Titel: Gray, über den Bau der Perlen etc.
Autor: Gray, Johann Edw.
Fischer, J. B.
Fundstelle: 1825, Band 16, Nr. LXXIX. (S. 360–365)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj016/ar016079

LXXIX. Ueber den Bau der Perlen, und über das Verfahren der Chinesen, dieselben in bedeutender Größe und regelmäßiger Gestalt zu erzeugen. Von Johann Edw. Gray, M. Q. S.

Aus den Annales of Philosophy, January, 1825, S. 27. Uebersezt von I. B. Fischer, M. C.

Perlen sind nichts anderes, als der innere perlenartige Ueberzug der Muschel, welcher, durch irgend eine äußere Ursache, eine kugeligte Gestalt angenommen hat; sie sind, so wie die Muschel, aus concentrischen Lagen, die aus senkrechten Fasern bestehen, zusammengesezt; zerbrochen zeigen sie daher concentrische Ringe und strahlige Fasern von einem Central-Kerne aus, der gewöhnlich in einem Sandkorne oder in einem andern Körper |361| besteht, welcher das Thier gereizt hat. Wenn eine Perle einmahl gebildet ist, so vergrößert das Thier ihren Umfang beständig durch Ansezung frischer Lagen, die vielleicht an der Perle mit größerer Schnelligkeit, als an dem Reste der Muschel abgesezt werden, so wie die Hervorragung eine Quelle des Reizes bleibt.

Die Perlen haben gewöhnlich die Farbe desjenigen Theiles der Muschel, an dem sie angeheftet sind. Ich habe von ihnen weiße, rosenrothe, purpurfarbige143)und schwarze gesehen, und sie sollen manchmal von grüner Farbe vorkommen; sie werden auch zweifärbig gefunden, d.i. weiß mit einem dunklen Kerne; dieß rührt von ihrer ersten Bildung an dem dunklen Rande der Muschel her, ehe er mit dem weißen und perlenartigen Ueberzuge des Mittelfeldes bedekt wird, was, wenn dieser über sie und den Rand ausgebreitet wird, ihnen dieses Ansehen giebt.

In Hinsicht auf Durchscheinenheit sind die Perlen sehr verschieden. Die fleischfarbigen sind am meisten durchscheinend, und stimmen in diesem Umstande mit dem innern Ueberzuge der Muschel überein, aus dem sie gebildet werden; denn diese Perlen erzeugen sich nur in den Pinnae, die innen fleischfarbig und halbdurchscheinend sind; die schwarzen und purpurrothen Exemplare sind im Allgemeinen mehr oder weniger undurchsichtig.

Ihr Glanz, den man von dem Zurükwerfen des Lichts von ihrer eigenthümlichen Oberfläche gemäß der sonderbaren Vertheilung ihrer Fasern, und von ihrer Halbdurchscheinenheit und Gestalt ableitet, hängt im hohen Grade von der Gleichförmigkeit ihres Gefüges und der Farbe der concentrischen Lagen ab, aus denen sie bestehen. Daß dieser ihr Glanz von ihren strahligen Fasern abhängt, läßt sich deutlich durch die Ungleichheit des Glanzes der „Columbischen Perlen“ beweisen, die aus dem |362| diken Theilen nahe am Schlosse der Perlenauster, Avicula margaritifera,144)geschnitten werden, so daß sie wie die Muschel aus queren Platten bestehen, und folglich eine Glanzfläche auf einer Seite, die gewöhnlich flach ist, darbiethen, und von strahlenden concentrischen Gürteln überall umgeben sind, welche die Stellen der anderen Flächen ersezen, statt des gleichen schönen sanften Glanzes der echten Perlen.

Als ich vor einiger Zeit die Muscheln im britischen Museum untersuchte, beobachtete ich ein Exemplar von Barbala plicata 145)mit mehrern sehr reinen regelmäßig gebildeten halbkreisförmigen Perlen von ungemein schönem Wasser, und als ich mich zu dieser herrlichen Sammlung von Perlen wandte, fand ich mehrere Bruchstüke der nähmlichen Muschel mit ähnlichen Perlen, und bei aufmerksamer Untersuchung einer derselben, die in die Quere zerbrochen war, bemerkte ich, daß sie aus einem diken Ueberzuge von mehreren concentrischen Platten über einem Stüke Perlmutter gebildet war, das in eine flach gewölbte Form roh zugeschliffen war, wie die Oberfläche eines Perlmutterknopfes. Bei Untersuchung der anderen Perlen zeigte es sich, daß sie alle nach dem nähmlichen Plane gebildet waren. An einer oder zwei Stellen, wo die Perle zerstört oder ausgeschnitten worden war, fand sich auf der Innenseite der Muschel eine cirkelförmige Höhlung mit flachem Grunde, ungefähr von der Tiefe |363| oder noch etwas weniger tief, als die Dike des Ueberzuges der Perlen, was deutlich beweißt, daß diese Perlmutter-Stüke eingebracht worden seyn müßten, als die Muscheln jünger und dünner waren; und die einzige Art, wie sie in diesen Theil der Muschel abgesezt worden seyn konnten, mußte bei ihrer Einbringung zwischen dem Blatte des Mantels und dem innern Ueberzuge der Schale seyn; denn sie konnten durchaus nicht in eine Höhlung in der Schale gebracht worden seyn, so wie dort nicht der leiseste Anschein irgend einer Verlezung in der Lage der Perlen an der Außenseite vorkam.

