Titel: Aikin, über Gärberei, Leder-Zurichtung und Leder-Färbung.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1825, Band 18, Nr. LXVII. (S. 346–368)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj018/ar018067

LXVII. Ueber Gärberei, Leder-Zurichtung und Leder-Färbung etc.113) Aus Aikin's Dictionary of Chemistry and Mineralogy.

In Gill's technical Repository. April 1825. S. 263. Mai. S. 309. Jun. S. 353. Jul. S. 17. (Im Auszuge.)

Gärberei ist, beinahe ausschließlich, in allen ihren Zweigen, ein chemischer Proceß. Sie ist eine der ältesten Künste, und |347| wird beinahe in allen Ländern auf eine ähnliche Weise betrieben. Ihr Zwek bei Verwandlung der Haut in Leder ist Vorbeugung der Fäulniß; das Leder soll stark, zähe, dauerhaft, und, in gewisser Hinsicht, dem Wasser undurchdringlich werden.

Die frische Haut, wie sie dem Thiere abgezogen wird, ist ein Zellgewebe, welches, chemisch betrachtet, aus Gallerte im dichten Zustande, jedoch noch immer im Wasser mehr oder minder, nach der verschiedenen Dichtigkeit, auflösbar, besteht. In diesem Zellgewebe sind Blut-, Lymph-Fettgefäße vorhanden, deren Inhalt auch nach dem Tode des Thieres noch in demselben zurükbleiben muß, und außen ist dasselbe mit der kaum bemerkbaren Oberhaut, mit dem Haare oder mit der Wolle etc. bedekt. Die Oberhaut und die Haardeke auf derselben scheint aus verdichtetem, in Wasser unauflöslichem, durch Fäulniß unzerstörbarem Eyweißstoffe zu bestehen, läßt sich aber durch äußere Gewalt, nachdem der Zusammenhang derselben mit der Haut durch anfangende Gährung oder Fäulniß vermindert wurde, oder durch chemische Einwirkung von Kalk, von Alkalien oder Säuren, leicht von derselben los lösen.

Die vorläufigen Arbeiten bei jeder Art von Lederbereitung bestehen in Reinigung der Haut von allen fremdartigen Stoffen und Unreinigkeiten, von den in den Poren derselben enthaltenen thierischen Säften, und, außer in den wenigen Fällen, wo man die Oberhaut darauf läßt, auch von dieser lezteren. Nachdem man auf diese Weise die Haut beinahe rein erhalten, und ihr Gewebe so weit geöffnet hat, daß sie jede |348| Substanz aufnehmen kann, in welcher man sie beucht, wirb sie auf zwei gänzlich verschiedene Weisen in Leder verwandelt, nämlich durch das Rothgärben, oder eigentliche Gärben, (tanning), wo der Gärbestoff aus Pflanzen in dieselbe gebracht wird, und durch das Weißgärben, (tawing), wo die Haut Alaun und andere Salze, und später irgend einen auflöslichen thierischen Stoff, z.B. Eyweiß, oder zuweilen Blut, aufnimmt. Beide Arten von Gärberei werden zuweilen verbunden, d.h., es wird zuerst weiß, dann etwas roth gegärbt. Ein guter Theil des rothgegärbten Leders wird auch noch besonders zugerichtet (currying) d.h., mit irgend einem Oehle mit der Hand abgearbeitet, um dasselbe weich, biegsam und für das Wasser weniger durchdringbar zu machen. Beispiele hiervon sind das dike Sohlenleder: rothgegärbt; das weiße oder sogenannte Kizel-Leder für Handschuhe: weiß gegärbt; das Oberleder auf Schuhen und Stiefeln: gegärbt und zugerichtet; das feine türkische Leder: weiß gegärbt, und dann leicht rothgegärbt.

Rothgärberi. Vorbereitung zur Aufnahme der Gärbebrühe. Dünne Häute, wie Kühe- und Kälber-Häute, und solche, die zu geschmeidigeren Leder-Arten bestimmt sind, welche in der Folge zugerichtet werden, werden in den meisten Gegenden Englands zuerst in eine mit Wasser gefüllte Grube geworfen, um darin vom Schmuze, Blute, und von anderen Unreinigkeiten befreit zu werden. Nachdem sie zwei oder drei Tage lang darin gelegen sind, kommen sie auf einen steinernen Halb-Cylinder, den Baum (beam) genannt, wo sie von dem anhängenden Fette und Fleische gereinigt werden. Hierauf kommen sie auf mehrere Tage in eine mit Kalk und Wasser gefüllte Grube, in welcher sie öfters umgerührt werden. Der Zwek dieser Arbeit ist, die Haare und die Oberhaut los zu machen, worauf die Haut wieder auf dem Baume gestrekt, und das Haar mit einem eigenen stumpfen Messer abgeschaben wird. Nachdem die Haut von dem Kalke gehörig gereinigt wurde, kommt sie in die sogenannte Meistergrübe (Mastering-pit), in ein Bad aus Wasser und thierischem Dünger, gewöhnlich Hühner- oder Tauben-Mist, oder Hunde-Koth, |349| oder, wo man ihn haben kann, Seevögel-Mist. Kühe- oder Pferdedünger taugt nicht, weil er nicht leicht genug fault. Hier bleibt die Haut einige Tage, mehr oder weniger lang, nach ihrem Gewebe, und so wie sie vom Kalke in der Kalkgrube hart und dik wurde, wird sie hier weich und geschmeidig. Wenn die Haut fein und zart ist, ist bei der Meistergrube viele Vorsicht nöthig; denn der faulende Dünger wirkt so kräftig, daß, wenn die Haut nur ein Paar Stunden zu lang in derselben bleibt, ihr Gewebe unwiderbringlich zerstört, und in eine gallertartige Masse verwandelt wird, die bei der geringsten Gewalt zerreißt. Dann wird die Haut noch Ein Mahl auf dem Baume gereinigt, und kann nun gegärbt werden.

Die großen diken Ochsen- oder Büffel-Häute, die zu dem zähesten und schwersten Leder bestimmt sind, werden auf eine andere Weise bereitet. Nachdem sie vorläufig in Wasser gereinigt wurden, werden sie zuweilen auf Haufen gelegt, und in einen warmen Ort gebracht, wo sie schnell anfangen, zu faulen. Dadurch wird das Haar los, und kann dann zuweilen mit, zuweilen ohne Kalkgrube, abgeschaben werden. Die Ursache, warum die Kalkgrube hier gewöhnlich übergangen wird, ist, weil der Kalk, wenn er in der Haut zurükbleibt, dieselbe zu hart und zu brüchig macht, indem er nicht so leicht ausgewaschen werden kann, wie aus den dünnen Häuten. Da aber die Haut sehr dik, und das Gewebe derselben zugleich sehr gedrängt ist, so kann sie die Gärbe-Flüßigkeit nicht aufnehmen, bis nicht ihre Poren mehr geöffnet sind, und dieß geschieht gewöhnlich dadurch, daß man sie auf mehrere Tage in eine Kufe bringt, welche eine saure Flüßigkeit enthält, eine unreine Essigsäure aus stark gegohrnen Roken- oder Gersten-Mehle, welche Säure zwar ein starkes Hülfsmittel zur Oeffnung der Poren zu seyn scheint, ohne Zweifel aber auch durch die Gährung selbst unterstüzt wird, an welcher die Haut Theil nimmt. Diese Arbeit nennt man das Auftreiben, (raising); sie geht immer unmittelbar dem Gärben vorher, und fordert eben soviel Sorgfalt, um das Gewebe der Haut nicht zu sehr zu schwächen: denn, das Auftreiben, zu lang fortgesezt, greift |350| die Haut an, und verdirbt sie. Die Haut kommt aus diesem Bade bedeutend aufgeschwollen und erweicht heraus.

