Titel: Einladung zur Theilnahme an dem patriotischen Bemühen des polytechnischen Vereins für Baiern, „um den Absaz der baierschen Akerbau- und Gewerbs-Erzeugnisse zu befördern.“
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1824, Band 13, Nr. LVII./Miszelle 2 (S. 267–269)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj013/mi013057_2

Einladung zur Theilnahme an dem patriotischen Bemühen des polytechnischen Vereins für Baiern, „um den Absaz der baierschen Akerbau- und Gewerbs-Erzeugnisse zu befördern.“

Allgemein ist die Klage des Akerbau- und Gewerbstandes in Baiern über den Unwerth ihrer Produkte und Fabrikate und über Mangel an Absaz im Innern sowohl, als nach Aussen. Beinahe alle europäische Staaten: England, Frankreich, Niederlande, Preußen, Oesterreich mit Italien, Rußland, Spanien, Portugal etc. etc. haben dermal allgemein ein Prohibitiv-Handels-System angenommen, und führen dasselbe mit Strenge und Consequenz durch. Während die Producte und Fabrikate dieser Reiche noch immer unsere inländischen Märkte überfüllen, sind, die Erzeugnisse unsers Landes von dem Markte des Auslandes theils ganz ausgeschlossen, theils in der Einfuhr so beschwert, daß es einem gänzlichen Ausschlüsse gleich zu achten ist.

Zurükgewiesen von den ausländischen Märkten ist demnach der baier'sche Gewerbstand nur mehr auf den Markt seines eigenen Landesbeschränkt, der jedoch noch immer mit auswärtigen Waaren überströmt wird.

Aber auch der baier'sche Landwirth und Güterbesizer muß gegenwärtig, für den verlornen Absaz seiner Produkte ins Ausland, welches seines Getreides und seiner Früchte nicht mehr bedarf, den Ersaz dafür nur mehr auf dem innern Markte in seinem eigenen Lande suchen, den er jedoch nicht finden wird, wenn sich ihm keine bleibenden Käufer für sein Getreid, Vieh und übrigen Erzeugnisse darstellen, und ihn in den Stand sezen, durch das dafür erhaltene Geld seine andern Bedürfnisse an Kleidung etc. befriedigen zu können. Diesen innern Markt von bleibenden Käufern findet er aber nur in dem inländischen Gewerbstande, und zwar nach dem Grade der Population und des Wohlstandes des leztern; denn je mehr Producte der Gewerbstand vom Landwirthe kauft, um sie zu verzehren, oder in tausend Gestalten veredelt an den inländischen Landwirth und Güterbesizer wieder zu verkaufen, desto blühender und wohlhabender wird der inländische Akerbau, und je mehr Fabrikate der Landwirth und Güterbesizer von dem inländischen Gewerbtreibenden kauft, desto blühender und wohlhabender wird der inländische Gewerbstand. Dieser wechselseitige innere Verkehr des Landwirths und Güterbesizers, dann der Gewerbtreibenden |268| mit den Producten und Fabrikaten des Inlandes, verbreitet allmählig durch die ununterbrochene Geld-Cirkulation den Arbeitsverdienst in Millionen Kanäle über alle Volksklassen, erhöht wieder die gefallenen Preise der Producte und der Güter des Landwirths und die Fabrikate des Gewerbstandes, befördert die wechselseitige Erzeugung und den Absaz, vermehrt die nüzliche Bevölkerung, und gründet einen selbstständigen National-Wohlstand, der des unsichern Absazes ins Ausland entbehren kann.

Das Heilmittel unseres National-Uebels, in so fern dasselbe bei der gegenwärtigen Stellung der auswärtigen Staaten gegen unsere vaterländische Industrie von uns abhängt, besteht demnach darin, daß der einländische Akerbau und der inländische Gewerbstand durch wechselseitige Abnahme ihrer Producte und Fabrikate ihren Absaz unter sich selbst befördern, und einen stets lebhaften einheimischen Markt durch wechselseitiges Geben und Abnehmen unter sich erhalten; denn nur so können diese beiden Volksklassen ihren Wohlstand in der wechselseitigen Unterstüzung und gleichzeitigen Beförderung der inländischen Akerbau- und Gewerbs-Industrie durch die größtmögliche Abnahme ihrer Producte und Fabrikate begründen, und aufrecht erhalten.

So lange Baiern, bei der bestandenen weniger beschränkten Handels-Freiheit der europäischen Staaten, die Producte seines blühenden Akerbaues ins Ausland vorteilhaft absezen konnte, war auch der Wohlstand unsers größtentheils nur Akerbau treibenden Staates gegründet, denn wir hatten wieder Ersaz für all das Geld, welches wir dem Auslande für die ausländischen Producte und Fabrikate hingaben. Seitdem aber Baiern durch das allgemeine Handels-Prohibitio-System der andern Staaten, so wie durch ihre allseitigen Fortschritte im Akerbau, mit dem Verluste des Absazes seiner Akerbau-Producte ins Ausland den Character eines mehr Akerbau treibenden Staates verlor, und mit seiner Akerbau- und Gewerbs-Industrie zugleich in seine eigenen Landes-Gränzen zurükgewiesen wurde: so muß es, um seinem Wohlstande einen Ersaz für das Verlohne zu geben und sich zu erhalten, all die Geld-Summen nunmehr der inländischen Gewerbs-Industrie zuwenden, und durch diese wieder zum inländischen Akerbau zurükleiten, welche es bisher für ausländische Fabrikate, theils durch die auswärtigen Handelsleute auf den inländischen Märkten, theils durch unsere eigenen Handelsleute mittelst des Kaufes ausländischer Waaren, ins Ausland gesendet hat. – Alle die Millionen, welche wir auf unsern unzähligen Märkten für Fabrikate des Auslandes hingeben, kehren nicht mehr, oder nur zum allerkleinsten Theile zu uns zurük, und sind für unsern National-Wohlstand reiner Verlust; weil dadurch der Gewerbstand des Inlandes den Arbeitsverdienst verliert, und ausser Stand gesezt wird, die einheimischen Producte unsers Landwirthes und Guterbesizers zu kaufen, durch diese Vernichtung des innern Marktes aber nicht nur der Gewerbs und Akerbaustand verarmt, sondern auch der besoldete Staatsbeamte, und selbst der inländische Kaufmann zulezt dasselbe traurige Loos theilt; denn die allgemeine Quelle ihres Unterhaltes versiegt, sobald das Geld, dieses Belebungsmittel der inländischen Industrie, ins Ausland abgeflossen ist, um den Wohlstand des leztern auf Kosten unserer eigenen Existenz zu befördern.

