Titel: Faraday, über Räucherungen.
Autor: Faraday, Michael
Fundstelle: 1825, Band 16, Nr. LXXXI. (S. 368–373)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj016/ar016081

LXXXI. Ueber Räucherungen. Von Hrn. Faraday, F. R. S. etc.

Aus dem Quarterly Journal of Science, Literature and the Arts, im Repertory of Arts, Manufactures and Agriculture. November 1824, S. 348.

Ich wurde vor einigen Monathen zur Leitung und Oberaufsicht bei der Räucherung des allgemeinen Zuchthauses (general Penientiary) zu Millbank eingeladen. Während ich diese Arbeit |369| übernahm, drängten sich mir einige Vorsichts-Maßregeln und Einrichtungen auf, welche, wie ich vermuthete, vielleicht nicht ohne Nuzen für diejenigen seyn mögen, welche einst größere oder kleinere Gebäude durch Räucherung von allein Anstekungs-Stoffe zu reinigen haben.

Bei der Untersuchung eines Gebäudes, welches durch Räucherung gereinigt werden soll, ist es nothwendig die Größe der Oberfläche, welche den Anstekungs-Stoffen ausgesezt ist, so wie die Weite des Gebäudes zu berechnen. Wenn die Luft irgend eines Gebäudes mit Anstekungsstoff verunreinigt ist, so wird die Oberfläche der Wände etc. in dem Verhältnisse ihrer Größe, in dem Verhältnisse ihrer größeren oder geringeren Entfernung von der Quelle des Anstekungs-Stoffes, und gewisser Maßen auch nach Verschiedenheit der Natur desselben, mehr oder minder von demselben einsaugen.

Der ganze Bau des Strafhaufes war zu einer vollkommenen Räucherung geeignet; denn, obschon es sehr groß ist, so machte doch die Eintheilung desselben in viele kleinere Räume, wie Gänge, Stiegen, Thürme etc., welche beinahe alle mit Glasfenstern und Thüren geschlossen, und von einander abgeschieden werden konnten, die theilweise Anwendung der nochwendigen Mittel leicht und bequem.

Nachdem man sich für Räucherung mittelst Chlorine entschieden hatte, handelte es sich um die vorteilhafteste Methode der Anwendung derselben, und ich wünschte aus mehreren Gründen vielmehr eine abgemessene und anhaltende Entwiklung des reinigenden Stoffes, als eine plözliche und schnell wieder verschwindende. Auf diese lezte Weise würden die Arbeiter, obschon das ganze Gebäude auf ein Mahl, und wahrscheinlich auch kräftig genug, gefüllt geworden seyn würde, bedeutend gelitten haben, und die Wirkung würde bald verschwunden seyn, weil die übertünchten Wände das Mittel bald eingesogen haben würden, und dasselbe durch jene Oeffnungen in den verschiedenen Theilen des Gebäudes, welche durchaus nicht geschlossen werden konnten, entwichen seyn würde. Auf die erste Art hingegen, nach welcher das Mittel ununterbrochen angewendet wird, und dasselbe länger auf die Atmosphäre des Hauses |370| wirkt, können Betten, Kleider, und alles, was in den engen Räumen des Gefängnisses sich befindet, besser davon ergriffen und gereinigt werden, und das Mittel selbst kann vollkommener in jeden Theil des Hauses eindringen.

