Titel: Ueber die Wichtigkeit der Einfuhr der Schafe edler Race und ihrer Anzucht und Vermehrung in Frankreich
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1825, Band 17, Nr. LIII./Miszelle 20 (S. 257–258)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj017/mi017053_20

Ueber die Wichtigkeit der Einfuhr der Schafe edler Race und ihrer Anzucht und Vermehrung in Frankreich

hat Hr. Ternaux, der Aeltere, einen höchst interessanten Aufsatz im Bulletin de la Société d'Encouragement N. 248. S. 47. vorgelesen, in welchem er auf Colbert's Verdienste um die französischen Tuch- und Wollenzeug-Fabriken aufmerksam machte. Ungeachtet allen Geldaufwandes, den Colbert nicht sparte (denn Colbert war ein Finanzminister, der nicht blos wußte, daß 2 × 2 = 4 ist, worin das ganze Wissen manches unserer heutigen Finanzminister besteht; sondern der auchwußte, daß – 100 × – 100 = + 10000 ist; daß also ein Minus in der Staatskasse oft ein tausendfaches Plus im Staate gibt), waren doch die von ihm errichteten Fabriken in Gefahr, von den holländischen, die damals die ersten Fabriken in der Welt waren, erdrückt zu werden. Colbert's Genie besiegte seine Gegner durch eine Kriegslist, wenn man sie so nennen darf. Es gelang ihm, als die Fabriken zu Sedan alle auf dem Punkte waren, zu Grunde zu gehen, seinen König, Ludwig |258| XIV., dahin zu bringen, sich einen Jagd-Anzug aus Tuch von Sedan machen zu lassen, und diesen, als er zu Pferde stieg, um aus die Jagd zu reiten, seinen Höflingen mit der Aeußerung zu zeigen: „daß er denselben sehr hübsch fände.“ (qu'il trouvait cette étoffe jolie.“) Diese Worte aus des Königs Munde kleideten in wenigen Tagen alle Hofcavaliere in diese étoffe jolie, und in einigen Monaten war ganz Frankreich in diese étoffe jolie gesteckt. Die Verehrung und Liebe, mit welcher alle österreichischen Bürger unsere hochgefeierte Caroline (man darf wohl ohne Blasphemie sagen) anbeten, wurde gewiß nicht wenig dadurch entflammt, daß diese erlauchte Kaiserinn sich nur in österreichischen Fabrikaten ihren Unterthanen zeigt. So viel vermag ein Wort und das Beispiel weiser Fürsten über das Glück und die Liebe ihrer Völker. Hr. Ternaux klagt bitter, daß Frankreich weder eine hinreichende Menge Wolle für seine Fabriken, noch so feine Wolle, wie die sächsische und die mährische, besizt, obschon seine Wolle besser ist, als die spanische. Ein Kilogramm der feinsten spanischen Wolle ist zu Paris um 10 Francs leicht zu haben, während man schwerer die feinste französische Merinos-Wolle um 20, und die feinste sächsische Wolle noch schwerer um 30 Francs erhält. „Unsere Güterbesitzer“ sagt er „sind auf der einen Seite nicht aufgeklärt genug, und berechnen auf der andern Seite nur den Vortheil des Augenblikes, ohne in die Zukunft zu bliken.“ Hr. Ternaux findet (worin er sehr Recht hat) Frankreich mehr als jedes andere Land geeignet, die große englische Schafrace zu Wollenzeugen in seinen nördlichen, und die kleine feinwollige spanische in seinen südlichen Departements zu ziehen. Um sein Frankreich nicht mehr langer zinsbar für seine feine Wolle au Deutschland und England bleiben zu lassen, ließ er hundert der feinsten Schafe aus Sachsen und Schlesien kommen, und fordert seine Landsleute auf, seinem Beispiele zu folgen. Möchte auch Baiern einen solchen Ternaux für sein Vaterland finden, wie Würtemberg an dem edlen Freiherrn von Cotta bereits einen zweiten Ternaux gefunden hat, dessen Schafe zu den besten und feinsten Deutschlands gehören.

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