf, der bereits vorhandenen Gesellschaften prüfen, und durch sorgfältige Beobachtungen sich bemühen jene Untiefen zu vermeiden, die bisher so verderblich geworden sind. Möchten sie untersuchen, warum Institute dieser Art vor einem halben Jahrhunderte so ausgebreiteten Nuzen gewahrten, und sehen ob dieselben Ursachen heute zu Tage nicht mehr auf unsere Zeitbedürfnisse passen; vor allem aber auf das sorgfältigste auf Verbannung alles ehrgeizigen Monopoles mit Verdienst und alles eifersüchtigen Streites und Zwistes Bedacht nehmen, denn Einmüthigkeit ist die Hauptquelle alles Nüzlichen 167)

Man fühlt endlich auch in Alt-England, was man in Frankreich unter dem großen Kaiser bereits um 30 Jahre früher gefühlt, und in Deutschland (wenigstens in Oesterreich; Preußen, Baiern) nachgefühlt hat daß der Unterricht, den die, nicht zum gelehrten Stande bestimmte Jugend auf den bisherigen Lehr-Anstalten, genannt Gymnasien, Lyceen und Universitäten, erhält zur Bildung derselben für das bürgerliche Leben, zur Bildung von Handwerkern, Künstlern und Fabrikanten, die mit den Fortschritten der Künste gleichen Gang Halten sollen, nichts, oder weniger als nichts, taugt daß die arbeitende Classe, als die weit zahlreichere und Mehr in das Leben eingreifende Classe, eben so gut einer zwekmäßigen Ausbildung bedarf, als die weit magerere Kaste der Gelehrten. Man hat in Deutschland schon seit Jahren diesem Mangel des öffentlichen Unterrichtes sowohl durch Privat-Erziehungs- und Unterrichts-Anstalten als durch öffentliche Bergwerks-Forst-Oekonomie Handlungs-Institute etc. abgeholfen, und es sind aus diesen Instituten Männer hervorgegangen, die dem Staate ebensoviel Nuzen, als der Wissenschaft, die sie förderten (ohne über die Schwelle eines Ghimnasiums, Lyceums, oder einer Universität getreten zu seyn) Ehre gebracht haben. Man sah sich gezwungen, polytechnische Institute zu errichten und so sehr auch diese eine revolutionäre Ausgeburt schienen, hielten sie sich nicht bloß in konstitutionellen Staaten, sondern selbst in den absolutesten Monarchien. Die Universitäten, oder vielmehr die Universitäts-Professoren, die sich durch Errichtung dieser Institute beeinträchtigt und getränkt fühlten, eiferten heimlich und öffentlich gegen dieselben; denn sie hatten vergessen, daß Universitäten nur eine Frühgeburt des Mittelalters waren, wodurch die Hierarchie einen zweiten Status in Statu sich zu bilden bemühte, und das Wichtigste was es für seine Existenz erhalten konnte; den Unterricht und die Bildung der Jugend nach ihren, nicht nach des Staates Zweken, an sich riß. Heute zu Tage sind diese Universitäten, die von selbst wieder in Schulen zerfallen werden, den Staaten nicht bloß überflüssig, sondern lästig und gefährlich geworden. Sobald wir aus der Barbarei des Mittelalters, die uns noch hier und da anklebt, und in deren Abgründe man uns neuerdings hinabzustürzen bemüht, zu jener Stufe von Cultur Hinangestiegen seyn werden, auf welcher einst Griechenland und Italien glänze werden wir so wenig als Athen und Rom in den Zeiten seiner Blüthe, eine Universität, dafür aber Schulen erhalten, aus welchen Künstler und Gelehrte hervortreten werden, welche die Nachwelt länger mit Ehrfurcht nennen wird, als die Universitäten. A. d. Ueb.

|393|

Es ist doch wahrlich sonderbar, daß man den Nuzen der Ingenieurs Artillerie- und Cadetten-Schulen überall schon seit Jahrhunderten erkannte, und den Nuzen der Schulen für Handverker und mechanische Künstler nicht überall einsehen will. Man ertheilt seit Jahrhunderten dem gemeinen Volke (Artilleristen, Mineurs, Sappeurs etc.) Unterricht in der Kunst Menschen und Städte zu zerstören, und will es nicht lernen lassen seine Städte und Häuser wieder besser aufzubauen. Das ist doch wirklich sonderbar! A. d. Ueb.

|395|

Es geht auf mancher Universität, aus welcher man für Lernfreiheit so kräftig kämpft, mit den künftigen Doctoren um kein Haar besser als mit den künstigen Handwerkern. A. d. Ueb.

|400|

A little learning is a dangerous thing. Ein bekannter Vers aus Pope's Essay on Criticism

|403|

Die hier aufgestellten Grundsäze enthalten soviel Wahres, daß sie von denen, welche über unsere vaterländischen Institute ein Wort zu sprechen haben, Beherzigung verdienen, weßhalb wir sie, in einem gedränkten Auszug übersezt, mittheilen. Mit der Gründung einer polytechnischen Lehranstalt ist es nicht allein gethan, es muß wesentlich vorausgesezt werden, was darinnen geleistet werden muß, und was geleistet werden kann. Wir kennen ein Institut das mit einem außerordentlichen Kostenaufwand nach einem zwekmäßigen und umfassenden Plan gegründet wurde, das aber dem beabsichtigten Zweke nicht ganz entspricht, weil es nicht durchgängig mit solchen Lehrern besezt ist, die vor ihrer Anstellung die Schule vielseitiger Erfahrung durchgegangen haben, und unter den Lehrern selbst die unumgängliche nöthige Uebereinstimmung nicht besteht. Ein jüngeres Institut dieser Art wird dem beabsichtigenden Zweke vollkommen entsprechen, weil diese unerläßliche Bedingnisse vorhanden sind. Daß die Wahl des Ortes auf das Gedeihen einer solchen Anstalt den größten Einfluß hat, und daß dazu nur Städte, in denen Fabriken, Manufacturen und Gewerbe aller Art vorhanden sind, gewählt werden sollen, dieß wird keiner nähern Erörterung bedürfen daher können wir von einer zur Gründung im Antrag stehenden polytechnischen Lehranstalt, wenn sie in jener Stadt etablirt werden sollte, kein Gedeihen hoffen, weil es dieser Stadt, die übrigens die blühendsten Institute anderer Art in ihrer Mitte hat, an allem dem gebricht was zum erfeulichen Gedeihen einer polytechnischen Lehranstalt gehört, hie vereinst wohlthätig für die Emporbringung der verschiedenen vaterländischen Fabrik-Manufaktur und Gewerbszweige wirken soll. Mit schönen Gebäuden, Herbeischaffung kostspieliger fremder Maschinen, Modelle so wie mit glänzenden Berichten ist es nicht gethan, sondern es muß auch mit Lust und Lied gewirkt werden, von Männern, denen es nicht bloß um reichliche Besoldungen, sondern einzig und allein um das allgemeine Beßte zu thun ist, und wo dieses sich nicht vereint findet da ist jeder Kreuzer der darauf verwendet wird deren Verlust. A. h. R.

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