Titel: Uebersicht über den gegenwärtigen Zustand der Industrie in Frankreich. (Fortsezung von S. 250.)
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1825, Band 17, Nr. CVII./Miszelle 4 (S. 498–503)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj017/mi017107_4
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Uebersicht über den gegenwärtigen Zustand der Industrie in Frankreich. (Fortsezung von S. 250.)

Glasmacherei, Spiegelmanufacturen. Die Spiegel-Manufacturen standen von jeher in Frankreich auf der höchsten Stufe, auf welche sie bei unseren gegenwärtigen Kenntnissen gebracht werden konnten, und erhalten sich auf derselben. Die Spiegelmanufactur zu St. Gobain, (Dptt. Aisne) ist noch immer die erste in Hinsicht auf Größe. Die Manufacturen zu St. Quirin (Meurthe) Monthermè (Ardennes) und Cerey verfertigen Fensterscheiben, weißes und gefärbtes Glas, auch kleine Nürnberger Spiegel. Da der Transport großer Spiegel so vielen Schwierigkeiten unterliegt, hat Hr. Lefèvre, Spiegelmacher zu Paris, eine Methode ausgedacht, Spiegel mit mehreren kleinen Staniol-Stüken zu belegen; Löcher, die sich in der Belegung zeigen, auszufüllen, und die Belegung selbst mittelst einer Art Firnisses gegen das Verderben durch Feuchtigkeit etc. zu schüzen.

Krystallglas wurde nach Frankreich bis auf die neueren Zeiten eingeführt. Gegenwärtig erzeugt es hierin nicht bloß seinen Bedarf, sondern führt auch in bedeutender Menge aus. Diese Verbesserungen verdankt es Hr. Dartigues, dem es auch die nöthigen Maschinen zur Glasschleiferei etc. schuldig ist, welche aus England herbeigeschafft wurden. Die vorzüglichsten Krystallglasfabriken sind jene der HHrn. Godard, Vater und Sohn zu Baccarat, (Dptt. d. la Moselle); der Hrn. Gebrüder Chagot, au Creusot, bei Montcenis (côte d'or); der HHrn. Bontemps und Georgeon zu Choisyle-Roi. Die Glasfabrik des Hrn. de Violaine verfertigt gemeines Glas, und auch gefärbtes.

Hr. Dauault-Wieland, zu Paris, welcher im J. 1819 den von der Société ausgeschriebenen Preis für die wohlfeilste Erzeugung des besten Straß zu falschen Edelsteinen (vergl. polyt. Journ. B. III. S. 163.) gewann, „hat diesen Zweig der Industrie so sehr vervollkommnet, daß er Frankreich nun beinahe ausschließlich in den Besiz dieses Handelszweiges sezte, welchen Deutschland ehevor allein mit demselben getrieben hat.“ Es gibt überdieß noch mehrere Straß-Fabriken in Frankreich.

Hr. Desvignes hat der Glas- und Krystallmahlerei und Vergoldung eine neue Richtung gegeben, und Hr. Lutton zu Paris verfertigt auf Glas und Krystall Aufschriften, welche von den stärksten Säuren nicht angegriffen werden, was für chemische Laboratorien und Fabriken höchst wichtig ist,142) |500| Töpferwaaren, Faïance, Porzellan.

Die Fabrikation der Fußboden-Platten, (carreaux d'appartemens, die man in Frankreich, wo das Holz so theuer und so schlecht ist, selbst in den besten Häusern findet) hat sich in Frankreich, sowohl in Hinsicht auf Güte der Masse, als auf Farbe und Form, sehr verbessert; diese Platten kommen aber noch immer theuer zu stehen. Die besten Fabriken sind die des Hrn. Juillien aux Fourneaux bei Melun, der HHrn. Belanger, Leblanc und Comp. zu St. Cyr, bei Tours, des Hrn. Matelin zu Orleans.