Statt dieser Arbeit, deren gehörige Leitung theils wegen der Witterung, theils wegen anderer äußerer Ursachen, welche auf die Gährung einwirken, oft so schwierig ist, hat Dr. Macbride den Gebrauch höchst verdünnter Schwefelsäure vorgeschlagen, der nun ziemlich allgemein eingeführt ist. Man nimmt eine Wein-Pinte Schwefelsäure auf 50 Gallons Wasser.114) Obschon das Schwefelsäure-Bad eben so gute Wirkung äußert, als das Roken- oder Gersten-Sauerwasser, als Vorbereitungs-Mittel der Häute nämlich zum Gärben, so scheint die Wirkung dieser beiden Substanzen doch so ziemlich verschieden. Bei lezterem ist die Essigsäure ohne Zweifel die Hauptsache; allein, die Gährung geht fort, wie dieses die Schnelligkeit beweiset, mit welcher die Häute faulen, wenn sie zu hoch getrieben, oder zu lang fortgesezt wird; auch wird die Haut durch das Auftreiben verdikt und erweicht. Bei der Schwefelsäure hingegen hat nicht nur keine Gährung Statt, sondern der Gährungs-Proceß wird durch dieselbe mächtig aufgehalten: daher kann auch die Haut dadurch nicht verdorben werden, wenn sie lang in derselben eingetaucht bleibt, und kommt verdichtet und gehärtet heraus. Es scheint, daß eine Methode so gut ist, wie die andere.

Die nächst folgende Arbeit bei dem Rothgärben, die im Wesentlichen bei allen Häuten, sie mögen wie immer vorbereitet worden seyn, dieselbe ist, beruht auf folgenden chemischen Thatsachen. Eine Menge vegetabilischer Körper, d.i., alle, die bei dem Kauen einen zusammenziehenden Geschmak äußern, (wie Eichen-, Weide-, Erlen-Rinde und mehrere andere Baumrinden, Gall-Aepfel, Thee-Blätter etc.), wenn sie warm oder kalt in Wasser geweicht werden, theilen dieser Flüßigkeit einer ausgezeichnet zusammenziehenden Stoff mit, der im reinen Zustande graulich weiß ist, und Gärbestoff genannt wird. Wenn irgend eine Haut mit einer Auflösung von Gärbestoff |351| übergossen wird, saugt sie denselben nach und nach ein, oder zieht ihn aus dem Wasser an sich, wodurch sie in ihrem Gewebe fester und merklich schwerer, keiner Fäulniß oder spontanen Veränderung mehr fähig, vom Wasser nicht mehr durchdringbar, in demselben nicht länger mehr auflösbar wird, selbst nicht in der Siedehize, in welcher jede ungegärbte Haut, sie mag wie immer zubereitet worden seyn, auflösbar ist. Die Gärberei besteht also im Wesentlichen bloß im Eintauchen der Haut (eine bestimmte Zeit über), in eine Auflösung des Gärbestoffes aus Pflanzen-Rinde oder anderen Pflanzen-Theilen, bis sie hinlänglich damit gesättigt ist. Selbst die sorgfältigsten und raffinirtesten Methoden der Gärberei haben an den alten einfachen Verfahren der Gärberei nichts geändert, als daß die Stärke der Gärbestoff-Auflösung genauer bestimmt, und etwas mehr Geschik bei dem Umkehren der Häute angewendet wurde, um jeden Theil den Gärbestoff gleichförmig und durch und durch einsaugen zu lassen.

Bei uns (in England) wird fast durchaus Eichenrinde zum Gärben genommen. Das Eichenholz wird im Frühjahre, wo der Saft aufsteigt, gefällt, die Rinde wird abgestreift, in Haufen aufgeschichtet, und vor Nässe unter einem Dache verwahrt, unter welchem die Luft frei durchziehen kann. Vor dem Gebrauche wird die Rinde zu einem groben Pulver gemahlen, und mit Wasser in die Grube geschüttet, in welcher sich eine Auflösung des Gärbestoffes, die Lohbrühe (oozo), bildet. Die auf obige Weise zubereiteten Häute kommen zuerst in kleine Gruben, wo sich nur eine schwache Brühe befindet, und unter fleißigem Umkehren (handling), läßt man sie daselbst einige Wochen lang weichen. Die Stärke der Brühen wird nach und nach vermehrt, worauf die halb gegärbten Häute (wenn sie Sohlenleder werden sollen, und vollkommene Gärbung verlangen), in größere Gruben mit abwechselnden Lagen von gemahlener Lohe gebracht werden, bis die Grube gefüllt ist, über welche eine Schichte Lohe aufgeschüttet wird: die Zwischenräume werden mit schwacher Brühe bis zum Rande aufgefüllt. Auf diese Weise werden die Häute der vollen Wirkung einer beinahe mit Gärbestoffe gesättigten Brühe ausgesezt, |352| welche noch mehr von diesem Stoffe aus der Lohe selbst in dem Maße erhält, als die Haut denselben aus der Auflösung einsaugt. Bei schwerem Leder dauert dieses Gärben nicht weniger als 15 Monate. Man erkennt das Garwerden der Haut daran, daß sie beim Durchschneiden derselben keinen weißen Streifen mehr zeigt, der so lang vorhanden ist, als der Gärbestoff die Haut nicht gänzlich durchdrungen hat.

Wenn endlich die Haut vollkommen ausgegärbt ist, nimmt man sie aus der Grube, läßt sie ablaufen, und strekt sie über einen convexen hölzernen Balken, den man Bot (a horse) nennt, auf welchem sie mittelst einer schweren stählernen Walze geklopft und vollkommen geebnet wird. Zuweilen läßt man sie auch, um sie noch fester und zugleich geschmeidig zu machen, durch eiserne Walzen laufen. Hierauf kommt sie auf den Troken-Boden oder in das Trokenhaus (drying house), ein bedektes Gebäude mit Oeffnungen zum freien Durchzuge der Luft, und bleibt daselbst, bis sie vollkommen troken geworden ist.

