Titel: Uebersicht der französischen Industrie. (Fortsez. von S. 115.)
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1825, Band 17, Nr. LIII./Miszelle 3 (S. 250–253)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj017/mi017053_3

Uebersicht der französischen Industrie. (Fortsez. von S. 115.)

Chemische Produkte. Die chemischen Künste entwickelten sich in Frankreich beinahe alle erst mit der Periode von 1780 bis 1790, wo die Chemie, als Wissenschaft, in Frankreich neu geschaffen wurde. Vor dieser Zeit bezog Frankreich beinahe alles, was es für seine Färbereien, Glashütten, Seifensiedereien etc. brauchte, aus dem Auslande: baute zu Tage kann es das Ausland damit versehen.

Soda-Erzeugung durch Zersezung des Kohlensalzes versuchte zuerst |251| der Hr. Leblanc im Großen: sein Reverberir-Ofen hatte aber noch nicht die gehörige Form, die erst Hr. Darcet demselben gegeben hat, und seit dieser Zeit ist die Bereitung künstlicher Soda (soude artificielle) ein allgemeines Gewerbe in Frankreich. Die schönen Spiegel von Saint-Gobain waren schon im J. 1806 aus dieser Soda, die jezt in Frankreich überall statt der natürlichen gebraucht wird. Die HHn. Chaptal, d. Sohn, Darcet und Holker verfertigen auf ihrer Fabrik zu Thernes, bei Paris, vortreffliche Soda aus Meersalz: täglich 200 Ctr. Zu Dienze, Dptt. d. l. Meurthe benüzt man zu eben diesem Zweke die Rükstände der dortigen Salzsiedereien, die ehevor weggeworfen wurden. Die HHn. Dubruel zu Poissy, und Callet, Sohn, zu Choisy-le-Roi verfertigen gleichfalls Soda neben anderen chemischen Produkten.

Alaun wird in Frankreich noch nicht genug und noch nicht gut genug verfertigt: es wird jährlich noch viel eingeführt. Die HHn. Roard und Thenard lehrten indessen schon seit 1806, daß man durch wiederholte Krystallisationen den Alaun verfeinern, von Eisen reinigen, und so gut wie den Römischen, zum Färben feiner Farben auf Seide brauchbar machen kann. Die stärksten und besten Alaun-Fabriken sind jene der HHn. Chaptal und Darcet zu Thernes; der Société des Mines zu Bourviller (Bas-Rhin), die jährlich 5500 metrische Ctr. Eisenvitriol und eben so viel Alaun aus Steinkohle, und 400 Ctr. Berliner-Blan und Blausaure Pottasche, Amoninm und dgl. liefert; die des Hn. Birard zu Montpellier, dem die Fabrikation chemischer Produkte in Frankreich vielen Dank schuldig ist; die der HHn. Delpech und Birard zu Mas d'Azil (Ariege).

Holz-Essig durch Verkohlung des Holzes, vorzüglich für Färbereien und Kattun-Drukereien zu essigsaurem Blei und Eisen. Hr. Mollerat zu Pouitty, (Cote d'Or) verfertigt Holzsäure in den schönsten, weißen, durchscheinenden Krystallen. Hr. Vobée bereitet sie auf andere Art durch Destillation des Holzes in verschlossenen Gefässen. Eine wichtige Fabrik vieler chemischer Produkte, z.B. des Borax, der thierischen Kohle, basisch-phosphorsauren und kohlensauren Soda, des basisch-chlorsauren Kalkes, des Ammoniums in verschiedenen Verbindungen ist jene der HHn. Payen und Pluvinet zu Grenelle, bei Paris.

Eisen-Vitriol und Alaun verfertigt Hr. Bouvier Dumolard zu Walmünster (Moselle) aus schwefelkieshaltigen Steinkohlen; Borax zu Marseille Hr. Jakob; blausaure Pottasche und Soda Hr. Vincent zu Vaugirard und Hr. Souchon zu Lyon; Kampfer, Borax, Wallrath und Queksilber-Präparate raffinirt Hr. Burand d. jüng. mit Hrn. Marchand zu Charenton; Schwefelsäure und Sauerkleesäure, Kupfer-Vitriol, Berliner-Blau, phosphorsaure Soda und Mineral-Gelb die HHn. Cartier und Grien zu Pontoise (Seine et Oise.)

Bleiweiß und Farben. Ehe Hr. Roard die Bleiweiß-Fabrik zu Clichy schuf (wo jezt auch Silberweiß, Mennig und Blei-Gelb bereitet wird) bezog Frankreich den größten Theil seines Bleiweißes aus dem Auslande. Dieser Hr. Roard, der die Färberei an den Gobelins leitete, hat das Ausland um seinen ehemaligen Farbenhandel nach Frankreich gebracht. Auch die HHn. Mouovet und Mathien zu Saint-Privè (Loiret) und Hr. Salmon zu Marseille verfertigen gutes Bleiweiß. Lezterer verdient dadurch besonders Dank, daß er die Arbeiten in den Bleiweiß-Fabriken durch Uebertragung des Bleies in eine hermetisch geschlossene Kiste der Gesundheit minder gefährlich machte. Hr. Desmoulins verfertigt in Paris ein Vermillon so schön, wie man dasselbe aus China erhält. (Vergl. Hr. |252| Mérimés's Bericht im Bulletin 1819. S. 225.) Hr. Pécard-Taschereau zu Tours verfertigt aus altem Blei so schönen Mennig, daß die Société d'Encouragement ihm schon im J. 1815 eine goldene Medaille von 1000 Franken zuerkannte. Die Gebrüder HHn. Bonnet, die HHn. Champion, Desfosses zu Besancon (Doubs) verfertigen Berliner-Blau und blausaure Pottasche, und führen dieses, nebst Bein-Schwärze, nach Deutschland und der Schweiz aus.71) Hr. Cavaillon zu Passy bei Paris versuchte zuerst die Wiederbelebung der, ehemals schon gebrauchten, thierischen Kohle, die er in verschlossenen Gefässen wieder brannte, und erhielt von der Société den Preis von 2000 Franken für Verfertigung thierischer Kohle. Hr. Lefrançois zu Paris verfertigt ein neues festeres und schöneres Grün, als das des Grünspanes. Die Farben-Fabrik des Hn. L. S. Gohin ist eine der ausgedehntesten und besten in der Hauptstadt. Hr. Dansse zu Avignon bereitet sehr schönen Krapplak so gut, wie der Antwerpner ist. Die couleurs lucidoniques der Madame Cosseron sind schon längst bekannt. Man kann die Zimmer alsogleich bewohnen, die damit bemahlen wurden. Die HHn. Cavaignac und Beaulés zu Paris verfertigen sehr gute Drukerschwärze.