Frankreich mußte bisher seine Schmelztiegel, weil es den französischen Schmelztiegeln an der gehörigen Festigkeit bei schnellem Wechsel der Temperatur gebrach, aus Deutschland kommen lassen. Die Société wollte Frankreich von diesem Tribute an die Industrie des Auslandes befreien,143) und schrieb daher einen Preis von 2000 Franken für die Erzeugung der besten Schmelztiegel aus. Man hat bereits einige glükliche Versuche angestellt, und die HHrn. Laurent Gilbert zu Orleans, Delamontagne zu Limoges, Fouques und Arnaux zu Toulouse, Mouchard zu Angoulême verfertigen bereits Tiegel, die einer hohen Temperatur ohne allen Nachtheil widerstehen.144)

Die Faïance, obschon italiänischen Ursprungs und in Frankreich lange Zeit über verachtet, erhielt doch erst in Frankreich den höchsten |501| Grad von Vollkommenheit.145) Hr. Keller zu Luneville verfertigt Faïance-Waaren aus glasirtem Pfeifenthone, die an Weiße, Dichtheit und Güte mit dem Porzellan wetteifern. Die Fabrik des Hrn. Amédée Lambert zu Rouen zeichnet sich durch größere Stüke aus. Schöne feine Faïence liefern auch die Fabriken der HHrn. Fiolet zu St. Omer, Fouques und Arnour zu Toulouse, welche leztere sehr wohlfeile Waaren liefern.

Unter den Steingut-Waaren (grès, ohne metallische Glasur) scheinen jene des Hrn. Utzschneider (sic) zu Sarguemines die besten und schönsten: seine Fabrik liefert Vasen, Candelabern, Säulen, die aus Phorphyr, Jaspis, Granit, Achat etc. zu seyn scheinen. Auch die HHrn. Meillonas zu Meillonas (Ain), Revol, Vater und Sohn, zu St. Uze (Drôme), liefern sehr gutes Steingut.

Porzellan aus der Fabrik zu Sévres wird in ganz Europa gesucht.“ 146) Man hat Brenn-Material dadurch sparen gelernt, daß man um ein Drittel mehr Waare in den Oefen einsezt, als ehevor. Die Porzellan-Fabriken haben sich seit dem Jahre 1810 aus Paris verloren, und in die waldigen Gegenden zurükgezogen: allein die Künstler und der Geschmak sind zu Paris geblieben. Eine der besten Porzellan-Fabriken ist die der HHrn. Gebrüder Nast zu Paris, wo auch Hr. Denuelle eine sehr achtenswerthe Fabrik besizt. Die Manufacturen der HHrn. Blanc, zu Villediece (Indre), Pilliwuyt, zu Foecy (Cher), Langlois zu Bayeux (Calvados) gehören unter die bessern in Frankreich: leztere liefert vorzüglich sehr feuerfeste Waare.

Hr. Gonord hat seit dem Jahre 1806 Kupferstiche auf Porzellan abdruken gelehrt, und zwar, durch ein leichtes, bloß mechanisches, Verfahren jeden Kupferstich im Abdruke, nach Belieben, vergrößert oder verkleinert. Hr. Legros d'Anisy hat Lithographie auf Vergoldung des Porzellanes angewendet, da man bei dem gewöhnlichen Gold-Abdruke mit der Hand nachhelfen mußte. Er vergoldet Faïence mit Knallgold, das sich auf dem Stüke selbst durch das Feuer reducirt, wodurch Gold und Poliren erspart wird. Die Porzellan-Mahlerei hat seit 25 Jahren große Fortschritte in Frankreich gemacht, die man vorzüglich Hrn. Dihl verdankt: die Bereitung der Farben für die Porzellan-Mahler ist ein eigener Zweig der Industrie in Frankreich geworden, mit welchem sich vorzüglich Hr. Mortelèque zu Paris beschäftigt.

Papiermacherei. Frankreich mußte seit vielen Jahren, ungeachtet es Ueberfluß an Lumpen besizt,147) sein feines Papier aus |502| dem Auslande kommen lassen. Das französische Papier war schlecht geleimt, vermuthlich, weil man die Lumpen zu sehr faulen ließ, was allerdings schönes weißes Drukpier, aber schlechtes Schreibpapier gibt. Dieser Fehler wird jezt verbessert; man sängt an in der Bütte zu leimen, und bald wird diese, durch die Société d'Encouragement im J. 1810 eingeführte, Methode allgemein werden, indem man sich immer mehr und mehr überzeugt, daß Papier aus nicht gefaulten Lumpen besser wird, als aus gefaulten. Die Papiermacherei macht jährlich Fortschritte in Frankreich, und man verfertigt jezt in Frankreich Papier, das dem schönsten ausländischen gleich kommt.148) Man ist in Frankreich (im J. 1798, wo ein Hr. Robert sich hierüber ein Patent ertheilen ließ) zuerst auf die Idee gekommen, Papier mittelst Maschinen zu fabriciren; allein, erst im J. 1811 errichtete man eine Fabrik, in welcher die Arbeit an der Bütte mittelst Maschinen geschieht, und jährlich entstehen mehr dergleichen Fabriken. Man hat nicht mehr nöthig Formen und Filze aus England kommen zu lassen.