Die gewöhnlichen Kalbhäute brauchen, bis sie auf diese Weise in Leder umgewandelt werden, zwischen zwei und vier Wochen; die Häute zu dikem Sohlen-Leder zwischen 15 bis 18, oder 20 Monate; eine Stier-Deke (boar-shild) kann kaum vor 2 Jahren gar gemacht werden. Das Leder nimmt desto mehr an Gewicht zu, und gewinnt desto mehr an Güte, je länger man dasselbe (bis auf eine gewisse Zeit) in der Loh-Brühe läßt; und da das Leder nach dem Gewichte verkauft wird, wird dieß zuweilen für den Gärber ein bedeutender Vortheil, obschon auch dieser wieder durch die Länge der Zeit, während welcher sein Capital liegen bleiben muß, einiger Maßen beschränkt wird.

Die Kunst verdankt Hr. Seguin, einen Gärber, der seine Geschäfte in Frankreich sehr im Großen treibt, die erste genaue wissenschaftliche Erklärung des Verfahrens bei dem Gärbeprocesse.115) Nach den alten Ideen, die man von diesem |353| Verfahren hatte, bestand die Wirkung des Aufgusses zusammenziehender Pflanzen kaum in etwas anderem, als in einem mechanischen Zusammenziehen oder Verdichten der Fasern der tobten Haut, indem dieser Aufguß, wenn man ihn kostet, die Mundhaut zusammenzieht und runzelt; dadurch sollte die Haut für alles Wasser beinahe undurchdringlich und keiner weiteren Fäulniß mehr fähig geworden seyn. Diese Erklärung stimmte indessen nicht mit der wirklichen Zunahme des Gewichtes der Haut, die durch das Gärben schwerer wird, und die beinahe im Durchschnitte 1/4 bis 1/3 des Gewichtes der trokenen Haut beträgt. Hr. Seguin bemerkte den Umstand, daß die Haut vor dem Gärben durch das Wasser beinahe in eine flüßige Gallerte verwandelt wird, und nach dem Gärben unauflösbar ist, und wurde dadurch auf den einfachen Versuch geleitet, einer Auflösung der Haut, oder einer Leim-Auflösung, Eichenrinde-Aufguß zuzusezen. Augenbliklich bildete sich ein diker, zäher, dehnbarer, bräunlich-weißgrauer Niederschlag, der stark nach Lohe roch, und im Wasser bei jedem Grade von Hize unauflösbar blieb, und nach dem Troknen dunkelbraun und gebrechlich wird.

Dieser Niederschlag ist eine innige Verbindung von Gallerte und jenem Theile des Pflanzen-Aufgusses, welcher die gärbende Eigenschaft besizt, und ein ganz eigener Stoff in der Natur ist, den man Gärbestoff (tannin, tan) nennt. Obiger Niederschlag ist von dem gegärbten Leder kaum in etwas Anderem unterschieden, als daß ihm die faserige organische Textur fehlt, und allenfalls noch dasjenige, was die Haut noch nebenher aus dem Eichenrinde-Aufgusse während der mehrere Monate dauernden Einweichung in derselben an anderen Stoffen, die nicht alsogleich niedergeschlagen werden, eingesogen haben mag. Das Gärben besteht also vorzüglich in einer langsamen und höchst innigen Verbindung des vegetabilischen Gärbestoffes mit dem Faserstoffe der Haut, welche solang fortwährt, bis leztere in ihrer ganzen Dike von demselben gesättigt wird.

Die Eichenrinde enthält noch andere auflösliche Stoffe, die sicherlich zugleich mit dem Gärbestoffe in das Gewebe der Haut eindringen, und sich mit derselben innigst verbinden; denn die |354| Haut scheint, wenn sie die vorläufige Zubereitung bereits erhalten hat, im Stande, eine Menge verschiedener vegetabilischer und thierischer Stoffe einzusaugen, und, nachdem sie dieselben eingesogen hat, zu behalten. Der Eichenrinde-Aufguß enthält, außer dem Gärbestoffe, Galläpfel-Säure und einen Extractiv-Stoff, welche beide zu dem Gärbe-Processe beitragen, und einen Theil des gegärbten Leders bilden. Daß Gall-Aepfel-Säure eingesogen wird, wird durch das beinahe augenblikliche Schwarzwerden des Leders erwiesen, wenn man dasselbe mit irgend einer Eisensalz-Auflösung reibt. Der Extractiv-Stoff scheint dasjenige zu seyn, was dem Leder seine Farbe und zum Theile seine Biegsamkeit ertheilt, und nach den vortrefflichen Beobachtungen des Sir H. Davy über den Gärbungs-Proceß116) wird es wahrscheinlich, daß die Menge des eingesogenen Gärbestoffes großen Theiles nach der Menge des vorhandenen Extractiv-Stoffes sich richtet, indem im Allgemeinen (bei gleicher Stärke des Eichenrinde-Aufgusses und gleicher Dauer der Eintauchung), dieselbe im umgekehrten Verhältnisse zu der Menge des Extractiv-Stoffes oder des Schleimes in dem Aufgusse steht. Man fand dieß durch Vergleichung des Gewichtes, welches das Leder bei dem Schnellgärben in verschiedenen Aufgüssen gewonnen hatte, deren Bestandtheile man vorher durch chemische Analyse bestimmte. Die Schwierigkeit, durch solche Versuche genaue Resultate zu erhalten, ist indessen nicht gering, und weit größer, als bei der Analyse der Metalle und Mineralien, weil Pflanzenstoffe, wenn ihre chemische Verbindung durch fremde Stoffe nur etwas verändert wurde, keine scharf unterscheidenden Merkmahle darbiethen, und ihre Merkmahle durch die gewöhnliche Einwirkung der Reagentien gänzlich verlieren.

Die Stärke des Eichenrinde-Aufgusses wirkt ferner höchst materiell auf das Leder, und auf das Gewicht, welches die Haut während des Gährungs-Processes gewinnt. Da der Gärbe-Stoff auflöslicher ist, als der Extractiv-Stoff, so wird eine schnell und mit viel Gärbe-Material bereitete Auflösung mit Gärbestoff |355| beinahe gesättigt werden, und nur wenig Extractiv-Stoff enthalten; auf der anderen Seite wird der Rükstand des obigen Aufgusses, wenn er längere Zeit über im Wasser weicht, eine Auflösung geben, die nur wenig Gärbestoff, aber viel Extractiv-Stoff enthält. Nun sollte es scheinen, daß eine Haut die Fähigkeit besizt, mehr Gärbestoff als irgend etwas anderes, einzusaugen, vorzüglich mehr, als Extractiv-Stoff; so daß, wenn sie bereits beinahe mit Extractiv-Stoff gesättigt ist, sie nothwendig vielweniger Gärbestoff einsaugen wird, als vorher, und daß daher die Zunahme an Gewicht auf diese Weise für die Haut weit geringer seyn muß, als wenn sie mit Gärbestoff allein behandelt wird. Auch wird daher die Güte des Leders wahrscheinlich verschieden seyn, wenn dasselbe bloß aus Haut und Gärbestoff, und nur wenigen anderen Nebenbestandtheilen, und wenn es, auf der anderen Seite aus Haut und Gärbestoff, und aus einer größeren Menge von Extractiv-Stoff besteht; das erstere Leder scheint mehr brüchig und weniger dauerhaft, als das Leztere, so weit die bisherigen Erfahrungen reichen. Eben dieß gilt auch von der Dauer des Verfahrens bei schwächerer oder stärkerer Lohbrühe: wenn sehr schnell gefärbt wird, kann der äußere Theil der Haut sehr stark gegärbt seyn, ehe der innere von der Lohbrühe durchdrungen ist, und da durch das Gärben das Gewebe der Haut enger und fester, und für Flüßigkeiten weniger durchdringbar wird, so kann durch diesen Umstand allein die Gleichförmigkeit der Sättigung der Haut mit Gärbestoff, die hier der Zwek ist, gänzlich verhindert werden.

Der Niederschlag, welcher durch das Eintröpfeln einer Gallert-Auflösung in einen Aufguß irgend eines vegetabilischen Gärbestoffes erzeugt wird, scheint, nach Hrn. Davy's Versuchen, in seiner Mischung so ziemlich gleichförmig, die übrigen Bestandtheile des Pflanzen-Aufgusses mögen was immer für welche seyn. So enthielt der Niederschlag, wenn man Gall-Aepfel brauchte, ungefähr 46 p. C. Gärbestoff, und 54 Gallerte; bei Katechu 41 p. C. Gärbestoff; bei Eichenrinde 41 p. C.; bei der Leicester-Weide 43. Allein, die Haut nimmt nie so sehr an Gewichte zu, wie die Gallerte-Auflösung; entweder, |356| weil auch andere Substanzen mit in die Lederbildung kommen, oder, weil das Gewebe der Haut nicht erlaubt, daß sich dieselbe chemisch mit so viel Gärbestoff verbindet, so lang sie noch Haut ist, als wenn sie in Gallerte aufgelöst wurde; denn thierische Gallerte ist nur die Auflösung der Abfälle der Theile der Haut. Man fand, daß ein Stük vollkommen gegärbte Haut durch drei Wochen lang dauernde Eintauchung in einen starken Galläpfel-Aufguß nur zwischen 1/39 und 1/61 des Gewichtes derselben schwerer wurde; und dieß war die größte Gewichts-Zunahme, die man bemerkte (sie übertraf bei weiten die des gemeinen Leders); sie machte aber auch das Leder weit härter, und weit brüchiger.

In Hinsicht auf die Wirkung der Zeit, während welcher die Haut in der Lohgrube liegt, fand man in verschiedenen Versuchen, daß, in jedem derselben gut gegärbtes, Leder weit mehr Gärbestoff verschlang, wenn es schnell, als wenn es langsam gegärbt wurde. 100 Theile in zwei Wochen gar gegärbtes Leder enthielten 73 Theile Haut und 27 Theile Gärbestoff und andere Stoffe, die aus dem Eichenrinde-Aufguß eingesogen wurden. Dieselbe Menge Leders in zwölf Wochen gar gegärbt (bei verhältnißmäßig schwächerem Aufgusse), enthielt 85 Theile Haut, und 15 Theile Gärbestoff und andere vegetabilische Stoffe. Ein ähnlicher Unterschied zeigte sich auch bei Anwendung eines Weidenrinde-Aufgusses.

Séguins vorgeschlagene, und von ihm gegenwärtig angewendete, Verbesserung in dem Gärbe-Processe verdient hier kürzlich erwähnt zu werden. Dieser sinnreiche Künstler wünschte die ungeheure lange Zeit, die man bei dem gewöhnlichen Gärbe-Processe braucht, und folglich auch die dadurch entstehende Auslage, zu vermindern. Er betrachtete den Gärbestoff als dasjenige, was bei dem Gärben allein das Thätige ist, und wendete daher, statt der Lohe und ihrer Brühe, so wie man sie gewöhnlich braucht, die Auflösungen des Gärbestoffes in einem verschiedenen und bekannten Grade von Stärke an, so daß man die Haut in einer regelmäßigeren Abstufung, als gewöhnlich, schnell von dem schwächsten Grade zu den stärksten konnte durchlaufen lassen. In dieser Absicht unterhielt er eine Reihe von |357| Fässern mit Eichenlohe, und goß Wasser in dieselbe, das er eine kurze Zeit darauf durch ein am Boden derselben angebrachtes Loch klar ablaufen ließ. Diese erste Lohbrühe wurde dann auf die Lohe in einem zweiten Fasse gegossen, und wieder, wie vorher, abgezogen, wodurch sie merklich stärker und reichhaltiger an Gärbestoff wurde. Eben so wurde diese Brühe in einem dritten und vierten Fasse behandelt, bis sie ganz mit Gärbestoff gesättigt wurde. In der Zwischenzeit wurde frisches Wasser in die verschiedenen Fässer auf die Lohe in derselben Ordnung gegossen, wodurch man eine zweite Brühe erhielt, die zwar noch stark genug, aber doch schwächer, als die erste, war, und auf ähnliche Weise erhielt man noch 3 bis 4 andere Brühen von verschiedener Stärke. Dieß war nun die zum Gärben bestimmte Flüßigkeit. Die auf die beschriebene Weise zum Gärben vorbereiteten Häute wurden nach und nach in diese verschiedenen Brühen gebracht, so zwar, daß man mit der schwächsten anfing, und mit der stärksten aufhörte, bis sie endlich hinlänglich gegärbt waren, was man an der weißen Linie im Durchschnitte der Haut erkannte.

Es unterliegt keinem Zweifel, daß der Gärbungs-Proceß auf diese Weise bedeutend abgekürzt und sehr gutes Leder nach dieser Seguin'schen Methode erhalten werden kann; allein, obschon diese Methode seit mehreren Jahren bekannt ist, ist sie doch bei uns in England, wo so viel Leder sowohl für den Bedarf als für den Handel mit vielen Ländern Europens, in welchen englisches Leder im höchsten Rufe sieht, verfertigt wird, nichts weniger als verbreitet. Nach der Art, in welcher Hr. Seguin die Lohbrühen bereitet, müssen sie, im Verhältniße zu dem Extracte und zu anderen vegetabilischen Stoffen, mehr Gärbestoff enthalten, als wenn man die Lohe selbst in Substanz zugleich mit der Haut mehrere Monate lang in der Brühe verweilen läßt, indem der Gärbestoff der im Wasser auflöslichste Stoff der Lohe ist. Die Lohe kann also leicht ihres Gärbestoffes beraubt werden, und kann denselben lang vor ihrem Extractiv-Stoffe, vor dem Harze, der Galläpfel-Säure und anderen Stoffen, welche sie enthält, verlieren. Man sagt, daß das auf diese neue Weise bereitete Leder weniger dauerhaft |358| und brüchiger ist, als das auf die gewöhnliche Weise bereitete.

Die einzige wirkliche Verbesserung, die in diesem Theile des Gärbungs-Processes neuerlich eingeführt wurde, ist diese: daß man einige Brühen warm gibt, wodurch die Haut schneller von derselben durchdrungen, und folglich Zeit erspart wird.