Möchte doch jeden Baier, von dieser Wahrheit überzeugt, ein gleiches National-Gefühl durchdringen, wie den Britten, der schon als Knabe die Ueberzeugung in seinem Busen trägt, daß Englands Macht in seiner einheimischen Industrie ruhe, und darum alles verschmäht, was nicht Product des englischen Bodens, oder Fabrikat von englischen Händen und Fabriken ist. Möchte jeder Baier sich beim Kaufe einer jeden Waare fragen: Ist diese wohl ein vaterländisches Product oder Fabrikat? Und wenn sie es nicht ist – wie vielen Mitbürgern meines Vaterlandes entziehe ich dadurch den Arbeitsverdienst |269| und Unterhalt, und um wie viel schmälere ich dadurch unsern gemeinschaftlichen Wohlstand?

Nur dieses rege Nationalgefühl kann uns zurükhalten, auf den Märkten zu den Buden uns hinzudrängen, wo so mancher ausländische Bankerottirer seine Waaren um einen Spottpreis verschleudert, und nur dieses Nationalgefühl kann uns bestimmen, die Tücher und übrigen Fabrikate der inländischen Gewerbtreibenden aufzusuchen, die unserm Landwirthe und Güterbesizer die Wolle und ihre Früchte abkaufen. Durch diese patriotische Selbstverläugnung werden wir dem sich immer wehr entwikelten Industriefleiße unserer Mitbürger den Absaz sichern, und so manchen Kapitalisten, daß er sein Capital auf Fabriken verwende, um, bei der stets wachsenden innern Concurrenz der Verkäufer, mit der Güte der Waaren den möglichst niedrigen Preis derselben zu verbinden. In jedem akerbautreibenden Staate, der durch äußere Verhältnisse gezwungen wird, seiner Staatswirthschaft eine andere Richtung zu geben, um seine Existenz und seinen National-Wohlstand zu erhalten, muß der Patriot der allmählig sich entfaltenden Industrie Anfangs ein kleines Opfer bringen, und er wird dieses willig thun, wenn er die Geschichte der Industrie Englands, Frankreichs und Oesterreichs nach den einzelnen Perioden durchgeht, um sich zu überzeugen, welche Opfer von Seite der Regierung und der Nation dort die Gewerbe in ihrem ersten Aufkeimen fanden, bis sie zur Blüthe reiften und ihre Frucht über den National-Wohlstand wohlthätig verbreiteten.

Ohne dieses Opfer dürfte die beßte Gesezgebung, ja selbst der Gegen des Himmels durch reiche Aernten, das immer wachsende National-Uebel nicht mehr von uns abzuwenden vermögen; denn nur durch dieses Opfer können wir es noch dahin bringen, daß es mit uns bald wieder besser stehe. An die Stelle der Arbeitslosigkeit und Armuth wird allmählig Betriebsamkeit und Wohlstand bei allen Volksclassen treten, und aus unserm vereinten Patriotismus innere Volkskraft, Selbstständigkeit und ein National-Wohlstand hervorgehen, Hey unerschütterlich besteht, weil ihn der Geist der Nation aus sich selbst hervorgerufen hat.

Die Vertreter der baierischen Nation haben diese Wahrheit erkannt, und sie in dem Beschlusse vom 20. Mai 1822 würdig dadurch ausgesprochen, daß sich ein patriotischer Verein bilden möge, um ausländische Producte und Fabrikate von dem vaterländischen Boden zu verdrängen.“ Um nun zur allmähligen Erfüllung dieses National-Wunsches nach Kräften beizutragen, ergeht von Seite des Central-Verwaltungs-Ausschusses des polytechnischen Vereins für Baiern hiemit an jeden Vaterlandsfreund die Einladung, an den patriotischen Bemühen unsers Vereins Theil zu nehmen, dessen einziger Zwek darin besteht: den Absaz der baier'schen Akerbau- und Gewerbs-Erzeugnisse zu befördern, und soviel möglich, nur baierische Producte und Waaren zu kaufen, und zu gebrauchen.“

Der Central-Verwaltungs-Ausschuß eröffnet zu diesem Ende hiemit die Subscriptions-Liste mit dem Ersuchen, daß jeder Baier, von jedem Stande beiderlei Geschlechtes, welcher an diesem patriotischen Bemühen unsers Vereins Antheil zu nehmen wünscht, seinen Namen eintragen möge.

München, den 7. Februar 1824.

Der Central-Verwaltungs-Ausschuß des polytechnischen Vereins für Baiern.

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: