Titel: Uebersicht der französischen Industrie.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1825, Band 16, Nr. XXXVI./Miszelle 4 (S. 131–132)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj016/mi016036_4

Uebersicht der französischen Industrie.

Im Bulletin N. 243 der Société pour l'Encouragement de l'Industrie nationale S. 263, wird eine Uebersicht über den gegenwärtigen Zustand der Manufacturen in Frankreich als Auszug aus dem Rapport du Jury de l'Exposition de 1823 gegeben. Wenn man auch nicht läugnen kann, daß hier, wie in franzosischen Berichten dieser Art gewöhnlich, etwas „viel Wort und Reden“ ist; daß seit den lezten 10 Jahren von Seite der Regierung selbst kaum ein Hundertel von dem geschah, was ehevor für Aufnahme der Industrie in Frankreich gethan wurde, wo es noch keine stolzen und einflußreichen Bettler in diesem Lande gab, die der Neid zwingt, den Wohlstand der Fabrikanten zu unterdrüken; so muß man doch gestehen, daß die Regierung im Ganzen wenigstens für Erhaltung des Bestandes der vorhandenen Fabriken durch strenges Verboth der Einfuhr ausländischer Fabrikate, und durch kräftiges Streben von der Industrie des Auslandes sich gänzlich unabhängig zu machen, sorgt. Der Bericht gibt den Ertrag der französischen Tuchfabriken, an jährlich erzeugten Tüchern, zu 150 Millionen Franken an, und sezt den Werth der Tücher von Elbeuf allein auf 36 Millionen Franken jährlich. Die Fabrikation der Shawls, die Ternaux so sehr gewekt und gefördert hat, bringt jezt in Paris allein jährlich an 24 Millionen in Umlauf. Baumwollen-Weberei ward in Frankreich erst unter Napoleon, im Anfange dieses Jahrhundertes, gegründet, und verbreitete sich von St. Quentin aus (in welcher kleinen Stadt, mitten unter den mörderischen Kriegen, die Bevölkerung vom Jahre 1803 bis zum J. 1818 um ein volles Viertel durch Baumwollen-Manufacturen zugenommen hat) über das Land. Die kleine Stadt Tarare liefert jezt jährlich für ungefähr 20 Millionen Franken Musseline. Im Departement Calvados beschäftigen sich allein 60 bis 70,000 Individuen mit Verfertigung der Spizen und mit Stiken. In der Nachbarschaft von Nancy allein arbeiten 12–13,000 Stikerinnen. Zu Lyon sind mehr als 2,000 Stühle mit Verfertigung der sogenannten Tülles beschäftigt. In den beiden kleinen Städtchen St. Etienne und St. Chamont werden jährlich für mehr als 30 Millionen Franken Bänder verfertigt. Zwei Fabriken zu Orleans führen jährlich für eine Million Franken sogenannte türkische Käppchen nach dem Oriente aus.

Es ist eben so erfreulich für den Menschenfreund, als ehrenvoll für die Société d'Encouragement, und lehrreich für diejenigen, die in Hinsicht der Förderungs-Mittel der Industrie noch etwas lernen können oder wollen: daß ein großer Theil der Fortschritte, welchen die franzosische Industrie seit 20 Jahren gemacht hat, lediglich den Bemühungen und dem Geiste der ehrwürdigen Männer zu verdanken ist, welche die Société d'Encouragement gründeten, unterhielten, und auf jene Achtung und Verehrung gebiethende |132| Stufe schoben, auf welcher sie gegenwärtig die Bewunderung und Nachahmung eines jeden Staates verdient, der seine Industrie fördern und erhalten will. Die Gesellschaft hat seit den zwanzig Jahren ihrer Existenz für die Industrie Frankreichs und des festen Landes überhaupt mehr geleistet, als mehrere Duzende gelehrter Corporationen unter allen Namen und Farben nicht geleistet haben: und, was gewiß sonderbar ist, diese Corporationen wurden von ihren Regierungen oft schwer bezahlt, daß sie etwas leisten sollten, während diese Gesellschaft ihr eigenes schweres Geld dafür hergibt, daß sie etwas leisten darf.

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