Dr. Mackbride empfiehlt Kalkwasser statt des gewöhnlichen Wassers zum Ausziehen des Gärbestoffes aus der Lohe; allein, dieß scheint nachtheilig, indem die einzige auffallende Wirkung des Kalkes diese ist, daß er eine innige Verbindung mit einem Theile der Galläpfel-Säure und des Gärbestoffes eingeht, deren Resultat eine kalkartige unauflösliche Masse gibt, welche zum Garben durchaus nicht tauglich ist.

Ueber Gärbung, Zubereitung, Färbung und andere Bearbeitung dünnerer Häute.

Lämmer-, Schaf- und Ziegenfelle und andere dünne Häute werden, obschon in vielen Hinsichten die Behandlung derselben mit jener der Küh- und Ochsenhäute sehr nahe verwandt ist, doch gewöhnlich der Gegenstand eines ganz eigenen Zweiges der Gärberei, welcher viele praktische Geschiklichkeit und große Genauigkeit bei der Arbeit fordert, wenn er vollkommen gelingen soll. Die Verfahrungs-Arten bei der Umwandlung derselben in Leder sind sehr verschieden, je nachdem nämlich die verlangte Art von Leder sie anders fordert. Diesem Zweige von Gärberei verdankt man die ungeheure Menge weißen und gefärbten Leders zu Handschuhen; den sogenannten Maroquin (Morocco-leather) von verschiedener Farbe und Stärke zum Ausschlagen der Kutschen, zum Binden der Bücher, vorzüglich der Taschenbücher; das feine Leder überhaupt für eine Menge kleinerer Arbeiten. Unter allen diesen Leder-Sorten ist die weiße die einzige, die nicht rothgegärbt (tanned), sondern weißgegärbt (tawed) wird. Das gefärbte Leder wird immer, und zwar gewöhnlich mit Sumach, rothgegärbt, abgesehen von allen übrigen Färbematerialien. Die vorläufige Zubereitung, wodurch die Haut vollkommen gereinigt, und in den Zustand einer einfachen Membrane versezt wird, die man jezt Blösse (pelt) nennt, ist dieselbe, die |359| Haut mag weißgegärbt oder gefärbt werden. So geschieht es wenigstens in den besten Gärbereien zu Bermondsey bei London, einem Orte, der in allen Zweigen der Leder-Fabrikation weit berühmt ist.

Bei weiten der größte Theil der Felle wird eingeführt. Die Lämmer-Felle werden auf folgende Weise zubereitet. Sie werden zuvörderst einige Zeit über in Wasser geweicht, um sie von allem leichtanklebenden Schmuze, Blute etc. zu reinigen; dann auf dem Baum gelegt, den man hierzu gewöhnlich braucht, und der nichts als ein Halb-Cylinder aus Holz mit starkem Leder überzogen ist. Sie werden an der Fleischseite mit dem Schabeisen, einem halbkreisförmigen, stumpfen Messer mit zwei Griffen, welches man zu dieser Arbeit nöthig hat, abgeschaben. Hierauf hängt man sie in großer Anzahl in einer kleinen engen Stube auf, die mittelst Zügen geheizt wird, und in welcher man sie eine bestimmte Zeit über faulen läßt: man bemerkt diese Fäulniß sehr leicht an dem starken Ammonium-Geruche, der aus dieser Stube herausfährt, wenn man die Thüre derselben öffnet. Während dieses Fäulnißprocesses wirft sich ein diker filziger Schleim auf der Oberfläche des Felles auf, wornach man die Regelmäßigkeit des Fäulungs-Processes beurtheilt, durch welchen die Wolle los wird, so daß man sie leicht ausziehen kann. Jedes Fell kommt dann wieder einzeln auf den Baum zurük, wo die Wolle abgenommen, aufbewahrt, der Schleim mit dem Messer abgeschaben, und die unebenen Enden weggepuzt werden. Das Fell wird hierauf in eine Grube mit Kalkwasser gebracht, und darin 14 Tage bis 6 Wochen lang, länger oder kürzer, gelassen, nach Art des Felles; die Wirkung dieser Operation ist Aufhaltung der Fäulniß, und bedeutende Härtung und Verdikung des Felles: wahrscheinlich sondert sich auch noch ein neuer Theil Schleimes ab. Das Fell wird neuerdings gehörig auf dem Baume bearbeitet, ein guter Theil desselben wird weggepuzt, und alle Unebenheiten werden mit dem Messer ausgeglichen. Diese Operationen fordern viele Mühe und Ueberlegung, um, auf der einen Seite, die Güte des Felles nicht durch Fäulniß zu verderben (durch welche, wenn sie zu lang anhielte, das Fell in |360| einen unzusammenhängenden Brei verwandelt werden würde), auf der anderen Seite aber jedes Theilchen Schleimes wegzubringen, wovon auch die kleinsten, wenn sie übrig blieben, das Fell zu allen weiteren Arbeiten, so wie auch zur gleichförmigen und gehörigen Aufnahme der Farbe, untauglich machen würden. Hierauf kommt das Fell in ein Faß, welches mit Kleien und Wasser gefüllt ist, und wird in demselben einige Wochen lang in einem Zustande von gelinder Gährung gehalten, und gelegentlich zurük auf den Baum gebracht, um es weich zu machen, und von allem Kalke zu befreien. Die Verdikung, welche durch den Kalk erzeugt wurde, wird auf diese Weise beseitigt, und das Fell ist nun so rein geworden, als möglich; es ist eine dünne, dehnbare, weiße Membrane, die man in diesem Zustande Blösse (pelt) nennt, und die zu allen folgenden Operationen der Weißgärberei, Färberei, oder Sämisch-Gärberei (oil-dressing, shammoying), tauglich geworden ist.

Die Art und Weise, um aus den Kiz- und Ziegen-Fellen Blössen zu arbeiten, ist beinahe dieselbe, wie bei Lämmerfellen, außer daß man sich des Kalkes bedient, noch ehe das Haar abgenommen wird, da dieses keinen besonderen Werth hat, und nur den Stokatur-Arbeitern verkauft werden kann, während die Lämmer-Wolle, die durch den Kalk leiden würde, doch einigen Werth besizt. Kiz-Felle fordern eine längere Zeit zum Gärben, als Lämmer-Felle.

Wenn die Blössen weiß gegärbt werden sollen, kommen sie in eine Auflösung von Alaun und Salz in warmen Wasser, in dem Verhältnisse von ungefähr 3 Pfd. Alaun, und 4 Pfd. Salz auf 120 mittel-große Felle; sie werden darin gelassen, bis sie eine hinlängliche Menge davon verschlungen haben. Hierdurch erhält das Fell wieder einen ziemlichen Grad von Dike und Zähigkeit.