Die Materialien, die man anwendete, sind die gewöhnlich gebräuchlichen: nämlich: Kochsalz, gepülvertes Braunstein-Oxid und Vitriol-Oehl. Nach den Versuchen, welche ich mit diesen Materialien, so wie der Lieferant sie zur Räucherung schikte, anstellte, fand ich, daß eine Mischung aus Einem Gewichttheile gemeinen Kochsalzes und ebensoviel Braunstein-Oxides, auf welche man zwei Theile Vitriol-Oehl, das vorläufig mit einem Gewichttheile Wasser gemischt und stehen gelassen wurde, bis es erkaltete, wirken läßt, die besten Resultate lieferte. Diese Mischung entwikelte, bei einer Temperatur von 60° Fahrenh. (+ 12,44 Reaum.), keine Kochsalzsäure; in wenigen Minuten fieng sie an Chlorine zu entbinden, und dieß dauerte vier Tage lang fort. Als man sie am fünften Tage untersuchte und Hize auf dieselbe einwirken ließ, um alle Chlorine zu entwikeln: die sie zu liefern vermag, erhielt man nur mehr eine geringe Menge derselben. Man kann also annehmen, daß eine solche Mischung die Chlorine, wenn gleich langsam, doch vollkommen und ohne Anwendung von äußerer Hize entwikelt, und daher zur Räucherung im Großen sehr geeignet ist.

Die Gefäße, in welchen man diese Mischung macht, müssen flach seyn, und dürfen, der Kosten wegen, so wenig als möglich von Chlorine oder von Säuren angegriffen werden. Man brauchte zu Millbank die gemeinen rothen irdenen Schüsseln: denn, da man viele solche Geschirre auf ein Mahl nöthig hatte, so würde bessere Töpferwaare zu kostbar geworden seyn. Eine solche Schüssel hält ungefähr 4 Quarts.

Vor der Räucherung wurde das Salz ausgeschüttet, und die größeren Klumpen wurden mit einem hölzernen Hammel zerschlagen, so daß die ganze Salzmasse in Pulverform gebraucht werden konnte. Hierauf wurde ebensoviel Braunstein-Oxid. dem Gewichte nach, dem Salze beigemengt. Die Säure und das Wasser wurden in einer hölzernen Kufe gemengt; das Wasser ward zuerst hineingeschüttet, dann ungefähr die Hälfte |371| Säure zugesezt, und fleißig umgerührt. Nachdem die dadurch erzeugte Hize sich legte, was in einigen Stunden geschah, wurde die noch übrige Säure zugesezt, wie vorher gerührt, und die ganze Mischung zum Erkalten hingestellt. Die Arbeiter, die das Wasser mit der Säure zu mengen hatten, hatten den Auftrag, ehe mehr Säure als Wasser zu nehmen: 9 Maße auf 10 waren beinahe die erforderlichen Mengen: indessen hatten kleine Abweichungen hiervon nichts zu bedeuten. Nun wurden die Schüsseln gefüllt, in deren jede ungefähr 3 1/8 Pfund von obiger Mischung aus Salz und Braunstein gethan wurde, und in gehörigen Entfernungen in den Gängen vertheilt: Thüren und Fenster wurden vorläufig geschlossen, und alle Oeffnungen, durch welche etwas entweichen konnte, mit Matten oder Pelzen verhängt, vorzüglich die Schlüssellöcher, durch welche Zug Start hatte. Die verdünnte und kalt gewordene Säure wurde in Kannen oder Krüge gefüllt, und zu 4 1/2 Pfund auf jede Schüssel bemessen, worauf man die Mischung mit einem Stabe gehörig umrührte, und dann sich selbst überließ. Diese Arbeit hatte für denjenigen, der sie zu verrichten hatte, gar keine Unbequemlichkeit, außer wenn die Säure zu warm angewendet wurde. Man hatte Zeit genug von einer Schüssel zur anderen zu gehen, und die verschiedenen Gänge nach einander zu schließen. Wenn man wenige Minuten, nachdem ein Gang auf diese Weise behandelt wurde, in denselben trat, so konnte man sich von der Verbreitung der Chlorine in demselben deutlich überzeugen. Nach einer halben Stunde war es zuweilen unmöglich in einen solchen Gang zu treten, und häufig sah man, wenn man einen solchen (150 Fuß langen) Gang der Länge nach durchschaute, eine gelbliche Farbe in der Luft desselben. Bis zum fünften Tage konnte man den Geruch der Chlorine deutlich in dem Gebäude wahrnehmen. Nach dem sechsten Tage wurden die Schüsseln weggenommen, (obschon dieß zuweilen noch seine Schwierigkeiten hatte) um ausgeleert und anderswo verwendet zu werden: an dem geräucherten Orte wurden Fenster und Thüren geöffnet.