Hr. J. B. Mongolsier, zu Annonay, Ardêche, hat drei Papier-Manufacturen mit 13 Bütten, auf welchen er 400 Arbeiter beschäftigt. Er ließ Cameron's Maschine aus Edinburgh kommen, die aber den Nachtheil hatte, zwei Leger zu fordern; diesen Nachtheil beseitigte er durch Anwendung einer Luftpumpe. Hr. F. M. Mongolfier, Bruder des vorigen, besizt ebendaselbst noch eine vierte Papier-Fabrik, die sehr schöne Arbeiten liefert. Die Fabrik des Hrn. Jeffry Horne, eines Engländers zu Hallines (Pas de Calais), besteht erst seit 6 Jahren, und hatte anfangs bloß englische Arbeiter, gegenwärtig aber auch Franzosen. Sie versieht das Depot de la guerre, und liefert besseres Papier als die holländischen Fabriken. Die Fabrik des Hrn. Desgranges zur Arche (Vosges) liefert sehr gutes Papier zu Kupferstichen: von ihr ward das große, bisher unerreichte, Format zur Description de l'Egypte verfertigt.

Die HHrn. Lacourade und Georgeon, Clavaud de Bourisson, Laroche d. jüng., Lacroix d. jüng., (alle im Dptt. de la Charente), Latune und Comp. zu Blacons (Drôme), Gebrüder Blanchet und Kleber zu Rives (Dptt. de l'Isère) verfertigen sehr schönes Papier. Die HHrn. Berte und Grevenich zu Sorel, bei Dreux (Eure et Loir), erhielten im J. 1810 von der Société d'Encouragement die goldene Medaille für ihre Maschinen, verfertigen aber bloß Drukpapier.

Frankreich bezog vorher sein Papier zum Einbinden der Bücher aus Deutschland und England. Hr. Angrand versieht gegenwärtig ganz Frankreich mit diesem Artikel. Die Gebrüder Séguin zu Annonay |503| verfertigen jezt die Filze, welche man ehevor aus England für Papierfabriken mußte kommen lassen.

Die Preßspäne für Appretur der Tücher wurden ehevor, und noch vor 26 Jahren aus dem Auslande nach Frankreich eingeführt; gegenwärtig verfertigen die HHrn. Gentil zu Vienne (Isère), Gentil-Caroillon zu Uzès (Gard) treffliche Preßspäne. (Aus dem Bulletin de la Société d'Encouragement, N. 151. S. 152. Im Auszuge.)

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Die deutschen, d.h. die böhmischen, Glasfabriken sind nicht sowohl durch die französischen, als durch die englischen zu Grunde gerichtet, die dem Glashandel nach Ost- und Westindien, den einst Böhmen besaß, gegenwärtig, ausschließlich besizen. Commis englischer Glasschleifer sind in Persien Ritter des Sonnenordens geworden! Man kann nicht läugnen, daß einige böhmische Glashütten noch jezt Waaren liefern, die mit den feinsten englischen wetteifern könnten, und die besten französischen übertreffen: beide vorzüglich in Hinsicht des Preises. Indessen fehlt es den böhmischen Glaswaaren allerdings nicht an der Güte des Glases, wohl aber an jener Genialität der Formen, zu welcher man sich in den seit Shakespeare's Zeiten furchtbar gewordenen böhmischen Wäldern, wohl nie aufschwingen kann. Man muß die Kosten nicht scheuen nach den Hauptstädten Europens, London und Paris, zu reisen um an Ort |500| und Stelle den Luxus den und Köder kennen zu lernen, an welchen die Elegants gerne anbeißen. Würden die böhmischen, und auch die Reste unserer baierischen Glashüttenmänner (von welchen die besseren nach America gingen), einige Jahre in den Hauptstädten Hollands, Englands und Frankreichs zubringen, so würden sie nicht bloß ihren Absaz im Inlande vielleicht um das Zehnfache erhöhen, sondern selbst, ungeachtet aller hohen Zölle (die Nichts bedeuten, weil sie bloß halbe Maßregeln sind) reichlichen Absaz im Auslande finden. Der Mensch hängt, seiner Natur nach, als Ultracultivirter, wie als Wilder, mit Leib und Seele an Glasspielereien, als ob er darin den wahren Spiegel seiner eigenen Existenz und Größe sähe – Gebrechlichkeit. A. d. Ueb.

