Titel: Roxbourgh's, über den Einfluß des Studiums der Naturgeschichte auf Künste und Gewerbe.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1825, Band 16, Nr. XXXIII. (S. 110–117)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj016/ar016033

XXXIII. Ueber den Einfluß des Studiums der Naturgeschichte auf Künste und Gewerbe.

Herr Gill theilt in seinem technical Repository, November 2824. S. 298 und Dezbr. S. 367 einige Notizen aus dem XXXIII. Bd. der Transactions of the Society for the d'Encouragement of Arts, Manufactures and Commerce mit, aus welchen wir hier bloß einen Auszug liefern wollen, um diejenigen, die es allenfalls noch nicht wissen, daß das Studium |111| Studium der Naturgeschichte Basis der Oekonomie und Technologie, und folglich auch des Handels, ist, und dieses Studium auf alle nur mögliche Weise unterdrüken52), hierauf aufmerksam zu machen.

So sehr Roxburgh's Name allen Botanikern aller Welttheile bekannt ist, so wenig scheint er unter den Technikern jene Celebrität erlangt zu haben, die er so sehr verdient; und vielleicht wissen selbst nicht alle Botaniker, daß ihr Collega die Künste (nämlich die schlechten Künste, die gemeinen Künste, die niedrigen Künste, die Handwerke, denen wir nicht mehr zu danken haben, als daß wir uns anständig kleiden können, und etwas Gutes zu essen und zu trinken haben“ – in diesem Gegensaze gegen die sogenannten schönen und freien Künste,“ deren hohe Würde wahrlich keiner solchen Antithese bedarf, lehrt man unserer studierenden Jugend, die einst Künste und Gewerbe im Lande mit obrigkeitlicher Gewalt zu leiten haben wird, die Künste und Gewerbe, (arts et métiérs, arts utiles kennen!) daß Roxburgh, die Künste eben so sehr förderte, als die Wissenschaft.

M. Dr. Roxburgh (geb. zu Underwood, bei Lymington, Ayrshire, im J. 1740; gest. zu Edinburgh im May 1815) war, mit Sir William Jones, Warren Hastings, Lord Teignmouth, Stifter der so berühmt und wohlthätig gewordenen Asiatic-Society, und ward, nach zweimahliger Reise nach Ostindien, eingeladen als General-Arzt der Ost |112| Indischen Compagnie (in einem Alter von 25 Jahren!) zu Madras zu bleiben. Er zog indessen die Stelle eines Oberaufsehers (Superintendant) des botanischen Gartens der Ostindischen Compagnie zu Calcutta diesem einträglichen und höchst ehrenvollen Anerbiethen vor, ohne jedoch der heilbringenden Kunst untreu zu werden: denn er blieb Sir John Pringle's treuer Freund und College, und theilte diesem, unter anderen, auch seine Entdekung über das tägliche zweimahlige Steigen und Fallen des Barometers innerhalb der Tropen mit.

Im Jahre 1789 und 90 beschrieb er in den Asiatic Researches das kostbare Insect ( Coccus Lacca Linn, Coccus Ficus Fabr .) und fügte seiner Beschreibung die Vermuthung bei, daß es besser wäre, diesem Insecte seinen Färbestoff zu entziehen, so lange die Farbe desselben noch in ihrem vollen Glanze, d.h., so lange das Thier noch lebendig oder frisch ist. Diese Vermuthung ward von einigen verständigen Leuten in Bengalen, wo man mehr Werth auf Naturgeschichte legt, als bei uns, beachtet, und, wie man zu sagen pflegt, realisirt. Dieser Vermuthung eines so einfältigen Menschen, als ein Botaniker in den Augen unserer Staatswirthschäftler ist, verdankt Europa jezt den so unentbehrlich gewordenen Artikel: Lak-Lak, (Lak-Lake) einen der wichtigsten Handels-Zweige zwischen Calcutta und London, den die Färber nicht mehr entbehren können. „Da die Asiatic Researches ein etwas seltenes Werk sind, das sich nur in den Händen Weniger befindet, so wollen wir hier, „heißt es in den Transactions,“ folgende Stelle wörtlich einrüken.“

