Titel: Preis-Aufgabe für denjenigen, der ein Material angeben wird, welches den Flintenkugeln am sichersten zu widerstehen vermag.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1825, Band 16, Nr. LXXXIV./Miszelle 2 (S. 392–393)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj016/mi016084_2

Preis-Aufgabe für denjenigen, der ein Material angeben wird, welches den Flintenkugeln am sichersten zu widerstehen vermag.

Der Kriegs-Minister Staats-Secretär wünscht dasjenige Material kennen zu lernen, welches den Flintenkugeln am sichersten zu widerstehen vermag, und hat daher beschlossen:

I. Demjenigen einen Preis von 5000 Franken zu ertheilen, welcher irgend ein Material oder einen Stoff liefert, der:

a) der Flinten-Kugel den kräftigsten Widerstand leistet, und auf einem □ Fuß Fläche nicht mehr dann 7 wiegt. Schwerer darf er durchaus nicht seyn, unter keiner Bedingung.

b) muß er sich bearbeiten und gehörig ausbäuchen, hohl schlagen (emboutir) lassen, ohne dadurch zu leiden, und seinen Widerstand auf eine bedeutende Weise zu verlieren.

c) darf er nicht höher zu stehen kommen, als gegärbter Stahl, und sich nicht leicht oxidiren.

Der Fabrikant, der den Preis erhält, darf auch, unter den zu bestimmenden Bedingungen, die erste Lieferung für die Armee übernehmen.

II. Die Preiswerber haben vor dem 1ten Julius 1825 an den General-Director der Artillerie (Directeur général de l'Artillerie) 5 Platten im Gevierte, jede Seite 12 Zoll lang, und mit dem Fabrik-Zeichen versehen, unfrankirt einzusenden.

III. Die zum Concurse eingesendeten Platten werden in den ersten zehn Tagen des Julius 1825 von einem Artillerie-Ausschusse geprüft werden. Die Fabrikanten können bei der Probe gegenwärtig seyn, oder ihre Commissäre dazu abordnen.

Die Probe wird in 5 Flinten-Schüssen auf jede Platte bestehen; die soviel möglich auf die Mitte und auf die vier Eken derselben gerichtet sind. Die Flinte hat französisches Caliber, und Kriegsladung, die aus einer Kugel von 7 Lin. 3 Punct. (19 auf das ℔) und 1/40 ℔ Schießpulver besteht.

Der Preis wird derjenigen Platte zuerkannt werden, die in der geringsten Entfernung unter 40 Meter dem Schusse widersteht. Der Fabrikant, welcher den Preis erhält, wird den von ihm angewendeten Stoff, und die Art der Zubereitung desselben bekannt machen152)

|392|

Wir müssen aufrichtig gestehen, daß wir diese Preisaufgabe anfangs für eine Mystification und für eine Satyre auf den militärischen Geist |393| der heutigen französischen Armee hielten; nur die Einrükung derselben in eine so achtbare Zeitschrift, wie der Bulletin de la Société d'Encouragement konnte uns Bürgschaft für den vollen Ernst dieser Preisaufgabe leisten. Wir glaubten bisher immer, daß Liebe für König und Vaterland, und Vertrauen auf den Feldherrn die einzige Aegide des Soldatens ist, und seyn darf, und wir Baiern glauben es alle noch bis zur Stunde, daß unsere Liebe für unseren König und Vater Max, unsere Vaterlandsliebe, unser Vertrauen auf Karl (den Freund des Helden, den wir verloren) uns schußfest macht. Ein Baier würde sich schämen, etwas auf dem Leibe zu tragen, das ihn gegen eine Flintenkugel schüzen soll, wo es für König und Vaterland unter Karl's Befehlen in die Schlacht geht. Was soll auch, um alles in der Welt, aus dem Soldaten werden, wenn er schußfest werden soll? Da wird er ja ein schändlicheres Wesen, als ein Marionetten-Männchen. Wenn die Flintenkugeln nicht mehr tödten werden, so wird es wieder zu Streitkolben und Streit-Axten kommen, und man wird wieder Mann gegen Mann fechten, wie im Mittel-Alter. Wir Deutsche werden bei dieser Art zu kriegen, falls sie wieder beliebt werden sollte, sicher nicht verlieren; allein, der Zwek, den man bei diesem Schußfestmachen zu haben scheint, Schonung des Menschen-Lebens, wird dadurch; sicher nicht erreicht werden; denn bekanntlich waren die Schlachten vor Erfindung der Flinten weit menschenwürgender, als sie es gegenwärtig sind, wo nicht selten Hundert-Tausende sich Tage lang becanonieren und beschießen, ohne daß auch nur der zwanzigste Theil der Kämpfenden fiele, während vor dem Gebrauche des Schießpulvers oft die beiden feindlichen Heere bis auf ein Viertel ihrer Maße aufgerieben wurden. Es ist nur zu wahr, was derjenige sagte, der da behauptete, daß die Kriege in dem Maße menschlicher werden, als die Kunst, die Menschen reihenweise hinzustreken, immer mehr vervollkommnet wird: denn dadurch werden die Kriege nicht bloß seltener, sondern auch mit mehr Behutsamkeit, mit mehr Taktik, geführt. Wir zweifeln nicht, daß dieser Preis von 5000 Franken gewonnen werden wird; wir zweifeln aber sehr, daß der Kriegsdienst, und folglich die Menschheit (die nicht aus lauter Philosophen besteht, die an die Möglichkeit des ewigen Friedens glauben) gewinnt, wenn diese Erfindung auch wirklich benuzt werden sollte. Oder sollten wirklich die Zeiten Pantagruel's wiederkehren, wo man mit Bratwürsten einhaut, und Klösse und Kuchen auf einander schießt? Dann mögen die Mönche für uns in das Feld ziehen; die Krieger können daheim bleiben. A. d. Ueb.

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: