Titel: Dupin's, Unterricht in der Geometrie und Mechanik für die Handwerksleute.
Autor: Francoeur, Louis Benjamin
Fundstelle: 1826, Band 19, Nr. C. (S. 400–404)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj019/ar019100

C. Auszug aus einem Berichte des Hrn. Francoeur über Hrn. Baron Karl Dupin's Unterricht in Geometrie und Mechanik für die Handwerksleute.

Hr. Francoeur erstattet im Bulletin de la Société d'Encouragement, Nr. 257., S. 372, einen ausführlichen Bericht über Hrn. Baron Dupin's treffliches Elementar-Werk der Geometrie und Mechanik,135) und über die von demselben hervorgerufenen |401| Unterrichts-Anstalten für Künstler und Handwerker in Frankreich. „Es ist nicht genug für das Wohl und für die Kultur eines Landes, sagt Hr. Francoeur, daß Gelehrte vom ersten Range den Umfang menschlicher Kenntnisse erweitern, Instrumente und technisches Verfahren verbessern, neue Apparate erfinden, und Materialien benüzen lehren, die man bisher als unbrauchbar liegen ließ; diese Entdekungen und Erfindungen müssen das Eigenthum der Nation werden, und das persönliche Interesse, so gierig es nach allem greift, was ihm Nuzen verschaffen kann, bedarf selbst noch mancher Kenntnisse um diese Entdekungen gehörig benüzen zu können. Wenn die Klasse der Handwerker in Unwissenheit versunken bleibt, so wird sie den einsichtsvollen Männern, die sich derselben bedienen müssen, nur wenig nüzen können, die Handwerker werden nur als eine Art von Maschine dienen, und unter der Last eines Lebens, das jenem der reißenden Thiere nur zu ähnlich ist, nur noch mehr verwildern.“

„Wenn eine Nation in den Künsten der Industrie glänzen soll, wenn sie sich erhalten soll bei der Thätigkeit, die andere Völker in dieser Hinsicht belebt, so ist es unumgänglich nothwendig, daß sie sich zu demselben Grade geistiger Bildung emporhebt, auf welchem sich diese Völker bereits befinden. Wie wird man Jemanden begreiflich machen können, daß er Vortheil davon ziehen kann, indem er seine Kapitalien (statt sie in das Lottospiel der Börse zu werfen), auf Errichtung von Fabriken, Werkstätten, Erbauung von Oefen, Wasserrädern, Dampfmaschinen etc. verwendet, wenn er von allen diesen Dingen keine (oder gar verächtliche) Begriffe hat? Und, wenn er solche Unternehmungen wagen, oder seine bereits bestehenden Fabriken vergrößern und verbessern will, wie sollte er seine Plane ausführen können, wenn seine Umgebungen ihn nicht begreifen, wenn er von Dingen spricht, die Niemand versteht? Das Wohl eines Staates, insofern es auf der demselben unentbehrlichen Industrie beruht, beruht also zugleich auf der Bildung des Volkes: auf diese wird immer Alles ankommen müssen.“

„Dieß fühlten auch Sie, meine Herren, als sie bei dem ersten Entstehen der Gesellschaft des Elementar-Unterrichtes (Société d'enseignement élémentaire) ihre Bemühungen mit jenen der Stifter dieser schönen Verbindung vereinigten, die kein Hinderniß abzuschreken vermochte.“

