Titel: Fragen, unser Gewerbs- und Maschinenbau Wesen betreffend.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1825, Band 17, Nr. LIII./Miszelle 22 (S. 259–260)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj017/mi017053_22

Fragen, unser Gewerbs- und Maschinenbau Wesen betreffend.

Aus einem Schreiben an den Herausgeber.

Ich habe Ihr Journal seit seiner Entstehung gehalten und immer mit Vergnügen und Unterricht gelesen, und danke Ihnen für die Verbreitung nüßlicher Ideen auf das Herzlichste. Wenn auch unser Zeitalter so sehr mit Blindheit geschlagen seyn könnte, daß es sich, von Leuten, die mehr gehört und gelesen, als gesehen und gedacht haben, getäuscht, noch immer in einer Art von philanthropischem Freiheits-Schwindel für das unglükselige Zunftwesen und freie Einfuhr der Luxus-Artikel erklärte, während doch zwei der größten Philanthropen auf dem Throne, Joseph II. und Leopold II., deren Gesezbücher wohl manchem constitutionellen Staate, in jeder Hinsicht, als Muster dienen könnten, diese Krebse jeder Staatsverwaltung längst an den ihrigen weggeschnitten hatten (dieser in Toscana, jener in Oestreich) so läßt sich doch von unseren Nachkommen mehr Sehkraft erwarten.

Warum ich Ihnen aber eigentlich schreibe, ist dieß. Sagen Sie mir, woher kommt es, daß, wenn man bei uns irgend eine Kleinigkeit (ich will nicht von größeren Maschinen sprechen), nur die nächste beste Kleinigkeit sich will machen lassen, man dieselbe beinahe nie nach Wunsch erhält, und fast nie brauchen kann, obschon man sie gern zehn Mahl theurer bezahlt, als man sie anderswoher bekommen könnte? Ich habe dieß bei Handwerkern fast aller Klassen gefunden, und könnte Ihnen die lustigsten Copien zu manchen Ihrer Copien senden. Können Sie mir sagen, woher dieß kommt, und wie man unsern Handwerkern zu einer besseren Bildung helfen kann. Es scheint mir, wir fliegen zu hoch, oder, wenn Sie ein höchst niedriges Gleichniß nicht verargen, wir zäumen das Pferd beim Schweife auf.

Es läßt sich, so viel ist gewiß, ohne Maschinen nichts gut und nichts wohlfeil verfertigen, und es scheint mir, als ob man den Menschen noch tiefer erniedrigen wollte, als er ohnedieß bereits erniedrigt ist, wenn man das durch seine Hände arbeiten läßt, was man 10 Mahl besser und 100 Mahl wohlfeiler durch Maschinen haben kann. Woher kommt es aber, daß wir auf dem festen Lande, Frankreich und Holland mit eingerechnet, noch keine solchen Maschinen verfertigen können, wie die Engländer, die die Ausfuhr ihrer Maschinen verbieten, und daß die Maschinen-Fabriken in Frankreich und Holland, fast alle unter der Leitung ausgewanderter Engländer stehen?

Es scheint mir in der Erziehung, im Unterrichte, zu liegen, in der Sprache selbst, wenn Sie wollen. Die Engländer haben Mathematics, Mechanics; wir haben blos Mathematik, Mechanik in der einfachen Zahl. Und wie wird diese bei uns gelehrt! Und für wen! Wir können sagen, daß unsere Meister und Gesellen, um in der Zunftssprache zu sprechen, gar keinen Unterricht, gar keine Bildung |260| erhalten; und wie können wir von ihnen eine vollendete Arbeit erwarten?

Ich habe neulich gelesen, daß es nicht gut ist, wenn man die untere Klasse bildet, indem man sie dadurch unglücklich macht; und hier fiel mir jener Birmanen Schach ein, der seinen fleißigen Unterthanen die Hände abhauen ließ, damit sie nicht arbeiten, und nicht durch Arbeit wohlhabend, und vielleicht sogar reicher werden sollten, als seine Visirs. Wenn man aber die untere Klasse nicht bildet, woher soll man Arbeiter bekommen? Sollen die Doctoren, die höheren Staatsbeamten, die Cavaliere an der Schmiede-Esse stehen und Maschinen schmieden die man brauchen kann? Ich wünschte, daß Sie uns in einem gediegenen Aufsatze zeigten, wie wir auf dem festen Lande Arbeiter und Arbeiten erhalten können, die den englischen gleichen.74)

Ich bin etc.

|260|

Wir theilen dieses, uns aus einer höheren Hand zugekommene Schreiben zum Beweise mit, daß hie und da auch edlere Große sich für die Förderung der deutschen Industrie interessiren, und werden dem uns ertheilten ehrenvollen Auftrage nach Kräften zu entsprechen suchen. D.

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