Titel: Séllique, über Einführung und Vervollkommnung der durch Dampfmaschinen betriebenen Drukerpressen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1825, Band 16, Nr. II. (S. 8–14)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj016/ar016002

II. Ueber Einführung und Vervollkommnung der durch Dampfmaschinen betriebenen Drukerpressen; von Hrn. Séllique, Mechaniker etc.

Aus dem Bulletin de la Société d' Encouragement pour l'Industrie nationale. N. 240. S. 157.2)

Mit Abbildungen auf Tab. II.

Die bisher in Frankreich (und auch in Deutschland) gewöhnlichen Drukerpressen wurden nur durch Menschenarme betrieben; nothwendig mußte daher der Druk derselben an Stärke, wie an Zahl der Blätter, ungleich, und zwar nach dem Maße der Geschiklichkeit, Behändigkeit und Kraft der Arbeiter, verschieden ausfallen.

Für den bisherigen geistigen Bedarf reichten diese Pressen hin; gegenwärtig sind sie in wissenschaftlicher, wie in technischer und politischer Hinsicht unzureichend geworden; man mußte schneller, und nicht theurer, druken lernen.

Die Aufgabe war schwer; sie wurde durch die Dampfmaschine gelöst; die Ehre hiervon gebührt den Engländern, die zuerst die Dampfmaschine mit Erfolg auf die Drukerei anwendeten.

Die Socièté d'Encouragement wollte die Franzosen nicht hinter ihren Nachbarn zurükbleiben lassen; auch sie sollten des Vortheiles der Anwendung der Dampfmaschine auf die Drukerpresse sich erfreuen. Hr. Séllique, dem Wunsche der Gesellschaft entsprechend, legte derselben eine Drukerpresse vor, |9| die durch eine Dampfmaschine in Bewegung gesezt wurde, und auf welche er am 6ten October 1821 ein Einführungs- und Vervollkommnungs-Patent sich geben ließ.

Die englische Maschine bedrukt ein Blatt nur auf einer Seite, da sie nur eine Form hat; man muß dieses Blatt auf eine zweite Maschine bringen, um dasselbe auf der anderen Seite zu bedruken, was doppelte Arbeit beim Auflegen und bei der Abnahme des Blattes nothwendig macht.

Hr. Séllique hat diese doppelte Arbeit vermieden, durch welche bedeutend viel Zeit verloren geht. Seine Maschine drukt, mittelst einer zweiten Trommel, über welche das Blatt läuft, nachdem es auf die erste gelegt wurde, auf beiden Seiten, und da diese beiden Trommeln zugleich, und in entgegengesezter Richtung, sich drehen, geschieht der Druk auf beiden Seiten beinahe eben so schnell, als er auf einer allein geschieht.

Die Schwärze wird in vollkommenster Gleichförmigkeit durch dieselbe Bewegung auf den beiden Trommeln vertheilt, und das auf beiden Seiten bedrukte Blatt löst sich von selbst zwischen den beiden Trommeln, und breitet sich auf dem zu seiner Aufnahme bestimmten Theile der Maschine aus, so daß zum Auftragen der Schwarze, zum Abnehmen des bedrukten Blattes und zum Auflegen des zu bedrukenden man weder den Gang der Maschine zurük noch aufzuhalten braucht.

Hieraus ergeben sich die Vortheile der Maschine des Hrn. Séllique vor der englischen, und um so mehr vor der gemeinen Drukerpresse; sie liefert, in derselben Zeit, wenigstens drei Mahl so viel Abdrüke, als die lezteren.

Eine einzige Dampfmaschine kann mehrere Drukerpressen in Bewegung sezen: die Zahl der lezteren hängt lediglich von der Stärke der Maschine ab, die des Hrn. Séllique treibt gegenwärtig 6 Pressen.

Die bedeutende Ersparung bei Anwendung dieser Maschine geht, 1tens: aus der Verminderung des anzuwendenden Sazes, 2tens: aus der Vermehrung der Exemplare in einer gegebenen Zeit, 3tens: aus der Verminderung der Zahl der Arme an den Pressen hervor.