„Unterricht in Geometrie, Chemie, Mechanik, dieß ist es, |402| was vor Allem in der unteren Volksklasse verbreitet werden muß; allein, dieser Unterricht sezt voraus, daß man Lesen, Schreiben, Rechnen, und selbst etwas Zeichnen kann. Ein Minister, dem die Industrie Frankreichs ein ehrenvolles, dankbares Andenken geweiht hat, hat Unterrichts-Anstalten gegründet, die Kenntnisse unter der arbeitenden Klaffe verbreiten; allein, diese Anstalt, bloß auf Paris beschränkt, war nur ein Versuch, zu zeigen, welche ungeheuren Vortheile Frankreich dadurch gewinnen konnte, wenn dieselbe eine größere Ausdehnung erhielte. Dem Eifer und den Talenten des Hrn. Dupin wird Frankreich den schönen Erfolg zu danken haben, solche Unterrichts-Anstalten, solche Schulen überall in demselben, so weit seine Gränzen reichen, verbreitet zu sehen. Er hatte nicht bloß die glükliche Idee, Vorlesungen für Handwerker zu einer Stunde zu halten, wo ihre Werkstätten geschlossen wurden, und sie also, ohne Nachtheil, dabei erscheinen können, sondern er läßt auch seine Vorlesungen zum Gebrauche der Handwerker druken um sie bei ihrem Selbststudium zu leiten, und auch denjenigen zu nüzen, die ähnliche Vorlesungen in den Provincial-Städten Frankreichs besuchen.“

„Das Wesentliche bei diesem Unterrichte ist, daß nicht mehr bei demselben vorausgesezt werden darf, als Kenntniß der sogenannten piep Rechnungs-Species, und daß die Unterweisung in Geometrie und Mechanik so einfach, als möglich, geschieht, und sich lediglich auf das Nüzlichste in den verschiedenen Zweigen der Industrie beschränkt. Der Unterricht wird also jedem, der Lesen und Rechnen kann, verständlich.“

„Der Zwek ist erstens, die Vorsteher der Fabriken und Gewerbe auf den höheren Theil ihrer verschiedenen Professionen aufmerksam zu machen, sowohl in Hinsicht auf die Genauigkeit der Formen, die ihren Arbeiten nothwendig sind, wobei die Geometrie ihre Anwendung findet, als in Bezug auf gehörige Anwendung der Kräfte der Arbeiter, der Maschinen, der Thiere, so daß sie jedes Mal die möglich größte und beste Wirkung hervorzubringen im Stande sind.“

„Ein zweiter Zwek ist, unter der ganzen Klasse der Fabrikanten bis zum untersten Arbeiter hinab, die intellektuellen Fähigkeiten, Beurtheilungskraft, Ueberlegung, Phantasie zu weken; ihnen Mittel darzubieten, ihre Arbeiten auf eine weniger mühevolle und vortheilhaftere Weise zu vollenden; ihnen neues Wohlseyn zu bereiten; ihre Moralität dadurch zu fördern, daß man |403| ihre Ideen, ihre Sitten dem Verstande, dem Geiste der Ordnung angewöhnt: denn Verstand allein ist der sicherste Bürge für öffentliche Ruhe und Gemeinwohl.“

„Noch einen dritten Zwek soll dieser neue Unterricht erreichen. Sie wissen, meine Herren, daß unsere fürchterlichsten Rivalen in allen Zweigen der Industrie, die Engländer und Schottländer, schon seit einigen Jahren den Vortheil eines Unterrichtes für die Handwerker einsahen, in welchem die Wissenschaften auf Künste und Gewerbe angewendet werden; sie haben daher Schulen dieser Art in den meisten ihrer Fabrik-Städte eröffnet.“

„Der Anfang wurde zu Glasgow gemacht, und bald fühlte diese Stadt die Vortheile und die glüklichen Resultate dieser Anstalten. Das Beispiel dieses glüklichen Erfolges führte, sobald es ein Mal der Klasse der Handelsleute und Fabrikanten vor Augen gelegt wurde, zur Nachahmung, und in kurzer Zeit entstanden eine Menge ähnlicher Bildungs-Anstalten für die arbeitende Klasse. Edinburgh und London ahmten zuerst dieses Beispiel nach; dann kamen Liverpool, Manchester, Birmingham, Newcastle, Aberdeen. Diese Schulen verbreiteten sich so schnell, daß man in einem halben Jahre in Großbritannien 31 Städte zählte, in welchen solche Lehranstalten errichtet wurden.“