Seit diesen Beobachtungen machte ich den Versuch, einige ähnliche Perlmutterstüke, (die man jezt mit Recht so nennen kann,) in die Muschel von Anodon cygneus und Unio pictorum zu bringen, die ich wieder in ihre natürliche Lage zurük versezt hatte, und ich habe die Hoffnung, daß einige Personen, die mehr Gelegenheit haben, und durch ihre Lage mehr für den Zwek geeignet sind, diese Versuche, vorzüglich mit der Unio margaritifera, wiederhohlen werden. Ich fand die Einbringung der Grundlage der Perle mit sehr wenig Schwierigkeit, und, wie ich glauben möchte, mit wenig wirklichen Schmerzen für das Thier verbunden; denn es ist bloß nothwendig, daß die Schalen der Muschel sich in mäßiger Weite zu öffnen gezwungen, und mittelst eines Stiftes für wenige Secunden in dieser Lage erhalten werden, und daß die Grundlage zwischen den Mantel und die Muschel sogleich eingebracht werde, indem man erstem Theil leicht herunter dreht, und die Stüke in eine kleine Entfernung mittelst eines Stäbchens bringt, wo dann der Stift herausgezogen werden kann, und wo das Thier die Grundlage mittelst seines Fußes an einen schiklichen Plaz hineinbringt. Von 30 bis 40 Grundlagen, die ich auf diese Weise eingebracht hatte, wurden nur eine oder zwei wieder herausgestoßen, und von diesen möchte ich eben nicht glauben, daß sie hinlänglich weit eingebracht worden sind. In mehreren Muscheln, die ich hernach zerstörte, fand ich, daß die Grundlagen jedes Mahl in den hinteren Abhang der Muschel gebracht waren, wo auch die Perlen in der Barbala lagen.

Wenn dieser Plan gelingt, wie ich kaum zu bezweifeln geneigt bin, so werden wir im Stande seyn, jede Quantität |364| von so reinen Perlen zu erzeugen, als wir uns vom Auslande verschaffen können. Mein Grund zu glauben, daß diese Art, die Thiere der Süßwasser-Muscheln zur Erzeugung von Perlen zu zwingen, eine Erfindung der Chinesen146)ist, eines Volkes, das wegen seiner Betrügereien und Kunstgriffe berühmt wurde, stüzt sich darauf daß ich bei Durchsicht der Muschelsammlung des Hrn. G. Humphrey beobachtets, daß von einer Muschel dieser Species der zweiten vollkommenen, die ich gesehen habe) bemerkt war, sie sei aus China gekommen.

Dieser Plan ist gewiß dem von Linne und dem oben angeführten unbenannten Schriftsteller vorgeschlagenen bei weitem vorzuziehen, da die Perlen alle von regelmäßiger Form werden, und am besten zur Besezung taugen.

Wenn man diese Perlen aus der Muschel herausschneidet, ist es nöthig, daß die Muschel durchaus gespalten werde, so daß der Perlmutter-Knopf in seinem Plaze erhalten wird; denn wenn der Rüken entfernt würde, was der Fall seyn müßte, |365| wenn die Muschel nicht gänzlich durchschnitten würde, so fiele die Grundlage heraus, und die Perle würde sehr zerbrechlich seyn. Der einzige Einwurf, der gegen diese Perlen gemacht werden kann, ist der, daß ihre halbkreisförmigen und ungleich gefärbten Seiten sie untauglich machen, in Schnüre gereiht, oder auf eine andere Weise, außer zur Besezung gebraucht zu werden; allein dieser Fehler wird bei allen künstlich erzeugten Perlen147)Statt finden, da der Mantel nur eine Seite von ihnen bedeken kann; und die einzigen Perlen, die man in Schnüre reihen kann, waren die, welche in den Zellen eingebettet im Mantel des Thieres gefunden wurden. – Seit ich dieß schrieb, hat mir mein Freund, Hr. Children, eine Stelle in der Encyclopaedia Britannica V. VI. p. 477 gezeigt, in der es heißt: „Perlen werden auch durch ein anderes künstliches Verfahren erzeugt. Die Muschel wird mit großer Vorsicht geöffnet, um Verlezung des Thieres zu vermeiden, und ein kleiner Theil der äußeren Oberfläche der Muschel abgekrazt. An diesem Plaze wird ein kugeligtes Stük Perlmutter, von der Größe eines Schrotkornes angebracht. Dieß dient als Kern, an den sich die Perlenfeuchtigkeit absezt, und mit der Zeit eine Perle bildet. Versuche dieser Art wurden in Finnland gemacht, und in andern Gegenden wiederhohlt.“