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Erklärung der Bestandteile der neuen Drukerpresse im Aus- und Grundrisse. Fig. 1 und 2. auf Tab. II.

A, Basis oder Träger der Presse. B, Schlitten, der den Marmor und die Druker-Formen trägt. C, Bahn oder Falz, in welchem der Schlitten hinläuft, D, Trommel, welche das Blatt zum ersten Druke aufnimmt. D, Trommel, auf welcher das Papier zum zweiten Druke sich aufrollt; E, Stüzen, auf welchen die Achsen der beiden Trommeln ruhen. F, andere Stüzen in Form eines Galgens, welche die Schwärzwalzen und einen Theil der Walzen des Schnürsystems aufnehmen; G, eiserner Galgen, welcher die Rollen und die Cylinder des Schnür-Systems trägt. H, ein anderer Galgen hinter der Trommel D zu demselben Zweke. Mit diesem Galgen ist der Arm eines Hebels, I, verbunden, dessen Mittelpunct der Bewegung in S, ist, und der, wo der Schlitten B auf dem Puncte ist seine rükgängige Bewegung anzufangen, die Trommel D mittelst eines Stükes Eisen, K, hebt, welches die Achse der Trommel umfaßt. L, Pfeiler, welcher die Achsen der Cylinder verbindet, und an seinem oberen Ende das Verbindungs-Mittel zwischen den beiden Trommeln trägt. M, Eisenstange, die die Entfernung der Trommeln von den Pfeilern L bestimmt. N, lange Stange, die an jedem ihrer Ende mit einem Winkel-Rade, N', versehen ist, welches auf einer Seite in einen Triebstok O, auf der anderen in den Triebstok O' eingreift. Lezterer treibt ein Rad, O'', welches in die an dem äußeren Umfange der Trommel D' befindlichen Zahne eingreift; ein ähnliches Getriebe hat bei den Zähnen der Trommel D Statt. P', ist ein doppelter Hebel, der sich auf der Stüze H bewegt, und den Flug der Trommel aufhält. P'', Stük für den Ergänzungsweg, der zurükgelegt wird, nachdem das Stük P aufgehalten hat. Q, großer doppelter Hebel, der sich um die Puncte rr dreht, und die Trommel hebt, damit sie nicht auf die Lettern drükt. Q' Brett, auf welches das Papier gelegt wird, nachdem es den doppelten Druk aufgenommen hat. R, Hebelarm zum Ausheben der Walze, die bei der Rükkehr des Schlittens, welcher die Lettern trägt, dem Marmor die Schwärze mittheilt. SS, unmittelbare Schwärz-Walzen. S', Walze, die die Schwärze dem Marmor mittheilt; S'', andere Walze, die die Schwärze, welche sie |11| von dem Marmor nimmt, auf die Lettern trägt, T, Schwärzlade. U, Bürste zur gleichförmigen Vertheilung der Schwärze. VV, kleine Walzen des Schnürsystemes zur Leitung des Papieres. XX, Uebertrag-Walzen um das Papier zu halten und zu führen. YY, Rollen des Schnür-Systemes. ZZ, kleine metallne Rollen, die einen Theil des Uebertragungs-Systemes bilden.

a, Stüze des Leiters b, welcher das Papier in seinem Laufe auf der Trommel hält. c, Drukhebel der Trommel auf die Lettern. d, Anheftungspunct dieses Hebels. e, gebrochener Hebel des Hebelarmes I, welcher die Trommel hebt. f, Leiter, welcher das Papier an die Trommel D' anhält. g, Stüze des Stükes f und einer der kleinen Walzen Z; h, Stüze der beiden anderen Walzen, ZZ. i, excentrische Stüke, welche die Trommeln mittelst des Hebels I heben, k, ein Stük, welches eine Schnur führt, wodurch die Lage der Rollen geändert wird, um die Schnüre zu spannen oder nachzulassen. l, Form, die auf dem Schlitten B aufgesezt ist. m, Marmor auf dem Schlitten, zur Aufnahme der auf der Walze S' aufgetragenen Schwärze bestimmt. o, gebrochene Aufhälter zur Bestimmung der Länge des Laufes der Trommeln. p, Rollen, auf welchen die Ketten, qq, laufen, mittelst welcher man die Schlitten rükwärts oder vorwärts zieht3). rr, Mittelpunct der Bewegung des Hebels Q. ss, Mittelpunct der Bewegung des Armes des Hebels I.