Die Felle werden dann herausgenommen, im Wasser gewaschen, und kommen wieder in ein Faß mit Kleien und Wasser, worin man sie einige Zeit über gähren läßt, bis ein guter Theil Alaun und Salz herausgezogen wurde, und die dadurch gewöhnlich erzeugte Verdikung wieder großen Theiles verschwunden |361| ist. Hierauf kommen sie in einen luftigen Behälter, in welchem in der Mitte ein Ofen steht, und werden daselbst auf Haken aufgehängt, bis sie vollkommen troken geworden sind. Nun sind die Felle in ein zähes, biegsames, und beinahe weißes Leder verwandelt; um dasselbe aber glänzend zu machen, und die Rauhe beim Anfühlen, die noch immer übrig bleibt, wegzuschaffen, werden sie wieder in. Wasser eingeweicht, um noch mehr Salz auszuziehen, und kommen dann in eine weite Kufe, in welcher Eydotter mit Wasser angerührt sind. Hier werden die Felle lange Zeit über getreten, wodurch sie nach und nach die Substanz der Eyer gänzlich in sich aufnehmen, so daß die darüber stehende Flüßigkeit vollkommen klar wird, worauf man sie in der Zugluft troknet, und mit warmem Eisen glättet. Es sind noch andere kleinere Arbeiten hier nöthig, die aber keine weitere Erwähnung verdienen.

Der wesentliche Unterschied zwischen Roth- und Weißgärberei besteht also darin, daß bei ersterer die Blössen mit Gärbestoffe und anderen vegetabilischen Stoffen, bei lezterer mit etwas, das sie aus dem Alaun und Salze einsaugen, vielleicht Alaunerde, in Verbindung treten, was in der Folge weder durch Behandlung mit Wasser noch mit Kleienwasser mehr herausgeschafft werden kann.

Der sogenannte Maroquin, der vorzüglich aus Schaf-Fellen bereitet, und so häufig zur Ausfütterung der Kutschen zu Buchbinderarbeit etc. angewendet wird, wird auf folgende Weise verfertigt. Das auf obige Weise gereinigte und zubereitete Fell wird aus dem Kalkwasser genommen, und die dadurch entstandene Verdikung wird nicht durch Kleienwasser, sondern durch ein Bad aus Hundekoth oder Schafmist, der mit Wasser angerührt wird, weiß gegärbt: in diesem Bade läßt man das Fell, bis es geschmeidig geworden, und aller Kalk herausgegangen ist, wo es dann eine vollkommen reine und weiße Blösse geworden ist. Wenn es roth gefärbt werden soll, wird es in Form eines Sakes fest zusammengenäht, so daß die Narbenseite auswärts kommt, indem diese allein gefärbt zu werden braucht, und in ein Cochenill-Bad gebracht, welches gerade so warm, ist, daß man die Hand in demselben erleiden |362| kann, und in demselben so lang bearbeitet, bis es gleichförmig gefärbt ist, wozu viele Geschiklichkeit und Erfahrung gehört. Hierauf kommt der Sak in ein großes Faß mit Sumach, der mit warmem Wasser aufgegossen wird, und hierin wird das Fell gehalten, bis es hinlänglich gegärbt ist.

Die Felle, welche schwarz werden sollen, werden, ohne alle vorläufige Färbung, bloß gesumacht. Nachdem, auf einige andere kleine Nebenarbeiten, die Farbe der schön rothen Felle in einem schwachen Saffranbade aufgefrischt wurde, werden die Felle, nachdem sie troken geworden, auf folgende Weise gekörnt und geglättet. Sie werden über ein glattes schiefgeneigtes Brett festgespannt, und mit etwas Oehl gerieben, damit sie weich werden. Diejenigen, welche schwarz werden sollen, werden vorher mittelst einer steifen Bürste mit einer Eisenauflösung gerieben, welche, mit der Galläpfel-Säure des Sumach sich verbindend, augenbliklich tief und gleichförmig schwarz wird. Dann werden die Felle mit einer Glaskugel, die in eine Polygonal-Oberfläche geschnitten ist, mit vieler Anstrengung aus freier Hand gerieben, wodurch sie glatt, fest und dicht werden. Die Körnung, oder die gestreifte Oberfläche, die diese Art von Leder auszeichnet, erhalten sie, indem man sie mit einer Kugel aus Buchsbaum kräftig reibt, in welche um den Mittelpunct derselben, viele kleine gleich weit von einander entfernte Furchen geschnitten sind, die eben so viele kleine Rippen bilden, wodurch das Leder die gestreifte Oberfläche erhält.

Ueber Lederbereitung.

Die gewöhnliche Art, das Leder zu Schuhen, Stiefeln etc. zu bereiten, oder zuzurichten, besteht zuerst darin, daß man das Leder, so wie es aus der Lohgrube kommt, dadurch weich macht, daß man es zum Theile in Wasser weicht, zum Theile gewissen mechanischen Einwirkungen unterzieht, und dann mit einer Art von Oel befeuchtet, wodurch es für Nässe weniger durchdringbar und mehr geeignet wird, die Füße gegen die Einflüsse der Witterung zu schüzen. Das ganze Verfahren ist, mit wenigen Worten, folgendes: die Haut wird zuerst in Wasser vollkommen durchweicht, dann auf einen geglätteten hölzernen Baum gelegt, so daß die Fleischseite außen kommt, und puzt diese mit einem |363| breiten scharfen Messer, damit alle Unebenheiten entfernt werden, und die Haut gehörig verdünnt wird. Hierauf wird die Haut wieder gewaschen, und mit einem polirten Steine gerieben, und während sie noch naß ist, mit dem Lederbereiter-Oele, gewöhnlich Fisch-Thrane oder einer Mischung aus Fischthran und Talg, gefettet. Man hängt sodann die Haut zum Troknen auf, wo die wässerige Feuchtigkeit verdünstet, und das Oel, welches nicht verdünsten kann, sich an die Stelle desselben in die Haut zieht, und tief in die Poren derselben eindringt. Hierauf wird die Haut an der Sonne oder in einer Trokenstube getroknet.

Leder-Schwärzen. Auch dieß ist ein Theil der Arbeit des Lederbereiters, die auf der Narbenseite vorgenommen wird, und bloß darin besteht, daß man das Leder auf der Narbenseite mit einer Eisen-Auflösung behandelt, auf der Fleischseite aber mit einer Mischung aus Lampenschwarz und Oel.

Sämisch-Leder (Shammoyed-Leather).

Dieß ist gewöhnlich Schaf- oder Reh-Fell, auf die gewöhnliche Weise mit Kalk etc. zubereitet. Dieß giebt das gewöhnliche Waschleder, Hosenleder etc., und die einzige Art, die, gefärbt, sich waschen läßt, ohne daß die Farbe wesentlich dabei litte117).

Gewöhnliches Stiefel-Leder wird, wie es meistens bereitet ist, immer von Wasser durchdrungen, wo es der Nässe eine längere Zeit über ausgesezt ist. Fischer, Jäger, und alle deren Beschäftigung oder Langeweile sie auf nassen Boden treibt, lassen ihre Stiefel immer mit einem Ueberschusse von irgend einem öligen oder harzigen Stoffe zubereiten118).

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Mischungen, um das Leder wasserdicht zu machen.

