Titel: Ueber den Luxus der Landleute.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1826, Band 19, Nr. CII./Miszelle 3 (S. 414)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj019/mi019102_3
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Ueber den Luxus der Landleute.

Hr. Michel Angelo Bonarroti hat in den obigen Atti dell' d. R. Accademia eine sehr interessante Abhandlung über den Luxus der Landleute mitgetheilt, in welcher er die Meinungen derjenigen, welche denselben als ein Belebungs-Mittel der Industrie, und der Gegner dieser Meinung, die den Luxus als den Feind aller Tugend und selbst der Gesundheit betrachten, gegen einander abwiegt. Er betrachtet den Luxus als eine nothwendige Folge der Ungleichheit der Glüksgüter, und folglich als ein nothwendiges Uebel, welches sich zum Theile dadurch ausgleicht, daß es die Landleute zur Arbeit aufreizt. Die luxuriösen Athenienser, sagt er, haben die rohen Spartaner überwunden, und die neuere und neueste Geschichte aller Völker bestätigt die Lehre der Geschichte der classischen Welt. –140)

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Es gibt gewisse sogenannte National-Trachten unter dem Landvolke, die, ohne Sparsamkeit zu begünstigen und Aufwand zu beschränken, also ohne Moralität zu fördern, der Industrie und der Gesundheit zugleich schädlich sind. Eine Pelzhaube auf dem Kopfe einer Bäuerinn dauert allerdings ein Viertel-Jahrhundert; allein sie wird zugleich ein wahres Mistbeet aller Unreinlichkeit, und dadurch eine unversiegbare Quelle von Grind, Aufsaz, und davon abhängenden Ohren- und Augen-Krankheiten, die man in jenen Ländern nicht kennt, wo die Bäuerinn sich täglich kämmt, und ihr Haar in Zöpfe geflochten unter ein reines Häubchen oder unter einen reinen Hut stekt. Ein roth flanellner Rok mit 36000 Falten dauert auch ein Viertel-Jahrhundert, wird aber durch den Druk auf die Lenden, durch die Wärme, die er erzeugt, die Quelle einer Menge von Weiber-Krankheiten, die man in jenen Ländern nicht kennt, in welchen die Bäuerinnen wenigstens alle vier Wochen einen neugewaschenen Rok anziehen. Je mehr irgend eine Tracht den Schmuz und die Unreinlichkeit begünstigt, und den Leuten das von den weisesten Gesezgebern, Moses und Mohamed, befohlene Waschen des ganzen Leibes erspart, desto verderblicher ist sie in physischer und moralischer Hinsicht. Daß übrigens manche Tracht, außer dem, daß sie das Land, in welchem sie Sitte ist, abhängig macht von dem Auslande durch seidene Bänder, Tücher etc., auch die inländische Industrie unterdrükt, und ein Volk um alle Begriffe von Schönheit bringt (man seze einer mediceischen Venus eine Pelzhaube auf, und bewundere dann ihre Schönheit); das Gefühl für Schönheit ein großer National-Reichthum in einem Volke ist, der in alle Arbeiten desselben eingreift; diese und noch viele andere Betrachtungen über den Einfluß der Tracht auf den Charakter und das Wohl und Wehe einer Nation versparen wir uns auf einen andern Ort.

A. d. Ueb.

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