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Die sogenannten Ypser-Tiegel, die zu Hafner-Zell, unter Passau in Baiern, verfertigt werden, versahen einst Sibirien und Mexico und Potosi. Und jezt! Ging doch selbst die Bleistift-Fabrik zu Grunde, die man dort errichtete. A. d. Ueb.

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Es befremdet uns sehr, der gemeinen Töpferwaare in diesem Berichte so wenig Aufmerksamkeit geschenkt zu sehen, indem dieser Zweig der Industrie doch so äußerst wichtig ist. Auch wir in Baiern vernachläßigen denselben viel zu sehr, obschon nicht leicht ein Land bessern Thon und wohlfeileres Holz besizt. Unser im ganzen Königreiche und selbst im Auslande bekanntes, Gröninger Geschirr ist jezt noch so, wie es vor drei Jahrhunderten war. Wenn die eleganten und bequemen Formen der Töpferwaaren der Hetrusker, Griechen, Römer von einer höheren Bildung und einem besseren Geschmake dieser Völker zeugen, so wird man man auch umgekehrt zu der Behauptung berechtigt, daß elegantere Formen der Gefäße, die man täglich in den Händen und vor Augen hat, die Cultur eines Volkes mächtig fördern müssen. Die Gefahren der Bleiglasur scheint man weder zu kennen, noch zu beachten. A. d. Ueb.

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Uns scheint dieß mehr von den englischen Faïance-Waaren zu gelten. A. d. Ueb.

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Steht aber an Güte, die Eleganz der Formen abgerechnet, dem deutschen Porzellan zu Meißen, München, Wien noch immer nach. A. d. Ueb.

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Hierüber können wir, wie die hohen und täglich steigenden Preise dieser Waaren bei uns beweisen, in Deutschland nicht dieselbe Sprache führen: wir sind sogar kurzsichtig genug, unsere feineren und besseren Lumpen von Holländern und Engländern bei uns aufkaufen und ausführen zu lassen, haben aber auch dafür ein Papier bei unseren Büchern und Journalen, das der Ausländer mit Verachtung aus der Hand legt. Es ist uns ein benachbarter Staat bekannt, in welchem man zwar weise genug war, zur Förderung der inländischen Papierfabriken, die Ausfuhr der Lumpen auf das Strengste zu verbiethen; zugleich aber auch einfältig genug war, Ausfuhr der Pappendekel |502| nicht bloß zu erlauben, sondern sogar zu begünstigen. Das Resultat hiervon war, daß die Holländer und Engländer sich auf den Pappendekel-Mühlen dieses Landes aus diesen Lumpen Pappendekel verfertigen ließen, und dann als solche mit noch größerem Vortheile ausführten, als wenn sie die rohen Lumpen ausgeführt hätten. Wir haben in Deutschland, zumahl in Süd-Deutschland eine Sitte unsere Lumpen zu verwüsten, welcher mit allen Kräften gesteuert werden sollte. Es vergeht kein Tag, wo nicht mehrere Zentner Lumpen auf eine höchst einfältige Weise in den Haushaltungen zu Zundel verbrannt werden, den man sich auf irgend eine andere weit vortheilhaftere Art ersparen oder verschaffen könnte. Wer dazu beitragen würde, den Papier-Fabrikanten dieses wichtige Material zur weiteren Verarbeitung zu Papier zu erhalten, würde der Wissenschaft und dem Vaterlande keinen geringen Dienst erweisen. A. d. Ueb.

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Jedoch nicht dem englischen Velin-Papier. A. d. Ueb.

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