Die Enten-Jäger in Cambridgeshire und den benachbarten morastigen Gegenden Englands bedienen sich folgender, (schon in Daniel's Rural Sports angegebener Methode: Man schmilzt in einem irdenen Napfe 1/2 Pfd. Talg, 8 Loth Schweinfett, 4 Loth Terpenthin und eben so viel Wachs. Man troknet die Stiefel, macht sie durch und durch warm, und reibt sie mit dieser Mischung mit einem alten aufgewundenen Taue so warm ein, als es die Hand erleiden mag, oder hält die Stiefel so lang über ein mäßiges Feuer, bis das Leder die Mischung gänzlich eingezogen hat. Eine andere Mischung zu demselben Zweke, deren sich die Fischer bedienen, besteht aus Wachs, Burgunder-Pech und Terpenthin, von jedem 4 Lothe; Talg 8 Lothe; oder, aus 1/2 Pfd. Bienen-Wachs, 1/4 Pfd. Harz, und 1/4 Pfd. Rindsnieren-Fett. In jedem Falle müssen aber die Stiefel vollkommen troken seyn, und die Mischung muß warm aufgetragen werden:

Wir müssen nun nur noch in Kürze der vornehmsten ausländischen Lederarten erwähnen, obschon die Gärbungs-Methode selbst in allen Ländern beinahe dieselbe ist.

Die Bereitung des echten Maroquin (Morocco Leather), wie es zu Fez und Tetuan aus Ziegenfellen bereitet wird, hat Hr. Broussonet 119) (der berühmte Botaniker im Bulletin des Sciences auf folgende Weise beschrieben. Die Felle werden zuerst gereinigt, enthaart, dann in Kalk- und Treibbrühe beinahe auf dieselbe Weise, wie wir es bei dem englischen Maroquin angegeben haben, behandelt. Nachdem sie aus der Treibbrühe kommen, werden sie in ein zweites Bad geworfen, welches aus weißen Feigen und Wasser bereitet wird, wodurch lezteres schleimig und gährungsfähig wird. In diesem Bade bleiben die Felle vier bis fünf Tage, und werden dann mit Stein-Salz allein (nicht mit Salz und Alaun) tüchtig durchgesalzen, wo sie dann zum Färben fertig sind. Die rothe Farbe gibt man ihnen mit Alaun und Cochenille, die gelbe mit Granatäpfel-Rinde und Alaun. Die Felle werden dann gegärbt, zugerichtet, mit etwas Oel weich gemacht und getroknet.

|365|

Juften (Russia Leather).

In Rußland wird in verschiedenen Gegenden ganz vortreffliches Leder aller Art bereitet. Die Bereitungs-Art des schönen, wegen seiner Güte und seines eigenthümlichen Geruches allgemein bekannten, Juftens ist im III. B. S. 514. des View of the Russian Empire von Hrn. Tooke ausführlich beschrieben; wir müssen unsre Leser hinsichtlich des Details, auf dieses Werk verweisen.120) Die Häute werden (um ihre Zubereitung hier im Allgemeinen anzugeben) zuerst in eine schwache alkalische Lauge gethan, damit das Haar abgeht, und dann auf dem Baume geschahen: die Kalbleder werden dann mit Hundekoth und einem sauren Hafermehl-Bade gebeizt, und hierauf mit großer Sorgfalt und unter fleißigem Umkehren gegärbt. Man bedient sich hier selten der Eichenrinde, sondern der schwarzen Weide (black willoe 121)), oder, wo diese nicht zu haben ist, der Birken-Rinde. Man färbt sie hierauf roth oder schwarz. Wenn sie roth gefärbt werden sollen, wird die Haut zuerst in Alaun-Wasser geweicht, und dann mit Brasilien-Holz gefärbt. Schwarz werden sie, wie gewöhnlich, mit Eisen-Auflösungen gefärbt. Hierauf wird das Leder mit Birken-Theer bestrichen, wodurch es seinen, so gepriesenen Geruch erhält (welcher Bücher, die in dasselbe gebunden sind, vor den Verheerungen der Würmer schüzt), und auf verschiedene Weise weiter bereitet. Die gestreifte oder gestriechelte Oberfläche erhält es mittelst eines sehr schweren Stahl-Cylinders, der mit Draht umwunden und darüber hingerollt wird.122)

|366|

Saffian oder Maroquin.

Man gärbt in Astracan und andern Gegenden des asiatischen Rußlands sehr guten Saffian oder Maroquin. Man verwendet hierzu nur Boks- oder Ziegenfelle. Die beliebtesten Farben an demselben sind roth oder gelb. Die Methode der Bereitung der Blössen ist im Allgemeinen dieselbe, wie bei uns bei dem gefärbten Maroquin (Marocco-Leder123)), nämlich, mit Kalk, Hundekoth, und Kleien-Absud. Auch Honig braucht man zum Treiben. Der Honig wird im warmem Wasser aufgelöset, und etwas von dieser Flüssigkeit auf jedes Fell gegossen, welches so lang über hölzerne Mulden ausgebreitet bleibt, bis aller Honig eingesogen ist. Hierauf läßt man es ungefähr drei Tage lang gähren, und salzt es mit starker Salz-Auflösung, und hängt es zum Troknen auf. Nun kann das Fell gefärbt werden; wenn es roth werden soll mit Cochenille und Salsola ericcides, einer Kali-Pflanze, die auf den Steppen der Tartarei häufig wächst: diese Farbe wird dann mit Alaun ausgefärbt, und nach dem Färben wird das Fell mit Sumach gegärbt. Zu dem feinsten Roth nimmt man in dem Cochenill-Bade zugleich etwas Sauerklee, und vollendet hierauf die Gärbung mit Galläpfeln, statt mit Sumach, wodurch die Farbe so dauerhaft wird, als das Leder selbst. Die Streifen, die man an der Oberfläche dieser Felle immer wahrnimmt, werden denselben mittelst einer Art von schwerem eisernen Rechen mit stumpfen Zähnen gegeben. Die gelben Saffiane werden mit den Beeren einer Art Rhamnus gefärbt (wozu man die Grains d'Avignon eben so gut brauchen kann, wie es auch in andern Ländern geschieht124)), oder mit den Blumen der wilden Kamille125).