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Ich kann mit Gewißheit den unbenannten Autor im Edinburgh Philosophical Journ. V. XXI. p. 44, welcher bemerkt, daß „in dem Britischen Museum eine berühmte fleischfarbige Perle ist oder war,“ berichten, daß dort nicht nur Eine ist, sondern drei von diesen Perlen sind, wie er sich selbst hätte überzeugen können; denn sie waren nur seit den lezten drei oder vier Jahren, so viel ich weiß, öffentlich zur Schau ausgestellt. A. d. O.

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Ich habe diese Muschel unter die Aviculae gesezt; denn, wenn sie jung ist, hat sie die Zähne von dieser Gattung; und ich habe ein altes Exemplar gesehen, das kaum mit Lamarks Cardo edentulus übereinstimmen wollte. A. d. O.

|362|

Diese Muschel wurde beschrieben und abgebildet von Dr. Leach in seinem Zoological Miscellany unter dem Nahmen Dipsas plicatus; allein der Nahme Dipsas ist schon für eine Gattung der Annulosa gebräuchlich. Ich habe deßwegen Hrn. Humphrey's Nahmen angenommen; Dr. Leach hat ihn in Appius plicatus umgeändert. – Es mag dieß wohl der Mytilus plicatus von Solander M. S. S. seyn, der von Dillwyn mit dem Mycilus dubius von Gmelin verwechselt wurde; aber die Perlen sind gewiß nicht „mit Stielen versehen“ so wie sie nach der Beschreibung im Portland Catalog pag. 59 in dieser Muschel seyn sollen. A. d. O.

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Wenn gleich von dem Verfahren der Chinesen, künstliche mit einen echten Ueberzuge versehene Perlen zu erzeugen, indem sie Schnüre von Perlmutterperlen in die geöffneten Schalen legen, bereits in Krüziß's Encyclopädie, fortgesezt durch H. G. Flörke im 108ten B. S. 552 nähere Erwähnung gemacht worden ist, so glaubt ich doch nicht, daß man diesem Verfahren hinsichtlich unserer inländischen Perlenfischereien einige Aufmerksamkeit geschenkt hat. Und doch verdienten diese unstreitig nähere Berüksichtigung, besonders da unter den europäischen Perlen die bairischen, vorzüglich die aus der Fig. nebst den schottländischen am meisten geschäzt werden. Denn mögen sie auch im Allgemeinen den Ost- und West- indischen an Reinheit und Größe bedeutend nachstehen, so könnte doch durch sie der inländische Bedarf für Perlen-Stikerei-Besezung und- Fassung wohl genügend gedekt, und so eine nicht unbedeutende Summe, die dafür als Tribut in's Ausland geht, erspart werden. Möchten daher Versuche in dieser Hinsicht bald angestellt, und möchte man nicht, falls auch die ersten mißlingen sollten, sogleich von ihrer weitern Fortsezung abgeschrekt werden! Daß aber bei Anstellung derselben vorzügliche Rüksicht auf den Bau der Muschel, auf das Leben ihres Bewohners und auf die junge Brut genommen werden müßte, ist einleuchtend, und fordert gewiß einige Kenntniß der Helminthologie, die aber leider Manchem, der die Perlenfischerei zu leiten hat, gänzlich zu fehlen scheint. A. d. Ueb.

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Da auch die echten Perlen sehr häufig in den Muscheln ganz lose gefunden werden, so läßt sich vermuthen, daß man durch das künstliche Verfahren auch ganz unversehrte Perlen, die dann auch wohl in Schnüren getragen werden könnten, erzeugen könnte, wenn nähmlich die Perlenmutterperlen auf den Fleischtheilen der Muschel zu liegen kämen, wo sie wegen der öfteren Bewegungen der Muskeln nicht anwachsen würden. (Siehe Krünis Encycl. B. 108. S. 552.) A. d. Ueb.

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