Titel: Bericht des Ausschusses des Hauses der Gemeinen über Ausfuhr der Maschinen. Fortsezung zu S. 388. Bd. XVIII. des polytechnischen Journales.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1826, Band 19, Nr. XXI./Miszelle 4 (S. 98–102)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj019/mi019021_4

Bericht des Ausschusses des Hauses der Gemeinen über Ausfuhr der Maschinen.
Fortsezung zu S. 388. Bd. XVIII. des polytechnischen Journales.

Das Repertory of Patent Inventions, November 1825. S. 339 liefert eine Fortsezung dieses Berichtes, aus welchem erhellt, daß der Ausschuß nicht besorgt, daß andere Fabrik-Staaten auf den Märkten wohlfeiler verkaufen können, als England, „weil der englische Fabrikant alles, was er braucht, so zu sagen vor der Thüre hat, und Eisenbahnen, Canäle, Flüsse, die Versendung seiner Fabrikate nach allen Orten des Königreiches und in das Ausland unendlich erleichtern.“ Der Ausschuß führt in seinem Berichte folgende Fragen an Hrn. M. Culloch nebst den Antworten desselben aus seinen Protokollen wörtlich an:

„Seid ihr der Meinung, daß unsere Geseze (welche die Ausfuhr der Maschinen verbieten), die Franzosen vielmehr aufmuntern, Fabriken zur Verfertigung der Maschinen, deren sie bei ihren Manufakturen bedürfen, zu errichten.“„Ich sollte glauben, daß unsere Verbothe, Maschinen auszuführen, die Franzosen zwingen, die Maschinen, deren sie bedürfen, selbst zu verfertigen, und so endlich Maschinen-Macher (Machine-makers) und Rivalen von uns in einem Zweige der Industrie zu werden, mit welchem |99| sie sich nie befaßt haben würden, wenn sie Maschinen aus England hätten erhalten können.“

„Zwingen unsere Geseze die Franzosen, unsere Maschinen-Macher nach Frankreich hinüber zu loken, um sich in der Kunst, Maschinen zu verfertigen, unterrichten zu lassen.“„Ohne Zweifel.“

„Meint ihr, daß wenn die Franzosen so gute Maschinen bekommen, als wir selbst besizen, dieß unseren Fabriken nachtheilig werden könnte.“„Ich kann mir nicht denken, daß dieß je der Fall seyn würde.“

„Wenn sie unsere Maschinen bekommen, und dadurch in Baumwollen- und anderen Waaren mit uns Concurrenz auf den Märkten halten können, wird uns dieß nicht nachtheilig seyn?“„Ich kann mir nicht denken, daß sie durch den Umstand allein, daß sie unsere Maschinen bekommen, in den Stand gesezt werden sollten, in Baumwollen-Waaren oder in anderen Waaren mit uns Concurrenz zu halten.“

„Wollt ihr angeben, worin es denn eigentlich gelegen ist, daß England, selbst in diesem Falle, den Vorsprung über die Fabriken des Auslandes haben soll?“„Der französische Fabrikant steht erstens nicht so fest, wie der englische; ferner haben wir in England den Vortheil einer weit leichteren Verbindung durch das ganze Land; den Vortheil zwekmäßig herangezogener Arbeiter, bis in allen Zweigen der Industrie eingeübt sind, und es besser verstehen, die Arbeiten abzutheilen; so daß, wenn die Franzosen auch von uns so gute Maschinen erhalten, als wir selbst besizen, wir immer eine Menge Vortheile vor ihnen voraus haben, die ihnen fehlen. Ueberdieß kommen unsere Maschinen uns um den ganzen Transport nach Frankreich wohlfeiler.“ 35)

„Wollt ihr so gut seyn, und dem Ausschusse bemerken, welche Vortheile England durch Ausfuhr der Maschinen noch erlangen könnte?“„Die Vortheile sind diese, daß wir dann, außer unseren gegenwärtigen Fabriken, noch einen neuen Fabriks-Zweig erlangen werden, der in dem Maße an Umfang zunehmen wird, als das Ausland viele Maschinen von uns verlangt. Wir öffnen uns auf diese Weise ein neues Feld zur vortheilhaften Anlage unserer Capitalien, und zur Verwendung unserer Industrie; ein Feld, das wir bisher noch nicht hatten.“

