Titel: Ueber Seiden-Raupenzucht.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1825, Band 16, Nr. LXXVI. (S. 343–354)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj016/ar016076

LXXVI. Ueber Seiden-Raupenzucht132).

Ein Aufsaz in Gill's technical Repository, Januar 1825. Seite 34 über die Fortpflanzung der Seiden-Raupen und über Seidengewinnung von denselben in England veranläßt uns, einige Worte über diesen bei uns in Deutschland so sehr vernachlässigten Industriezweig hier niederzuschreiben. Sie werden von clamantis in deserto, eine Stimme in der Wüste seyn; dieß soll uns aber eben so wenig in unseren Predigten hindern, als der heilige Antonius von Padua, welcher bekanntlich den Fischen eine lange Reihe von Predigten hielt, sich dadurch in seinem heiligen Eifer erkalten ließ, daß die Fische während der Predigt das Maul aufrissen, und nach der Predigt wieder untertauchten, und nach wie vor – Stokfische geblieben sind, wenn sie nämlich schon vorher zu dieser edlem Gattung von Fischen gehörten.

Oesterreich hat, seit Leopold I. unter Karl, Theresia und Joseph, unsterblichen Andenkens, Millionen auf Seiden-Raupenzucht gewendet. Unser unvergeßlicher Maximilian hat Tausende für unser Vaterland geopfert. So lang Friedrich's des Einzigen Geist noch in seinen Preußen lebte, trugen die Tausende, die die Kriegs- und Domänen-Kammer auf die Seiden-Raupenzucht wendete, wenigstens einiges Interesse: jezt ist Kapital |344| sammt Interessen aufgegeben. Aus diesen, in drei großen Staaten des mittleren Europa von Seiten der weisen Regierungen derselben gemachten Versuchen erhellt: daß Regierungen jeden weiteren Versuch, Seiden-Raupenzucht auf ihre Kosten zu treiben, sich ersparen können; nicht aber, daß Seiden-Raupenzucht in dem Klima dieser Länder nicht mit Vortheil von Privaten betrieben werden kann. Wer mit offenen Augen sieht, wie Kaiser und Könige und Regierungen überhaupt, selbst bei der kleinsten Unternehmung, die sie auf ihre Kosten zu betreiben gezwungen sind, – bedient werden, von dem Taglöhner an, der Steine zu einem Aerarial-Gebäude zusammen schleppt, bis zum Baumeister, und von diesem durch das ganze ABC hinauf bis zum Z-Meister; wer mit offenen Ohren die weltbekannten Sprüchlein: „der König kann schon zahlen“„es „geht auf Regimentskosten etc.“ tausendmal in sein Ohr krachen hörte, der wird, scheu gegen die Pöbelseelen in allen Klassen, denen ihr Bauch ihr Gott ist, die Regierungen segnen, die, so weise wie die englische, sich so wenig als möglich mit dem rein administrativen Theile des Finanzwesens befassen, und sich von ihren Unterthanen die Kapitalien jährlich bezahlen lassen, deren Zinsen sie durch eigene Administration kaum hereingebracht haben würden. „Man braucht den Unterthanen nichts zu geben; man kann ihnen sogar sehr viel nehmen“ sagte Colbert; „man muß sie aber nicht hindern, vorerst das zu gewinnen, was man ihnen später nehmen will; man muß sie gehen lassen in ihren Arbeiten.“ Wer immer die Seiden-Raupenzucht auf Kosten der Regierungen in irgend einem Lande einführen will, der hat ihr den Todesstoß gegeben, wo er sie in das Leben rufen wollte. Der edle Graf Zinzendorf that unter Leopold I. alles, was ein weiser Finanz-Minister zur Aufnahme der Seiden-Raupenzucht thun kann, und die von ihm geschriebene Vorrede zu der ersten in deutscher Sprache erschienenen Anleitung zur Wartung und Pflege der Maulbeerbäume und der Seiden-Raupen ist ein schönes Denkmal seines hellen Geistes und seines Biedersinnes, den er selbst an dem, ganz von Jesuiten geleiteten Hofe Leopolds I. zum Wohle seines Vaterlandes geltend zu machen den Muth hatte. Noch vor 30 Jahren standen Maulbeerbäume in einigen Vorstädten Wien's, |345| die vor 100 Jahren unter Zinzendorf's Finanz-Ministerium gepflanzt wurden, dem heftigen Froste so vieler kalten Winter unter einem nördlichen Klima von 48°, und dem Staube einer ungepflasterten Hauptstadt trozend, in voller Jugendkraft; so wie auch jezt noch hier und da in Baiern Maulbeerbäume unter Maximilians weiser Regierung gepflanzt, sich hier und da an den Straßen, allen Winden ausgesezt, herrlich erhalten haben. Es mußte den Finanz-Ministern unter Maria Theresia leicht seyn, Zinzendorf's herrlich angefangenes Werk der Vollendung näher zu bringen; allein sie hatten Aufseher nöthig, die Pest aller Finanz-Verwaltungen. Wir haben Urkunden in den Händen gehabt, durch welche sich erweisen läßt, daß diese Aufseher den Landleuten, welchen die Regierung für jedes Pfund Coccons einen bestimmten Preis zugesichert hatte, und die dieselben für diesen Preis wagenvollweise brachten, erst einen Kreuzer, dann zwei, dann eben so viele Groschen abbrachen. Die Landleute führten noch immer wagenvollweise ihre Coccons zu; allein, als die Unverschämtheit dieser Niederträchtigen so weit ging, daß sie kaum mehr den 8ten Theil der Summe bezahlten, die die Regierung ausgesprochen hatte, und die sie derselben als dafür ausbezahlt verrechneten, dann hörten die armen Bauern auf, Maulbeerbäume zu pflanzen und Seidenraupen zu ziehen, und unter Joseph mußten die Seidenspinn-Mühlen, die die Regierung mit einem Kapitale von mehreren Hunderttausenden erbauen ließ, um einige hundert Gulden in Holzwerth verkauft werden. Ob es in Baiern, in Preußen auch so war; weiß ich nicht, in Oesterreich war es aber buchstäblich so. In Rußland wird der Seidenbau noch gegenwärtig auf Kosten der Regierung betrieben;133)allein in Rußland ist die bekannte Frage: sed quis custodiet ipsos custodes? durch eine Maschine gelöset, deren Name mit demselben Buchstaben anfängt, den wir in dem Namen der großen Katharina zu vorderst glänzen sehen, und der Direktor der Seiden-Plantagen ist ein Mann von militärischem und botanischem Ordnungs-Geiste, kein Finanzschreiber; er ist, zur Ehre unseres deutschen Vaterlandes, ein Deutscher edlen Stammes: Freiherr Marschall von Biederstein.