Man rechnete jede Schüssel auf ungefähr 1 Pfund Chlorine-Ertrag, oder 5 1/2 Kubik-Fuß. Die ganze Masse, die man verbrauchte, war 700 Pfund Kochsalz, 700 Pfund Braunstein-Oxid, |372| 1,400 Pfund Vitriol-Oehl. Der Raum, welcher durchgeräuchert werden mußte, betrug 2 Millionen Kubik-Fuß, und die Oberfläche der Wände, Deken, Fußböden etc., ohne Betten und Meubel etc., ungefähr 1,200,000 □ Fuß. Diese Oberfläche war großen Theils Ziegel und Stein, und größten Theils mit Kalk übertüncht. Es fanden sich hier 72 Gänge zu 150 Fuß Länge, Thürme, Stiegen, eine Kapelle etc., die noch ungefähr 13 Gänge betrugen. Die Zahl der Zimmer und Zellen war beinahe 1200.149)

Es war aus mehreren Gründen höchst wünschenswerth, daß dieses Haus auf die vollkommenste Weise durchgeräuchert würde, und man hat daher vielleicht mehr gethan, als nöthig gewesen wäre, um alle in demselben enthaltenen Miasmen zu zerstören. Das Verhältniß der entwikelten Chlorine zur Größe und Oberfläche des Hauses kann daher hier, als für den äußersten Fall hinreichend, erachtet werden; und, obschon hier das |373| äußerste Verhältnis mehr vermuthet als nach Regeln berechnet ist, so glaube ich doch, daß in jedem anderen gewöhnlichen Falle, wo Räucherung nöthig ist, die Hälfte oder ein Viertel dieser Menge von Chlorine hinreicht.

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Die hier gegebenen Gewichts-Maaße zur Chlorin-Entwiklung sind sehr gut gewählt, indessen entbindet sich neben der Chlorine doch noch immer etwas Salzsäure, die die Respiration stark belästigt, und sie kann nur da angewendet werden, wo man die zu reinigenden Gebäude oder Gemächer mehrere Tage entbehren kann. Dagegen ist der oxidirt-salzsaure Kalk, dessen Bereitung wir in Band III. S. 408 angegeben haben, ein treffliches Mittel, Wohnungen, ja selbst die Zimmer der Kranken, ohne daß diese dadurch belästigt werden, mit dem reinsten oxydirt-salzsauren Gas zu räuchern und zu reinigen. Zu diesem Behufe mengt man kleine Quantitäten troknen oxydirt salzsauren Kalk (Chlorin-Kalk) mit etwas übersaurem schwefelsaurem Kali und befeuchtet die Mischung mit ein wenig kaltem Wasser, wo sich das reinste oxydirt-salzsaure Gas nach und nach entwikelt. Statt des übersauren schwefelsauren Kali kann man auch sehr verdünnte Schwefelsäure nehmen: nähmlich auf einen Theil oxydirt salzsauren Kalk einen halben Theil konzentrirte Schwefelsäure, die man vorher mit 5 Theilen Wasser verdünnt, und dem oxydirt salzsauren Kalk nach und nach zusezt. Dieses Mittel wurde zu diesem Behufe von dem verdienten Apotheker, Ritter von Stahl in Augsburg zuerst in Anwendung gebracht, und der Medizinal-Rath Wetzler hat hierüber eine, aus vielen Erfahrungen hervorgegangene Drukschrift herausgegeben. Sie führt den Titel: „Ueber den Nuzen und Gebrauch des nach der Vorschritt des Hrn. Apothekers v. Stahl entwikelten oxydirt salzsauren Gases zur Reinigung der Luft und in Krankheiten. Augsburg, des Martin Engelbrecht. 1825. 8. Preis 24 Kreuzer. D.

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