„Der Ausschuß hält es für geeignet, eines dritten Einwurfes hier zu erwähnen, den mehrere der vorgerufenen Zeugen gemacht haben, daß nähmlich der wohlfeile niedrige Arbeitslohn auf dem festen Lande von Europa die Fabriken daselbst in den Stand sezt, ihre Fabrikate wohlfeiler zu verkaufen, als wir es nicht im Stande sind.“

„Der Ausschuß glaubt diesem Einwurfe besondere Aufmerksamkeit schenken zu müssen, indem nicht bloß viele der vorgerufenen Personen ihre Meinung, daß es unklug sey, die Ausfuhr der Maschinen zu erlauben, auf den niedrigen Arbeits-Lohn in Frankreich und in anderen Ländern gründen, und glauben, daß diese Länder dadurch wesentliche Vortheile vor England voraus haben; sondern weil beinahe das ganze Publikum diesen Lehrsaz des Vortheiles eines niedrigen Arbeits-Lohnes als einen ausgemachten Grundsaz, als Axiom in der Staats-Wirthschaft betrachtet, welches durchaus keinen Zweifel mehr gestattet. Allein dieser Lehrsaz ist so weit entfernt von Allgemeingültigkeit, ist so wenig ein gesunder und ausgemachter Grundsaz, daß der Ausschuß |100| der Meinung seyn muß: Thatsachen erweisen, daß man mit allem Rechte die Vollgültigkeit desselben noch sehr bezweifeln könne. Die Erfahrung beweißt, daß in jenen Ländern, in welchen der Arbeits-Lohn niedrig ist, die Arbeitsleute sehr oft faul und so ungeschikt sind, daß sie selbst die gemeinsten Bedürfnisse nur auf eine höchst unvollkommene und rohe Weise zu verfertigen wissen; ein und derselbe Arbeiter wird in derselben Fabrik zu zwei oder mehr ganz verschiedenen Arbeiten verwendet; man denkt nicht daran, Handarbeit durch nüzliche Erfindungen und Verbesserungen abzukürzen oder dabei zu ersparen, während in jenen Ländern, wo der Arbeits-Lohn hoch steht, der Arbeiter gewöhnlich thätig, geistvoll, ausharrend und außerordentlich geschikt ist; nichts wird ihm zu fein, oder zu schwierig; der wichtige Grundsaz, die Arbeit unter den Arbeitern gehörig zu vertheilen, hat hier seine volle Anwendung erreicht, und Maschinen aller Art tragen hier ganz außerordentlich zur Verminderung der Handarbeit bei.“ 36)

„Wer dasjenige beachtet hat, was in Hinsicht auf Baumwollen-Fabriken in Ireland Statt hatte, daß nähmlich, als Pitt im Jahre 1788 und bei der Union vorschlug, die Zölle auf Baumwollen-Waaren, die aus Ireland eingeführt wurden, herabzusezen, die Fabrikanten, die man damals vor einem Ausschusse in dem Unterhause befragte, sich dem Plane Pitt's aus eben dem Grunde widersezten, aus welchem gegenwärtig die Fabrikanten sich gegen die Ausfuhr der Maschinen sträuben; der wird wissen, daß dieser Grund von den Vortheilen hergenommen war, die ein Land, in welchem der Arbeits-Lohn gering und niedrig ist, vor einem Lande voraus hat, in welchem derselbe hoch steht. Allein, obschon Pitt bei der Union die Zölle auf Baumwollen-Waaren die aus Ireland nach England eingeführt wurden, auf zehn pr. Cent. verminderte, und Baumwollen-Waaren aus Ireland in das Ausland ausgeführt werden konnten, um daselbst frei mit den englischen Baumwollen-Waaren zu concurriren; obschon, ferner, Ireland von Zeit zu Zeit die besten englischen Maschinen auf seine Insel hinüberführte, und die besten englischen Arbeiter hinüberzog, um die seinigen zu unterrichten; so war doch Ireland, unter allen diesen glüklichen Verhältnissen, bei einem Arbeits-Lohne, der im Durchschnitte nur 3 bis 4 Pence (9–12 kr.) für den Tag beträgt, nicht im Stande, irgend etwas Bemerkenswerthes in Baumwollen-Waaren zu leisten, bis die Aufhebung des Zolles von 10 pr. Cent. im Jahre 1823 die Ausfuhr des englischen Garnes nach Ireland veranlaßte, um es daselbst weben, und wieder nach England zurükkommen zu lassen; bis also englisches Capital die Industrie des ireländischen Volkes wekte, und Waaren für England bestellt wurden, um die englischen Fabriken in den Stand zu sezen, jenen Bestellungen zu entsprechen, denen England allein nicht mehr Genüge zu leisten vermochte.“