„Die Eyer, und die dunkel gefärbte klebrige Flüßigkeit, in welcher man dieselben findet, theilen dem Wasser eine sehr schöne rothe Farbe mit, so lange beide frisch sind; wenn sie aber getroknet wurden, wird das Wasser nicht mehr so schön davon gefärbt. Es wäre daher wohl der Mühe werth, daß diejenigen, die in Gegenden wohnen, in welchen das Lak-Insect häufig ist, oder wenigstens frisch gesammelt leicht zu haben ist, versuchten ein Extract aus demselben zu bereiten, und den Färbestoff so aufzubewahren, daß er während der Aufbewahrung nichts an Güte verliert. Ich zweifle nicht, daß man |113| mit der Zeit ein Mittel entdeken wird, wodurch dieser Färbestoff eben so schäzbar werden kann, als es gegenwärtig die Cochenille ist 53).“

„Hrn. Hellot's Verfahren, den Farbestoff aus altem troknen Lak auszuziehen, verdient mit frischem Lak Ende Oktobers oder Anfangs Novembers versucht zu werden, ehe die Insecten noch aus den Eyern gekrochen sind; denn ich fand, daß man die tiefste und schönste Farbe aus den Eyern erhielt, so lange sie noch in dem Neste staken.“

Hellot's Verfahren, auf welches Dr. Roxburgh hindeutet, ist aber folgendes: „Man digerirt gepülverten Lak zwei Stunden lang in einem Absude von Schwarzwurzel ( Symphythum officinale), wodurch das Wasser eine schöne rothe Farbe erhält, und dar Gummi blaß oder strohfarben wird54). Dieser Tinctur sezt man, nachdem sie klar abgegossen wurde, eine Alaun-Auflösung zu, und, nachdem der Färbestoff sich gesezt hat, gießt man die helle Flüßigkeit ab, und troknet den Bodensaz. Dieser wird ungefähr Ein Fünftel des Gewichtes des angewendeten Lakes betragen. Man löst ihn in warmem Wasser auf. oder man verdünnt ihn in demselben, und sezt etwas Zinn-Auflösung (in Salpeter-Kochfalzsäure, Königswasser)“ zu, wodurch er eine lebhafte, scharlachrothe Farbe erhält. Diese Flüssigkeit gießt man in eine, mit siedendem Wasser bereitete Wein-Stein-Auflösung, und auf diese Weise ist die Farbe fertig. „In Indien gibt es keine Schwarzwurzel55), und jede andere farbenlose |114| farbenlose schleimige Wurzel, Rinde, oder irgend ein Gummi, sagt Roxburgh, würde wahrscheinlich dasselbe leisten56).

In einigen Gegenden auf der Küste von Coromandel, wenn nicht in allen, bedient man sich einer Abkochung der Samen einer daselbst sehr gemeinen Pflanze, der Cassia Tora, welche man zum Blaufärben der Baumwollen-Zeuge anwendet, und mit welcher man die Blau-Küpe bereitet. Sie hält den Indigo so lange schwebend, bis die Gährung eintritt, die denselben auflöst; sie hilft auch diese Gährung früher erzeugen, als es sonst nicht geschehen würde.

Ungefähr um dieselbe Zeit schrieb Roxburgh seine herrliche Abhandlung über den Bau des Zukerrohres (in Dalrymple's Oriental Repository ( Vergl. Gill's techn. Repos. III. p. 217) und lehrte seine Landsleute in Indien Zuker ohne Menschenblut bauen, indem er ihnen zeigte, wie sie den Pflug dabei benüzen können, und dadurch den Sclaven-Handel abstellen half, dessen alte Grausamkeit, gerade als auch ob diese legitim seyn müßte, wir den neuesten Nachrichten zu Folge57), auf französischen Schiffen wieder hergestellt sehen.