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Das sonderbare und schäzbare Leder, das unter dem Nahmen Schagrehn vorkommt, wird beinahe ausschließlich zu Astracan von Tataren und Armeniern verfertigt. Zu dieser Art von Leder kann man nur Pferde- und Esels-Häute benüzen, und von diesen nur ein kleines Stük von dem Kreuze gegen den Rüken. Dieses Stük wird unmittelbar über dem Schweife in einer halbkreisförmigen Form ungefähr 34 Zoll auf dem Kreuze und 28 längs dem Rüken ausgeschnitten, dann zuerst in Wasser geweicht, bis das Haar los wird, hierauf geschahen; dann wieder eingeweicht, und wieder geschahen, und zwar so dünn, daß es an Dike eine im Wasser eingeweichte Schweinsblase nicht übertrifft, wo dann aller fremdartige Stoffwegkommt, und nur eine reine häutige Blösse übrig bleibt. Hierauf wird das Stük über einen Rahmen fest gespannt, und gelegentlich befeuchtet, damit kein Theil desselben ungleich einschrumpft. Hieraufwerden die Gestelle so auf ein Flöz gelegt, daß die Fleischseite nach unten kommt, und die Narbenseite wird mit den glatten schwarzen harten Samen des Chenopodium album überstreut (Alabuta genannt), worauf ein Filz kommt, so daß die Samen in die weiche feuchte Haut tief eingetreten werden können. Hierdurch erhält der Schagrehn jene eigenthümliche, rauhe, getüpfelte Oberfläche, die ihn so sehr auszeichnet. Die Häute werden nun auf den Rahmen sammt den Samen, die noch in ihnen steken, langsam im Schatten getroknet, bis die Samen sich ohne alle Gewalt abbeuteln lassen, und die Haut eine hornartige harte Masse bildet, an welcher die Narbenseite punktweise tief eingedrükt ist. Nun kommt sie auf einen, mit Wolle bedekten, festen Blok, und wird mit zwei oder drei eisernen Instrumenten (deren Form hier keiner Beschreibung bedarf) stark abgeraspelt, bis die ganze Narbenseite weggepuzt ist, so daß die Eindrüke der Samen nur seicht und vollkommen gleichförmig sind. Hierauf wird sie erweicht, zuerst in Wasser, dann in alkalischer Lauge, und warm und naß in Haufen über einander gelegt, wodurch die von den Samen niedergedrükten Theile wieder ihre Elasticität gewinnen, und, da sie durch das Wegpuzen nichts an Substanz verloren haben, wieder so hoch aufsteigen, als die abgepuzten Theile ehevor standen. So126) |368| entsteht das körnige Ansehen, der dem, wie mit emporragenden Körnern übersäeten, Schagrehn eigen ist. Nun wird die Haut gesalzen und gefärbt.

Die schöne grüne Farbe gibt man dadurch, daß man die Fleischseite mit gesättigter Salmiak-Auflösung tränkt, und mit Kupfer-Feile überstreut, dann so aufrollt, daß die Fleischseite nach innen kommt, und jede Haut einzeln mit schweren Gewichten belegt. Wenn die Haut 24 Stunden lang so gelegen ist, hat der Salmiak Kupfer genug aufgelöst, um die Haut mit der angenehmen meergrünen Farbe zu durchdringen. Man wiederholt diese Operation noch ein Mal, um der Farbe mehr Körper zu geben.

Blauer Schagrehn wird mit Indigo gefärbt, der, mittelst Kalk, Honig, und unreiner Sodalauge aufgelöst wird. Schwarzer Schagrehn wird mit Galläpfeln und Vitriol gefärbt. Zulezt werden die Häute mit Thran und Talg zugerichtet127).

Wer sich mit dem wichtigen Manufacturzweig des Gärben und Zubereiten der Thierhäute genauer bekannt machen will, der lese außer den am Schluße dieses angeführten Abhandlungen noch nach Hermbstädt's chemisch-technologische Grundsäze der Lohgärberei; oder theoretische und practische Anleitung zur rationellen Kenntniß und Ausübung der Lohgärberei, der Corduan- und Saffian-Gärberei, der Juftengärberei, der Weiß- und Sämischgärberei und der Pergament-Fabrikation; zur allgemeinen Verbesserung und Vervollkommnung dieser Kunstgewerbe. Erster Theil 1805. Zweiter Theil 1807. Berlin in der Realschulbuchhandlung.“ Ferner: Gall's Schnellgärberei in Nordamerika. Mit 46 Abbildungen. Trier bei F. A. Gall 1824“ von lezterm sehr zu empfehlenden Werke, finden die Leser im Bd. XIV. S. 372 dieses Journals eine ausführliche Inhaltsanzeige. D.

|350|

Eine Wein-Pinte ist 0,334 Wien. Maß; ein Gallon 3,264 Wien. Maß. A. d. Ueb.

|352|

In den in der Anmerkung 111, S. 344, angeführten Schriften ist das Seguin'sche Verfahren ausführlich beschrieben. D.

|354|

Journ. Royal Inst. und Phil. Trans. for. 1803. A. d. Ueb.

|363|

Diesen höchst mageren Artikel werden deutsche Leser aus ihrem alten Beckmann oder aus Hermbstädt's Schrift ergänzen können. A. d. Ueb.

|363|

Eine zu wenig berüksichtigte Methode, Stiefel und Schuhe zu verfertigen, durch welche das Wasser nicht so leicht durchdringt, ist diese, daß man die Narbenseite des Leders an der Sohle, wie an dem Ueberleder nach innen kehrt. Sie wird hier ohne Vergleich, mehr geschont, als wenn sie nach außen gekehrt ist, wo sie so leicht abgerieben wird. So lang die Narbenseite ganz bleibt, dringt so leicht nicht Wasser durch.

A. d. Ueb.

|364|

Im Originale heißt es irrig Brouffonet.

A. d. Ueb.

|365|

Dieses Werk ist unsern deutschen Technikern, so viel wir wissen, nur wenig bekannt. Wir wissen nicht einmal, ob eine deutsche Uebersezung hiervon vorhanden ist.

A. d. R.

|365|

Diese Art ist nicht bestimmt angegeben.

A. d. Ueb.

|365|

Das russische Leder verdankt seine Güte nicht bloß der russischen Gärbungs-Methode, sondern auch der ursprünglichen Gute der Haut auf dem lebenden Thiere selbst. In Rußland kennt man keine Stallfütterung; die Thiere sind auf den Steppen der Natur überlassen, die in dem kalten hyperboräischen Klima dem Rinde, wie dem Menschen, die Haut schon auf dem Leibe gärbt. Wie die russischen Fichten härter sind, als die unsrigen, so ist auch die russische Rinderhaut fester, als die unserer verweichlichten |366| Rinder, die wir mehr der Milch und des Fleisches, als der Haut wegen, ziehen.

A. d. Ueb.

|366|

Die Engländer nennen Saffian Maroquin und Maroquin Marocco-Leder.

A. d. Ueb.

|366|

Eben so gut schwerlich, als die orientalischen (persischen) Kreuzbeeren, deren botanischen Ursprung wir noch nicht genau kennen, wenn wir auch wissen, daß sie von einer der vielen Rhamnus-Arten kommen.

A. d. Ueb.

|366|

Wilde Kamille? Wir haben keine zahme. Wahrscheinlich ist es die Anthemis tinctoria.

A. d. Ueb.

|367|

Es ist sonderbar, daß dieses, hier auf das Leder angewendete, |368| Verfahren, durchaus demselben ähnlich ist, welches Hr. Straker zur erhabenen Arbeit auf Holz angewendet hat. A. d. O. (Vgl. Polyt. Journ. B. XVI. S. 528.)

|368|

Ueber Gärbematerialien, Lederbereitung, Juften- und Maroquin-Fabrikation u.s.w. findet man im polyt. Journal B. II. S. 163. 251. B. IV. S. 78. B. VII. S. 119. 179. 180. 183. 186. 187. 193. B. X. S. 379. B. XI. S. 385. 503. B. XII. S. 382. B. XIII. S. 210. 342. 424. B. XIV. S. 257. B. XV. S. 253. 257. 422. 429. B. XVI. S. 47. 134. 211. 356. B. XVII. S. 238. noch nähere Belehrungen.

D.

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