„England selbst beweißt, daß niedriger Arbeits-Lohn durch andere Umstände aufgewogen werden kann; denn obschon der Arbeits-Lohn in England viel höher steht, als in anderen Ländern von Europa, so sind beinahe alle Arten von Fabrik-Waaren im Großen in England wohlfeiler und besser zu haben, und können beinahe überall Concurrenz halten.“

„Außer diesen Thatsachen, welche die Unhaltbarkeit des besprochenen Grundsazes beweisen, daß niedriger Arbeits-Lohn einem Lande Vortheile im Fabrik-Wesen gewährt, kommen auch noch die Gründe und Schlüsse derjenigen gelehrten Beobachter zu betrachten, welche während der lezten 50 Jahre die Regeln, nach welchen man Industrie und Handel zu leiten hat, in ein wissenschaftliches System brachten. Diese ausgezeichneten Männer haben |101| durch Thatsachen und durch Schlüsse erwiesen, daß der oben angeführte Grundsaz durchaus unhaltbar ist; das die Wirkung eines niedrigen Arbeits-Lohnes nicht ein niedriger Preis der Waare ist, die bei diesem Lehne verfertigt wurde, sondern bloß eine Erhöhung des Durchschnittes des Gewinnes in jenem Lande, in welchem niedriger Arbeits-Lohn existirt. Der selige Hr. Ricardo hat dies in seinem mit so vielem Rechte gepriesenen Werke (on the Principles of Political Economy) umständlich und weitläuftig erwiesen. Die weiteren Aussagen des Hrn. M. Culloch beweisen dieß gleichfalls, und der Ausschuß glaubt die Aufmerksamkeit des Hauses vorzüglich auf dieselben lenken zu müssen.“

„Seid ihr der Meinung (da ihr die Wirkung des Wechsels im Arbeits-Lohne genau beobachtet habt), daß, wenn der Arbeits-Lohn steigt, der Preis der Fabrikate gleichfalls verhältnißmäßig steigen muß.“„Ich kann mir nicht denken, daß ein Steigen des Arbeits-Lohnes irgend eine, oder eine andere als eine kaum merkliche Wirkung auf den Preis der Waaren hat.“

„Wenn nun der Arbeits-Lohn in Frankreich wirklich niedriger wäre, als bei uns; seid ihr der Meinung, daß dieser Umstand den Franzosen einen Vortheil über uns auf dem Markte im Auslande gewährt?“„Nein; ich bin nicht dieser Meinung, und kann mir nicht denken, daß sie irgend einen Vortheil hiervon haben. Ich denke, daß dadurch höchstens eine verschiedene, und von jener in England abweichende Vertheilung des Ertrages der Industrie in Frankreich entstehen kann; daß in Frankreich der Arbeiter weniger von diesem Ertrage der Industrie bezieht, und der Capitalist mehr.“

„Kann der französische Fabrikant nicht, wenn er seinen Arbeits-Leuten weniger bezahlen darf, als der englische, seine Waaren auch wohlfeiler verkaufen?“Da der Preis einer Waare lediglich nach Gestehungs-Kosten und Gewinn berechnet wird; so kann der französische Fabrikant, der weniger Gestehungs-Kosten (Arbeits-Lohn) zu tragen hat, als der englische, wohl mehr an seiner Waare gewinnen, als der Engländer; er kann aber nicht den Preis seiner Waare herabsezen. Der niedrigere Preis des Arbeits-Lohnes in Frankreich gibt daher in allen Zweigen der Industrie dieses Landes einen höheren Gewinn.“