„Hätte Frankreich nicht gesucht, dieses Beispiel nachzuahmen, und dasselbe noch zu übertreffen, so würde seine arbeitende Klasse nur zu bald in theoretischer und praktischer Hinsicht unter jene Englands und Schottlands herabgesunken, und wir würden weniger als jemals im Stande gewesen seyn, mit unseren Rivalen zu wetteifern.“

„Ueberzeugt von dieser Wahrheit hielt ich es für Pflicht, nach allen meinen geringen Kräften zu versuchen, Unterricht in Geometrie und Mechanik, in ihrer Anwendung auf Künste, in Frankreich zu verbreiten; einen Unterricht, der, durch ein beklagenswerthes Schiksal bei uns eben so sehr zurük ist, als er der nothwendigste ist.“

„Der Unterricht in der Chemie, den die berühmten und mächtigen Gelehrten, die Chaptal, Berthollet, Guyton de Morveau, Fourcroy, Vauquelin, und die würdigen Schüler derselben, Gay-Lussac, Thenard, Darcet, Clément, Chevreul, Desormes etc. in Frankreich gründeten, hat sich seit einer Generation in unseren Fabrik-Städten fortgepflanzt. Frankreich hat sich dadurch auf die höchste Stufe unter |404| allen Völkern, die sich mit chemischen Künsten beschäftigen, emporgeschwungen, und dieses Land darf jezt weniger als jemals fürchten, durch irgend eine Concurrenz von dieser Stufe vertrieben zu werden.“

„Weniger glüklich, weniger vorgerükt sind wir in den geometrischen und mechanischen Künsten; auf diese müssen wir daher vorzüglich unsere Aufmerksamkeit richten.“

„Der Herzog de la Rochefoucauld und das nun französisch gewordene Haus Wilson und Manby, die HHrn. Perier werden ihren Arbeitern in den Feierstunden den nöthigen Unterricht in Geometrie und Mechanik ertheilen lassen. Der Minister der Marine hat in allen Seehäfen den Professoren der Hydrographie befohlen, wöchentlich zwei Mal des Abends in den Feierstunden den Arbeitern Unterricht in Geometrie und Mechanik zu ertheilen: zu Marseille, Bordeaux, Ronen, Nantes, le Havre, Caen, Dunkerque, Bayonne, Brest, Toulon, Rochefort, Lorient und Cherbourg werden also jezt die Arbeiter so gut, wie zu Paris, unterrichtet.“

„Rochelle hat nur 18,000 Einwohner, und fand doch, bei Eröffnung dieser Schulen, 300 Zuhörer, zu welchen später noch 80 hinzu kamen. Nevres, mit 12,000 Einwohnern, zählte deren 200. Aehnliche Schulen werden nun zu Lyon, Metz, Versailles, St. Etienne, Saint-Lo, Clermont, Elbeuf und Sedan, und überhaupt in 57 Städten errichtet, wo ungefähr 19,000 Franzosen unentgeldlichen Unterricht erhalten, größten Theiles durch Officiere der Marine, des Genie-Corps, des Brüken- und Straßenbaues und des Bergbaues. Unter diesen 57 Lehrern sind 20 Schüler der alten polytechnischen Schule, echte Schüler des berühmten Monge.

„Diese Lehranstalt, geboten von dem Zeitalter, in welchem wir leben, und geschüzt von der Regierung, hilft uns gleichen Schritt mit dem Auslande halten und mit demselben zu wetteifern, da es sich einbildet Franzosen übertreffen zu können. Das Vaterland der Descartes, Pascal, d'Alembert, Monge, Laplace, Borda, Coulomb, Montgolfier, Riquet, Vaucanson wird diesen erniedrigenden Sieg nicht zu befürchten haben.

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Cours normal de Géomêtrie et de Mécanique des Arts et métiers et des beaux arts, á l'usage des ouvriers et des artistes; par M. le B. Ch. Dupin. Paris, chez Bachelier.

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