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Es wird manchem unserer Leser paradox scheinen, allein es ist darum doch nicht minder wahr, daß man die Seidenraupen in Deutschland weit leichter ziehen, und weit bessere und feinere Seide von denselben erhalten kann, als in Italien. Es ist allgemeine Thatsache, daß die Seide, welche im nördlichen China und Japan gezogen wird, weit feiner und besser ist als diejenige, welche in den südlichen Provinzen dieser Länder erhalten wird, so wie die piemontesische Seide die beste unter den italienischen ist. Die Blätter des Maulbeerbaumes werden in den nördlicheren Klimaten nicht so stark, (nicht so grob, dürfen wir sagen,) wie in den wärmeren südlichen, und es ist begreiflich, wie die Seide im Verhältnisse zu dem Nahrungsmittel stehen muß. Abgesehen von diesem wichtigen Vortheile hat der Deutsche vor dem Italiener den nicht zu berechnenden Vorsprung voraus, daß bei ihm die Zeit der Wartung und Pflege der Seidenraupe gerade in jene Monate fällt, wo er auf seinen Feldern und in seinen Gärten wenig oder gar nichts zu thun hat: nämlich Ende Mai's und den Junius über, wo er in einigen Ländern beinahe müssig ist, einen Feiertag um den anderen hat, wallfahrten läuft etc., während für den Italiener und Franzosen die Arbeit mit den Seidenraupen gerade in jene Zeit fällt, wo er mit Feld- und Gartenarbeiten überhäuft ist. In Italien mißlingt die Seiden-Ernte oft durch kühle Witterung, indem man in diesem Lande den Gebrauch unserer Oefen nicht kennt und dieselben, wegen des hohen Preises des Holzes, wohl auch nicht mit Vortheil gebrauchen kann; bei uns kann man den Seidenraupen mit einigen Stükchen Holz in dem Ofen von ihrem Auskriechen an bis zu dem Einspinnen immer dieselbe gleichförmige Temperatur von + 20 bis + 22 R. verschaffen, die Witterung mag so ungünstig seyn, wie sie immer will. Bei uns vertroknen die Blätter, wenn man einen Vorrath derselben wegen drohender Landregen abschneiden muß, nicht so schnell, wie in dem wärmern Italien; sie lassen sich länger frisch und genießbar für die Raupen erhalten.