Seife. Die Seifensiederei dankt in Frankreich vorzüglich Hn. Darcet, ihre Fortschritte. Eine der besten Fabriken ist die der Wittwe, Frau Roelant, die Hr. Decroos errichtete. Ihre Toiletten-Seife, die Frankreich ehevor, wer sollte das glauben! aus dem Auslande bezog (QVE NOVS TIRIONS AVTREFOIS DE L'ETRANGER) ist die gesuchteste. Auch die HHn. Dubruel zu Poissy, und Cailet, zu Choisy-le-Roi, verfertigen sehr gute Talg-Seife. Hr. Demarson fabricirt sehr schöne durchsichtige Toiletten-Seife.

Leim muß immer noch nach Frankreich eingeführt werden. Die größten Fabriken sind die der HHn. Estivant und Estivant de Braux zu Givet in den Ardennen, des Hn. Bertout zu St. Saens (Seine inf.), der HHn. Lesebure und Berthelemy zu Rouen, des Hn. Seignoret zu Marseille, des Hn. Pernet d. ält. zu Clichy. Lezterer siedet mit Dampf, und läßt die rohen Materialien durch Kalk laufen. Hr. Devoulx zu Marseille hat an seiner Leimsiderei |253| sehr schöne Schneide-Maschinen. Hr. Jullien zu Paris erzeugt ein Surrogat für Haufenblase.

Mörtel, Erdharz, Siegellak. Erdharz, das jezt häufig in Frankreich gebraucht wird, zum Sichern der Wohnungen zu ebener Erde sowohl, als der Schiffe gegen Feuchtigkeit, wird zu Lobsann aus Steinkohlen gewonnen und verarbeitet von Hn. Dournay. Hr. Lebel raffinirt das Steinöhl zu Lambertsloch (Bas Rhin) für Wagenschmier72) und Dratziehereien. Hr. Didier zu Paris verfertigt aus dem Erdharze zu Seyssel auch Mastic zu eingelegten Fußböden, und Hr. Guibert überzieht damit Takelwerk und Leinwand und Schläuche bei Feuersprizen. Hr. Dedreux verfertigt aus einem Mörtel zu Montmartre Statüen und Architektur-Arbeiten, die an der Luft erhärten, wie jene aus dem Mörtel zu Deal. Hr. Souillard zu Paris bereitet eine plastische Materie zu allen Arten von Abdrüken. Die HHn. Herbin, Maréchal und Grafe (Gebrüder) verfertigen sehr schönes Siegellak, zumahl blaues und weißes; lezteres ist sehr schwer zu erhalten. Die Gebrüder Grafe fabriciren auch durchscheinendes Siegellak zum Siegeln der Bouteillen, wo man dann unter das Siegel Geburtsort und Geburtsjahr des Weines schreiben kann. (Aus dem Bulletin de la Société d'Encouragement pour l'Industrie nationale. N. 249. S. 84. Im Auszuge.)

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Dieß ist, wenigstens in Bezug auf Berliner-Blau und blausaure Pottasche ein großer Irrthum, da beide Artikel nicht nur schöner und wohlfeiler in Deutschland gefertigt, sondern auch noch große Parthien davon nach Frankreich versendet werden. Es mag seyn, daß einige kurzsichtige Fabrikanten dergl. Fabrikate aus Frankreich kommen lassen, denen man, um sie ganz zufrieden zu stellen, Zweifels ohne deutsches Gut senden wird. Kaum sind es 20 Jahre, daß Frankreich die oben genannten Farben und Farbematerialien fast ausschließlich aus deutschen und holländischen Fabriken bezog und nach einem so kurzen Zeitraume zeigt man uns schon das Perspectiv der Reciprozität. Wenn wir indessen durch den verminderten Absaz einen bedeutenden Verlust erleiden, so haben wir doch auf unserm Markte noch keine Konkurenz zu fürchten, indem die französischen Fabrikanten noch einige Dezennien brauchen, bis sie die schönen Farben so wohlfeil wie die deutschen Fabrikanten darstellen können. Wir werden der Société d'Encouragement demnächst durch eine diesem Journale beizulegende Farbentabelle, welche uns die Farbenfabrik des Hrn. W. Sattler in Schweinfurth zuzusichern die Güte hatte, davon den Beweis liefern. In lezterer Fabrik wurden mehrere neue Farbenbereitungen erfunden, unter denen das sogenannte Schweinfurther-Grün sich in ganz Europa das Bürgerrecht erworden hat. D.

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Soviel könnte der heil. Quirin aus seinem Oele bei uns in Baiern auch geben. A. d. Ueb.

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