Alle Stüke, welche die zweite Abtheilung der Presse bilden (in der Figur zur Rechten) sind mit accentirten Lettern (lettres primes) bezeichnet.

Die Schnüre, welche das Papier ergreifen, und dasselbe bis zu seinem Ausgange, Q', leiten, sind mit den Buchstaben, etc, bezeichnet.

Die mit uu bezeichneten Schnüre halten das Papier bei seiner Uebertragung von einer Trommel auf die andere.

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Bemerkungen.

Eine Dampfmaschine von der Kraft zweier Pferde kann drei Pressen mit doppeltem Saze in Gang bringen. Jede dieser Pressen wird von zwei Personen bedient, wovon die eine das Papier auflegt, die andere dasselbe wegnimmt. Das Minimum der Erzeugung einer jeden Presse ist, wenn die Arbeiter nur etwas daran gewöhnt sind, 1200 Exemplare in einer Stunde, und, wenn sie gehörig eingeübt sind, 1500.

Vortheile der neuen Presse.

Diese Presse drukt auf beiden Seiten mittelst der zwei Trommeln, unter welchen die Blätter sich nach und nach von selbst bedruken in dem Maße, als der Schlitten B, welcher die Lettern trägt, von der Kette q gezogen wird.

Das Uebertragen der Blätter geschieht mittelst eines Systemes von Schnüren tt, welches dieselben von einer Trommel auf die andere führt, und aus welchem sie sich entwikeln, und frei auf den Mittelpunct der Presse fallen, wo das Brett Q' zur Aufnahme derselben bereit liegt. Ein Weib oder ein Kind darf nur mit einem Holzspahne die Blätter in dem Maße, als sie herabfallen, und sich übereinander legen, leiten, nachdem sie auf beiden Seiten gehörig bedrukt sind. Dieses Brett faßt 500 bedrukte Blätter oder 1000 Exemplare einer Zeitung, die dann zum Zusammenlegen abgegeben werden können, ohne daß es nöthig wäre sie vorher in die Hand zu nehmen.

Ein einziger Arbeiter reicht zu, um die Blätter auf die erste Trommel D aufzulegen, und hat nichts anderes zu thun, als das Blatt zu nehmen und aufzulegen. Ein Weib oder ein Junge von 15 bis 18 Jahren kann hier eben so gut, wie ein geübter Druker, verwendet werden, indem diese Arbeit, die nichts wie Aufmerksamkeit fordert, keine besonderen Kenntnisse nöthig macht.

Die Person, die mit dem Auflegen der Blätter beschäftigt ist, kann, wenn sie noch nicht gewohnt ist mit Papier umzugehen, in einer Stunde ungefähr 600 Blätter durchlaufen lassen; bei einiger Uebung wird sie dieß bald mit 7 bis 800 können, indem die Bewegung der Maschine in Bezug auf Schnelligkeit |13| alles zu leisten vermag, was man von der Geschiklichkeit eines geübten Arbeiters im Auflegen und Abnehmen der Blätter erwarten kann. Da jedes Blatt zwei Exemplare Zeitung gibt; so kann die Presse folglich 12 bis 1500 Exemplare in einer Stunde druken.

Die Presse drukt mit doppeltem Saze, folglich kann an einer Zeitschrift, die starken Abgang hat, und zu welcher man einen drei- oder vierfachen Saz braucht, Ein Saz, oder selbst zwei erspart werden.