Die Schwierigkeiten, mit welchen wir bei der Seiden-Raupenzucht zu kämpfen haben, liegen lediglich in unserer Unwissenheit, in unserer Faulheit, und in der Eigenheit unserer guten Landsleute, ernten zu wollen, ohne gesäet zu haben. Wir wissen |347| aus Erfahrung, daß diese Schwierigkeiten leichter zu besiegen sind, als man glaubt, wo man anders will, daß sie besiegt werden sollen. Wir kannten zwei Fräulein zu Wien, (die Töchter des berühmten Hofrathes an der obersten Justizstelle, von Froidevaux, dem Oesterreichs Kultur so viel zu danken hätte haben können, wenn es beliebt hätte,) welche mit Beihülfe von 8 bis 10 Kindern in ihrer Nachbarschaft, denen sie eine kleine Belohnung reichten, sich jährl. zwischen 5–600 Gulden so zu sagen spielend und als Unterhaltung mit Seiden-Raupenzucht verdienten. Jeder Bauer könnte im Durchschnitte sich 60–80 fl. jährlich durch Seiden-Raupenzucht spielend erwerben, und wollte er die Sache etwas im Großen treiben, eben so leicht 2–300 fl. Von wem soll aber unser Bauer die wenigen und einfachen Kunstgriffe, worauf es hierbei ankommt, lernen? Der Schullehrer weiß nichts davon; der Pfarrer in der Regel noch weniger, als der Schullehrer, wenigstens in katholischen Dörfern. Würde unser Landschulen-Unterricht zwekmäßiger eingerichtet; würden, statt so vieler Firlefanzereien, mit welchen die Landschuljugend geplagt und um Verstand134)und Sittlichkeit zugleich gebracht wird, derselben einfacher und zwekmäßiger Unterricht in Wartung und Pflege der Hausthiere, der Garten- und Feldgewächse, der Obst- und Forstbäume ertheilt; erhielten sie Unterricht im Neugeln und Pfropfen, wozu nicht mehr Geschiklichkeit gehört als zum Federnschneiden; lehrte man sie nur die Elemente der Bienenzucht und der Seiden-Raupenzucht; wie ganz anders würde es im Lande in kurzer Zeit aussehen. Es ist nichts leichter als Maulbeerbäume zu ziehen, zumahl, wo man sie in Heken zieht. Wieviel Holz und Zeit geht nicht jährlich durch unsere einfältigen hölzernen Zäune, und wieviel Land und wieviel Ertrag geht nicht durch die schlecht gewählten lebendigen Zäune aus Schlehen, Weinschädling, Weißdorn oder gar aus geschnittenen Fichten zu Grunde, die wahre Mistbeete für Insekten sind, und die so vortheilhaft durch Maulbeer-Heken ersezt werden könnten, verloren! Bis man indessen in irgend einem Dorfe Maulbeerblätter genug |348| haben wird, um die Seiden-Raupenzucht mit einigem Vortheile zu treiben, wird man im Kleinen, mit einigen Hunderten von Raupen, die Lebensweise und die Behandlung dieser Thiere kennen lernen können. Der seelige Exbenediktiner Candidus Huber, der die bekannten Holzbibliotheken verfertigte, der soviel in Baiern von P. Frank und Comp. in den Zeiten des Obskurantismus zu leiden hatte, und erst unter der gegenwärtigen Regierung in sein Vaterland zurükkehren konnte, zog jährlich, seit seiner Rükkehr nach Baiern, auf seinem Asyl zu Stahlwang einige Duzend Seidenraupen zu seiner Unterhaltung: er doch die Eier dieser nüzlichen Thiere mehreren seiner Amtsbrüder an, ohne daß sein Beispiel sie zur Nachahmung hätte reizen können. Man muß klein anfangen, um groß aufhören zu können. Man muß erst Futter für die Raupen haben, ehe man dieselben ziehen will, und dieß ist es leider, was man weder begreifen, noch thun will; um so weniger, als die Maulbeerbäume nicht unter die sehr schnellwüchsigen Bäume gehören, und man von denselben, bis sie nicht sehr alt sind, nichts als die Blätter brauchen kann. Man muß nicht vergessen, daß man für 20,000 Raupen (die beiläufig 4 Pfund Seide geben,) 5 Zentner Maulbeerblätter braucht.