In Bezug auf seine vielen angestellten Versuche über Surrogate für Flachs und Hanf schrieben die Direktoren der ostindischen Gesellschaft an den Gouverneur in Indien im J. 1800: „Der Preis des Hanfes ist in Europa vom Jahre 1792 bis jezt (1800) von 23 1/2 Pfund bis auf 61 Pfund die Tonne gestiegen: |115| da Rußland beinahe im ausschließlichen Besize dieses Handelszweiges ist, so erhöht es den Preis desselben nach seinem Belieben. Eine solche sclavische Abhängigkeit von einer fremden Macht in Hinsicht auf einen Artikel, an welchem unsere politische Existenz gebunden ist, ist ein zu gewagtes Unternehmen, als daß man sich darauf verlassen könnte, vorausgesezt, daß wir diesem Uebel aus unseren eigenen Besizungen abzuhelfen vermögen. „In Ireland und England, heißt es weiter, kann der Hanfbau, wegen Mangels an Boden selbst für Getreidebau, nicht betrieben werden; in Ost-Indien hingegen, wo so viel Land unbebaut ist, meinten die Herren, könnte der Hanfbau in einem Grade betrieben werden, der England von Rußland unabhängig machen würde. England brauchte jährlich, damahls, 25 bis 30,000 Tonnen Hanfes! Die Herren meinten, daß, wenn nur 1000 Tonnen aus Indien jährlich eingeführt werden könnten, der Preis des Hanfes dadurch in Europa bedeutend herabgedrükt werden könnte, wenn er auch selbst noch theurer käme, als der russische. Wir haben aus den früher mitgetheilten Versuchen Roxburgh's (Polytechn. Journ. B. XV. S. 426.) gesehen, daß die Herren sich in ihrer Erwartung täuschten, und daß sie zu den indischen Pflanzen ihre Zuflucht nehmen mußten; zur Sunn, Ejoo, Gomuto etc.

Hrn. Roxburgh und dessen Sohne verdankte die ostindische Compagnie ihre Muskatnüsse- und Gewürznelken-Plantagen auf Sumatra, von welchen ersteren die Compagnie im J. 1802–3 bereits 22,323 Bäume, und von den lezteren 7,003 Bäume besaß, deren Ertrag schon jezt den holländ'schen Gewürz-Handel schwer drükt.

Roxburgh 58) ward der Retter von Tausenden, als im Jahre 1793 die Hungers-Noth in Ost-Indien wüthete. Die indischen Philosophen und Theologen trösteten, wie die unsrigen im Jahre 1817, die vor Hunger dahin Sterbenden mit den Worten: „So ist's der Wille Gottes! Es ist Strafe des allgütigen Gottes!“ Und dabei ließen es die hochgelehrten und hochwürdigen Herren bewenden.

|116|

Man fand in Indien die Magazine nachtheilig, wegen der Feuchtigkeit der Witterung und der zahllosen Menge von Insecten, die Alles verheeren. Nur auf der Küste von Coromandel kann man Getreide in Korn-Gruben aufbewahren, wie es auch in einigen Gegenden Rußlands, und in Schottland mit den Erdäpfeln der Fall ist. Roxburgh empfahl daher die Korn-Gruben zur Aufbewahrung des Getreides, und den Genuß und die Cultur anderer genießbarer Pflanzen, „die in Indien,“ sagte er, „so häufig sind, daß, wenn auch kein Körnchen Reiß daselbst gebaut würde, doch nie eine Hungers, Noth, vielweniger Mangel an Lebensmitteln zu besorgen wäre.“

Nachdem er die Pflanzen alle aufgeführt hat, die in Indien als Nahrungsmittel dienen können, die Halmengewächse, wie die Knollengewächse und die Hülsenfrüchte, sagt er in seinem Bericht: „Auf diese Gewächse müssen wir uns verlassen; denn die Landleute in Indien hängen mehr als alle andere, an dem Herkommen, an der Weise ihrer Vorfahren. Sie verdammen nicht nur alle neuen Versuche als überflüßig und ungereimt, sondern selbst als Gotteslästerung.“ So ist der Mensch in Indien geleitet von Bonzen, wie bei uns geleitet von ihren Ordens-Brüdern, dahin gekommen, lieber Hungers zu sterben, als klüger seyn zu wollen, als seine schlauen Lehrer, und in seiner erkünstelten Unwissenheit eher eine Strafe des allgütigen Gottes zu erkennen, als seine eigene Dummheit.

Erdäpfel kennt man in Ost-Indien seit mehr dann einem halben Jahrhunderte; ihre Cultur hat sich aber nicht über die Wohnpläze der Europäer hinaus verbreitet: sie sind dem Stok Indier ein Luxus-Artikel. Die lehren, die Roxburgh über den Erdäpfelbau in Indien ertheilt, verkünden den weisen Beobachter der Natur, und seine Wünsche über freie Ausfuhr des Getreides und Regulirung des Kornhandels in Indien den edlen Menschenfreund, der, wie er der Regierung männlich sagt, „die Rechte des Landmannes nicht mit Füßen getreten,“ sehen kann.

Den größten Theil der einzelnen Zweige des Handels mit Indien, den England heute zu Tage mit so vielem Vortheile benüzt, hat Roxburgh, wenn man so sagen darf, vorgezeichnet, |117| und England wird noch mehr gewinnen, wenn es seinen klaren Ansichten jene Aufmerksamkeit schenkt, die dieselben so sehr verdienen.

