Titel: Anmerkung eines Baiers.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1824, Band 13, Nr. LVII./Miszelle 3 (S. 269–271)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj013/mi013057_3

Anmerkung eines Baiers.

Wir haben, beinahe in jedem Bande unseres polytechnischen Journals, einer Seits auf das Erstiken in unserem eigenen Fette, d, i, in der Fülle |270| der Producte unseres Bodens, die keinen Absaz mehr im Auslande finden, und daher keinen wahren Werth mehr besizen, und auf der andern Seite aus die Auszehrung und Schwindsucht, an welcher unsere vaterländische Industrie leidet, aufmerksam gemacht. Es ist erfreulich in unserer Traurigkeit, das Kunst- und Gewerbsblatt mit uns ein Uni-Sono unserer Jeremiade anstimmen zu hören; allein, wir bedauern, daß das Ende des Gesanges desselben durch falsche halbe Töne sich in eine gänzliche Dissonanz auflöset.

Die von dem Central-Verwaltungs-Ausschusse des polytechnischen Vereins für Baiern am Ende des obigen Aufsazes vorgeschlagene Maßregel, ist eine halbe Maßregel und folglich, wie jede halbe Maßregel, eine falsche Maßregel.

Nehmen wir für einen Augenblik das Wünschenswerthefte an, daß jeder Baier vor Gott, vor seinem göttlichen Könige Max und vor seinem Vaterlande, schwören wollte, lieber halb nakt als in französischem oder englischen Tuche, in englischen Kattunen, oder in westphälischer oder böhmischer Leinwand gekleidet zu gehen. Was würde das Resultat seyn?

„Daß Niemand den, in dem vorgeschlagenen Vereine subscribirten, Mitgliedern dafür stehen könnte daß die Waare, die sie bei den Kaufleuten kaufen, so lange diese alle ausländischen Waaren einführen dürfen, wirklich inländische Waare ist? und wird der Kaufmann so einfältig seyn und sagen, woher er seine Waare hat? – Nur der kleinere Theil der Population ist fähig diese angefachte Idee zu fassen, und nur der allerkleinste Theil wird sich freiwillig bereitwillig zeigen, sich solche Entbehrungen aufzulegen.

Es ist wirklich auffallend sonderbar, daß der Central-Verwaltungs Ausschuß des polytechnischen Vereins auf die Geschichte der Industrie Englands, Frankreichs, und Oesterreichs hinweiset, und doch eine so verkehrte Maßregel vorschlagen kann.

Die Geschichte der Industrie- oder warum sollen wir nicht sagen, die Geschichte der weiseren Finanz-Verwaltung Englands, Frankreichs und Oesterreichs, und jezt auch Preußens und Rußlands, beweiset auf das Klarste und Deutlichste, daß alle diese Länder vor Einführung des Prohibitiv-Systems keine Industrie hatten, und erst durch Einführung desselben zu ihrer hohen Industrie und zu ihrem hohen National-Reichthume gelangten.

Wir sagen es laut und offen, wie der Baier zu sprechen gewohnt ist, unser Vaterland wird und muß zu Grunde gehen, wenn man, während kein Baier die Erzeugnisse seines Bodens und Kunstfleißes im Auslande mit Vortheil absezen kann, dem Ausländer erlaubt seine Producte mit allen möglichen Vortheilen in Baiern zu verkaufen, und das Land auszusaugen.

Mit dem Tage, an welchem die Einfuhr fremder Industrie-Erzeugnisse etc. in Baiern verbothen werden wird, wird sich die inländische Industrie, wie zur Zeit der Continentalsperre wieder emporheben, es werden von denjenigen Industrie-Zweigen, die hinter denen des Auslandes noch weit zurük sind, namentlich Tuch- und Leinwand-Fabrikanten etc. aus dem Auslande, die den Betrieb solcher Fabriken im Großen aus langer Erfahrung verstehen (bei uns in Baiern versteht ihn Niemand, wie er verstanden seyn muß) mit den nöthigen Maschinen und Capitalien versehen (die erstere in Baiern Niemand vollständig hat, und die leztere für fremde Papiere hinaus gegeben werden, sich in Baiern niederlassen, indem jeder Fabrikant lieber den Absaz vor der Thüre, als 100 und mehr Meilen von sich entfernt sieht103). Es wird, es muß unter |271| diesen Fabrikanten Concurrenz entstehen, wodurch sowohl die Güte ihrer Waare, als die Billigkeit ihres Preises für die ganze Zukunft gesichert bleibt, während die vorgeschlagene Subscription keinen inländischen Fabrikanten ermuthigen kann, neue Capitalien auf vollkommenere Maschinen zu verwenden, auch nie und nimmer einen großen Fabrikanten in das Land loken wird; und mit halben Maßregeln ist nicht geholfen.

Wir haben dieß geschrieben, obschon wir überzeugt sind, daß wir jeden Buchstaben vergeblich geschrieben haben. Wir können nicht die goldenen Worte führen bei denjenigen, die diesem National-Wehe abhelfen könnten, wie die Kaufleute, welche bei Waaren-Verboth natürlich verlieren, und dieses aus ihrem Interesse hintertreiben werden. Wir können auch nicht solche Worte führen, wie diejenigen, denen es immer darum zu thun war, ist, und seyn wird, daß Baiern nie zu jener Kraft gelangt, zu welcher es seine Löwen-Natur bestimmt hat. Diximus et salvavimus animam nostram bavaricam.

|270|

Es waren lediglich Ausländer, die sich in Oesterreich mit ihren großen Fabriken niederließen, als Maria Theresia und Joseph der II. die Einfuhr ausländischer Fabrikate so weise verbothen hatten, und die größten Fabriken dieses Landes sind noch der Besiz der Nachkommen |271| derselben. Wir könnten mehrere Baiern nennen, die, als Fabrikanten, in Oesterreich beinahe halbe Millionäre geworden sind, während ihre leiblichen Brüder, bei ähnlichem Gewerbe, in Baiern beinahe an den Bettelstab kamen. – Gewerbsfreiheit, Aufhebung der Binnenzölle, freier Verkehr durch Deutschland und Verboth aller fremden Waaren, die wir selbst machen können, dieß ist es einzig, was uns, was die Wundesstaaten vor gänzlicher Verarmung retten kann.

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