Die Wartung und Pflege der Raupen selbst unterliegt beinahe keinen Schwierigkeiten, die von unserer nördlichen Lage abhiengen; vielmehr haben wir derselben, wie wir oben bemerkten, weniger, als in Italien und im südlichen Frankreich. Die Gränzen dieser Blätter sind zu beschränkt, um eine kurze Anleitung zur Wartung der Seidenraupen zu geben, obschon man dieselbe, wenn man nicht mit Bekämpfung von Vorurtheilen aller Art zu thun hätte, füglich auf Einen Bogen bringen könnte. Wir wollen indessen hier eine Methode zur Reinigung der Seidenraupen, an welcher so unendlich viel gelegen ist, angeben, die wir, aus Erfahrung, als höchst bequem und vortheilhaft empfehlen können, und deren wir in keiner der vielen Schriften über Seiden-Raupenzucht erwähnt gefunden haben. Wir sahen sie zuerst bei den oben erwähnten Fräulein von Froidevaux vor 30 Jahren zu Wien, und sie besteht in folgendem einfachen Verfahren. Man verfertigt ein Nez von der Länge und Breite der Tafeln, auf welchen man die Seidenraupen |349| hält, aus starken groben Garne: die Maschen dieses Nezes müssen so weit seyn, daß die Raupen leicht durch dieselben durchkriechen können. Wenn man es nothwendig findet, die Raupen von ihrem Unrathe zu befreien, und auf eine neue reine Tafel zu bringen, so legt man obiges Nez über die Raupen, (nachdem diese ihr Futter aufgezehrt haben) auf der zu reinigenden Tafel hin, und bestreut dasselbe, wie bei der gewöhnlichen Fütterung, mit frischen Blättern. In wenigen Stunden werden die Raupen alle durch die Maschen des Nezes durchgekrochen seyn, und auf dem frischen Futter liegen. Man hebt nun das Nez, dasselbe an den Enden und in der Mitte fassend, von der alten Tafel auf die neue über, und man wird alle Raupen, bis auf einige wenige, mit einem Male von einer Tafel auf die andere gebracht, und zugleich auf die bequemste Weise gereiniget haben. Wer die Mühseligkeiten und die Nachtheile der gewöhnlichen Reinigungsmethoden kennt, wird diesem Verfahren seinen Beifall nicht versagen, zumahl, wenn er dasselbe einmal versucht haben wird.

Eine der größten Schwierigkeiten bei der Seidenzucht für uns Deutsche ist das Abhaspeln der Seide von den Coccons, und die weitere Bearbeitung der dadurch gewonnenen rohen Seide zur sogenannten Organsin- und Thrammseide. Ersteres erfordert zwar nur eine höchst einfache Maschine, welche nöthigen Falles jeder Wagner in einem Dorfe verfertigen könnte; allein diese einfache Maschine fordert sehr geschikte und geübte Hände, ein scharfes und geübtes Auge, und überhaupt eine Gewandtheit, die nur die Frucht vieljähriger Uebung und Erfahrung seyn kann. Die wahre Güte der rohen Seide hängt vorzüglich von dieser ersten Operation ab, durch welche sie, je nachdem sie in mehr oder minder geübte Hände gerieth, von 5 bis 20 per Cent, an Werth gewinnen und verlieren kann. Es gibt in Italien, vorzüglich in Piemont, Frauenzimmer (denn diese Arbeit ist lediglich nur eine Frauenzimmer-Arbeit), die in dieser Kunst so berühmt sind, daß eine Strähne Seide, deren Gebinde mit ihrem Siegel versehen ist, um 10 und mehr Franken mehr gilt. Wenn bei uns jemals die Seidenzucht empor kommen sollte, so müßte man vor Allem suchen, solche Abwinderinnen aus Italien nach Deutschland zu ziehen, und zu diesen unsere Mädchen |350| in die Schule schiken, oder man müßte einige unserer Landsmänninnen nach Italien schiken, um dort diese Kunst zu lernen.