Er stellte zahlreiche Versuche mit Indigo an, und lehrte noch andere Pflanzen dieser Gattung kennen, die eben so guten Indig liefern, als Indigofera tinctoria. Sie sind im 31. Bande der Transactions of the Society of Arts beschrieben59).

Er lehrte statt des gemeinen Seidenwurmes noch zwei andere Seide spinnende Raupen benüzen, die in den Transactions der Linnean Society. Vol. I. p. 3360) schrieben sind.

Er führte die Cultur mehrerer Arten von Baumwolle in Ost-Indien ein, und lehrte seine Landsleute nicht bloß ostindische Farbehölzer und Arznei-Gewächse kennen, die bereits ihren Weg in unsere europäischen Pharmacopäen gefunden haben, sondern auch Schiffbauholz, (mehrere neue Arten von Eichen), welches für ihre Flotten in Indien von der höchsten Wichtigkeit geworden ist. Ihm verdanken seine Landsleute auch eine neue Art von Kautschuk, der jezt so häufig in englischen Fabriken benüzt wird.

Ein bloßes Namen-Verzeichniß seiner Entdekungen in technischer und commercieller Hinsicht würde mehrere Bogen fällen: wir begnügen uns nur einige Puncte hier berührt zu haben, um zu beweisen, daß das Studium der Naturgeschichte nicht jene Verachtung und Unterdrükung verdient, die es in Manchen Ländern Deutschlands, vorzüglich aber bei uns, bisher gefunden hat.

|111|

Das zoologische Cabinet an der Universität zu Landshut, hatte, z.B. mitten in den Kriegsjahren, als das Vermögen der Universität noch das Glük hatte, vom Staate aus verwaltet zu werden, 300 fl. jährlich angewiesen; der botanische Garten 1500 fl., das botanische Cabinet 100 fl. gegenwärtig, und seit der Universität die Administration ihres Vermögens überlassen wurde, hat das zoologische Cabinet jährlich 100 fl., und der botanische Garten sammt dem botanischen Cabinete 900 fl. So fördern bei uns die sogenannten gelehrten Herren das Wohl der Wissenschaften und des Vaterlandes, und die Ehre ihrer eigenen Lehranstalt, während alle anderen Lehranstalten in Deutschland, selbst die Kleinsten, ihre Institute jährlich vergrößern! O Patria! O cives! A. d. Ueb.

|113|

Diese Prophezeihung ging in Erfüllung; denn die englischen Scharlachfärber brauchen jezt häufig Lak-Lak, wie Hr. Gill versichert, und England gewinnt jezt durch die Idee eines Naturforschers, Millionen jährlich. A. b. Ueb.

|113|

Diesen blassen Gummi kann man aber noch, in Alkohol ausgelöst, zu blassem Lak-Firnisse brauchen. Gill.

|113|

Die bei uns an allen Gräben wächst. Hiemit vergl. man auch Bancrofts Färbebuch, deutsche Ausgabe, zweite Auflage, Nürnberg bei Schrag. 1818. Bd. 2. S. 15. D.

|114|

In dem bereits angeführten Bancroft'schen Werke, findet man im zweiten Bande von S. 1 bis 66 sowohl das Naturgeschichtliche als das Technische über diesen eben so wichtigen als nüzlichen Farbestoff. Das beste und verläßlichste Verfahren, um mit Lak-Lak und Lak-Dye Scharlach eben so schön, wo nicht noch schöner als mit Cochenille gefärbt, darzustellen, findet man von mir in der eben angeführten Abhandlung S. 64; in Dingler's Magazin der. Farbekunst B. 1. S. 1., so wie in Vitalis Färbebuch, deutsche Ausgabe, Stuttgart bei Cotta 1824 S. 311. beschrieben. Seit Bekanntwerdung dieser meiner, aus Versuchen im Großen hervorgegangenen, Beschreibung wird in fast allen bedeutenden Färbereien Deutschlands die Scharlachfarbe mit Lak-Dye erzeugt. D.

|114|

Allg. Zeitung. N. 10. A. d. Ueb.

|115|

Gill's Repository December, 1824. S. 367.

|117|

Deutsche Uebersezung in Bancroft's Färbebuch B. 1. S. 229. D.

|117|

Deutsche Uebersezung in Bancroft's Färbebuch B. 1. S. 140. D.

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