„Wenn ihr den Arbeits-Lohn in England und in Frankreich verglichen habt, auf welches Resultat seid ihr bei dieser Vergleichung gekommen?“„Ich komme auf dieses Resultat, daß, wenn es wahr ist, daß der Arbeits-Lohn in Frankreich wirklich37) niedriger ist, als in England, die einzige Wirkung hiervon diese ist, daß der Gewinn an dem Capitale in England dadurch unter jenen in Frankreich herabgebracht wird; dieß hat aber keinen Einfluß auf den Preis der in diesen Ländern erzeugten Waaren.“ 38)

„Wenn Arbeits-Lohn keinen Einfluß auf den Preis der Maaren hat, was hat dann Einfluß?“„Vermehrung oder Verminderung der Arbeit bei Erzeugung irgend eines Fabrikates.“

„Wenn Maschinen frei ausgeführt werden dürften, und Frankreich unsere Maschinen erhielte, meint ihr, daß wir dann noch in dem Besize jener Vortheile bleiben würden, die wir gegenwärtig voraus haben?“„Allerdings werden wir im Besize derselben bleiben: denn Ausfuhr der Maschinen wird unseren Arbeits-Lohn nicht herabsezen, und den Arbeits-Lohn in Frankreich nicht erhöhen: es bleibt also beim Alten.“

„Wollt ihr dem Ausschusse nicht erklären, warum ihr der Meinung seid, daß der französische Fabrikant nicht wohlfeiler verkaufen wird, als der englische, da er doch einen höheren Gewinn macht, als dieser?“„Weil er sich |102| dann mit geringeren Procenten von seinem Capitale begnügen müßte, als die übrigen französischen Capitalisten an dem ihrigen gewinnen, und ich kann mir nicht denken, daß ein Mann von gesundem Menschenverstande jemahls so handeln wird. – Man wird auch in England nie sehen, daß ein Landwirth, der den fruchtbarsten Boden besizt, seine Ernte auf dem Markte wohlfeiler verkauft, als derjenige, der den schlechtesten Boden bebauen muß. Wenn der Franzose wohlfeiler verkaufte, als wir, würde er desto mehr verlieren, je mehr er verkauft.“

„Nicht die Maschinen allein sind es, die Englands Fabriken so blühend machen, sondern, wie Hr. Martineau bemerkt, der Umstand, daß Eisen und Steinkohlen immer neben einander in diesem Lande vorkommen, und folglich das Eisen sehr wohlfeil verarbeitet werden kann; die Talente und das Genie unserer Arbeiter; der ungeheuere Vorrath an Capitalien; unsere Canäle und Eisenbahnen etc. – Es werden Jahre verstreichen, bis Frankreich oder irgend ein anderes Land zu einem oder dem anderen dieser Vortheile gelangt.“

(Der Beschluß folgt im nächsten Hefte.)

|99|

Es fiel dem Uebersezer sehr auf, daß Hr. M. Culloch nicht bemerkte, daß, da in England die ersten Bedürfnisse des Lebens sechsmal theurer sind, als im südlichen Deutschland, und wenigstens viermal theurer, als in Frankreich, dem Engländer seine Maschinen sechsmal wohlfeiler zu stehen kommen, als dem Deutschen, und viermal wohlfeiler, als dem Franzosen. Das Gewicht dieses Grundes liegt mit Guineenschwere auf dem deutschen und französischen Fabrikanten.

A. d. Ueb.

|100|

Diese eben so wahre, als zu wenig beachtete, Ansicht des höchst achtbaren Ausschusses hat Joh. Beckmann zu Göttingen, unsterblichen Andenkens in seinen Vorlesungen über Technologie und in mehreren seiner staatswirthschaftlichen Werke schon vor dreißig Jahren auf das Genaueste entwikelt: es ist daher nichts weniger, als eine neue Ansicht.

A. d. Ueb.

|101|

Absolut niedriger ist er vielleicht um die Hälfte; allein relativ, zu dem Preise der Lebensmittel, kann er vielleicht höher seyn.

A. d. Ueb.

|101|

Es würde aber Einfluß haben, wenn der Franzose sich mit einem verhältnißmäßig eben so geringen Gewinne begnügen wollte oder könnte. Er kann es aber nicht, weil Frankreich nicht soviel Geld, folglich nicht so niedrigen Zinsfuß hat, wie England.

A. d. Ueb.

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