Wenn diese Vorarbeit der Seidenspinnerei schon mit solchen Schwierigkeiten für uns verbunden ist, so unterliegt die Seidenspinnerei selbst, die Verfertigung der Organsin- und Trammseide, noch weit größeren. Auch hier bedürfen wir hier nicht bloß geübter ausländischer Künstler zur Verfertigung und Bedienung der äußerst zusammengesezten sogenannten Seiden-Mählen, sondern wir brauchen Landsleute, die 50, 60, 70 Tausend Gulden aufwenden, die zur Errichtung einer solchen Mühle nothwendig sind.135)Es ist offenbar, daß man solche Capitalien nur dann erst wagen kann, wenn man auf der einen Seite eines hinlänglichen Vorrathes an Rohseide und auf der anderen Seite eines Einfuhr-Verbothes fremder Seidenwaaren, wie in Oesterreich, sicher ist. In England, wo jeder Zweig des Maschinen-Wesens den höchsten Grad der Vollkommenheit erreicht hat, konnte man wohl seine Capitalien mit Vortheil darauf verwenden. Rohseide in Italien zu kaufen, und diese in England auf den auf den höchsten Grad von Vollkommenheit gebrachten Seiden-Spinnmühlen organsiniren zu lassen, um den Italienern selbst wieder wohlfeiler zu verkaufen, als sie sich dieselbe selbst nicht liefern können: doch, was in England im Fabrikwesen geschieht, kann bei uns nicht als Norm dienen.

Wir wollen nun aus obenerwähnter Abhandlung des Hrn. Gill einige Stellen ausheben, und beleuchten. Hr. Gill beginnt dieselbe mit einem Schreiben des Hrn. Daines Barrington an Hrn. Sam. More, Secretär der Society for the Encouragement of Arts etc. Hr. Barrington, der so, wie viele englische Naturhistoriker, eine wahre Glaubens-Dampfmaschine ist, die mit einer Kraft von mehr dann 100 Pferden alles ruhig forttreibt, was man ihr zu glauben aufbürdet, sagt, nach dem päpstlichen alten Malpighi, „daß Donnerwetter den Seiden-Raupen |351| nachtheilig seyn sollen.“ Ich hatte eines Tages, um zu sehen, ob es möglich ist, zu Wien, wie in Japan, Seidenraupen im Freien zu ziehen, 300 Seidenraupen auf zwei Maulbeerbäume gebracht. Es war 10 Uhr Morgens, und sehr warm. Um 2 Uhr Nachmittags brach ein Gewitter mit einem Wolkenbruche und Hagel aus, wie man seit langer Zeit keinen gesehen hat. Ich hielt natürlich meinen Versuch für ganz verunglükt, ging jedoch, wie das Gewitter vorüber war, zu meinen Bäumen, um zu sehen, was aus meinen Unglükskindern geworden ist. Wie groß war mein Erstaunen, als ich auch nicht eine Raupe auf der Erde erblikte; denn ich sah zuerst auf diese, da ich glaubte sie müßten alle herabgewaschen worden seyn. Das Wasser hat sie weggewaschen, sagte der Gärtner; sehen sie nur wie es die Erde um die Wurzeln weggeschwemmt hat. Mit einer Art von Wehmuth blikte ich, unter meinen Bäumen stehend, in die Höhe, und sah die schönen weißen Raupen munter und wohlerhalten an der unteren Fläche der Blätter umher kriechen. Die Thierchen waren nicht länger als 4 Stunden auf einem Baume im Freien, und hatten bereits gelernt, daß sie, wenn es regnet, sich nur an die untere Seite des Blattes begeben dürfen, um gegen den Regen sicher zu seyn: sie waren, so lang die Blätter oben naß waren, an der unteren Seite. Ich zählte sie so beiläufig und konnte bald auf 200 und einige achtzig kommen; es sind gewiß nicht 10 abgefallen. Die folgenden Tage war die Witterung sehr schön: allein, schon am dritten Tage bemerkte ich, daß die Raupen sich wenigstens um ein Drittel vermindert hatten, und ehe die Woche herum war, sah ich auch nicht eine einzige Raupe mehr auf den Bäumen. Es ist keine einzige herabgefallen; sie sind alle mit den Sperlingen davongeflogen, die sie fleißig hohlten. Dieser verunglükte Versuch beweißt wenigstens, (so wie viele Duzende mit meinen Seidenraupen glüklich überstandene Gewitter) daß die Seidenraupen, wenigstens zu Wien, von Gewittern nichts zu befahren haben: zu Rom mag es vielleicht lauter donnern, oder blizen, weil man dort die Schlüssel zum Himmel hat. Aliud est praxin exercere Romae, aliud in Aegypto. Es scheint, nach obigem Versuche, daß, wenn man die Maulbeerbäume in Heken, reihenweise, nur 6 Fuß hoch in Gevierten ziehen würde, die man bequem |352| mit einem Neze, wie die größeren Vogelhäuser in Lustgärten, überziehen könnte, damit die Vögel nicht zu den Raupen gelangen, diese bei uns so gut als in dem nördlichen China und Japan im Freien gezogen werden könnten. Um diese vor den Ameisen zu sichern, die ihnen eben so gefährlich sind, wie die Vögel, dürfte man nur jeden Maulbeer-Stamm eine Spanne über seiner Wurzel mit einem Bändchen umbinden, welches man in Queksilber-Salbe getaucht hat. Ueber dieses in Queksilber getauchte Bändchen steigt sicher keine Ameise, und überhaupt kein lebendes Insect, indem Queksilber-Salbe das wohlfeilste und sicherste Mittel ist, Insecten zu verscheuchen.