Man kann auch nur mit einem Saze druken, wenn man die Breite der Trommeln vermindert, ohne daß man irgend etwas an dem Mechanismus der Presse zu verändern hätte; in diesem Falle wird man aber, statt 12 bis 1500 Exemplare in einer Stunde zu liefern, nur 6 bis 700 liefern können, und man wird dabei eben so viel. Brenn-Material verbrauchen, wie wenn man das Doppelte erzeugen würde, und eben so viele Hände zur Bedienung nöthig haben.

Man schäzt die Menge Steinkohlen, die man zu einer 10 bis 12stündigen Arbeit nöthig hat, auf 60 Kilogramme: diese Menge ist aber nach der verschiedenen Güte der Steinkohlen verschieden.

Die Dampfmaschine, die die Pressen treibt, ist nach Oliver Evans's Systeme gebaut; sie arbeitet mit einem Druke von 5 Atmosphären in dem Kessel; der Dampf wirkt auf einen Stämpel von 3 Zoll und 3 Viertel im Durchmesser, und der Stämpel durchläuft 16 Zoll.

Der Dampf verdichtet sich in einem zu seiner Aufnahme bestimmten Behälter, aus welchem eine kleine Speise-Pumpe denselben auszieht und in den Kessel zurükführt, so daß Ein Eimer Wasser (seau) in dem Behälter des Verdichters während einer Stunde hinreicht, um den Verlust des Wassers oder des Dampfes, der während dieser Zeit Statt hat, zu ersezen.

Die Kraft dieser Maschine reicht hin, um drei Pressen auf Ein Mahl zu treiben, welche, in diesem Falle, in derselben Zeit 3600 bis 4500 Exemplare der Zeitschrift auf beiden Seiten bedrukt, liefern wird, so daß, in einem Zimmer, das groß genug ist, um 6 Pressen zu fassen, man mit einer Dampfmaschine von der Kraft von ungefähr 3 Pferden noch ein Mahl so |14| viel Exemplare erhalten könnte, u.s.f. im Verhältnisse zur Kraft der Maschine und zur Zahl der Pressen, die man gleichzeitig in Bewegung sezen will.

Man kann die Pressen mittelst eines Apparates, den matt mit dem Arme bewegt, oder mittelst eines Tretrades in einem besonderen Locale von dem Gange der Maschine unabhängig machen. Wenn also an der Maschine selbst ein Unfall Statt hätte, kann man sich des einen oder anderen dieser Apparate bedienen, und die Maschine ausbessern, ohne daß man nöthig hätte, den Gang der Pressen zu unterbrechen, wenn an einer Zeitschrift gedrukt wird, die keine Unterbrechung gestattet.

Es wäre überflüßig sich in ein genaueres Detail über diese Maschine einzulassen, um dadurch die Vortheile, die sie gewährt, anschaulich zu machen. Indessen wollen wir bemerken, daß eine Dampfmaschine nur drei Personen zu ihrer Bedienung braucht; eine nämlich zum ausschließlichen Dienste an dem Ofen und an der Pumpe: mit diesen 2 Arbeitern erzeugt man 1200 Exemplare, zu deren Verfertigung, in derselben Zeit, man bei den gewöhnlichen Drukerpressen 18-20 Personen nöthig haben würde.

Hr. Séllique erhielt dafür den ausgesezten Preis von 2000 Franken. Baiern verdankt einem seiner achtbarsten Güterbesizer, dem Freyherrn von Cottendorf, gleichzeitig mit Frankreich, das sonst immer vor Deutschland voraus war, eine Dampfmaschinen-Drukerei zu Augsburg. Hr. von Cottendorf that als Privatmann, was in Frankreich nur eine ganze Gesellschaft zu Stande brachte. A. d. Ueb.

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Statt dieser Ketten braucht man gegenwärtig doppelte Kerbestangen, Fig. 3, in welche ein Triebstok greift. A. d. O.

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