Hr. Barrington erzählt, wie König Jakob I. sich es sehr angelegen seyn ließ, Seiden-Raupenzucht in England, nach dem Beispiele Heinrichs IV. in Frankreich, einzuführen: allein, seine Regierung fiel bekanntlich in eine zu unglükliche Zeit, als daß seine gutgemeinten Proclamationen, in welchen er zur Pflanzung der Maulbeerbäume einlud, den erwünschten Erfolg hätten haben können. Karls I. Bemühungen, die Engländer zur Seiden-Raupenzucht zu vermögen, konnten, aus denselben Gründen, wie unter Jakob I., keines glüklicheren Erfolges sich freuen.

Hr. Barrington bemerkt, daß man die Maulbeer-Bäume mit weißen Früchten jenen mit rothen vorzieht; daß aber Swinburn in seinen Reisen durch Calabrien erzählt, man zöge daselbst die Maulbeer-Bäume mit rothen Früchten vor, weil sie um 10 Tage später ausschlügen, und weniger vom Froste zu leiden hätten. – Dieß mag in Calabrien der Fall seyn, bei uns ist es nicht so: bei uns bewährt sich der weiße Maulbeer-Baum ganz nach dem Beinahmen, den Plinius ihm gegeben hat: arbor sapicus; er schlägt nie aus, bis die Gefahr vor Reifen vorüber ist. Reife schaden bei uns dem Maulbeerbaume nie, wenn gleich die Spizen seiner Zweige, wenn sie im vorausgegangenen kalten Nach-Sommer oder Herbste ihr Holz nicht gehörig ausreifen konnten, in strengen Wintern bei uns erfrieren. Hr. Barrington sagt, nach Scott, in Chambers's Dictionary daß man in Persien die Seidenraupen mit den Blättern des schwarzen Maulbeerbaumes füttert. Die Seidenraupen fressen allerdings die Blätter desselben; allein die |353| Seide, die sie dann spinnen, ist um so viel gröber, als das Blatt des schwarzen Maulbeerbaumes gröber ist, als das des weißen. Er dringt darauf, Surrogate für die Maulbeerblätter aufzufinden, und empfiehlt in dieser Hinsicht Salat-Blätter (Littuce, Lactuca sativa). Allein es geht bei diesen Surrogaten, wie bei den Kaffee-Surrogaten: Gerste und Kichern und Astragalus sind darum, daß, sie wie Kaffee gebrannt und getrunken werden, noch kein Kaffee.

Hr. Barrington geht von dem sehr richtigen Grundsaze aus, daß, da China das Land ist, in welchem man seit undenklichen Zeiten die größte Menge Seide zieht, man sich so genau als möglich an die Art und Weise, nach welcher die Seidenraupen dort gewartet werden, halten müsse. Allein, er geht in seinem frommen Glauben so weit, daß er uns mit dem bekannten Lügner, dem Jesuiten du Halde, erzählt: „daß die Seidenraupen, wenn sie jung sind, durch das Bellen der Hunde und das Krähen der Hähne sehr leiden.“ Er führt auch die Zeugnisse anderer Jesuiten hierüber an. Wie sehr uns aber die Jesuiten, so wie in hundert anderen Rüksichten, so auch in Bezug auf die Seidenraupen ganz besonders betrogen haben, erhellt unter anderen aus der Vorrede des unsterblichen Grafen von Zinzendorf zu dem oben erwähnten Werke, in welcher er erzählt, wie die Jesuiten, die in China waren, ihm die Entstehung der Seidenraupen erklärten. Man füttert, sagen diese Lügenväter, eine trächtige Kuh während ihrer ganzen Trachtzeit, und solang das Kalb an derselben saugt, mit Maulbeerblättern. Das Kalb wird sodann geschlachtet, und mit Haut und Haar zu einer Wurstmasse gehauen. Diese Wurstmasse gibt man in eine Kiste, und stellt sie auf den Boden des Hauses unter dem Dache. In wenigen Tagen werden sich Maden in derselben zeigen, und diese Maden sind – Seidenraupen. Dieß war die Nachricht, die die frommen Väter einem Finanz-Minister gaben, der seinem Lande die Wohlthat der Seidenraupenzucht verschassen wollte. Wie falsch du Halde's oben angeführte Angabe ist, erhellt aus folgenden Erfahrungen. Ich zog zu Wien durch 3 Jahre, bloß zu meiner Unterhaltung, in meinem Studierzimmer, jährlich so viel Seidenraupen, daß ich mir aus der spielend gewonnen Seide jährlich 2 Paare seidene Strümpfe und ein seidenes |354| Tricot-Beinkleid konnte verfertigen lassen. In meinem Studier-Zimmer waren meine 3 Hunde, die oft fürchterlich zusammenbellten. Meine seel. Frau, die auch mit Seidenraupen sich unterhielt, hatte die ihrigen in einem dicht an der Küche befindlichem Nebenzimmer, wo man unsern kleinen Vorrath an jungen Hähnen stündlich krähen hörte; weder das Krähen der Hähne, noch das Bellen der Hunde störte die Raupen. Noch mehr: Vor unserem Fenster exercirten die Bataillons der Garnison im Feuer. Die Seidenraupen blieben ungestört bei dem Krachen des Bataillons-Feuers. Ob Hr. Barrington sich nicht von den leichtgläubigen Seeleuten eben so gut, wie von du Halde, täuschen ließ, wenn er erzählt, daß die Hummern durch den Kanonen-Donner der Schiffe getödtet werden, (ein Umstand, den er für du Halde's Lüge anführt) müßte noch neueren Versuchen unterzogen werden. Man schrieb so oft, daß die Seidenraupen keinen Rauch vertragen können. Ich habe das Unglük Tabak rauchen zu müssen, wann ich schreibe; die Seidenraupen, die ich in meiner Studier-Stube zog, fanden sich oft in einer Wolke von Tabakrauch eingehüllt, zumahl wenn ein oder der andere Freund, der dieselbe üble Gewohnheit mit mir theilte, mich besuchte: die Seidenraupen litten nicht im Mindesten von diesem Rauche.

Vergleiche polyt. Journal, Bd. XI. S. 479. D.

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Polyt. Journal Bd. XI. S. 480. D.

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In einem Circulare an die Schul-Inspektoren in ** von einem gewissen Hrn. N–r. wird es denselben vorzüglich aufgetragen „ja nicht den Verstand ausbilden zu wollen.“

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Man vergl. hiemit die Abhandlung „Verbesserungen im Spinnen und Zwirnen der Seide zu Nähe-Seide, Organsin-Seide, Bergam-Seide und allen Arten von Seide, zu welchen diese Verbesserungen brauchbar sind, von Hrn. Badnall. Mit Abbildungen, Polyt. Journal. Bd. XIII. Seite 320. D.

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